Neulich bin ich schonmal drauf hereingefallen: die Tücken der Sprachen. Beim vorliegenden Bier könnte man den Namen, Duvel Tripel Hop Cashmere Belgian IPA, durchaus so lesen, dass dreifach speziell gehopft wurde („triple hopped“), manche andere Biere präsentieren sich so, um drei ausgewählte Hopfensorten zu betonen. Doch hier muss man das ganz leicht anders verstehen, es handelt sich um ein belgisches IPAmit 9,5% Alkoholgehalt, das Cashmere als dritte, besondere Hopfensorte einsetzt, die sonst im Duvel-Standardprodukt nicht vorkommt; man hat also schon drei Hopfensorten, die zwei normalen plus den Cashmere. Irgendwie verwirrend und doch nicht, aber letztlich bin ich eh wahrscheinlich der einzige auf der Welt, der so verkopfte Gedanken überhaupt hegt, wenn er sich ein Starkbier aufmacht und eingießt. Ja, es ist schlimm, darum biegen wir jetzt einfach in die Praxis ab.
Volltrüb mit einem stumpfen Kupferton, durch den man die Perlage nur bei genauem Hinsehen erkennen kann. Der beim Eingießen sehr fluffig sich aufbauende Schaum ist grobblasig und fällt entsprechend nach kurzer Zeit deutlich zusammen, bleibt aber einen halben Zentimeter dick doch eine Weile erhalten.
In der Nase findet der Hopfenfreund tatsächlich eine interessante, nicht wirklich gewöhnliche Mischung für ein IPA – typische Zitrusnoten mit klarem bitteren Zestencharakter ist man ja noch gewöhnt, aber die süßen Fruchtaspekte, die hier eigentlich erstere dominieren, sind fein zu riechen und gefallen – Melone und Pfirsich, da ist man gespannt, wie das schmeckt; insbesondere, weil man darunter noch einen deutlichen gerstigen Biercharakter findet, der sich gut in das ganze integriert.
Am Gaumen zischt erstmal die Rezenz, das prickelt angenehm und die sehr ausgeprägte Säure unterstützt das – man hat fast den Eindruck, dass hier ein guter Schuss Zitronensaft drin wäre (was natürlich nicht der Fall ist). Im Verlauf entgeht man der IPA-Bittere dann nicht, das wirkt sogar fast etwas kantig, gerade in der Kombination mit der Säure, ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, ob mir das so gefällt, vor allem, weil der Körper eher dünn und schmal wirkt. Der Alkoholgehalt von 9,5% ist nur mäßig integriert, man schmeckt ihn störend heraus. Das Mundgefühl begeistert mich überhaupt nicht, da entsteht ein stark astringierender und gleichzeitig übersüßter Eindruck. Der Abgang ist kurz, mildwürzig, erkennbar salzig, und lebt dann nur noch von Zitrone.
Das Bier funktioniert für mich schlicht gar nicht. Das Hopfenexperiment mag interessant gedacht sein, aber irgendeine der Komponenten spielt nicht mit und durchkreuzt alles. Ich trinke das Glas ohne viel Gusto aus, aber habe keinerlei Lust, eine zweite Flasche davon zu probieren. Da ist mir das „normale“ Duvel doch sehr viel lieber.
Er gilt als der Obstbrandflüsterer in Deutschland. Wenn man Arno Dirker ein bisschen recherchiert, entdeckt man auch spannende Dinge, die einem sofort klar machen, dass wir es hier nicht mit einem Durchschnittsbrenner zu tun haben. Als Zimmermann begonnen hat er, zum Titel „Schnapsbrenner des Jahres“ bei der Destillata in Österreich kam es zwischendurch, mit weiteren Auszeichnungen im Vor- und Nachfeld. Er ist auf dem Boden geblieben und nicht den Extremweg manch anderer deutscher Obstbrenner gegangen mit inzwischen unbezahlbaren Produkten: Heute hat er ein sehr feines Sortiment an verschiedenen Früchten im Portfolio, die er saisonal oft aus dem lokalen Obstangebot des Kahlgrunds im Spessart brennt und unprätentiös vermarktet. Liest man seine Texte und Beschreibungen, habe ich den Eindruck, dass er eine besondere Vorliebe für die Kirsche in unterschiedlichen Varianten hegt, und seine Liste mit Produkten aus dieser Frucht ist lang. Entsprechend habe ich mir eine kleine Trilogie von der Kirsche von ihm zugelegt: Das Steinweichsel-Kirschwasser, den Brand von der Eggener Schwarzkirsche und das Rumfassgelagerte Kirschwasser. Ich bin sehr gespannt darauf, wie sich die Unterschiede in den Bränden äußern!
Wir fangen an mit dem Steinweichsel-Kirschwasser. Die Steinweichsel oder wilde Weichsel (prunus mahaleb) ist eine kleine, bittere Frucht, die Ursprungsform der Sauerkirschen, aufwändig zu ernten. Wir finden sie dann am Ende aber doch gebrannt und mit 40% Alkoholgehalt vor.
Kristallklar, leuchtend, und mit angenehmer Viskosität schwenkt sich der Brand im Glas, klar abgegrenzte Beinchen bilden sich. Die Nase hat Kraft und biedert sich nicht mit oberflächlichen Kirscharomen an – da findet man herbe Sauerkirsche, ein bisschen Steinaroma, Töne von Gewürzen, ja, Zimt und Nelken sicher voran. Würzig und fast schon mit einem Lederaroma, dabei blüht ganz dezent mit etwas Offenstehzeit auch etwas Pfingstrose auf. Eine gewisse Reminiszenz an Vogelbeere kann ich nicht verneinen, das ähnelt dem schon etwas. Am Gaumen finden wir erstmal eine sehr sanfte, zarte Textur, weich aber nicht schwer, ganz fein legt sich der Brand langsam über Zunge und Mund. Da explodiert nichts, da brennt nichts, ein wirklich ganz, ganz sanftes Mundgefühl. Die Aromen bilden sich als Geschmack ab, mit viel Vogelbeer und herber Kirsche. Erst spät entsteht Wärme, auch hier ganz vorsichtig, ohne jede Attacke oder Schärfe. Gegen Ende kommen grüne Aromen, eher blattig als kräuterig, hervor, und die gefundene Blumigkeit kommt nun auch mit unterschwelliger Geranie und Rose vor. Mittellang im Abgang, mit darüber hinaus ausdauerndem Nachhall.
Überraschend in seiner Zartheit und Sanftmut ist das Steinweichsel-Kirschwasser ein wirklich zurückhaltender Vertreter seiner Kategorie. Das muss man mit einer daran angepassten Vorsicht trinken und genießen, dann erschließt sich der Brand aber schnell und bezaubert auf Dauer!
