Im Glas ist der Zirben-Likör der Bergbrennerei Löwen satt Hennarot, mit vielen „Beinen“ beim Schwenken. Menthol, kerniges Kiefernharz und zitronig-bittere Grapefruitnoten beherrschen das Geruchsbild, mit leichtem duftigem floralem Hauch – äußerst ansprechend; etwas erinnert er an den Geruch von Campari, vielleicht sogar entfernt von gealtertem Tequila. Im Mund fühlt sich der Zirbenlikör (hergestellt aus den Zapfen der Zirbelkiefer) auch ähnlich an wie der bekannte italienische Bitteraperitif, aber leichter, frischer, nicht ganz so klebrig, dennoch süß, sehr cremig am Gaumen, mit leicht bitterem Nachgeschmack. Mit 25% ist der Alkohol nur zu erahnen, warm rinnt der Likör die Kehle hinunter und hinterlässt ein süßes Zuckeraroma im Mund.

Ja, das ist ein sehr angenehmes Getränk, ein leichter Likör, den man nach dem deftigen Essen als oder zum Dessert servieren kann, und den auch Leute mögen werden, die sonst mit einem Digestiv nichts anfangen können.
Ich kann ihn mir aber auch sehr gut als Ersatz für Campari oder Aperol in einem Cocktail oder Longdrink vorstellen – die Geschmacksbilder sind ähnlich, der Zirben-Likör ist nur etwas leichter und muss daher vielleicht stärker dosiert werden. Ganz toll funktioniert er zum Beispiel daher als Campari-Ersatz in einem Boulevardier; ich nenne diesen leichten, klaren, süßen und hellen Drink daher Pine Boulevardier.

Pine Boulevardier
1 oz „Löwen“ Zirben-Likör
1 oz Bourbon (ein leichter wäre angemessen, wie der Four Roses Yellow Label)
1 oz Süßer Wermut (eher der leichtere Martini Rosso als der schwere Antica Formula)
Die Flasche und das Etikett deuten auf zweckmäßige Herstellung in einem kleinen Betrieb hin, ohne großes Bohei oder Marketingtrara – unterstützenswert. Und da Mixologen sowieso immer auf der Suche nach neuen, ungewohnten, spannenden Zutaten für ebensolche Cocktails sind, möchte ich gerade diesen den Zirbenlikör ans Herz legen.












Doch irgendwann muss dann doch der erste Schluck erfolgen. Die Aromen verwundern nicht: Die Honignote ist da, etwas vanilliges, eine sehr zurückhaltende Würze, und, und das ist für mich das überraschendste dieses Whiskys, wechselt auch die in der Nase noch etwas störende Acetonnote in den Mund über und lässt sich in einem leicht mentholartigen Mundgefühl wiederfinden. Dort ist sie aber dann plötzlich gar nicht mehr so unangenehm – es ist etwas besonderes, das ich sonst bei noch keinem Whisky schmecken konnte. Manchen wird das aber zu alkoholisch-brennend schmecken, oder die Assoziation von leichtflüchtigem Fusel geben. Purtrinken? Hm, eher selten.
Die 6-jährige Variante dieses Whiskys ist, das muss man dann dazusagen, die niedrigste Qualitätsstufe dieser Marke. Eventuell die zwölfjährige Variante, den großen Bruder sozusagen, werde ich noch ausprobieren. Da bei kanadischem Whisky auch geschmacksgebende Zusatzstoffe erlaubt sind, zum Beispiel Zucker und künstliche Aromen, halte ich das aber eher für unwahrscheinlich – es gibt zuviele reinere Spirituosen, als dass ich meine Zeit mit Schnäpsen voller undeklarierter Zusatzstoffe vertun wollte.





