Neulich erst fand ich eine spannende Diskussion darüber, ob man das „I“ im Bierstil IPA nicht uminterpretieren sollte – es kann durchaus als eine Art koloniale Last gesehen werden, denn ein IPA wurde ja tatsächlich ursprünglich nicht für Inder oder in Indien gebraut, sondern um dem britischen Besatzer ein bisschen Heimat nahezubringen in dem fremden Land. In eine ähnliche Richtung geht auch die Bezeichnung „Indian Ocean Pale Ale“, die man beim Thirsty Fox Indian Ocean Pale Ale der Oxenham Craft Brewery auf Mauritius gewählt hat. Selbstbewusstsein und lokaler Stolz, das ist durchaus eine Initiative, die ich gerne unterstütze. Das Motto „Made in Moris“, auf dem Rücketikett zitiert, passt gut dazu. Ich hatte ja dank meiner Freundin Solveig Gertz, die Rums von der Insel nach Deutschland importiert, bereits Biere von der Brauerei im Indischen Ozean besprochen, und das Indian Ocean Pale Ale geselle ich gerne dazu – auch dieses hat sie unter viel Mühen extra für mich von ihrer letzten Reise mitgebracht. Da schmeckt das Bier sicher doppelt gut!
Leicht opalisierend, leicht trüb, in einem leuchtenden, hellen Kupfer, das passt zur exotischen Stimmung, die das Etikett mit dem bunten Fisch (ist das ein Red Snapper?) schon eh erweckt – sehr witzig, wie der Fischschwanz über das Etikett hinausragt. Der fingerdicke, feinblasige Schaum, der beim Eingießen dazu entsteht, und auch nach ein paar Minuten noch gut da ist, ergänzt einen sehr gelungenen optischen Ersteindruck.
Ich habe nicht erwartet, dass sich die Exotik auch in den Geruch transportiert, und das passiert auch nicht – man erhält einen stabilen, stiltypischen Hopfenduft. Der Hopfenwurde in Zusammenarbeit mit Africa Hops ausgewählt, auch hier sieht man den regionalen Bezug. Mildfruchtig, mit schöner Mischung aus zestiger Zitrusfrucht, die Frische und Frechheit erzeugt, und milder, rotbeeriger Marmeladigkeit, welche für eine süße, dichte Basis sorgt. Ein bisschen schimmert noch die Gerste durch, immer schön, wenn mehr als nur Hopfen in einem IPA zu erschnuppern ist.
Das geht ansatzlos an den Gaumen über, die Bitterkeit von 28 IBU ist gut gewählt und eingesetzt, die Bittere des Hopfens ist sehr hübsch eingebunden in den vollen, dicht texturierten Körper, ausgeglichen von der natürlichen Süße. Ein volles Mundgefühl, das aber nicht schwer wirkt durch die üppige Karbonisierung, entsteht. Frucht ist zurückgenommen, nun deutlich eher zestig und zugegebenermaßen im Rachen ein bisschen herbtrocken, doch die Rezenz, die in Kombination all dieser Faktoren entsteht, ist für ein Inselparadies sicher perfekt geeignet, wie auch die Leichtigkeit mit 4,8% Alkoholgehalt. Der Abgang ist dann gefühlt wirklich etwas maritim, mit ganz vorsichtiger Salzigkeit und einem Touch von Algen im Nachhall, sehr apart finde ich das.
Handwerklich makellos, interessant und sogar mit etwas Lokalkolorit. Es ist schade, dass es für meine Leser schwer wird, dieses Bier selbst ins Glas zu bekommen; aber vielleicht kann Solveig anfangen, neben Rum auch Bier durchgängig von Mauritius nach Deutschland zu schaffen. Ich rede mal mit ihr!
Seit 2021 bin ich stolzer Juror beim Internationalen Spirituosen-Wettbewerb ISW des Meininger-Verlags. Der Wettbewerb findet seit der Pandemie in drei Veranstaltungen statt, normalerweise im Januar, April und Juni, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, was die verkosteten Spirituosen angeht. Also war ich die letzte Zeit oft in Neustadt, mehrmals im Jahr, und war meistens im Hotel Palatina untergebracht, das hat inzwischen Tradition. Ich muss dieses Hotel und die Crew dahinter einfach loben, denn hier treffen Freundlichkeit und Professionalität aufeinander. Alles ist immer reibungslos organisiert, die Zimmer sind angenehm, der Gewölbekeller grandios, der Wellnessbereich mit Sauna sehr modern und hübsch gestaltet, die Belegschaft sympathisch und bereit, selbst über die gewöhnliche Arbeitszeit hinaus zur Verfügung zu stehen.
Bei einem der längeren Abende, die sich bei so einem Spirituosentreffen immer ergeben, entspannte sich dann auch eine kleine Diskussion zwischen der Chefin des Hauses, Sara Wiedemann, und mir, bezüglich Lieblingsgetränken. Einer gestandenen Pfälzerin muss man natürlich mit nichts anderem als gutem Wein kommen, und so schenkte sie mir dann ganz unerwartet eine Flasche ihres Lieblingsweines. Diesen habe ich bei mir ein bisschen ruhen lassen, und stelle ihn nun heute vor: Oliver Zeter Sweetheart 2022 Sauvignon Blanc ist ein Süßwein aus spätgelesenen, sehr reifen Sauvignon-Blanc-Trauben, natürlich direkt aus Neustadt an der Weinstraße, mit 7,5% Alkoholgehalt. Ich schreibe sehr selten Notizen über Wein, man vergebe mir, wenn ich meinen diesbezüglich ungeschulten Gaumen und das Vokabular, das ich von Spirituosen kenne, dafür nutze.
