Fiesta Mexicana – Sparkle Donkey Tequila Reposado

Das Spirituosenbusiness ist ein traditionelles Business. Praktisch jeder größere Hersteller von Whiskey, Gin, Tequila und Rum beruft sich auf Jahrhunderte von Erfahrung, die innerhalb von Familien weitergegeben wird. Der Gründer der Firma wird als Fetisch auf der Flasche verewigt, oft erzählt ein Etikett dann noch eine salbungsvolle Anekdote über die Ursprünge, als der erste Schnaps vom Gründervater, hergestellt aus Früchten des eigenen Gartens, zum ersten Mal ins Fass gefüllt wurde.

Die Hersteller des Sparkle Donkey Tequila Reposado gehen noch einen Schritt weiter. Sie haben ein Video über den Ursprung ihres Tequilas gedreht, und eine sehenswerte eigene Internetseite dafür ins Leben gerufen. Eine uralte mexikanische Legende präkolumbianischen Ursprungs erzählt, wie ein Dorf, das wochenlang von der Tequilaversorgung abgeschnitten war, von einem glitzernden Esel mit Tequilafässern auf dem Rücken vor den schlimmen Folgen des Tequilaentzugs gerettet wurde. Zu Ehren dieses Esels, auf englisch „Sparkle Donkey“, oder wie er in Mexiko heißt, „el burro esparkalo“, wurde dieser Reposado-Tequila hergestellt.

sparkledonkey-flasche

Das ist natürlich alles eine Marketingmasche, und eine sehr gelungene. Genau über die sanktifzierte Pseudotradition moderner Spirituosen machen sich die Hersteller des Sparkle Donkey mit ihrer schrägen Geschichte lustig. Während die anderen Hersteller ihre eigenen, in den allermeisten Fällen von Werbeagenturen erfundenen Ursprungsgeschichten inzwischen scheinbar selbst glauben und bierernst nehmen, hat sich Sparkle Donkey absichtlich eine dermaßen spinnerte Historie zugeschrieben, dass man das neue Produkt einfach allein deswegen schon lieben muss. Schon das Etikett ist spektakulär – reflektierende Goldfarbe hebt den Schutzpatron des Tequila hervor. Eine sehr schöne, liebevoll gemachte Illustration.

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Die Hintergrundgeschichte und die Aufmachung ist ein Gag, der Tequila selbst ist durchaus ernst zu nehmen. Man kann die Nase tief ins Glas stecken und feste Luft holen, da ist nichtmal ein Ansatz von Ethanolfahne. Agave und etwas Erdnuss rieche ich da, Toffee und Schokolade. Es wird ein deutlich süßlicher Tequila sein, das ist hier schon klar.

Ja, das süße, milde Agavenaroma, das man gerochen hat, ist auch im Mund genauso mild, süß und fruchtig: Agave natürlich klar im Vordergrund, dann vielleicht Kirsche, schließlich Banane. Äußerst weich. Sehr rund, ölig und cremig. Etwas Alkoholbrennen ist auch da, das im Abgang stärker wird; die Erkennbarkeit von Alkohol in Spirituosen sollte nicht als Mangel gesehen werden, das gehört für mich zu einem guten Schnaps dazu. Nur die Weichen weichen davor zurück und trinken Likör.

Man schluckt die Flüssigkeit runter, und dann zwingt es einem ein Grinsen ins Gesicht: Zuckerwatte, Karamellbonbons, Kirmesherzen, Hubbabubba und Wrigleys Big Red, alles stürmt plötzlich auf einen ein. Die Mariachi-Band fängt an, La Cucaracha zu spielen und die Leute werfen die Sombreros in die Luft. Bei meinem Kaktus stellt sich der Schnurrbart hoch. Der glitzernde Esel fängt an zu tanzen. Sowas hat man als Tequilatrinker noch nicht erlebt. Fiesta! Ein wirklich außergewöhnlicher Abgang.

Für manche ist der Sparkle Donkey Tequila der Gewinner in einer Blindverkostung mit 18 Reposados, darunter viele sehr große Namen der Branche; für andere ein wahrscheinlich mit Geschmacksstoffen angereicherter Exot der Tequilawelt, den man nicht ernsthaft trinken kann. Ich bin, was heimliche Zusatzstoffe angeht, sehr empfindlich – und bei einem derart eigenen, süßen Geschmacksbild bin ich doppelt vorsichtig, sowas entsteht oft durch zugesetzte Aromen. Solange aber keine Beweise dafür vorliegen, gilt für mich für den Sparkle Donkey: Im Zweifel für den Angeklagten.

Folgen wir der Spur des Esels in die Welt der Cocktails. Ein Navajo Trail ist ein schöner Cocktail für den glitzernden Esel; gern würde ich ihm zu Ehren diesen Cocktail in Donkey Trail umbenennen.

Navajo Trail Cocktail


Navajo Trail
1½ oz Sparkle Donkey Tequila Reposado
¾ oz Triple Sec
¾ oz Cranberrysaft
½ oz Limettensaft
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Letztlich möchte ich diesen völlig, sowohl was die Aufmachung als auch den Geschmack angeht, aus der Reihe tanzenden Tequila jedem ans Herz legen, der gern süßliche Spirituosen trinkt, und ganz besonders jenen, die normalerweise mit Tequila vielleicht nicht so viel anfangen können. Ich glaube, ich werde mir den weißen Sparkle Donkey Tequila Blanco auch noch zulegen, der wohl nicht ganz so extrem zuckerwattig daherkommt – und ich hoffe, der burro esparkalo wird mir deswegen dann immer gewogen bleiben und verhindern, dass ich auch jemals unter Tequilamangel, diesem schlimmsten aller Gebrechen, leide!