Die nächste Kirsche ist die Eggener Schwarzkirsche. Aus ihr macht Dirker seinen Brand von Eggener Schwarzkirschen. Die Kirschen kommen aus dem namensgebenden oberen Eggenertal im Schwarzwald. Nach dem Brennen lagert der Brand zwei Jahre in 50-Liter-Glasballons und wird auf 40% Alkoholgehalt eingestellt.
Auch hier natürlich kein Farbton oder Fehler, die Öligkeit ist vielleicht noch etwas ausgeprägter. Eine Flüssigkeit, die sich richtig hübsch schwenkt. Für den Duft muss man sich ein bisschen anstrengen – da ahnt man mehr als man wirklich riecht. Ein Hauch von Kirsche, wirklich nur ein Hauch, das ist hier schon extrem zurückhaltend, da würde ich mir doch etwas mehr Expressivität wünschen. Ansonst fühlt sich der Brand „kalt“ in der Nase an, ein Ticken Eukalyptuseffekt vielleicht. Im Mund gibt es etwas mehr zu erleben, aber auch hier bleibt man im Bereich des Suchens. Das Mundgefühl ist extrem weich und schön fett, keine Schwere belastet die runde Textur. Schokoladig und süßlich wirkt das im Verlauf, eine dunkle Kirschennote expandiert über die Zeit, ohne wirklich künstlichfruchtig zu werden. Das liegt richtig gut im Mund, das muss ich sagen, und darum verzeihe ich auch die schmalere Aromatik. Der Abgang ist dann voll, mildwürzig, und plötzlich doch aromatisch lang mit grünen Anklängen – ein sehr interessanter Spannungsbogen, den dieser Obstbrand aufbaut.
Ich glaube, ich brauche viel Zeit, um mich damit emotional anzufreunden, ich mag meine Obstbrände doch etwas expressiver. Die unterschwelligen Schokokirsch-Noten haben aber schon ihren Reiz, man muss sich aber sicher darauf einlassen können.
Für das Rumholzfassgelagerte Kirschwasser hatte Dirker 2007 Rumfässer eingekauft und sie mit seinem Kirschwasser zweitbefüllt. Sieben Jahre Zeit wurde dem Destillat gegeben, bevor es dann aus dem Fass in die Flasche kam, mit ordentlichen 47,5% Alkoholgehalt (Fassstärke).
Das Fass hat schonmal schöne, aber nicht absurde Farbmengen an den Brand abgegeben, ein schönes, helles Ocker mit weißen Lichtreflexen. Dazu kommt eine ansprechende Öligkeit beim Schwenken. Der Duft ist wirklich hübsch und zeigt drei Aspekte wunderbar vermählt – als erstes kommt eine süße, fruchtige Kirsche, wie die auf der Torte, danach vanillige Noten aus dem Holzfass, und zu guter letzt so eine rumkugelige Seite, die die Fassvorbelegung ins Spiel bringt. Dabei bleibt alles helltönig und klar, teils fast schon grünholzig frisch: das Rumfass ergänzt die Aromatik, und lässt dem Kirschwasser weiterhin die Hauptrolle. Am Gaumen finden wir eine sehr runde, weiche, dennoch noch klare Textur, sehr sauber und mit richtig schönem Mundgefühl. Der Alkohol ist spürbar, dehnt sich sogar über den Verlauf noch aus, hat Kraft, aber keine Gewalt. Geschmacklich gehen hier die drei errochenen Aspekte ähnlich gut ineinander über, leicht karamellig, mit Honigtönen und Schwarzwälder Kirschtorte; der Nachhall ist lang und nun voller Jasmin und Pfingstrose, und etwas Geranie. Elegant, strukturiert und trotzdem trinkig, hier hat wirklich alles perfekt geklappt und ein richtig aromatisches, unterhaltsames Ergebnis entstehen lassen, das die Kirsche in einem ganz anderen Licht erstrahlen lässt.
Natürlich ist diese Art Obstbrand perfekt geeignet, um als Aperitif oder Digestif zu einem guten Essen genossen zu werden. Auch als reines Genussprodukt, bei dem man sich für eine ruhige halbe Stunde einen guten Brand ins Glas gießt und sich daran abarbeitet. Und im Cocktail zeigt so eine Qualitätsstufe natürlich auch ihre Stärken, zu beobachten beim Swiss Watch. Eine ordentliche Dosis des Dirkerschen Kirschwassers, dazu ein bisschen Bitter- und Kräuterunterstützung durch Suze und Chartreuse und etwas Frische durch Zitrone – aromatisch sehr unterhaltsam!
Swiss Watch 1oz / 30ml Kirschwasser 1oz / 30ml Suze 1oz / 30ml Chartreuse Jaune ⅔oz / 20ml Zitronensaft Auf Eis shaken. In einem Glas voll Eis und mit Zuckerrand servieren. [Rezept nach Peter Konkoly]
Die Edelbrennerei Dirker füllt alle Brände in eine Flasche mit eigener Form und ins Glas eingelassenem Logo ab, die Etiketten werden noch von Hand ausgeschnitten und aufgeklebt. Mir gefällt die Form der Flaschen sehr, das ist hübsch und praktisch. Sehr schön: sie können, wenn leergetrunken, zurückgegeben werden und man erhält dann direkt Geld ausbezahlt oder einen kleinen Rabatt für Folgekäufe. Das hilft dem Brenner bei der grundsätzlichen Flaschenknappheit und tut gleichzeitig was für die Umwelt.
Um zurückzukommen auf die Eingangsfrage – ja, die Unterschiede sind natürlich deutlichst spürbar, es ist wunderbar, mit welcher Feinheit Dirker diese in seinen Destillaten herausarbeitet und wiedergibt. Ich bin mit meiner eingekauften Trilogie dabei noch längst nicht am Ende der Kirschenfahnenstange bei ihm, nach der positiven Erfahrung stehen die Schwarze Mohrenkirsche, die Schwarze Wildkirsche, die Glaskirsche, die Morellenfeuerkirsche, die Traubenkirsche und weiter verarbeitete Sorten wie das Marzipan-Kirschwasser auf meiner Liste der „unbedingt noch zu probierenden Spirituosen“!
Die kleinen Antillen sind weiterhin so ein kleines Sehnsuchtsziel von mir. Ich habe Guadeloupe besucht, und das hat mich darin bestärkt, dass die anderen Inseln im Archipel sicher auch einen Besuch wert wären. Wäre da nicht meine extrem ausgeprägte Neigung zur Seekrankheit, würde ich das sogar mit dem Boot machen. Auf dem südlichen Teil der Route lägen dann Trinidad, Grenada, Barbados, Saint Lucia und Dominica – und so habe ich geschickt und unbemerkt einen weiten Bogen gespannt zu dem Bier, das ich heute vorstelle. Das Kehrwieder Dominica Double Dry Hopped Pale Ale stammt zwar nicht aus Dominica, zieht sich aber den Namen der Insel heran, um zusammen mit dem tropischfruchtigen Inhalt und dem fernwehweckenden Etikett auf sich aufmerksam zu machen. Unfiltriert, unpasteurisiert, mit den MalzenMaris Otter Pale Ale und Crystal sowie den Hopfensorten Mosaic, Citra, Callista, Simcoe, Cascade und Centennial ist es auf einen Alkoholgehalt von 4,7% eingestellt. Ahoi, Matrosen, ein Schluck in Ehren.