Klares Pastellgold, schimmernd und leuchtend. Schöne Schwere beim Schwenken im Glas. Die Nase ist frisch und sehr fruchtig, insbesondere Honigmelone, Kiwi, und ein Hauch von Grapefruitzeste. Feine Herbe ist schon schnell erriechbar, mit einem Touch von Wermutkraut. Ein Anflug von Hefe gibt weitere Komplexität. Ein sehr angenehmer Duft, der Lust auf mehr macht.
Ganz kurz blitzt in den ersten Mikrosekunden des Antrunks frische Säure auf, die aber schnell von der Spätlese-Süße abgedrängt und überholt wird. Hier kommen dann schwersüße, sehr reife gelbe Früchte dazu, Nektarine und vielleicht sogar etwas Mango, ein bisschen Mandarine. Ein leichtes Prickeln entsteht auf der Zunge, während sich der Restzucker auf dem Gaumen breit macht und ihn etwas belegt. Die fette Textur unterstützt das natürlich. Gegen Ende entsteht ein ganz dezentes Gefühl von Pfeffrigkeit mit leichtem Kribbeln im Rachen, und die Säure erkämpft sich einen angenehmen Platz. Im Nachklang kehrt die Spucke erkennbar in den Mund zurück, man genießt noch die süße Frucht, die sogar etwas an den Lippen hängen bleibt.
Mir gefällt der Sweetheart sehr, gerade als gemütlicher Drink an einem sonnigen Herbstsonntagnachmittag. Die offizielle Empfehlung geht klassisch natürlich in die Dessertbegleitung und als Aperitif, persönlich bin ich aber nicht von den Gewohnheiten der Weinwelt so beeinflusst, dass ich mich sklavisch daran halten würde. Ein sehr süffiger Süßwein, der einfach unkompliziert Spaß macht und unangestrengt unterhält, gerade, weil er diese feine Pikanz und freche Frische trotz der Süße zeigt.
Er gibt diese Eigenschaften auch gerne in einem Cocktail weiter; im Paradise Burning sorgt der Oliver Zeter Sweetheart 2022 Sauvignon Blanc neben all den süßen und aromatischen Zutaten für etwas Frische. Man lasse sich nicht von dem Vollei abschrecken, das klingt erstmal seltsam, doch wie man auf dem Bild sieht, erzeugt das neben der cremigen Textur auch eine hübsche Farbe. Es gilt allerdings, Qualität zu verwenden, ein frisches Bioei sollte einem das schon wert sein!
Paradise Burning 1¼oz / 35ml rauchig-torfiger Scotch ⅔oz / 23ml gereifter Jamaica-Rum ⅓oz / 10ml Brandy ⅓oz / 10ml Süßwein 1 ganzes Ei 1 Teelöffel Zuckersirup Auf Eis shaken. In einem Glas mit Vanillezuckerrand servieren. [Rezept adaptiert nach Sepo Galumbi]
Ich freue mich darauf, bald wieder in Neustadt sein zu dürfen; die Gastfreundschaft und Professionalität sowohl des Meininger-Verlags als auch des Hotels Palatina sind einfach zu angenehm, als dass ich darauf verzichten wollen würde, und von Wein verstehen sie offensichtlich auch was. Der ISW weiß ganz genau, warum er sich und uns dort schon seit Urzeiten einquartiert!
„Family owned, operated & argued over“, das ist das Motto, das auf dem oberen Rand der Dose des Sierra Nevada Hop Bullet Double IPA zu lesen ist. Sympathisch, finde ich, sowohl die Ausdauer, das Unternehmen in Familienbesitz zu halten, als auch die Selbstironie, zuzugeben, dass sowas dann seine ganz besonderen Probleme mit sich bringt, die man als kleiner Bestandteil in einem Großkonzern nicht hätte. Als Familienunternehmen darf man auch mal besondere Biere hervorbringen, die neben üppigen 8% Alkoholgehalt auch Hafer in der Maische einsetzen; mit dieser Getreidesorte mache ich eigentlich durchweg recht gute Biererfahrungen. Das Sierra Nevada Hop Bullet Double IPA hat damit also mehrfach gute Voraussetzungen, bei mir gut abzuschneiden, in der Theorie.
Schönes Safrangold, mit leichter Trübung, in der man das sehr starke Mousseux aus winzigsten Perlchen sieht, besonders in meinem speziellen IPA-Glas. Diese Bläschen speisen den üppigen, grobblasigen Schaum, der sich für ein Ale überraschend lange fingerdick auf der Bieroberfläche hält.
Die Nase erreicht ein typischer IPA-Duft, die starke Aromahopfung äußert sich in herben Zitrusnoten, Grapefruitschale, Orangenschale, milder Naturjoghurt dazu, der schon eine gewisse Säure andeutet. Nicht so aggressiv wie viele andere Double IPAs, bei denen es schon beim Schnuppern kratzt – das wirkt rund und gediegen.
Auch im Antrunk setzt sich dieser Eindruck fort, milde Süße, Hopfenfrucht, nur sich andeutende Herbe. Das entwickelt sich aber schnell hin zu knackiger Bittere, sich anpassender Säure. Im Verlauf wird klar, warum der Name „Hopfenpatrone“ gar nicht schlecht gewählt ist, hier explodiert der Hopfen geradezu im Mund und verdrängt alles andere mit wuchtigen Orangenschalenaromen, starke Adstringenz kommt dazu, und freche Säure, die die Zunge betäubt. Starke Karbonisierung sorgt mit empfohlener kühler Trinktemperatur für sehr wirksame Rezenz, die dem sehr vollen Mundgefühl trotzt.
Der Abgang ist dann extrem blumig, mit vielen Jasminnoten, und gegen Ende dann fast ausschließlich vom Effekt im gesamten Mund- und Rachenraum beherrscht. 8% Alkoholgehalt fallen da fast nicht auf, man merkt sie aber am Ende doch irgendwie. Irgendwie insgesamt ein grenzwertiges Bier, man muss Hopfen schon echt mögen dafür. Mich wundert bei der beruhigenden Wirkung von Hopfen und hohem Alkoholgehalt aber doch, dass in der Familie soviel gestritten wird.