Ein Bigfoot braucht ein starkes Bier – Sierra Nevada 2015 Bigfoot Barleywine Style Ale

Ein Bigfoot ist ein nordamerikanisches Fabelwesen, vergleichbar mit dem Yeti oder dem Monster von Loch Ness. Immer wieder wird ein Bigfoot in den USA oder in Kanada von eifrigen Forschern gesehen, oder Fußabdrücke gefunden; wie bei allen solchen Sichtungen in der Kryptozoologie wundert man sich als Außenstehender zusammen mit BPRD-Direktor Tom Manning, warum selbst in Zeiten von 20-Megapixel-Handykameras mit Bildstabilisator und Autofokus alle Beweisfotos immer verschwommen und alle Filmaufzeichnungen immer verwackelt, schwarzweiß und unscharf sind. Deshalb versuche ich, meine erste Sichtung eines Sierra Nevada 2015 Bigfoot Barleywine Style Ale in scharfen Fotos und klaren Worten zu beschreiben, auf dass die mir nachfolgenden Bierforscher nicht die Suche neu ganz von vorn beginnen müssen.

Das Etikett wie auch die Flasche sind im typischen Sierra-Nevada-Stil gehalten. Tatsächlich zeigt das Etikett ein paar Amateurforscher, wie sie den Fußabdrücken eines Bigfoots folgen. Ich fange vernünftigeres mit meiner Zeit an, und gieße den Barleywine ins Glas.

bigfoot-glas

Die Farbe des Bigfoot ist ein starkes Pariser Rot, vielleicht auch gebranntes Siena – auf jeden Fall schonmal begeisternd, und ein erster Anhaltspunkt, warum man diesen Ale-Stil „Barleywine“ nennt. Ein dicker, sämiger Schaum entsteht aus dem hohen Kohlensäuregehalt; dabei bleibt das Bier feinblasig und sorgt nicht für allzuviel Überdruck im Magen.

Der Geruch erinnert mich an Sherry oder Portwein (Anhaltspunkt 2), kaum an Bier, wie man es sonst kennt. Der Geschmack dann ist ultra-bitter, stärker als jedes IPA, das ich bisher getrunken habe. Salzig, würzig, bitterfruchtig, aggressiv, dunkelsüß. Das Bigfoot Ale sei ein „Beast of a beer“, steht auf Etikett – das kann ich nur bestätigen. Eine ungewohnte Aromenexplosion, die einen erstmal staunen lässt.

Wow. So ein Bier haben Sie garantiert noch nie getrunken (der Name passt also, denn genausowenig haben Sie sicher bisher einen Bigfoot gesehen). Mit 9,6% (Anhaltspunkt 3) sollte man aber auch vorsichtig damit sein, das steigt schnell in den Kopf. Es sollte nun klar sein: Barleywine, übersetzt „Gerstenwein“, ähnelt von seinen Charakteristika schon etwas einem dunklen Rotwein, daher auch der Name, auch wenn es natürlich klarerweise ein Bier ist. Scheinbar kannten schon die alten Griechen ein solches Gebräu; die moderne Form ist aber natürlich den dahingehend unglaublich experimentierfreudigen viktorianischen Ale-Brauern zu verdanken.

Wie bei vielen Ales ist auch bei Sierra Nevadas Biermonster die Haltbarkeit enorm – die Jahresangabe „2015“ auf dem Etikett deutet schon darauf hin, dass der kalifornische Hersteller ein Einlagern empfiehlt, um mit der Zeit und fortgesetzter Flaschenreifung das Ale immer besser werden zu lassen. Ich konnte das nicht abwarten und habe es im Abfüllungsjahr getrunken; eine zweite Flasche wird bald bestellt und dann in den Keller gelegt, um in drei, vier Jahren zu einem besonderen Anlass herausgekramt zu werden. Falls es meinen Blog bis dahin noch gibt, und das Bier nicht vom Bigfoot, der in meinem Keller manchmal herumwandert, weggetrunken wird, werde ich natürlich berichten, was die Lagerzeit mit einem Barleywine Ale so anstellt!

Sierra Nevada 2021 Bigfoot Barleywine Style Ale

Nachtrag 2021: Ich habe nun noch eine 2021er-Fassung des Bigfoot probiert. Gleicher Alkoholgehalt, gleiche Farbe, eine sehr fruchtige, immer noch etwas an Portwein erinnernde Nase, und auch der biestig-bittere Geschmack mit den Röstnoten und der leichten Salzigkeit ist geblieben. Man kann also auch heute noch zuschlagen bei diesem Bier!

Darauf einen Toast! Innis & Gunn Oak Aged Original und Toasted Oak IPA

Bier, ja, das kennt jeder. Bier ist in Deutschland allgegenwärtig. Doch selbst wenn man sich ausgiebig mit dem Gerstengebräu auseinandersetzt, so bietet die extrem weitgefasste Getränkekategorie „Bier“ immer wieder neue Überraschungen, mit denen man nicht gerechnet hat. Flaschenbier, Dosenbier, Fassbier – kennt man alles ja zur Genüge, doch auch wenn das schottische Innis & Gunn in einer Flasche zu erwerben ist, weist es doch in seiner Produktionsweise einen kleinen Twist auf: Es wird vor der Abfüllung in Holzfässern gereift.

Man kriegt auch als dauernd auf der Suche nach neuen interessanten Getränken befindlicher Rezensent eher selten ein solches Bier zu Gesicht; in einer Zeit, in der Bier im Allgemeinen nicht mehr in echten Holzfässern, sondern in Hektoliter-Stahltanks produziert und dann direkt in Glasflaschen oder Blechdosen abgefüllt wird, ist daher für mich ein holzgereiftes Bier paradoxerweise ein Novum – vielleicht aber auch nur des Kaisers neue Kleider in Bierform?