Das Eingießen dauert etwas länger als gewohnt – die extrem starke Schaumentwicklung sorgt dafür, dass man nur schlückchenweise das Bier ins Glas bekommt, immerhin gibt es kein Gushing. Der Schaum selbst ist großblasig, knistert laut und fällt, wie es bei derartigem Schaum oft ist, dann schnell in sich zusammen. Das Bier ist haselnussbraun, deutlich trüb (da nicht filtriert) und zeigt kräftiges Mousseux an der Bier-Schaum-Grenze.
Den Hopfen muss man, das wird im Pressetext auch angekündigt, nicht lange suchen: schon während des gemütlichen Eingießens kann man richtig viel davon mitnehmen. Tropische Frucht, unreife Ananas, Mango, Litschi und Passionsfrucht springen einem geradezu ins Gesicht, auch aus einem halben Meter Entfernung. Frisch, frech, sehr aromatisch. Eine leicht marmeladige Fruchtkonfitüre-Seite gibt süßes Volumen dazu. Ein Bier, das man gerne als Lufterfrischer im Auto hängen hätte!
Wenn soviel Hopfen in einem Bier ist, rechnet man erstmal mit knackiger Bittere, und da wird man auch hier nicht enttäuscht. Grapefruitzeste, Limette, Raddicchio, aber gleichzeitig abgefangen von kräftiger Fruchtsüße und einem stabilen, gut ausgewählten Malzunterbau, der nicht zulässt, dass das Bier kratzig wird. Eine dicke Textur wird durch schöne Frische aufgehellt, der leichte Alkoholgehalt passt sich sehr angenehm in die Grundstimmung eines trinkigen Sommerbieres ein. Der Abgang ist lang, extremst fruchtgetrieben, mit hier dann doch etwas kantigem Ende, doch in der Sommerhitze schadet so ein bisschen Gaumenkitzeln ja überhaupt nicht. Ein Bier, das Spaß macht!
Bei manchen Spirituosen muss man mehr Aufklärungsarbeit leisten als bei anderen. Jeder kennt Captain Morgan Original Spiced Gold, ein Produkt, das in jedem Supermarkt und in jeder Tankstelle zu bekommen ist, für rund 10€, in flashiger Piratenaufmachung und mit vielen Marketinggimmicks wie Flaschen in Fassform, Varianten mit Kürbisgeschmack und so weiter. Ich selbst mag das ja auf eine irre Art und Weise, nicht, weil ich mir einbilden würde, das wäre richtig toll und super, sondern weil ich ein Faible für übertriebenen Piratenkitsch habe, solange er mit einer gewissen Selbstironie gemacht ist und damit nicht versucht, eine besondere Herkunft zu simulieren. Und übertriebene Piraten, das kann keiner besser als Captain Morgan, da muss sogar Johnny Depp hintanstehen.
Das bedeutet aber nicht, dass alle Produkte des jamaikanischen Herstellers immer auch in diese Kategorie des Spiced Rum (rechtlich eigentlich ja „Spirituose auf Rumbasis“) fallen müssen, oder automatisch minderwertig sind. Unter demselben Label finden sich auch Rums, die nicht gesüßt oder aromatisiert sind – wie der Captain Morgan Dark Rum. Laut Hersteller wird dieser Rum mindestens 2 Jahre lang in stark ausgebrannten Eichenfässern gelagert und hat daher seinen Namen und seine Farbe. Natürlich habe ich, misstrauisch wie ich bin, den Zusatzgehalt per Aräometer gemessen, und komme auf dann doch erstaunliche 0g/L, und da es doch Cocktails gibt, die explizit nach einem „dark rum“ verlangen, sollte man nicht grundsätzlich abgeneigt sein, so einen Rum in seiner Heimbar zu haben – aber eigentlich nur, wenn er neben der Farbe und dem aufregenden Etikett voller Testosteron auch sensorisch was kann. Wie schlägt er sich im Glas?
Bei der Farbe wurde trotz der stark ausgebrannten Fässer dann doch noch etwas mit Zuckerkulör nachgeholfen, dies ist auf dem Rücketikett klar deklariert (wobei ich mit „etwas“ wahrscheinlich untertreibe). Ich würde sie unabhängig davon als gebrannte Siena oder Mahagoni beschreiben, mit orangefarbenen Lichtreflexen, jedenfalls offensichtlich viel dunkler, als dies natürlich passieren würde. Leicht ölig schwenkt sich der Rum, hinterlässt eine Filmkante, aus der sich Beine in dicken Tropfen bilden.
Die Nase ist schon einigermaßen typisch für Jamaica, jedoch definitiv mit einem eigenen Twist – da ist viel überreife Frucht drin, dazu eine klare Kaffeenote und auch etwas, was man gerne als Bleistiftspitzerreste beschreibt, diese Mischung aus Holz und Graphit. Verbrannter Zucker, röstiges Karamell, einen Ticken von Nuss. Lässt man den Rum etwas stehen und schnuppert tief, findet man dann auch Reste von Ethanol. Grundsätzlich gefällt mir das in der Gesamtheit, ich bin schonmal überrascht, und das freudig.
Im Mund ist dann doch erstmal eine gewisse Ernüchterung spürbar, der Captain Morgan Dark wirkt direkt etwas flach und dünn, weist kaum etwas von dieser Komplexität auf, die die Nase anbot. Später verbessert sich der Eindruch – eine natürliche Süße gibt etwas Volumen und Körper, die röstigen, ledrigen und nussig-holzigen Noten kommen im Verlauf wieder etwas zum Vorschein. Beim Antrunk wirkt der Rum noch sehr weich und voll, etwas später, und ganz besonders im Abgang, entsteht etwas Feuer und würzige Chili, und beinahe iodische Medizinaliät mit milden Sojasaucentönen und etwas Salzigkeit. Der Kaffee ist durchgängig da, und bietet dann im mittellangen Nachhall, zusammen mit der herben Trockenheit, noch etwas Gaumenkitzel, den 40% Alkoholgehalt angemessen. Holzig, würzig, und aromatisch zumindest interessant, schade, dass der Körper nicht ganz mithalten kann.