Das „Grottenbier“ wurde um die Jahrtausendwende von Pierre Celis, dem bekannten Brauer bei Hoegaarden, erfunden. Der Name ist leicht erklärt, das Bier lagert 2 Monate bei konstant kühlen 11°C in den Höhlen zwischen Belgien und den Niederlanden. Nach der Übernahme der Biermarke zuerst durch St. Bernardus, dann später durch die Brouwerij Kazematten, die es heute noch nach dem gleichen Rezept in Ypres in Westflandern herstellt, bekam es seinen neuen Namen: das Brouwerij Kazematten Grotten Santé ist ein dunkles Ale („bruin“ steht auf dem Etikett), das mit Gewürzen eingebraut wird. Es hat schließlich 6,5% Alkoholgehalt. Höhlenreifung kenne ich ja bereits von Spirituosen, zum Beispiel dem DeCavo-Whisky von meinem Freund Klaus Wurm bei der Märkischen Spezialitätenbrennerei, darüber habe ich mal im BRANNT-Magazin vor ein paar Jahren einen Artikel geschrieben. Da bin ich gespannt, wie sich sowas auf Bier auswirkt!
Komplett blickdicht und lichtundurchlässig in einem sehr dunklen Espressobraun. Schaum zerfällt innerhalb einer Minute komplett, es bleiben nur kleine Einzelbläschen, die aus der Perlage stammen, kurz auf der Bieroberfläche erhalten.
Der Duft ist eine Mischung aus exotischer Frucht und laktischen Noten. Da kommt etwas Kiwi, Litschi und unreife Ananas vor, geht aber fast ins Grünliche über. Zitrustöne wechseln sich ab mit Sauermilch und mildem Apfelessig; man ahnt schon in der Nase, dass wir hier ein säuerlicheres Bier vor uns haben.
Und das bestätigt sich dann im Mund, das ist noch kein Sauerbier, aber ein Dubbel, das klar von der Säure und der Rezenz getrieben wird. Ein trockenes Mundgefühl kommt dazu, wird aber von einer feinen Süße etwas aufgefangen. Aromatisch geht es dann ein bisschen doch ins Malzige, mit Röstnoten und etwas der Farbe angemessenen Nuancen, vielleicht Ideen von Kaffee. Knackig bitter wird es gegen Ende, das frischt den Gaumen auf und hinterlässt einen kühlenden Hauch.
Sowas gefällt mir, das ist komplex aber süffig, und die wirklich erfrischende Rezenz aus Säure und Karbonisierung macht Spaß. Ein wunderbares Genussbier für den Sommer, oder als unaufgeregter Essensbegleiter, das funktioniert hier beides. Sehr schön!
Mein Erstkontakt mit dem heute vorgestellten Produkt ist wieder einmal sehr anekdotenbehaftet, etwas, was mir eine Spirituose ja immer nahe ans Herz legt. Wir waren als Juroren eingeladen, bei Spirits Selection by CMB 2022, das auf der Karibikinsel Guadeloupe stattfand, an einem lauen Abend im Freien den ersten Tag der Verkostungen hinter uns zu lassen. Dazu war geplant, ein bisschen Fingerfood zu servieren – aber irgendwie war den Organisatoren an dem Abend nicht klar gewesen, dass da eine Meute von 120 hungrigen, leicht angeheiterten Spirituosenfreunden auf das kleine Buffet zustürmen und es innerhalb von Minuten leerräumen würden. Keine guten Anzeichen, mag man denken, doch einer der Organisatoren war sehr pragmatisch und lief los, um uns von der lokalen Niederlassung der Fastfoodkette KFC ein paar Buckets voll mit fritierten Hühnchenteilen zu bringen. Zack, der Abend war gerettet, und zum folgenden fettigen Hühnermassaker passte der ebenso großzügig ausgeschenkte Rum der Insel natürlich bestens.
Einer dieser Rums, die ich dort zum erstenmal serviert bekam, war dann eben der Darboussier Rhum Vieux 6 Ans. Er ist dahingehend etwas ungewöhnliches, da es sich nicht um den sonst auf der Insel produzierten Rhum Agricole aus Zuckerrohrsaft handelt, sondern um einen Rhum Traditionnel, der aus Melasse hergestellt wird. Ja, das gibt es auf den französischen Antillen natürlich weiterhin, auch wenn ihr Saftrum natürlich gefühlt (nur gefühlt!) den Löwenanteil in der Herstellung einnimmt. Man nennt diese Art Rum manchmal auch Rhum Industriel, nicht etwa, weil er industrieller hergestellt wird als der „landwirtschaftliche“ Rum, sondern weil er mit Nebenprodukten der Zuckerindustrie, Melasse eben, entsteht – wie rund 95% der Weltrumproduktion. Ein bisschen verrückt, dass diese Art Rum auf den Inseln heutzutage die Ausnahme ist, das kehrt das Verhältnis einfach um. Auch sensorisch muss man sich darauf vorbereiten, dass so ein Rhum Traditionnel von Guadeloupe sehr anders schmeckt als die meisten anderen Rums, die man von dort kennt – um so spannender ist es natürlich, so eine Flasche zu öffnen.
Die Farbe ist herbstbraun, mit einem leichten Touch ins Orange, insbesondere im Gegenlicht. Dabei kann man dann auch die schönen, fetten Beine betrachten, wie sich nach dem Schwenken bilden und dann langsam ablaufen. Insgesamt wirkt die Spirituose dick und schwer.