Innis & Gunn Original Oak Aged Beer Flasche

Ganz klar: Nein. Schön beim Eingießen des Innis & Gunn Original sieht man einen herrlich strahlenden, leuchtenden Grundton – dunkler Bernstein mit orangenen Reflexen. Optisch ungemein beeindruckend. Wenig Schaum und kaum Perlage zeigen, dass wir ein Ale vor uns haben.

Wer denkt, dass die Fassreifung nur ein Gimmick ist, wird spätestens beim Riechen am Bier eines besseren belehrt. Das riecht nach Bourbon, dass es eine wahre Freude ist. Vanille, Banane, Nelken. Sehr süßlich und faszinierend.

Innis & Gunn Oak Aged Beer Original Glas

Und würde ich es nicht besser wissen, ich hielte das Innis & Gunn Original auch geschmacklich für einen aufgesprudelten amerikanischen Whiskey. Da sind Eichenaromen, Vanille, Nelken, ein Hauch Obstkompott – war das Reifungsfass, in dem das Bier 77 Tage lag, ein Ex-Bourbon-Cask? Unterlegt wird das durch eine milde, zarte Malzigkeit. Nur wenige Hopfenaromen trauen sich an die Oberfläche. Mittlere Frische und zurückgenommene Rezenz sorgen für nur mäßigen Erfrischungsfaktor.

Der Abgang ist mir dann aber, passend dazu, doch etwas zu süß, er erinnert mich an belgische Biere wie das Leffe, die auch aromatisch höchstinteressant sind, im Nachtrunk aber zur Pappigkeit neigen. Dennoch ist das Fazit für mich persönlich als Whiskeyliebhaber klar: Spitze. Doch wer auf knackig-herbe, pilsartige Biere steht, wird mit dem schottischen Fassbier nicht glücklich werden, das kann ich versprechen.

Innis & Gunn Toasted Oak IPA FlascheAuch das Innis & Gunn Toasted Oak IPA startet mit einer wirklich ausgesprochen wunderschönen Farbe, strahlendes Gold. Nur sehr wenig Schaum und eine lange bestehende Feinperlage überzeugen – das erfreut das Herz des Biergenießers. Ein sehr feiner, edler Hopfengeruch mit leicht holzigen, malzigen Noten bezaubert mich.

Der erste Schluck dann: Fantastisch. Eine vordergründige, aber tiefe Süße, die man von einem IPA nicht erwartet, und die sich angenehmer anfühlt als die des Originals, legt sich auf die Zunge. Ein sehr mildes Bier, das aber, gut gekühlt, einen unglaublichen Erfrischungseffekt aufweisen kann. Es ist sensorisch klar ein IPA – aber eines der mildesten, die ich bisher getrunken habe. Vielleicht ist die aggressive Bitterkeit, die viele Craftbrauer inzwischen anstreben, hier nicht das einzige Ziel der schottischen Brauer gewesen? Sind es eventuell die 41 Tage Reifung in leicht „getoastetem“ Eichenholz, die das Bier so etwas mildern?

Innis & Gunn Toasted Oak IPA GlasIm Nachgang kommen dann Orangennoten und eine zurückhaltende Trockenheit zum Vorschein. Insgesamt ein wirklich durchdachtes, feines, rundes Geschmacksbild. Wie bei vielen Ales muss man es aber halbwegs zügig trinken; nach einer halben Stunde wird es etwas schal.

Jedenfalls ist das Innis & Gunn IPA ein perfektes Beispiel dafür, dass Bitterkeit nicht die einzige Qualität ist, die ein IPA über andere Biersorten hinaushebt, und ein Zeichen an andere Brauereien, dass „craft“ nicht nur „britisch-amerikanische Biersorte“ oder „viel Hopfen“ bedeutet, sondern auch alternative, besondere Herstellungs- und Reifungsarten beinhaltet.

Für viele ist Bier, wenn es als Cocktailzutat dienen soll, nur ein Ersatz für Sprudel oder Sekt. Dass Bier mehr liefern kann als nur ein bisschen Blubber zeigt der Double Barley Martini – schon die pure Verkostung deutete eine sensorische Nähe zu Whisky an, was kann dann bei einem solchen Cocktail schiefgehen? Nichts, wie sich zeigt. Es kommt nur zusammen, was offensichtlich zusammengehört – doppelte Gerste halt.

Double Barley Martini Cocktail


Double Barley Martini
1¾ oz Scotch Whisky (z.B. Bunnahabhain 12)
¾ oz Falernum (z.B. The Bitter Truth Golden Falernum)
¾ oz Limettensaft
1 Spritzer Orange Bitters
1 Spritzer Zuckersirup
½ Eiweiß
Alle Zutaten auf Eis gut shaken, und am Ende toppen mit…
1 oz Innis & Gunn Oak Aged
[Rezept nach Castrese Liccardo]


Die Flaschen sind sehr schön gestaltet, mit einem femininem Schwung und einer hübschen Taille, und einem tollen Etikett in türkisgrünen Kontrastfarben zur braunen Flasche und deren Inhalt beim IPA, in passenden Orange- und Rosttönen beim Original.

Zum Schluss noch zu den nackten Zahlen: 5,6% Alkoholgehalt beim IPA, üppige 6,6% gar beim Original, abgefüllt in 330ml-Dosierungen für rund 3€ mögen den einen oder anderen abschrecken. Wer sich aber für craftbeer im Allgemeinen und besondere, ungewöhnliche Biere im Speziellen mehr als oberflächlich interessiert, muss diese außergewöhnlichen Biere aus Edinburgh probieren.