Nun, das ist ein durchaus trinkbarer Rum, mit den aufgezählten Einschränkungen. Natürlich kann der erfahrene Rumfreund damit pur nur wenig anfangen, aber ich habe schon sehr viel langweiligere und/oder unanspruchsvollere Rums einfach so getrunken, da möchte ich den Captain Morgan Dark eigentlich sogar vor sehr viele andere Produkte stellen. Letztlich ist er ein Mixrum, und gerade für die auf dem Etikett empfohlene Rum-Cola macht er sich dann wirklich verdammt gut.
In Matt Pietrek’s Buch „Minimalist Tiki“ finden sich so einige Rezepte, die klangvolle Namen tragen – und Jason Alexander hat offensichtlich ein Faible für H.P. Lovecraft, dem Autor von Gruselgeschichten. Zu Tiki passt es ja irgendwie, denn die dunklen Götter, die Lovecraft beschreibt, wohnen teils schlafend unter dem Meer. Der Port of Innsmouth greift eine der Geschichten, „Schatten über Innsmouth“ auf, die ich jedem Leser meines Blogs als Einstieg in die faszinierende Welt des Cthulhu-Mythos ans Herz lege. Und da es um Fischmenschen geht, schien mir die Wahl meiner Tiki-Mug nur selbstverständlich.
Port of Innsmouth 2oz / 60ml gereifter, „dark“ Rum ½oz / 15ml Orangenlikör ½oz / 15ml Don’s Spices No. 2 (halb-halb Vanillesirup und Allspice-Likör) ½oz / 15ml Zimtsirup 1oz / 30ml Limettensaft 2 Spritzer Aromatic Bitters Auf Eis blenden. Mit crushed ice toppen. [Rezept nach Jason Alexander]
Was das ganze natürlich noch etwas heraushebt, ist das Preisleistungsverhältnis – ich habe lächerliche 9€ im Angebot bezahlt, da muss ich nicht drüber nachdenken, dass das für die gebotene Leistung ein irre guter Preis ist. Wie gesagt, ich behaupte nicht, dass das ein grandioser Purtrinkerrum für den Highend-Nerd ist, ganz sicher nicht, aber wer sonst im üblichen Havana Club oder ähnliche Gewichte zuhause hat, kann hier ohne Bedenken zuschlagen und sich eine doch sehr andere Geschmacksrichtung an Rum in die kleine Hausbar holen, einen Brand, mit dem man auch als nichtambitionierter Heimbartender richtig viele unterschiedliche Dinge anfangen kann. Und, das wiederhole ich gerne, er macht eine wirklich echt gute Rum-Cola.
Eine kleine Sommerreise nach Ungarn, da hätte ich wissen sollen, was passiert – die Sonne brannte unerbittlich, 35°C eigentlich durchgängig, in Budapest heizt sich das extra auf, weil die alte Architektur rein aus Beton besteht und in Pest nur wenig Platz für Grün lässt. In Buda, da sieht das anders aus, das ist viel bewohnerfreundlicher gestaltet. „Es gibt die Budapester, die in Buda wohnen, und die, die in Buda wohnen wollen“, schmunzelt mein guter Freund und Kollege Kristian Kielmayer, den ich dort kurz treffen konnte, und ich verstehe das. Der weitgereiste Wein-, Kaffee-, Spirituosen- (und inzwischen auch Bier-)experte empfahl mir eine Brauerei, vor der wir uns kurz in die Sonne auf ein Bier setzten, und das war eine gute Idee – von dort bringe ich das Rizmajer Cortez, Popcorn und Rumos szilvás nach Deutschland mit zurück und stelle es euch heute vor!
Wie immer trinken wir von links nach rechts und fangen damit beim Cortez Kukorica Sör an, gemacht aus Maisgrieß, das mit 5,5% Alkoholgehalt und milden 11 IBU abgefüllt ist. Dazu klar, nicht kristallen, aber beinahe, mit einer gelbgoldenen Farbe, die beinahe ins Bernstein übergeht. Die Perlage ist hübsch und speist den feinen Schaum, der dünn aber ausdauernd das Bier besiedelt.
Eine aromatische Nase begrüßt uns, getreidig und leicht rostig-metallisch, sehr fein und edelherb, bierig und frisch. Milder Hopfen, eher Bitter- als Aromahopfen, auf einer schönen Getreidebasis – nicht aufregend, aber anregend!Richtig gut liegt das Bier am Gaumen: hier hat man eine perfekte Balance zwischen voller Textur und knackiger Rezenz getroffen, Süße und Säure sind in nahezu idealem Spiel zueinander, eine angenehme Herbe klickt am Gaumen. Der Mais als solcher ist nicht wirklich schmeckbar, gibt vielleicht etwas mehr Süße und Rundheit ins Getränk, als das einfache Gerste tun würde. Der Abgang ist kurz, frisch, blüht mit leichter Floralität noch auf, bevor das Bier ein rundes Mundgefühl hinterlässt.
Gut gekühlt, frisch aus dem Kühlschrank – wow, das ist das perfekte Bier für einen heißen Sommertag. Im Moment haben wir 32°C in Saarbrücken, das erinnert an die Tage in Budapest, wo es noch wärmer war. Das Cortez würde, wäre es leichter zu bekommen, ein echtes Go-To-Bier für solche Wetter.
Wir bleiben beim Maisgrieß, legen aber eine Schippe drauf. Das Popcorn Double Corn IPA ist natürlich ein anderer Stil, dazu passend hat es 6,5% Alkoholgehalt, und man betont auf dem Etikett die Malze: Pilsner, Kristall, Karamell. Entsprechend wirkt es sehr dunkel, fast schon Mahagoniholz, dabei kristallklar, mit rubinroten Lichtreflexen und mit einem schön kontrastreichen, eierschalenfarbenen Schaum versehen, der sich eine ganze Weile auf dem Bier hält.
Ein klassischer Duft entströmt dem Bier, getreidelastig, mit angenehm frischer Hopfennote, ohne dass der Aromahopfen das Bier dominiert. Gut malzig, voll und rund, minimalst rostig, mit einem Touch von Röstaromen, die gleichwertig zur Hopfenfrucht stehen. Wirklich ein schöner Duft! Eine volle, weiche Textur legt sich an den Gaumen, kauig und fluffig. Die Süßsauer-Balance ist wunderbar getroffen, da bietet sich sowohl Aromenbett als auch Rezenz in jedem Schluck. Die Röstaromen kommen hier stärker in den Vordergrund, lassen aber dem Hopfen noch genug Raum, um ohne jede Diskussion als kräftiges IPA durchgehen zu können. Würzig, mildsalzig, ein bisschen umami – da hat man wirklich ordentlich was im Mund, das macht Spaß und erfrischt. Angenehme Komplexität zeigt sich, und ein trockener, malziger Abgang, der lange vorhält. Das trinkt sich grandios und unterhaltsam!