Der Geruch ist typisch für diesen Stil – schwer, dunkelfruchtig mit viel Anklang an Erdbeere, Kirsche und Pflaume. Man erkennt weiterhin das Zuckerrohr heraus, bei Rhum Traditionnel für mich jedenfalls immer mehr als bei den meisten anderen Melasserums, und der Darboussier macht da keine Ausnahme. Die expressive, fast schon marmeladige Frucht wird unterstützt von einem Hauch von Grasigkeit, die weiterhin an Saftrum erinnert, ganz gibt man seine Provenance dann doch nicht auf. Eine gewisse Frische, nicht ganz minzig, aber zumindest vielleicht mentholig, klärt die Schwere der Aromatik etwas auf.
Die Textur ist, wie schon vom optischen Betrachten her erwartet, durchaus viskos, wenn auch hier dann nicht wirklich fett. Sie legt sich dennoch schön breit auf den Gaumen, man kann das Ausbreiten nachfühlen. Eine initiale, sehr angenehme und vollkommen natürlich wirkende Süße startet den Antrunk, direkt hat man Assoziationen von Waldhonig, Ahornsirup und mildem Karamell. Vanille zeigt sich im Verbund mit der reifen Pflaume, Zimt zusammen mit reifen Feigen, und Datteln und vielleicht sogar Rosinen bilden den Untergrund, auf dem der Rest aufbaut. Im Verlauf kommt ordentlich Würze zustande, schwarzpfeffrig kribbelt das am Gaumen und auf der Zunge, und ein warmes Brummen entsteht im Rachen, das dann bis zu den Zähnen vorwärtsglüht, ohne dabei unangenehm zu brennen. Der Abgang ist sehr süß und fruchtig, erinnert mich hier nun eher schon an einen Likör, doch leichte Astringenz entsteht an der Innenseite der Backen. Der Nachhall ist lang und herb, deutlich klingt das Zuckerrohr nach.
Ich mag diese Art Rum einfach, das trinkt sich angenehm, mit viel Charakter und dabei schmeichelnden Aromen. Rhum Traditionnel fühlt sich für mich wie ein Grenzgänger an, er unterscheidet sich sowohl vom klassischen Melasserum, wie aber auch vom Saftrum, bietet aber interessante Aspekte aus beiden Kategorien, ohne einen wirklichen Mangel aufzunehmen. Der Darboussier Vieux hat dazu deutlich mehr Persönlichkeit und Erfahrung als zum Beispiel der Negrita, den ich vor einiger Zeit hier besprochen hatte.
Natürlich muss man für diese Art Rum eine andere Cocktailrichtung einschlagen als für einen Saftrum, das ist klar. Aber auch der klassische Melasserumcocktail ist vielleicht nicht der perfekte Einsatzzweck, außer, man will seinem wohlbekannten Lieblingsrumdrink einen neuen Twist geben. Im Kaiteur Swizzle jedenfalls schmeckt mir der Darboussier Vieux ganz hervorragend, mit seinem eigenen Charakter macht er außerdem den Drink noch besonderer, als er eh schon ist.
Kaiteur Swizzle 2oz / 60ml gereifter Rum ½oz / 15ml Falernum ¾oz / 23ml Limettensaft ½oz / 15ml Ahornsirup 2 Spritzer Angostura Auf crushed ice swizzeln. [Rezept nach Martin Cate]
Die Flasche selbst ist unauffällig, eine einfache Form, mit silberschwarzen Etiketten, die sowohl auf Kitsch als auch auf Charme verzichten. Man muss ja nicht immer exotisch an das Thema herangehen.
Die Flasche hatte ich bei diesem in der Einleitung geschilderten besonderen Abend mitgenommen, ebenso wie den kleinen Schwenker mit dem Markenlogo darauf. Ich bedanke mich im Nachhinein dafür, aber nachdem ich einen Schluck des Darboussier probiert hatte, wusste ich sofort, dass ich das mitnehmen und einen Artikel hier auf meinem Blog darüber schreiben will. Was hiermit geschehen ist. Ich hoffe, ich kann den einen oder anderen Rumfreund davon überzeugen, dass es sich durchaus lohnt, so eine ungewöhnliche Spirituose zu probieren – damit wäre meine Schuld für die kostenlose Flasche beglichen, denke ich, also ran an Buddel!
„Klassische Bottichgärung“ steht auf dem Etikett einer der beiden Flaschen, die ich heute präsentiere; oft liest man das nicht wirklich, oder ich war zu blind, es zu sehen. Da man ja immer dazulernt, habe ich mir einen guten Artikel dazu vom Fachblog GradPlato durchgelesen, und einen schönen Satz gefunden: „Da das Werben mit technischen Produktionsdetails beim Laien eher wenig zielführend ist, kommt es vermehrt darauf an, mit emotionalen Bildern der Herstellung und gleichwohl faktenbasierten Vorteilen der Biere zu werben. Hierfür ist die Bottichgärung geradezu ideal geeignet.“ Diesbezüglich macht man bei Maierbier in Nördlingen im Ries, der Stadt, in der ich geboren wurde, ja schonmal alles richtig, aber eine zusätzliche emotionale Bindung hätte ich gar nicht gebraucht. Jedenfalls hat das Maierbier Helles Hefeweizen und transitiv damit auch das Maierbier Helles Kellerbier („hausgebraut und naturbelassen“!) einen Vertrauensvorschuss auf mehreren Ebenen. Sowas muss ich allerdings leider immer verifizieren, da bin ich eigen. Was ich hiermit tun will.
Also, die Bottichgärung des Maierbier Helles Hefeweizen ist laut den Profis durchaus als beabsichtigtes Qualitätsmerkmal zu nennen. Es kommt mit 5,2% Alkoholgehalt daher und macht angenehm laut „Plopp!“, wenn man den Bügelverschluss öffnet.