Horrido! Auf die Pirsch! Teil 2: Truthahnjagd mit Wild Turkey Rare Breed Kentucky Straight Bourbon Whiskey

In Teil 1 der Jagdsaison haben wir bereits einen Hirsch gejagt – es wird Zeit für anderes Wildbret. Wie wäre es mit Geflügel? Ein gluckernder Truthahn wäre doch genau das richtige. Ein wilder Truthahn, von seltener Art, ein meleagris gallopavo raruskentuckus, oder, wie man ihn landläufig besser kennt:  Wild Turkey Rare Breed Kentucky Straight Bourbon Whiskey.

wildturkey-rarebreed-flascheDas Gefieder des wilden Truthahns glitzert am Jagdmorgen im Frühnebel in herrlichem Terracotta. Es ist aber schon ein gewichtiger Vogel, mit seinem barrel proof 112.8, also 56,4% Alkohol ganz klar einer, der eine dicke Suppe ergibt, und den man runterkühlen muss muss vor dem Genuss. Ein paar winzige Tropfen Wasser reichen dazu schon aus, um ihn auf 50%, was gute Trinkstärke ist, zu verdünnen und palatabler zu machen. Barrel proof bedeutet nicht automatisch auch single barrel – es handelt sich beim Wild Turkey um einen Blend aus drei verschiedenen Whiskeys.

Im Präparationsglas bezaubert das wilde Huhn dann mit recht bourbontypischen Aromen: Sehr vanillig, weich, mit praktisch keiner Lösungsmittelkomponente, und etwas Eiche. Ich liebe diesen Geruch.

wildturkeyrarebreed-imglasEin Whiskey, der in seiner Konsequenz manchen überraschen wird: Hochfruchtig, äußerst wuchtig, extrem süß sind die ersten Geschmackseindrücke; nachdem man die edle Flüssigkeit etwas im Mund herumgespült hat, schießt dann schnell etwas Eichenwürze nach. Von allem nur das beste, ohne einen Fehler im Muster. Das erinnert mich so gar nicht an einen bodenbewohnenden Vogel, das ist eines Seeadlers würdig.

Vanille ist die vordergründigste Komponente, ein schön cremiges Mundgefühl stellt sich ein, begleitet von einem leichten, sehr angenehmen Brennen, das für mich zu einer Spirituose einfach dazugehört. Ein Hauch von Lakritz ist mehr fühl- als schmeckbar. Gegen Ende dann die für Bourbon übliche gemüsige Karottennotte im Abgang. Die Amis haben so wunderbare Whiskeys, da wundert es mich, dass Vince Vaughn in der zweiten Staffel von „True Detective“ immer den langweiligen Johnnie Walker runterkippt.

Ich glaube nicht, dass es auf der Welt einen Bourbon gibt, der besser in einen Lion’s Tail passt. Die Charakterstik dieses Whiskeys schmiegt sich so unglaublich perfekt an das Allspice Dram und die Gesamtkomposition an, dass man glauben könnte, dieser Cocktail wäre nur für den Rare Breed geschaffen worden.

The Lion's Tail Cocktail


Lion’s Tail
2 oz Wild Turkey Rare Breed
½ oz Limettensaft
½ oz Allspice Dram (z.B. The Bitter Truth Pimento Dram)
¼ oz Zuckersirup
1 Spritzer Pfirsichbitter (z.B. von The Bitter Truth)


Am Ende muss noch kurz die Flasche und die Dose angesprochen werden, in der der Wild Turkey daherkommt. Eine auf den ersten Blick etwas unförmige Tropfenflasche, die ich umso lieber gewinne, je öfter ich sie anschaue. Das Etikettenredesign ist für meinen Geschmack ein Schritt in die falsche Richtung; mir hat das alte, verschnörkeltere, verspieltere besser gefallen als das neue, langweilige, strengere. Ein sehr sehenswerter Flaschenstöpsel krönt die Flasche. Die Geschenkdose, in der die Flasche kommt, ist auf jeden Fall ein glitzerndes Highlight: Eine schöne Trophäe, an der man sich erfreuen kann, wenn der Vogel längst verspeist ist.

wildturkey-rarebreed-stopperEs gab früher schon andere Versionen des Gockels, die von Fans sehr geliebt wurden; manchmal bedauere ich, so spät ins Spirituosengeschäft eingestiegen zu sein, wenn selbst ein so wirklich ausgesprochen wunderbarer Whiskey wie dieser als vergleichsweise minderwertig zu seinem Vorgänger angesehen wird. Vielleicht ist das alles aber auch nur Jägerlatein und der Blick durch die rosarote Brille; vom heutigen Jagdhochstand aus sieht für manchen melancholischen Nostalgiker alles flacher und schlechter aus als früher, als noch die wahren Jagdobjekte vor der Flinte herumtanzten.

Für eine Weile bin ich gesättigt. Doch das heißt nicht, dass die Jagd nicht weitergeht. Fürs nächste Shootout mit wildem Getier habe ich mir eine größere Beute ausgesucht, für die der Henrystutzen im Sattelhalfter bleibt und statt dessen der Bärentöter rausgeholt werden muss. Bis dahin: Waidmannsheil!

Märchen aus Tausendundeiner durchzechten Nacht – Butlers 1001 Cocktails

»O meine Schwester! wenn du nicht schläfst, so erzähle uns von deinen schönen Geschichten, daß wir die Nacht dabei durchwachen, vor Tagesanbruch will ich dir dann Lebewohl sagen, denn ich weiß ja nicht, wie es morgen mit dir enden wird.« Schehersad fragte den Sultan um Erlaubnis, und als er diese erteilte, ward sie hocherfreut und begann…

Wenn der Sultan aus Tausendundeiner Nacht nun aber gern statt Geschichten jeden Abend einen neuen Drink gehabt hätte, wäre Schehersad schön aufgeschmissen gewesen. Doch für Leute wie sie hat der Hausverlag der Butlers-Heimdekorationskette eine Lösung: Ein dickes Cocktailbuch mit 1001 Rezepten.