Zuletzt ein kleiner Ausreißer, weil wir hier eine Art Fruchtbier vor uns haben. Das Rumos szilvás Fruit Lager wird aber mit Bier, Pflaumensaftkonzentrat und Rumaroma hergestellt und deswegen auch (nur leidlich deutlich) als Biermischgetränk deklariert. Es hat schließlich 4,3% Alkoholgehalt und 10 IBU. Irgendwo zwischen Rubinrot und einem Himbeerrot steht das Bier im Glas, man weiß spätestens hier, dass es sich nicht um ein klassisches Bier handelt – was die Krieks für die Belgier, das ist das Pflaumenbier für die Ungarn. Der Schaum ist auch leicht rötlich gefärbt, er ist feinperlig und wird ununterbrochen gefüttert durch die extrem aktive, extrem feine Perlage.
Ganz klar und deutlich ist die Pflaume in der Nase vorhanden, richtig natürlich und edel. Darunter findet sich eine würzig-herbe Getreidebasis, aber die Frucht dominiert klar, Rum ist allerdings nicht zu riechen. Man muss bei so einem Gebräu auch keine großartige Komplexität erwarten – mir gefällt die Einfachheit, weil sie natürlich scheint. Im Mund macht sich dann aber doch etwas Ernüchterung breit, eine starke Süße taucht direkt schon beim Antrunk auf, etwas, was ich bei Bier und auch Biermischgetränken überhaupt nicht mag. Sie legt sich auf den Gaumen, und verhindert, dass man die Rumpflaume, die auch hier deutlichst vorhanden ist, wirklich wertschätzen kann, ebensowenig, wie die Bierbasis. Die Rezenz leidet auch darunter, wenn sie auch durch Säure und Karbonisierung grundsätzlich da ist. Geschmacklich hat man auch ein etwas unausgegorenes Gesamtbild, das unentschlossen wirkt, und schnell wieder verschwunden ist. Da habe ich schon sehr viel spannendere ungarische Pflaumenbiere im Glas gehabt.
2 von 3, ein sehr gutes Trefferbild, finde ich; vor allem, da ich in Ungarn noch ein paar weitere Sorten dieser Brauerei probiert hatte und alle eher überdurchschnittlich abschnitten, und, das muss ich sofort nochmal betonen, trinkt sich das Zeug wie gesagt echt süffig, wenn man bei 35°C mit einem guten Kumpel im Freien vor einer der Rizmajer-Kneipen sitzt und die ungarische Sonne dazu genießt.
Man ist ja doch viel gewohnt, was Hintergrundgeschichten um ein Produkt angeht. Es gibt die Art von Hersteller, die damit ein mäßig spannendes Destillat durch Anregung der Fantasie auf anderen Ebenen aufwerten und besser verkaufbar machen wollen (etwas, was zwar gut funktioniert, aber meines Erachtens den Kunden nicht wertschätzt); und es gibt die, bei denen man irgendwie spürt, dass in der erzählten Geschichte Herzblut und Kreativität steckt. Bei allem, was ich bisher als Flasche in der Hand hatte, habe ich aber nur selten eine derart elaborierte Struktur gesehen wie beim Heaven & Hell Gold 47 London Dry Gin.
„47 divine tears fell from the mountain tops onto the fertile soil, sprouting 21 burning, fiery and soothing medicinal plants. 21 fresh, sweet and pure, joined by fire, water, earth and soil. With the last tear of juniper berries, the elixir of life was born, united in a special divine intoxication.“
Das ist nur ein winziger Ausschnitt aus der langen Schöpfungsgeschichte dieses Gins, man spürt fast den religiösen Touch, den man hier mitgeben will. Man balanciert hier natürlich drastisch hart auf einer Rasierklinge zwischen akzeptablem Pathos und albernem Kitsch, und jeder Kunde muss selbst entscheiden, auf welche Seite man fallen will. Ich werde den Gin aus Slowenien mal rein sensorisch anschauen und dann für mich persönlich eine Wahl treffen. Dass er mit 47% Alkoholgehalt abgefüllt ist, bewegt ihn schonmal sicher in die positive Richtung, ebenso dass der London-Dry-Gin-Deklaration gemäß kein Zucker beigesetzt wird. Dass auch 47 Botanicals eingesetzt wurden und man den Gin 47 Tage inert ruhen ließ, macht die magische Numerologie irgendwie rund. Ein paar der Botanicals, insbesondere Ringelblumen, Gänseblümchen, Schmetterlingserbse, Schafgarbe, Brennnessel und Hopfen finde ich durchaus exotisch und spannend, mal schauen, was sie im himmlisch-höllischen Konzert zusammen erreichen!
Die „Reifung“ von 37 Tagen hat jedenfalls keine optische Veränderung gebracht, es handelt sich nicht um eine Holzfassreifung, die wir bei Gin inzwischen ja auch schon ab und zu gesehen haben. Eine leichte Viskosität mit schönem Film am Glas gefällt beim Schwenken.
Der Gin ist durchaus intensiv für die Nase: man riecht ihn beim Eingießen und auf einige Zentimeter Entfernung, muss gar nicht tief ins Glas schnuppern. Tut man das doch, findet man ein wirklich komplexes Bild, das mit unterschiedlichen Aspekten aufwartet; hier beginnt man langsam zu spüren, dass die Hintergrundgeschichte glaubhafter wird, denn die vielen Botanicals bauen sich wirklich hübsch zusammen. Süßbittere Aromen überwiegen zunächst, doch fruchtigflorale Seitentöne wirken effektiv. Man ahnt etwas Anis heraus, der nicht in der Botanicalsliste auftaucht, Wermutkraut ist sehr präsent. Die Dichte der Aromen lässt mit Offenstehzeit etwas nach. Den Wacholder muss man etwas suchen unter all den Eindrücken, er könnte für meinen klassischen Gingeschmack sehr viel ausgeprägter sein.
Am Gaumen findet man ihn viel deutlicher und schneller, aber auch hier zeigt sich der Heaven & Hell Gold 47 ausgesprochen vielschichtig und schillernd. Die Textur ist rund aber nicht gemütlich, mit angenehmer Feuerkante versehen, die die Zungenspitze zum Prickeln bringt, das Mundgefühl bleibt vom Antrunk bis zum Abgang voll und dicht, mit einer schönen grundliegenden Süße, die sich nicht aufdrängt. Aromatisch hat man hier so einiges zu entdecken, die kräuterig-herben Geschmäcker dominieren, Ingwer und Zitronengras sind die offensichtlichsten. Man hat klar das Gefühl, dass hier viele Zutaten zusammenspielen, es macht Spaß, hier ein bisschen die Gedanken schweifen zu lassen. Im Abgang kommt milde Bittere auf, ein Hauch von Salzigkeit, alles gut eingebunden ins Gesamte. Rund, aromatisch interessant und strukturell sauber gemacht.