Klassisch wirkt an diesem Hefeweizen alles, von der schönen Safranfarbe über die kleine Schaumkrone bis hin zur deutlichen Trübung (den Bodensatz in der Flasche kann man leicht aufschwenken, um die volle Hefeladung ins Glas zu bekommen). Das Bier wirkt in der Nase dann aber untypisch säuerlich, da ist einiges an Limette und ganz mildem Essig drin. Dazu findet man viel Frucht, aber weder die vielleicht erwartete Banane oder Nelke. Die Säure kommt auch am Gaumen an, nicht so stark, wie erwartet allerdings. Sowohl vom Effekt einer leichten Astringenz als auch vom Geschmack von Limette ist sie definitiv aber das zunächst dominierende Element. Darunter entdeckt man richtig kräftige Getreidewürze, eine ganz milde Salzigkeit, und eine trockene, fast schon kantige Textur. Der Abgang ist kurz, nun vom Getreide getragen. Ein recht ungewöhnliches Hefeweizen, aber eins mit Charakter – das ist frisch und hell, und wirkt sehr erwachsen und bietet mir mehr zum Nachdenken als viele Standardweizen. Interessant!
„Hausgebraut und naturbelassen“ hat sich dagegen das Maierbier Helles Kellerbier aufs Etikett schreiben lassen; zwei Wörter, die gut zu meiner modernen Einstellung zu Bier passen. Auch hier haben wir 5,2% Alkoholgehalt vor uns.
Auf den ersten Blick scheint das Kellerbier opalisierend trüb zu sein, doch schaut man bei Gegenlicht genauer hin, sieht man, dass der Effekt durch die vielen kleinen Partikel entsteht, die sichtbar in der Flüssigkeit schwimmen; das macht das Bier etwas unansehnlich; eine selbstverständliche Folge der Naturbelassenheit, man muss sich halt für eines entscheiden. Immerhin, der feine Schaum hilft darüber hinweg. Mit der Nase findet man nicht wirklich viel interessantes; eine Mischung aus rostigen Stahl und Hefe bildet das Getreide einigermaßen ab, bringt mich aber, wie schon beim Auge, nicht wirklich in Verzückung. Im Mund mache ich dann aber doch noch meinen Frieden mit dem Kellerbier, hier zeigt es sich texturell angenehm cremig, fast schon kauig, und hat dennoch direkt mit ordentlicher Säure und guter Karbonisierung eine Rezenz, die wirklich schön erfrischt. Hübsch auch die Blumigkeit, mit der es aufwartet, unerwartet, aber etwas, das ich sehr genieße bei einem Bier. Der Abgang ist kurz und knackig, es bleibt kaum ein Nachhall, nur leichte Malzwürze klingt nach. Ein stabiles Bier, ohne echte Höhepunkte, das trinkt man und vergisst es dann.
Manchmal denke ich mir, dass ich inzwischen einfach zuviel von einem Bier erwarte, wenn ich es genießen will, und dass ich dadurch gerade den neueren Einträgen in meine Trinkliste immer ungerechter entgegen komme. Letztlich haben wir hier aber trotz allem zwei sehr unterhaltsame Biere, denen ich aufgrund der angesprochenen emotionalen Nähe vielleicht zuviel abverlange, aber das ist halt eine schwäbische Eigenschaft, die ich nicht so recht loswerden kann. Ich arbeite an mir!
Man hat sich heute bei Cognac an die Buchstabengruppen gewöhnt, die das Alter grob angeben. VS, VSOP, XO – das kennt man. Es gibt jedoch auch andere Systeme, die Reifung zu beschreiben. Das technischste und dafür genaueste ist das der comptes, also vollständigen Jahren in Bezug auf das Referenzdatum 01. April. Das ist nicht ganz einfach zu verstehen, ich versuche hier gar nicht erst, die Details aufzudröseln. Wichtig ist: man benötigt ein Mindestalter von compte 2 (grob zwei Jahre und ein paar Monate), um ein Produkt „Cognac“ nennen zu dürfen. Das entspricht dem, was üblicherweise dann als VS gekennzeichnet wird – oder eben 3 Sterne, eine weitere Alterskategorie, die beim hier vorgestellten Pierre Ferrand 1840 Original Formula Cognac sehr präsent auf der Flasche zu finden ist. Interessanterweise ist „3 Sterne“ ebenso wie „VS“ eigentlich eine recht redundante und inhaltsfreie Angabe, die man genausogut weglassen könnte (weil, wie gesagt, jünger gar nicht erlaubt ist) – wahrscheinlich will man einfach diese niedrigste mögliche Alterskategorie etwas aufwerten durch eine eigene Bezeichnung. Natürlich ist, wie bei sehr vielen Cognacs, das auf der Flasche angegebene Alter nur ein Platzhalter – die Assemblage eines Cognacs beinhaltet in der Regel einen großen Anteil älterer, und einen gewissen Anteil sehr viel älterer Destillate.
Die Verwendung der 3 Sterne ist heute eher selten, man verlässt sich mehr auf das VS/VSOP/XO-System – hier dient es meines Erachtens hauptsächlich als Remineszenz an die alten Zeiten, als das Sternesystem das einzige war. In eine ähnliche Kerbe schlägt die Erwähnung einer „1840 Formula“ – David Wondrich, der an der Entwicklung dieses Produkts beteiligt war, ist ja bekannt dafür, dass er ein Faible für historische Cocktails und auch Zutaten hat. Die Idee ist, die Rezeptur einer alten Flasche Pinet Castillon als Vorbild heranzuziehen, und auch bei der Herstellung die Methoden des 19. Jahrhunderts nachzuahmen. Kein typischer Standardcognac also, in mehrerer Hinsicht, sondern ein Experiment und eine Art Zeitreise. Wagen wir uns mit unserem modernen Gaumen an diese Antiquität.
Cognac erlaubt eine gewisse Menge an Zusätzen, dazu gehört beispielsweise Farbe. Auch wenn dieser Cognac gefärbt ist, so wirkt die Farbe dennoch nicht künstlich – ein sehr attraktives Rotgold glänzt sowohl in der Flasche als auch im Glas, wo er nach dem Schwenken in sehr breiten, fetten Beinen langsam abläuft.