Artikelnummer: 10189854Das Hardcover weist 320 Seiten aus dickem Hochglanzpapier auf. Die Bindung ist relativ locker, so dass man das Buch aufgeklappt hinlegen kann; das ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil für ein Rezeptbuch, da man beim Mischen selten eine Hand freihat, um das Buch aufzuhalten.

Das besondere an diesem Buch ist, dass tatsächlich auch für jeden Cocktail zumindest ein Teilfoto gemacht wurde; ein Aufwand, den sich die allermeisten anderen Cocktailbücher gern sparen. Letztlich gehört zu einem Cocktail aber immer der optische Eindruck – ein Rezept ohne Foto ist für mich daher immer nur zweitklassig.

butlers-1001cocktails-seitenbeispiel1Jedes Rezept besteht aus der Zutatenliste, einem anekdotischen Untertitel und einer kurzen Anmerkung, die Zubereitungshinweise enthält. Der eine oder andere Cocktail bekommt dann sogar ein ganzseitiges Foto spendiert.

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Das Buch ist in Hauptspirituosen unterteilt – also nicht unbedingt die mengenmäßig größte Zutat, sondern die definierende. Alkoholfreie Cocktails bekommen auch einen Abschnitt (man vergebe mir, dass ich so etwas perverses nicht lese und beurteile). Der Index am Ende des Bands schlüsselt dann nach jeder beteiligten Spirituose auf – wenn man also beispielsweise noch einen Rest Dubonnet im Schrank hat, kann man im Register die Cocktails finden, mit denen man den Rest auch vollends loswird. Die Mengenangaben sind in cl gehalten.

Persönlich halte ich nicht viel von reinen Rezeptebüchern. Sie wirken wahllos und helfen nicht, sich einen Cocktail für den Abend herauszusuchen – es geht nur darum, den Wettbewerb um die meisten Rezepte zu gewinnen. Meist landen solche Bücher schnell im Regal zum Verstauben. Ein gutes Cocktailbuch dagegen führt den Leser, es hat einen Fokus auf eine bestimmte Art von Cocktail, auf eine Epoche der Cocktailgeschichte oder eine spezielle Spirituose. Für mich ist das Butlers-Buch daher mehr ein Schmöker, den man hin und wieder so ein bisschen durchblättert, und sich von den vielen, hübschen Fotos inspirieren lässt – für mich der einzige Pluspunkt dieses Buchs.

Die Geschichten Schehersads dagegen haben den Sultan königlich unterhalten und aus ihm einen besseren Menschen gemacht; wenn man die 1001 Drinks in diesem Buch durch hat, ist man bestimmt auch verändert, zumindest die Leber.

Am folgenden Morgen schenkte der König in Anwesenheit aller Truppen seinem Schwiegervater, dem Vezier, ein prachtvolles Ehrenkleid und dankte ihm dafür, daß er ihm seine Tochter zur Frau gegeben, welche ihn von ferneren Mordtaten abhielt. Er beschenkte dann auch die übrigen Veziere, Emire und Großen des Reiches und ließ die Stadt auf seine Kosten beleuchten, allerlei öffentliche Spiele und Belustigungen veranstalten und den Armen viele Almosen aus seiner Schatzkammer austeilen. Er herrschte dann noch viele Jahre in Glück und Freude, bis ihn der Tod überraschte, mit dem alles irdische endet.

Und damit auch diese Rezension. Wer mehr über die Tausendundeine Nacht erfahren will, schaue sich statt der kostenlosen, hier zitierten, veralteten Weil-Übersetzung aber besser die moderne Übersetzung von Claudia Ott an, oder die von Enno Littman. Wer auf viktorianische Sprache und üppige Wortwahl steht, greife zu Richard Burtons epochaler Übertragung. Ein bisschen Sekundärliteratur schadet bei einem so zentralen Text der Weltliteratur auch nicht.

Einen Echten, du Schurke! Rhum Negrita

Im Magazin Spiegel erschien 1964 ein Bericht über den Rumkrieg in Deutschland, der zwischen den alteingesessenen Rumverschnitt-Herstellern und den Verkäufern unverschnittenen Rums, inbesondere des französisch-kolonialen Rhum Negrita, ausbrach.

Auf dem TV-Bildschirm flimmert das Interieur einer Hafenspelunke. Vor der Theke schäkert ein blonder Seemann mit einer offenherzigen Kreolin und bestellt: „Einen Rum!“ Der fette, schmierige Wirt füllt ein Glas, doch der Seebär schlägt es ihm wütend aus der Hand: „Du Schurke, einen echten Rum habe ich verlangt.“

Mit derart harter Werbung für „echten Rum“ von den tropischen Inseln Martinique, Guadeloupe und Reunion sind die Franzosen in den gehegten Markt eingebrochen, über dem bislang allein „die Sonne Jamaicas“ aus Flensburg schien.

Das ganze ging 1966 noch weiter; es dauerte also eine erkleckliche Weile, bis auch deutsche Rumfreunde lernen konnten, wie Rum tatsächlich schmeckt. Noch heute findet man Rumverschnitt in Supermärkten; meist sind es aber nur kleine Fläschchen, die bei den Backzutaten liegen, oder als Grog-, Koch- oder Teezutat genutzt werden; er hat den Kampf gegen den „echten“ Rum also klar verloren. Gottseidank, wer will schon einen Rum trinken, der nur zu 5% tatsächlich aus echtem Rum bestehen muss, und der Rest aus Primasprit und Wasser kommt darf.