Ich habe wirklich nichts zu meckern, ein sehr schöner Gin, der seine großmundigen Versprechungen und die opulente Marketingstory tatsächlich am Ende doch mit intrinsischen Qualitäten unterlegen kann. Das ist was, was man durchaus pur in ein paar ruhigen Minuten genießen kann und bestens unterhalten wird – im Mixdrink genauso.
Für diese Art von Gin mit ihrem vollem Aromenprofil ist ein Tiki-Drink sicherlich eine sehr gute Wahl. Der Heaven & Hell Gold 47 macht sich beispielsweise im Scuttle Cocktail dann auch wirklich gut, er drängt sich nicht nach vorne und sorgt zusammen mit den anderen saftigen Zutaten eher für ein tiefes, rundes Gefühl. So sollte ein Tiki-Cocktail auch sein, und das Ergebnis überzeugt mich.
Scuttle Cocktail 8 Blätter Minze im Shaker muddeln. 2oz / 60ml Dry Gin ½oz / 15ml Ingwerlikör 2oz / 60ml Grapefruitsaft ½oz / 15ml Ananassaft ¼oz / 7ml Cream of Coconut 1 Spritzer Angostura Bitters 1 Prise Salz Auf Eis shaken. Doppelt abseihen. [Rezept nach Michael Richardson]
Ich mag es eigentlich lieber, wenn Spirituosen in klaren Flaschen abgefüllt sind, doch bei einer transparenten wie einem Gin habe ich natürlich nichts dagegen, wenn das optisch aufgewertet wird: die Vollfolierung in mattem Schwarz macht was her und fühlt sich haptisch gut an, dazu kommt ein aufwändiges goldfarbenes Etikett, das die religiösen Motive der Hintergrundgeschichte aufgreift. Ein Schraubverschluss ist dagegen eine klare praktische Entscheidung, die ich unterstütze.
Soviele Produkte aus Slowenien hatte ich noch nicht im Glas, um ehrlich zu sein, ist es wahrscheinlich das erste. Meine Landkarte wächst also, und man kann dort wirklich zufrieden sein, wenn ein so schöner Gin das ist, was einem beim Gedanken an Slowenien in den Kopf kommt.
Es gibt gewisse Biermischgetränke, die ich sehr mag. Schöfferhofer Grapefruit beispielsweise, das ist ein echt guter Durstlöscher. Oder manche Mixery-Produkte, hin und wieder ist so eine Mischung aus bitterer Bierbasis und fruchtiger Aromatik einfach nett. Anspruchlos und unkompliziert zu trinken. „Partymix“ steht auch auf dem Etikett der Härtsfelder Goiß, einem Getränk mit ähnlicher Zielgruppe. Als ich das Sechsertragerl neulich im Supermarkt bei einem Besuch meiner Eltern gesehen hatte, habe ich zugeschlagen, weil ich regional-lokale Produkte einfach unterstützen will. Hier haben wir ein Mischgetränk aus 50% Bier und 50% Cola-Kirsch-Limonade, das am Ende 2,3% Alkoholgehalt hat. Die Zutatenliste spiegelt noch die Limonade wieder, mit Zucker, E150c, natürliches Aroma, Säuerungsmittel Phosphorsäure und Aroma Koffein, bei solchen Mischgetränken bin ich da entspannter als bei normalem Bier. Wir wollen ja nicht meckern, sondern die Ziege probieren!
Auf den ersten Blick Schwarz, im Gegenlicht offenbart sich eine hübsche Rubinröte – das gefällt, allerdings nicht, dass praktisch kein Schaum da ist. Beim Eingießen bildet sich für ein paar Sekunden etwas, aber in der Zeit, in der ich das Foto knipsen wollte, war er schon wieder weg.
Der Geruch ist klar von der Kirschcola dominiert, sowohl die (etwas künstliche) Kirsche als auch das Cola sind klar vorhanden. Bier sucht man dagegen vergebens, vielleicht ein Hauch von Würze, aber das könnte ich mir auch einbilden.
Der Antrunk ist erfreulich süßsäuerlich, hier nun mit allen drei Aspekten der Mixtur, sogar das Bier scheint nun durch; doch schon kurz danach schlägt der Zucker zu und vernichtet alles an Charme, was für ein paar Momente da war. Und zwar so richtig drastisch – da bleibt nur billige Colakirsche übrig, nichtmal gute. Der Effekt ist um so schlimmer, weil man eben diese ersten Momente des positiven Eindrucks hatte, und man ahnt, dass das viel besser gehen würde. Da ich auch bei Mischgetränken einen gewissen Anspruch habe, fällt die fertiggemischte Goiß bei mir durch – das ist aber ein Getränk, das man sich auch gut selbst und leicht mixen kann, mit etwas mehr Bier und einer besseren Cola, und einem Schuss Kirschlikör.
Geheimnisse! Sie sind heutzutage immer seltener geworden. Ich erinnere mich noch an die Zeit, in der jedes Detail aufwändig zu recherchieren war, viele Informationen nur aus erster Hand zu bekommen waren und man erstmal die Experten kennenlernen musste, um überhaupt etwas zu lernen; darüber habe ich mich auch in einem interessanten Gespräch mit Jürgen Deibel auf unserer gemeinsamen Chinareise angeregt unterhalten. Einer der Gründe, warum ich meinen Blog überhaupt begonnen hatte, war es, aufzuklären und ein paar der Geheimnisse zu lüften, insbesondere für die Leserschaft aus Deutschland, für die es doppelt schwer war. Diese Zeiten sind vorbei, einerseits finde ich das gut, denn der, der heute in Spirituosen einsteigen will, hat es ungleich leichter und kann sich auf eine Vielzahl von Informationen stürzen, soviel, dass man inzwischen den Überblick verliert und erstmal herausfinden muss, was gute und was schlechte Datenquellen sind. Andererseits empfinde ich auch etwas Nostalgie zurück auf die Zeit, in der man voller Entdeckergeist nach Indiana-Jones-Manier unterwegs war. Ich denke, beides hat 2024 noch Berechtigung.
Insofern ist es nur ein kleineres Problem, wenn auf einer Spirituosenflasche aktuell „secret distillery“ steht. Der Grund ist klar, Brennereien wollen nicht unbedingt sofort mit einem Produkt in Zusammenhang gebracht werden, über das sie nicht direkte Kontrolle haben. Im Fall der vorliegenden Marke handelt es sich um frische Brände der Brennereien Hampden und Worthy Park, dazu benötigt es nur Minuten der Internetrecherche. Der unabhängige Abfüller Wagemut (ich denke einfach mal, Nicolas Kröger persönlich) kauft für den Wagemut The Spirit Traveller 01 Jamaican Rum dort Melassedestillate ein, gebrannt in einer Potstill, und verarbeitet sie selbst weiter, in diesem Fall landet alles für 17 Monate in Norddeutschland in first-fill-Rotweinfässern aus französischer Eiche, die zuvor Hillinger–Zweigelt enthalten hatten. Zwischen März 2023 und August 2024 entspannt sich die Befüllung, wird dann limitiert auf 1347 Flaschen gezogen. Abgefüllt in Fassstärke (64,3%), ohne Zuckerbeigabe, Färbung oder Filtration: das sind Fakten, wie ich sie mag. „>1200gr/HLPA Ester“ ist eine Angabe, die dem Kenner gefällt, auch dies sind Dinge, die man vor 10 Jahren nur mit Mühe erfahren hätte, heute gehören sie zum guten Ton in der Branche. Genug der Nostalgie und Details, hinein ins Glas.