Der Geruch verströmt sich nach dem Eingießen weit über das Glas hinaus. Sehr tropenfruchtig, süßliche Mango, reife Banane, überreife Ananas, Aprikosen. Vanille, Honig und ein Anflug von Harz, und ein Anflug von Veilchen – Weinbrand im Generellen hat oft eine traumhafte Nase, und der Pierre Ferrand 1840 ist hier keine Ausnahme. Da schnuppert man einfach gern dran, und findet auch immer wieder was neues; ich empfinde es auch als angenehm, dass hier nicht alle jungen Aromen durch generisches Holz erschlagen werden.
Im Antrunk erinnert er mich zunächst mal sehr stark an einen milden Highland Scotch, die Aromatik ist sehr ähnlich und im ersten Anflug etwas seifig und medizinal. Erst im Verlauf entwickelt sich der Cognac woanders hin, ist dann deutlich fruchtiger, mit viel reifen Früchten wie Pfirsich, Aprikosen und auch Ingwer und Honig. Eine kräftige, natürliche Süße gibt dem Destillat sehr viel Körper und Breite, da hat man echt was im Mund, woran man lutschen kann, ohne zu süß zu werden – die Süßsauerbalance ist gut getroffen. Gegen Ende kommt dann noch Würzigkeit und eine erkennbare Ingwerschärfe dazu; 45% Alkoholgehalt unterstützen diese Kraft.
Der Abgang geht wiederum in eine andere Richtung: hier kommt die Blumigkeit, die ich an Weinbränden liebe, voll zur Geltung. Veilchen und Jasmin blühen geradezu auf, lassen den Abgang lang und prägnant werden, mit zusätzlichen Eindrücken von Kandiszucker, Süßholz, Ingwer und Kakao. Dieser Blumengarten am Ende hallt entsprechend sehr lange nach, und eine milde Salzigkeit belegt in dieser Zeit den Gaumen. Ein toller Cognac, kraftvoll, sehr aromatisch, lang und voll – vielen Weinbränden geht nach der Nase die Luft etwas aus, hier bleibt der Brand aktiv bis zum letzten Schluss.
Die Vorgabe war, hier einen Cocktailcognac zu schaffen, wie ihn die Epigonen wie Jerry Thomas und andere aus dem 19. Jahrhundert eingesetzt hatten. Für diese Zwecke ist er wirklich nahezu perfekt, in jeder Hinsicht. Natürlich zeigt er sein volles Potenzial in Drinks wie dem The Ray Long Cocktail, wo er die erste Geige spielt; aber auch in Rezepten, wo nur halbunzenweise Cognac benötigt wird, ist der Pierre Ferrand 1840 durch seine Power und Aromengewalt ganz ausgezeichnet einsetzbar.
The Ray Long Cocktail 2oz / 60ml Brandy 1oz / 30ml süßer Wermut 4 Spritzer Absinthe 1 Spritzer Angostura Auf Eis rühren. [Rezept nach Harry Craddock]
Die Flasche ist elegant, groß und schwer mit dickem Boden, vielen Ornamenten und geschickt eingesetzten Etiketten. Das macht echt was her im Regal, und fühlt sich auch gut an, wenn man die Flasche aus demselben herausholt.
Meine Flasche war sehr viel schneller leer, als ich das gedacht hätte – man bekommt bei so einem tollen Produkt einfach Lust, es in Drinks einzusetzen, und ich habe in der Zeit dadurch viele bereits bekannte Cognacrezepte neu ausprobieren wollen. Ein größeres Kompliment kann man einem Brand wohl kaum machen. Darum wird dieser Cognac mein go-to-Cognac auf absehbare Zeit sein, unter anderem durchaus auch, weil er ein bombenmäßiges Preisleistungsverhältnis hat.
Whisky und Bier sind natürliche Gefährten. Die Basismaterialien sind zumindest direkt verwandt, und letztlich sind viele Whiskys ja eigentlich nur destillierte Biere, im angloamerikanischen Raum spricht man ja sogar ab und zu vom „beer“ als alternatives Wort für „wash“ im Whiskybereich, wenn man über die Maische spricht. Darum liegt es ja auch nahe, ein Bier in einem Ex-Whiskyfass nachzureifen; oder sogar, wie hier beim Brouwerij Fisser Ne Flierefluiter Super Tripel Whisky Infused & Oaked, das Bier mit Whisky zu infundieren und/oder mit Eichenholzstücken zu „eichen“. Welcher Whisky für die Infusion genutzt wurde, ist leider erstmal nicht direkt herauszufinden, ein Single Malt scheint es aber grob zu sein. Am 21.04.2022 wurde meine Flasche abgefüllt, 21.04.2025 ist das „best before“-Datum, ich habe es dennoch jetzt schon geöffnet und probiert.
Ein blondes Bier, sicherlich, im Vergleich zu vielen anderen Bieren, die Eichenholzkontakt hatten. Hier ist die Farbe Safrangelb geblieben, naturtrüb natürlich, und mit ein paar dunklen Partikeln, die beim Eingießen mit ins Glas kommen, die aber wohl eher Hefe sind als Holzreste. Der Schaum ist flauschig und fein und bleibt eine ganze Weile auf dem Bier stehen.
8°C ist die empfohlene Trinktemperatur, und da brauchen wir dann gar nicht großartig nach komplexen Duftstoffen zu suchen. Getreide ist deutlich da, ein paar frische Fruchtnoten, ohne wirklich aromahopfig zu sein. Ein bisschen Holzreste riecht man, nasses Fassholz, aber keinen Whisky.