Rhum Negrita

Der Rhum Negrita, der in den sechziger Jahren so über Deutschland hereinbrach, ist also ein wichtiger Teil der deutschen Rumgeschichte. Bis heute findet man ihn in Supermärkten, mit der alten, namensgebenden Titelfigur auf dem Etikett, bei der es wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die ausufernde political correctness auch diese Traditionsfigur aus unserem Blickfeld verbannt. Ich halte es da mit Capn Jimbo: Es ist gar nicht so schlecht, wenn man hin und wieder an die Vergangenheit erinnert wird, denn gerade der Sklavenhandel lebte lange Zeit vom Rum.

Beim Negrita handelt es sich um einen Blend aus Rums aus den französischen Überseedépartements Martinique, Guadeloupe und Réunion – dabei ist es aber kein „rhum agricole“, wie viele von dort, sondern ein „rhum traditionnel“, also ein Brand auf Melassebasis. Man muss keine feine Nase haben, um diesen Rum nach dem Eingießen im Glas zu erkennen: Die hocharomatischen, überwältigend süß-fruchtigen Noten, wie ich sie bei noch kaum einem anderen Rum gerochen habe, springen einem regelrecht ins Gesicht; dazu holzig-grasige Gerüche, die man als Rumfreund schon kennt.

Der Rum liegt mit einer öligen Konsistenz süß auf der Zunge und am Gaumen. Ich meine, Banane und Ananas herauszuschmecken. Ein leichtes Alkoholbrennen, eine gewisse Schärfe, die nicht unangenehm ist, gleicht die Süße sehr gut aus. Man schmeckt später eine deutliche Bitterkeit am Gaumen und Zäpfchen. Der Abgang ist sehr trocken mit Marzipan-Anklängen. Ein Hauch Lakritz. Ein stärkerer Hauch Lebkuchen: Sehr vielfältig und spannend im Spektrum ist dieser Rum, er erinnert an Jamaica-Rum mit seinen vielen Estern.

Ein Rhum traditionnel, der wunderbar auch in Cocktails verarbeitet werden kann, die einfach nach „dunklem Rum“ verlangen, und diesen dann einen verruchten kleinen Twist gibt. Selbstverständlich sind aber auch agricole-Rezepte, wie der Süßspeisenersatz Whispers in the Cane, ein ideales Einsatzgebiet.

Whispers in the Cane Cocktail


Whispers in the Cane
1½ oz gereifter Rhum agricole
¼ oz Chartreuse Jaune
¼ oz Kirschlikör
2 Spritzer Peychaud’s Bitters (alternativ The Bitter Truth Créole Bitters)
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Chemistry of the Cocktail]


Es ist, ehrlich gesagt, kein Wunder, dass so ein Rum die Spirituosenwelt der 60er Jahre aufmischen konnte. Schade, dass er heute selbst vom Hersteller mit Kochrezepten auf dem Rückseitenetikett und einer auf Kochverwendung ausgerichteten Website in eine Nische gedrängt wird, die ein so charismatischer, attraktiver Rum keineswegs verdient.

Der Rhum Negrita ist ein netter Einstieg in die Welt des ungewohnten französisch-karibischen Rumstils. Wenn man noch wenig Erfahrung mit dieser ganz eigenen Gattung des Rums hat, weist dieser Rum einem sanft den Weg,  da er zwar schon den Charakter, aber nicht die Zähne, die ein weißer rhum agricole durchaus zeigen kann, aufweist; dazu mit einem brillianten Preisleistungsverhältnis. Darauf einen Echten, Ihr Schurken!

Man kann es drehen und wenden wie man will – Schweppes Dry Tonic Water

Im Zuge des modernen Gincrazes, in dem jede Woche neue Ginmarken auf die Verbraucher losgelassen werden – kein Wunder, ein Gin ist leicht und billig herzustellen, braucht nicht zu lagern und verspricht daher schnelle und gigantische Gewinnspannen – erlebt auch der Gin Tonic, oder neudeutsch Gin and Tonic, ein unerhörtes Revival. Für hippe Ginfreunde ist das Tonic Water die einzig erlaubte Kombination von Gin mit einer anderen Flüssigkeit, alles andere ist scheinbar Banausentum.

Wenn man teilweise absurde Preise von 40€ und mehr für eine Flasche Gin auf den Tisch legt, will man dann aber auch nur das Beste vom Besten als Filler in seinem Drink haben – das kann ich dann wiederum gut nachvollziehen und finde es auch richtig. Ebenso, wie die Ginmarken zahlenmäßig explodieren, wächst daher auch der Tonic-Markt entsprechend. Und eine traditionsreiche Marke wie Schweppes kann da nicht tatenlos zusehen, insbesondere, weil ihr Standardprodukt, das Indian Tonic, bei den Ginistas keinen besonders guten Ruf genießt. Das Dry Tonic Water ist eine neue Marke, die seit kurzem ausgerollt wird: ein Versuch, das gegenüber den kleineren Tonic-Herstellern verlorene Terrain wieder gut zu machen.

schweppesdrytonicwater-flaschenEin frisches, kühles Silber ist die Basisfarbe des neuen Tonics, in seltsam geformten Flaschen wird es verkauft. Doch man kann es drehen und wenden, wie man will, neue Etiketten und minimal andere Rezepturen entwickeln: Es ist und bleibt pappsüß. Das Dry Tonic Water hat einen recht trockenen Nachgeschmack, das gebe ich gern zu, doch im Mund pappt und klebt es erstmal, dass man glauben könnte, man hätte eine 7up oder eine Sprite im Mund.