Die Farbe ist durchaus erstmal ungewöhnlich und zeigt den klaren Einfluss der Rotweinfässer. Ein helles Rostbraun, mit klarer Tendenz zum Orange, insbesondere im Gegenlicht, hin und wieder auch mit Ähnlichkeit zu einem Rosé. Die Spirituose bewegt sich leicht und lebendig im Glas und hinterlässt dabei deutliche Beinchen.
Die theoretisch hohe Esterzahl des The Spirit Traveller 01 bestätigt sich praktisch im Geruch. Die volle Fruchtattacke geht in die Nase, reife Banane, überreife Ananas, frische Mango. Darunter finde ich leicht laktische Noten, erinnernd etwas an milden Käse oder Joghurt. Kokosfleisch, ein Hauch von Ledrigkeit, etwas Kirsche, etwas Nelken. Insgesamt süßlich und feinaromatisch, gar nicht so wild, wie man das von manchen Produkten dieses Stils gewohnt ist; die kurze Fassreifung hat dem Destillat doch etwas den spitzen Zahn gezogen und es gerundet. Nur wenn man wirklich tief schnuppert, entdeckt man den leicht lackigen Ton, der der Fassstärke und der Jugendlichkeit geschuldet sind.
Beim Antrunk spürt man diesen seltsamen Effekt, den ich bei Spirituosen hin und wieder finde – so ein „körniges“, elektrisches Prickelgefühl, das sich sehr schwer in Worten beschreiben lässt, ganz entfernt irgendwie verwandt mit dem Effekt von Brausepulver oder Parakresse. Dazu passt die leichte, luftige Textur, die ohne jede Schwere daherkommt, und dafür sorgt, dass die natürliche, leicht süßholzige Süße nur unterschwellig wahrnehmbar ist. Das Mundgefühl wechselt nach dem initialen Effekt hin zum wohlig warmen, keine Hitze entsteht trotz des hohen Alkoholgehalts. Leicht kantig bleibt es, das bei dieser Art Rum kein Fehler, und der Brand verlässt uns mit einem eukalyptisch kühlen Hauch, der einige Minuten verbleibt und bis tief in die Speiseröhre wirkt.
Ja, hier spürt man den Einfluss der Fassauswahl. Die Ester sind vorhanden, aber gezähmt, die Vorbelegung macht sich in zusätzlicher Fruchtigkeit und leichter Herbe bemerkbar. Ich habe oft ein paar Schwierigkeiten mit superexpressiven Hochesterspirituosen, beim The Spirit Traveller 01 wird das ganze trinkig und einfacher gemacht, ohne an Charakter zu verlieren. Sehr hübsch, für meinen Geschmack dürfte noch ein bisschen Fasszeit dazu kommen, doch das ist ein persönlicher Wunsch.
Für den Legends of the Hidden Temple verlangt das Rezept nach zwei Sorten Rum; einer mit Hibiskus aromatisiert, was leicht zuhause selbst herstellbar ist, und ein leicht gereifter Jamaikaner, was mich natürlich sofort an den Spirit Traveller Jamaican Rum denken ließ. Gerade die Esterigkeit und freche Jugendlichkeit sorgen für ordentlich Kasalla in diesem Tiki-Cocktail; da spürt man was im Mund!
Legends of the Hidden Temple 1½oz / 45ml mit Hibiskus infundierter leicht gereifter Rum 1½oz / 45ml leicht gereifter Jamaica-Rum ¾oz / 23ml Falernum ¾oz / 23ml Orgeat 1¼oz / 37ml Limettensaft Auf Crushed Ice shaken. Dirty dump, mit weiterem Crushed ice toppen. ¾oz / 23ml „dark“ Rum floaten. [Rezept nach Brian Maxwell]
Ich lobe schonmal uneingeschränkt das Rücketikett, das klar lesbar alle Details, die den modernen Spirituosennerd interessieren, auflistet. Das Design hat auch was sehr angenehmes an sich, nicht überladen, und mit einer netten Selbstironie, in der sich der Kopf hinter der Abfüllung selbst unter einer Palme präsentiert. Die Flasche selbst ist passend dazu unaufgeregt und liegt in ihrer Schwere gut in der Hand.
Ohne es groß zu wissen, aber die Nummer „01“ auf dem Etikett deutet für mich auf Folgeabfüllungen hin, der sehr rührige Kröger hat diesbezüglich eine Energie, um die ich ihn ehrlich beneide. Spannend sind seine Experimente immer, und darum freue ich mich, was er als nächstes im Ärmel hat. Und mit den Details, die immer angibt, wird es immer weniger nötig sein, auf große Geheimnisentdeckung zu gehen. Was auch immer das bedeuten mag für die Zukunft.
Offenlegung: Ich danke Wagemut für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Rums.
Bier und China – das sind heutzutage zwei Welten. Erfahren konnten wir Juroren des Spirituosenwettbewerbs Spirits Selection by CMB, der gerade in Renhuai in Südwestchina stattgefunden hatte, das am eigenen Leib. Viele Europäer, und auch Lateinamerikaner, brauchen einfach ein frisches, kühles Bier, um sich vom Stress der Verkostung und der unglaublichen Hitze von durchgängig über 35°C in Guizhou zu erfrischen. Und darauf waren die chinesischen Gastgeber bei aller sonstiger Perfektion nicht so richtig vorbereitet: sehr mäßiges Lagerbier in Dosen, dazu ungekühlt, war oft die Hauptoption. Doch gottseidank hatte Renhuai Jiuduqing Cultural Tourism, die Tourismusorganisation der Region, ein Ass im Ärmel und präsentierte hier ihr eigenes besonderes Bier: Das 厚浪酱香黑啤(Postwave jiàngxiāng hēi pí), ein schlichter Name, der übersetzt einfach „dunkles Bier mit Soßenaroma“ bedeutet.