Im Mund ist er dann ein bisschen, aber nur ein bisschen, erkennbarer. Das Bier an sich ist unerwartig würzig und kräftig, geht deutlich ins Salzige über, mit einer spürbaren Umami-Seite. Die Textur ist fett und sehr breit, das Bier muss man kauen, die Karbonisierung ist sehr fein, was sich ja schon im Schaum geäußert hatte. Dennoch wirkt es rezent und frisch, der Whisky kommt mir persönlich eher wie Bourbon vor denn Scotch – beides ist aber versteckt und für mich nicht sehr deutlich ausgeprägt. Im Verlauf wird das Bier trocken, gegen Ende ein bisschen adstringierend, hier kommt dann holzige Bittere auf, die die Süße ausgleicht. Der Abgang ist kantig und erkennbar alkoholisch, 10% spürt und schmeckt man.
Das trinkt sich gut, aber nicht easy, der Alkoholgehalt ist dafür nicht gut genug eingebettet. Die Würze macht das alles noch etwas komplizierter. Für mich wirkt alles ein kleines bisschen unrund und nicht ausgeglichen, ohne dass ich wirklich viel zu meckern hätte. Dennoch: Stabil gemacht, einen Versuch wert für Freunde belgischen Starkbiers, danach suchen muss man aber nicht wirklich.
Pflaume und Zwetschge sind mit die beliebtesten Früchte für Obstbrand in vielen Ländern auf dem Balkan. Ein spannender Vortrag von Svetlin Mirchev, Milan Zarić und Ivan Urošević während der Fortbildung der Juroren bei Spirits Selection by CMB 2024 in Renhuai/China machte dies nocheinmal deutlich. Neben den theoretischen Grundlagen für die Herstellung von Rakija, wie Obstbrand in der Region allgemein genannt wird, erzählten die drei Vortragenden mit viel Verve auf eine unterhaltsame Weise viele spannende Details, mit einem Knüllergag, der den ganzen Raum zum Lachen brachte – „Kommen wir nun zu den rechtlichen Grundlagen – die sind bedeutungslos.“ Gerade in einem Raum voller AOC– und ggA-affiner Hersteller war das der Punkt, der das Eis endgültig brach. Am Abend brachte dann die serbisch-bosnisch-kroatisch-bulgarische Jurorengruppe noch ein paar kleine Schmankerl mit in die Hotellobby, wo wir uns regelmäßig trafen, um den Tag mit ein paar besonderen Schnäpsen aus aller Welt ausklingen zu lassen.
Einer aus dieser Gruppe war auch Branko Drljača, den ich schon vom ISW seit einer Weile kenne, und der mir schon vor einiger Zeit mal mit seinem Brand aus der Schwarzbirnevollständig den Kopf verdreht hatte. An diesem besagten Abend packte Branko ein „work-in-progress“ aus seiner Brennerei aus, von dem er (und nach dem Probieren auch wir!) sich viel für die Zukunft versprach, in einer gesunden Mischung aus Selbstsicherheit und Bescheidenheit. Doch reden wir nicht über die Zukunft, sondern die Gegenwart. Vor kurzem habe ich von ihm eine der wenigen verfügbaren Flaschen seines Slap Spirits Aqua Ardens Šljivovica abgeluchst, so selten, dass sie nichtmal das vollständige Etikett hat. Doch man darf sich nicht täuschen, das Produkt in der Flasche hat alles, was man sich von einem guten gereiften, aus 5 unterschiedlichen Basisdestillaten nach 7 Jahren Reifezeit zusammengeblendeten Zwetschgenbrand erwarten kann – doch ich greife vor!
Farblich finden wir einen ganz klassischen Bernstein vor, leuchtend, und kristallklar. Das Schwenkverhalten ist schwer und viskos, und die Beine, die sich dabei bilden, laufen träge ab. Optisch gibt es da nichts zu verbessern. Da bekommt man Lust, die Nase ins Glas zu halten!
Wenn ich das tue, bildet sich direkt ein kleines Lächeln in meinem Gesicht. Ein schwerer Zwetschgenduft begrüßt mich, vollfruchtig, reif, dabei klar und sauber, nichts überreifes-esteriges ist da, und keinerlei pieksenden Ethanolnoten. Vanille und ganz vorsichtig Zimt ergänzen die Aromatik, auch hier bleibt der Slivovitz sehr klassisch. Die Fässer aus serbischer und slawonischer Limousineiche (500l bzw. 225l-Barrique) mit leichtem und mittlerem Toasting geben eine angenehme Note mit, die die Frucht des Destillats nur unterfüttert und nicht überwältigt. Leichte Beitöne von Birne, Quitte und vielleicht sogar Sauerkirsche, und ein winziger Hauch von Steinaroma, machen den Brand komplex und spannend, ohne sich von der Typizität zu lösen, die man von einem Slivovitz erwartet.
Dieser Eindruck bleibt auch am Gaumen erhalten – das ist extrem trinkig, richtig rund und schwer, mit einem initial sehr weichen Mundgefühl. Die Textur ist ölig und dicht, breitet sich gemächlich im Mundraum aus, legt sich zunächst sanft auf die Schleimhäute. Aus ihr baut sich dann im Verlauf die Aromatik auf, wird immer fruchtiger und zwetschiger, dabei gleichzeitig immer würziger, spät dann sogar frech-pikant mit leichten weißpfeffrigen Effekten. Die schwere Süße des Antrunks dreht sich ganz langsam hin zum Edelherben, Mildbitteren, mit einer sehr feinen Trockenheit, die nicht astringiert. Der Abgang ist lang, fruchtig, und hier nun besonders gewürzig, mit Sternanis, Kardamom, Nelken und Zimt, das fühlt sich fast weihnachtlich an. Mit einem sehr frischen Moment klingt der Slivovitz dann aus, kühlt den Gaumen, leicht blüht etwas Jasmin und Grünschnitt auf, während weiterhin die Zwetschge erhalten bleibt.