Auch wenn es knapper Gewinner im Tonic-Water-Test der Mixology war: Das ist mir einfach zu süß, und ich kann mir die dortige Bewertung, ehrlich gesagt, nicht so recht erklären (wie das bei vielen Bestenlisten aller möglichen Produkte in der Mixology und sonstwo oft so ist). Aber Geschmäcker sind halt verschieden.

Ich jedenfalls bin froh, dass mein Barkeeper Dennis mich davor bewahrt hat, das neue, selbst in die Bar mitgebrachte Dry Tonic Water direkt auf den bestellten Leopold’s Small Batch Gin zu kippen – das wäre eine Verschwendung gewesen. Ein so feiner, wunderbarer Gin wäre durch den zuckrigen Overkill des Dry Tonic Water glatt desintegriert worden.

Im Einzelhandel sind die Flaschen noch nicht überall angekommen, man ist auf den Fachhandel angewiesen. Letztlich ist mir das aber egal – ich greife lieber zum Fentimans, Fever Tree oder zum Thomas Henry. Meiner persönlichen Meinung nach alles Tonics, die dem Dry Tonic Water mit deutlichem Abstand überlegen sind. Wenn man auf starksüße Tonics steht, die vielleicht dann doch einen Tick trockener als das altbekannte Süßmonster Indian Tonic daherkommen, kann man gern einen Blick auf das neue silbergraue Produkt von Schweppes werfen.

Diese Meinung bezieht sich zunächst mal fast ausschließlich auf die Verwendung dieses Tonics in einem Gin Tonic. Die süße Komponente des Dry Tonic Water kann aber in einem Cocktail eine schöne Dichte erzeugen. Ein Versuch ist beispielsweise der Game Room Highball.

Game Room Highball Cocktail


Game Room Highball
1 oz Amaro
½ oz Overproof Rum
¼ oz Limettensaft
4 oz Schweppes Dry Tonic Water

Im Glas bauen und mit Crushed Ice auffüllen
[Rezept nach Paul McGee]


Tatsächlich kann das Dry Tonic Water hier punkten, kontert mit seiner leichten Süße die Bitterkeit der restlichen Zutaten, und setzt dann mit seiner Trockenheit ein Ausrufezeichen. Letztlich hängt es also, wie immer, vom Einsatzgebiet ab, ob eine Zutat passt oder nicht. Wer also das beste aus seinen Cocktails herausholen will, hat immer mindestens zwei Sorten Tonic Water im Haus. Eins davon darf dann durchaus das Schweppes Dry Tonic Water sein.

Soll man Äpfel und Birnen vergleichen? Bulmers Nº10 Pear Cider

Mein erster Versuch mit Bulmers Cider war ein echter Erfolg: Ein sehr angenehmes Getränk, das mich dazu verleitete, auch mal einen Blick auf die anderen Sorten, die Bulmers zuhauf anbietet, zu werfen. Da ich ein großer Birnenfan bin, war die Wahl klar: Bulmers Nº10 Pear Cider muss probiert werden!bulmerspear-flascheLaut Etikett ist die Birne die Frucht, mit der bei Bulmers alles anfing – die Website des Herstellers legendiert allerdings mit den Äpfeln, die Fred and Percy Bulmer aus dem Familiengarten zu Cider pressten. Wie immer bei solchen „origins“-Mythen bei Industrieherstellern muss das alles mit Vorsicht geglaubt werden. Meist ist es nur ein Marketingstratege, der meinte, dass ein Familienhintergrund immer gut ankommt, der so eine Geschichte erfunden hat.

Es gibt schon einen Grund, warum man selten Birnensaft pur findet, sondern meist mit Äpfeln oder anderen Früchten vermischt: Birnensaft hat nicht den starken Eigengeschmack, den der moderne Verbraucher von Fruchtsäften erwartet. Das merkt man auch beim Birnencider von Bulmers, der immer noch einen Anteil an Apfelsaft enthält (69% Birnen- und 12% Apfelsaft). Relativ neutral, was Geruch angeht, kommt er ins Glas. Da muss schon angestrengt riechen, um Aromen zu entdecken. Die Farbe ist, wie beim Apfelcider dieses Herstellers auch, künstlich erzeugt, sagt also nichts über den Inhalt aus.

Geschmacklich ist der Pear Cider vielleicht etwas milder als der Apfelcider, aber insgesamt überzeugt er mich nicht. Kaum Birnengeschmack. Da kann ich auch gleich beim Apple Cider bleiben; farblich, geruchlich und geschmacklich ist der Unterschied nur minimal, eher zu Lasten der Birnenvariante: Der Pear Cider ist meiner Meinung nach deutlich langweiliger und aromaärmer. Praktisch gleich ist aber die Eigenschaft, dass man die viereinhalb Volumenprozent Alkohol so gut wie nicht herausschmeckt.

bulmerspear-farbeIch wundere mich: Vielleicht ist meine Nase und mein Geschmackssinn nicht scharf genug kalibriert, um diese Unterscheidung zwischen Äpfeln und Birnen wahrzunehmen.

Wenn man ihn im Supermarkt in Griffnähe sieht, kann man als Birnenfreund gern zugreifen und selbst versuchen, die Birne in diesem Getränk zu entdecken; den Aufwand, ihn irgendwo zu bestellen oder mühevoll anders zu organisieren würde ich mir allerdings selbst als Hardcore-Birnenfan sparen.

Vier Rosen für ein Halleluja – Four Roses Single Barrel Kentucky Straight Bourbon

Eine sehr schöne, goldbraune Farbe hat der Four Roses Single Barrel Kentucky Straight Bourbon. Eine durchaus erkennbare Klebstoffnote zu Beginn, Vanille und eine gewisse dunkle Würze dominieren die Nase. Im Mund explodieren dann die 100 proof – ein sehr voluminöser, dichter Geschmack, mit ähnlichen Aromen, die die Nase schon gerochen hat. Etwas gemüsig, habe ich das Gefühl: Karotten und Sellerie. Nie kratzig oder wirklich scharf, aber doch durchaus ein fetter Alkoholbums. Ein sehr trockener Abgang, danach ein angeregter Speichelfluss, und die Vanille verbleibt mit einer langanhaltenden Wärme im Mund, und wird mit einem späten Anflug von Kakao abgerundet.