Es handelt sich dabei um ein mit Gersten- und Weizenmalz, Haferflocken und Hopfen gebrautes Oatmeal Stout mit 5,8% Alkoholgehalt, das, und das ist der Clou dabei, mit Soßenaroma-Baijiu aromatisiert wird – eine sehr besondere und erstmal ungewöhnlich klingende Idee, finde ich. Hergestellt wird es im Auftrag bei der italienisch-chinesischen Microbrewery Postwave Brewing 厚浪 in Shanghai (man erkennt dies unter anderem an den italienischen Nationalfarben am Rand des Kronkorkens, ein nettes Detail an der sonst so dunkel gehaltenen Präsentation). Schnell begriffen die lokalen Organisatoren, dass es gekühlt getrunken besser schmeckt, und entsprechend konnte man ab dann sicher jederzeit auf trinktemperiertes Qualitätsbier zugreifen.
Farblich passt der Name jedenfalls schon – beim Eingießen hat man kein Problem damit, das Bier als Stout zu erkennen. Espressofarben, blickdicht, mit einer gewissen leichten Viskosität und sich schön herausbildendem, cremafarbenem und superfeinem Schaum, der sich eine gewisse Zeit auch erhält.
In der Nase ist man direkt irgendwie fasziniert, denn hier treffen Welten aufeinander – da ist einerseits zunächst eine stark malzige Note, nach verbranntem Karamell, geröstetem Kaffee, einem Hauch Lakritz und einer dunklen Erdigkeit; dann ahnt man aber sofort auch den Soßenaromabaijiu durch, ohne dass dieser die Aromatik dominiert, mehr ein komplexer Beiton, der leichte Anflüge von Sojasauce (was sonst!), vergorener Frucht und Estern beisteuert. Aufgefrischt wird das Ganze durch einen Ticken zitroniger Helligkeit. Sehr komplex, sehr spannend und unterhaltsam.
Am Gaumen kommt das alles genauso an. Der Baijiu hat sogar initial die Hauptrolle, wird dann schnell im Verlauf von der schweren, kaffeeigen und röstigen Malzigkeit aufgerollt, die eine aparte Mischung aus herber Bittere und schwerer Süße mitbringt. Dazu kommen Kokosnussschale und grüne Banane. Das Bier bleibt dabei rezent und frisch. Eine volle, runde Textur füllt den Gaumen aus, weist aber auch eine ordentliche Säurekante auf – hier spricht das Bier alle Sinne an, denn man bekommt auch eine leichte Salzigkeit mit. Der Abgang ist mittellang, trocken und weiterhin getrieben von Röstaromen und einer dunklen Frische, so paradox das klingt.
Ein wirklich hervorragendes Bier, das in seiner Charakteristik überzeugt und sich dabei wirklich süffig und trinkig zeigt. Ideal für das Klima, aus dem es stammt, das muss ich sagen, und ein guter Repräsentant dafür, wie man Soßenaroma-Baijiu klug und dezent einsetzen kann, um ein wirklich besonderes Produkt zu schaffen. Wer sich für Baijiu interessiert und auch nur die kleinste Chance hat, an das 厚浪酱香黑啤 heranzukommen (die, wie ich weiß, hierzulande wirklich infinitesimal klein ist), muss es dringendst probieren!
Jedenfalls war es ein gerngesehener ständiger Begleiter bei unserem Trip, und auf dem Musikevent, das extra für Spirits Selection by CMB in Maotai organisiert wurde und auf dem neben uns noch rund 10000 chinesische Besucher Platz fanden, wurde es sogar mit einem opulenten Werbespot bedacht.
Das Bier war gegen Ende der Woche, in der sich 150 Juroren in dem Hotel aufhielten, dann doch irgendwann knapp. Ich bin mir sicher, dass sich irgendjemand in China die regionalen Statistiken für Bierkonsum anschaut, und eine extreme Spitze Anfang September 2024 feststellen wird. Ich gehe davon aus, dass wir mit unserer bierdurstigen Kehle die durchschnittliche Zahl um mindestens 25% erhöht haben. Nun, vielleicht führt das dazu, dass im nächsten Fünfjahresplan die Bierproduktion erhöht wird und beim nächsten Chinatrip gutes Bier kein Problem mehr darstellen wird! Danach können wir dann das ähnlich schwierige Thema „Kaffee“ noch angehen.
Vier Getreidesorten in der Maische, das ist durchaus nicht gewöhnlich, und sowas macht mich schon direkt gespannt: Gerste, Weizen, Hafer und Roggen werden für das Brouwerij Wilderen Kanunnik Tripel verwendet. Wer sich mit den Getreiden in Bieren auch nur auf unterster Ebene auseinandergesetzt hat, weiß direkt, dass jedes einen eigenen Aspekt ins Bier bringt: bei diesem Gebräu wird es also eher darum gehen, wie man die vier Aspekte miteinander integriert, und ob sie nachher auch noch erkennbar sind. „Edler“ Hopfen (so die Produktbeschreibung) kommt natürlich auch noch dazu, und als Krönung ein paar Gewürze, die aber nicht weiter spezifiziert werden. Da erwartet man durchaus etwas charaktervolles, oder?
„Blonde“ nennt es sich, geht aber schon fast ins Kupfer über. Die Naturtrübe verhindert nicht, dass man die extrem starke, kräftige und schnelle Perlage durchsieht. Entsprechend kräftig zischt es beim Eingießen, und der eher grobporige Schaum bleibt lange erhalten.
Die Nase ist getreidig und süßlich, ein deutlicher hopfenfruchtiger Einschlag wird mit einer gewissen Zuckerwattesüße aufgegriffen und zum Malz weitergeleitet. Das geht sogar teilweise ins leicht Parfümige über, ganz sicher aber sehr floral auf die zweite Nase, milde Lavendel-, Thymian- und Jasminnoten machen das Kanunnik ganz sicher etwas sehr angenehmes zum Schnuppern.
Auch im Mund bleibt dieser Eindruck bestehen, da ist diese sehr attraktive Mischung aus dezenter Hopfenfrucht mit sogar etwas Banane, blumig-aromatischen Kräutern und einer orangigen Zestigkeit, die die eingesetzte Getreidemischung nicht verdrängt. Die Textur ist kauig, mit schaumigem Mundgefühl (vielleicht vom Hafer?) , ohne dabei wirklich süß zu wirken, die Frische ist dauernd da und sorgt mit leicht astringierender, fast schon zitroniger Säure für wirklich schöne Rezenz mit feinem, frechem Zirpen auf der Zunge. Der Abgang ist dafür dann etwas trocken und rumpelt würzig im Rachen, hier zeigt sich vielleicht der Roggen, ohne dabei echt unangenehm zu werden: das hat Charakter, die 8,2% Alkoholgehalt arbeiten daran sicher auch mit.
Ein ideales Sommerbier, das muss ich sagen, die Frische ist toll, wenn man es gut gekühlt trinkt, hat man da was für den Sonntagnachmittag auf der Terrasse. Man muss nur aufpassen, das ist halt ein Tripel, das spürt man dann auch. Wie es halt sein soll bei gutem belgischen Bier: Genuss und Effekt ergänzen sich hier.