Ein erwachsener, äußerst trinkiger Brand, vielschichtig und fein, dabei nie verkopft oder kompliziert. Das trinkt sowohl der Kenner, der analytisch herangeht, als auch der Laie, der einfach einen guten Digestif nach dem Essen haben will, ohne groß drüber nachdenken zu müssen. Ich persönlich habe Einsatzzwecke für beide Szenarien schon mit ein paar Leuten probiert, ich verspreche, das funktioniert.
Und ich habe auch sehr gute Erfahrungen damit gemacht, den Aqua Ardens in Cocktails einzusetzen. Die Dichte und klare Aromatik machen das auch wirklich nicht schwer, da braucht man keine Ausgleichsaromen suchen oder Unterstützer finden; im St. Rita bildet sich ein wirklich breites Bouquet heraus, ein toller Drink, bei dem trotz all der Zutaten der Slivovitz die Hauptrolle behält, und von dem man gerne zwei trinkt.
St. Rita 1½oz / 45ml Pflaumenbrand ¾oz / 23ml Limettensaft ½oz / 15ml Kräuterlikör ½oz / 15ml Honigsirup Auf Eis shaken. Mit 2oz / 60ml Champagner aufgießen und einen Spritzer Lavendelessenz dazugeben. Mit einer Blüte dekorieren. [Rezept nach Jim Meehan]
Die Zwetschgen, die Branko für seine Brände verwendet, sind autochthone Sorten wie Požegača, Turgulja und Nebožica, und dazu Sorten, die beim Institut für Landwirtschaft in Čačak (Serbien) entstanden sind, insbesondere Čačanska Rodna und Čačanska Lepotica. Weder werden für das Obst Pestizide, Herbizide oder auch nur Mineraldünger verwendet, noch werden Maschinen, selbst keine Traktoren, eingesetzt. Schafe sind das Mittel der Wahl für die Pflege und Düngung der Umgebung, der natürliche Edaphon wird nicht gestört. Viel Aufwand steckt Branko auch in die Fermentation, bei der er sowohl Verfahren aus der Spontanvergärung als auch selektive Hefestämme nutzt. Wie schon in der Einleitung angedeutet: am Ende hat er praktisch 5 unterschiedliche Zwetschgenbrände, die als Blend nach 7 Jahren Fassreifung hier bei mir landen. Und, das ist hoffentlich deutlich geworden, diesen Aufwand und die Sensibilität der Herstellung spürt man im Endprodukt in der Komplexität der Sensorik.
Ich hatte ja schon die Schwarzbirne besprochen, ein wirklich großartiges Produkt. Bei allem, was ich von Slap Spirits aus Bosnien nun bisher im Glas hatte, war mir klar, dass hier jemand am Werk ist, der weiß, was er tut, und Leidenschaft zeigt. Bei unserer gemeinsamen Reise in China und der Jurortätigkeit in Neustadt beim ISW habe ich Branko Drljača aber auch als sehr unterhaltsamen Gesprächspartner kennen und schätzen gelernt. Ich freue mich extrem darauf, ihn wieder einmal in Zukunft zu treffen, und auf alles, was seiner Brennerei entfließt.
Was ist das Markenzeichen der Rügener Insel-Brauerei? Oberflächliche Gesellen werden sagen, die Papierumhüllung der Flasche. Ja, das mag so sein auf den ersten Blick, ist aber, wie gesagt, nur die oberste Oberfläche. Für mich ist es der Einsatz der traditionellen Flaschenreifung, das ist in Deutschland durchaus etwas Besonderes und Lobenswertes, eine intrinsische Qualität, nicht der Augenzucker mit dem Papier. Das Konzept setzen sie konsequent und logisch fort: Ihr Rügener Insel-Brauerei Natur Cider wird mit Secco-Hefe vergoren und flaschengereift mit Insel-Hefe auf Rügen. Meersalz und Kräuterextrakt finde ich gut als Beigabe, den Verzicht auf Zuckerzusatz und Konservierungsstoffe hervorragend, warum man bei dem Qualitätsanspruch und Bereitschaft zum Aufwand bei der Insel-Brauerei dann aber auf Apfelsaft aus Konzentrat und sogar natürliches Aroma setzt statt auf reine Natürlichkeit bleibt mir ein großes Rätsel und ein deutlicher Kritikpunkt. Vielleicht gibt es da Verbesserung in der Zukunft? Beschäftigen wir uns erstmal mit der 5,6%igen Gegenwart im Glas.
Klar und golden leuchtend, mit prickelnder Perlage, die zwar keinen Schaum beisteuert, aber doch für ein optisches Erlebnis sorgt – das erinnert etwas an Prosecco, nur eben farblich deutlich dunkler.
Der Duft lässt diese Erinnerung gar nicht so fern erscheinen, ich finde eine aparte Mischung aus kräftigem Apfelsaft und herbem Schaumwein, nun, das ist es ja letztlich auch grundsätzlich. Leichte Orangenzeste, etwas Rosmarin, ein Ticken Litschi, das riecht sich sehr angenehm und mit einer aufreizenden, dezenten Komplexität, die vielen anderen, schlichter hergestellten Cidern fehlt.
Süßsauer kommt er im Mund an, er schwankt zwischen diesen beiden Eindrücken – beides ist ordentlich vorhanden, da ist ein Moment, in dem die Süße sehr stark wirkt, nur nach ein paar Sekunden von der herben Säure aufgefangen zu werden und umgekehrt: spielerisch und frech, das gefällt. Rezenz ist klar, 8°C Trinktemperaturempfehlung machen das nur noch besser. Um es klar zu sagen, man hat hier keinen Apfelsaft mit Prickeln, das ist sensorisch näher am Cidre oder sogar am Prosecco als am Apfelsaft, die erwachsene Hefestruktur macht den Natur Cider zu einer unerwarteten und gerade deswegen sicher gut ankommenden Alternative zum üblichen Prickelwasser, auch für gehobene Anlässe!