Four Roses Single Barrel Kentucky Straight Bourbon

Mir gefällt dieser Single Barrel sehr – das ist ein Bourbon, den man schon zu den kräftigeren zählen kann, der aber gleichzeitig zeigt, dass selbst starke Whiskeys immer noch weich und gefällig sein können, und dass 50%-Spirituosen nicht immer kratzbürstige Monster sein müssen. Trotzdem ein Whiskey für echte Männer.

So starke Whiskeys machen sich meist auch gut in Cocktails, und der Four Roses Single Barrel ist da keine Ausnahme. Wie wäre es mal mit einem Millionaire Cocktail?

Millionaire Cocktail


Millionaire Cocktail
2 oz Four Roses Single Barrel Kentucky Straight Bourbon
¾ oz Triple sec
¼ oz Grenadine
1 Spritzer Absinth
½ Eiweiß
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Ein auch deswegen überraschender Whiskey, weil die „einfache“ Variante, der gelbgelabelte Four Roses, so ein zartes, ätherisches Pflänzchen ist.

Außergewöhnlich ansprechend finde ich auch die Flasche – ein schöner Karaffen-Stil mit einer hübschen Glasprägung, ein Korkstopfen mit Holzdeckel, der über den Flaschenhals hinausragt (sehr schön gemacht, das), ein Lederbändchen um den Flaschenhals und ein kleines Etikettchen mit Single-Barrel-üblichen Angaben zur Fassnummer etc. Selbst wenn die Flasche leer sein wird, was nicht lange dauern kann, werde ich die aufbewahren.

Löwe gegen Bär – Firestone Walker Union Jack IPA

Die Craft-Beer-Welle kommt immer mehr ins Rollen. Einige Einzelhändler haben nun tatsächlich schon dedizierte Kühlschränke, die diverse Sorten der „neuen“ Biersorten für den geneigten Käufer vorgekühlt bereitstellen. In einem mit BraufactuM-Produkten gefüllten solchen Kühlschrank habe ich mir das Firestone Walker Union Jack IPA herausgegriffen.

Firestone Walker Union Jack IPA

Farblich ist das Bier für ein India Pale Ale nicht ungewöhnlich; ein schöner Safranton war zu erwarten. Die wahre Kunst der Hersteller zeigt sich erst beim Geruch: Unglaublich fruchtig, ich würde sagen milde Zitrusfrucht, und ein sehr attraktiver leichter Anklang von Weihrauch. Etwas ganz eigenes, das ich so bei noch keinem anderen Bier gerochen habe.

Und im Gegensatz zu manch anderem Bier, das mich durch die Nase verzaubert, im Mund dann aber enttäuscht hat, punktet das Union Jack auch bei der Verkostung. Sehr fruchtig, wie in der Geruchsprobe schon angekündigt, dann vom Mundgefühl her noch cremig und malzig-süß: eine sehr dichte Aromatik.

Warum trinkt man ein IPA? Wegen der Bitterkeit. Hier fühlt sich der IPA-Freund wie zu Hause, eine wirklich äußerst kräftige Bitterkeit überzeugt in dieser Beziehung. Die Perlage ist kräftig, der Schaum hält sich lange, und das Bier bleibt immer frisch, wird nicht schal. 7.5% Alkohol sind auch nicht von schlechten Eltern.

unionjackipa-flasche

Üppig ist die Rezeptur gestaltet: 3 Malzsorten und 7 Hopfensorten (Magnum, Cascade, Centennial, Amarillo, Citra, Chinook und Simcoe) sind für die wirklich ungewöhnliche Dichte dieses IPAs verantwortlich. Kein Wunder, dass auf dem Weltmarkt der Hopfen langsam rar wird, wenn er so verschwenderisch eingesetzt wird. Beim Namen „Union Jack“ mag man denken, dass man hier ein britisches Bier vor sich hat – doch es handelt sich um ein kalifornisches Bier aus der Firestone Walker Brewing Company. Die Amis schrecken auch vor nichts zurück, George Washington dreht sich im Grabe um. Ein weiteres interessantes Detail ist die Etikettierung: Da das Union Jack IPA scheinbar durch die Craft-Beer-Spezialisten von BraufactuM importiert wird (Danke dafür!), weist die Flasche ein zweites Aufklebeetikett auf, das die Inhaltsstoffe noch auf deutsch wiedergibt, inklusive eines Pfandlogos.

Biercocktails sind nicht arg weit verbreitet, aber ich liebe sie. Einer der besten ist für mich The Last Pontoon. Ein wirklich spannender Mix, der rauchigbittersüß daherkommt – außergewöhnlich!

The Last Pontoon


The Last Pontoon
112 oz Cognac (z.B. Hennessy VS)
12 oz Orgeat (oder Mandelsirup)
14 oz Dunkler Rum (z.B. Zacapa 23 Sistema Solera)
14 oz Mezcal (z.B. San Cosme)
14 oz Sherry (z.B. Osborne Sherry Golden)
34 oz Union Jack IPA


Wie bei allen sprudeligen Zutaten, schüttelt man erst den Rest auf Eis auf, ohne das Bier, und mischt es dann zusammen. Meine Empfehlung: Erst das Bier ins Glas, dann den Rest aufgießen, nicht andersrum – so  hält das Bier die Kohlensäure etwas besser und länger.