Vornehme belgische Blässe – Corsendonk Blanche d’Ardenne

Der vielleicht dem einen oder anderen bekannte Name Corsendonk ist in Bezug auf Bier heutzutage nur noch ein Markenname. Andere Brauereien, hauptsächlich die Brasserie Du Bocq, haben die Namen der beliebten Biere nach der Schließung der Corsendonk-Brauerei in den 50er Jahren gekauft und vertreiben verschiedene Biere bis heute weiterhin unter dieser Marke. Bei einem dieser Biere, dem Corsendonk Blanche d’Ardenne, handelt es sich um belgisches Witbier, das entfernt mit dem bayerischen Weizenbier verwandt ist.

blanchedardenne-borderDie Farbe ist wirklich sehr hell und bleich, passend zum Namen, und trübe, einem ungefilterten Bier angemessen. Schon direkt nach dem Zapfen ist nur dünner Schaum auf dem Bier, und auch dieser löst sich bald auf. Eine feine Perlage sorgt dafür, dass es trotzdem nicht schal wird, auch wenn insgesamt gefühlt nur wenig Kohlensäure vorhanden ist.

Beim belgischen Witbier sind diverse Zusätze beim Brauprozess üblich, wie Koriander und Orangenschalen, die dem Bier eine für deutsche Reinheitsgebotsbiertrinker ungewohnte Note verleihen. Ein feiner, leichter Duft, fast blumig, auf jeden Fall fruchtig, ist daher zwar überraschend, aber keineswegs unangenehm. Das geht auch in den Mund über – Beeren und wilde Früchte, aber auch ganz leicht pfeffrig, und ich bilde mir ein, Muskatnuss zu schmecken. Insgesamt ist aber eine süße Note doch klar im Vordergrund, mehr noch als bei einem Hefeweizen.

Interessant ist jedenfalls, dass das Blanche d’Ardenne ein etwas raues Gefühl am Gaumen hinterlässt, vielleicht von einer erst spät erkennbaren, von anderen Aromen überdeckten Säure. Es erinnert etwas an Milchsäure, wie bei der echten Berliner Weißen, noch so einem Verwandten des Witbier.

Die belgische Bierwelt ist eine praktisch unüberschaubare. Die belgische Kneipe bei uns in Saarbrücken, das Tempelier, hat Dutzende von belgischen Bieren in Flaschen und Fasszapfung im Angebot, und ich versuche, bei jedem Besuch dort ein anderes auszuprobieren. Viele davon vergesse ich relativ schnell wieder; das Blanche d’Ardenne dagegen ist eins, das ich immer wieder gern trinke. Keine Krone der Braukunst, aber ein idealer, erfrischender Durstlöscher zum Essen oder an heißen Tagen.

Damit kann man Diabetiker lähmen – Glossnerbräu Neumarkter Bio-Gold Heller Radler

Im Sommer im Biergarten sitzen, ein feines Radler zischen – früher habe ich das gern gemacht. Ich sitze immer noch gern im Biergarten, zum Beispiel am Staden in Saarbrücken, wenn nicht ganz so viel los ist, aber inzwischen bin ich umgestiegen auf das reine Bier; Radler ist mir nun oft zu süß. Dennoch habe ich mir beim letzten Besuch in einem Biomarkt ein Glossnerbräu Neumarkter Bio-Gold Heller Radler in den Korb gelegt; so abends, vor dem Fernseher, ist das ein bisschen leichter als all die schweren Stouts und bitteren IPAs, die ich sonst inzwischen trinke, dachte ich mir. Leider ist dieses Bio-Radler, eine 50:50-Mixtur aus Bio-Bier und Bio-Zitronenlimonade, das geschmacksärmste Getränk, das ich seit langem getrunken habe.

neumarkterbiogold-radler-completeGeruchlich völlig neutral. Geschmacklich völlig neutral. Nein, das ist falsch, man schmeckt schon was: eine extreme künstliche Süße auf der Zunge. Auf dem Etikett ist eine große Zitrone abgebildet, und das ist auch schon das einzige, was diese Mixtur mit Frucht gemein hat – nach Frucht schmecken tut es jedenfalls nicht, nur nach Zucker. Das Spannende: Es hat auch keinerlei Biergeschmack, erst ganz spät merkt man ein leichtes Bierkratzen im Rachen. Ich bin verblüfft – wie kann sich so ein ultralangweiliges Getränk überhaupt verkaufen? Am positiven Ende bleibt entsprechend nicht viel übrig: Die Farbe ist schön, wenn auch sehr hell, wie für Radler allerdings üblich, und die Perlage ist durchaus angenehm.

Das Titelzitat stammt natürlich, wer kennt es nicht, vom „Stefan“ aus der Fernsehserie „Familie Heinz Becker“. Er hat das in Staffel 3, Episode 4 („Alle Jahre wieder“ – 23:40) zwar über einen Sekt gesagt, es passt aber auch wunderbar auf diese Zuckerbrühe.

Schade, und etwas überraschend, weil das originale Bio-Gold vom selben Hersteller eigentlich ein vernünftiges, wenn auch etwas konventionelles Bier ist, das ich gern und öfters trinke. Das Radler dagegen lasse ich in Zukunft weg, sei es nun Bio oder nicht.

Arg viel besser wirds nicht – Blanton’s Original Single Barrel Bourbon Whiskey

Blanton’s Whiskey gibt es in verschiedenen Ausführungen. Das beginnt bei der Special Reserve, geht über zum Original Single Barrel, dem also, den wir hier besprechen. Darüber hinaus findet man ihn in Fassstärke (Barrel Proof), und in der Silver– und Gold-Ausführung. Je weiter nach hinten in der Liste wir kommen, desto teurer und exklusiver wird er.

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Letztlich ist für mich aber schon diese Single Barrel-Ausführung eine Wucht, der man sich kaum entziehen kann. Ich habe nun schon wirklich viele Bourbons und Single Malts getrunken, doch dieser hier ist für mich das Highlight, eine Geschmackssensation voller Aromen. Schon der Geruch lässt den Bourbonkenner träumen, vielschichtig, kraftvoll, überraschend fruchtig, eichig und dabei verliert er nie das Bourbon-typische. Und im Mund weiß man dann gar nicht, wohin man zuerst schmecken soll, das ist, als hätte man 5 verschiedene Whiskeys im Mund, die miteinander harmonisch und glücklich Ringelreihen spielen.

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Doch man soll nicht denken, man hätte hier eine liebliche Zuckerbrühe vor sich: Er ist bei aller Harmonie doch sehr würzig und kräftig, mit deutlicher Alkoholnote – das geht schon fast in die Single-Malt-Richtung (aber ohne Torf oder Rauch), und behält dabei aber die Bourbon-eigene Süße und Vanille. Ich würde empfehlen, diesen Whiskey pur und handwarm zu trinken, und dazu eine schöne cremige Zigarre zu rauchen. Alternativ ein edler Cocktail – ja, auch diesen außergewöhnlichen Whiskey kann man für Cocktails hernehmen, er macht den Cocktail dann zu einem Highend-Wohlfühlprodukt; gerade seine 46,5% lassen ihn da besonders leuchten. Natürlich bietet sich hier etwas Klassisches an, dem Rahmen angemessen. Ich denke da an einen einfachen Old Fashioned, oder einen The Chapel Hill.

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The Chapel Hill
1½ oz Blanton’s Original Single Barrel Bourbon Whiskey
1 oz Cointreau
½ oz Limettensaft


Selbstverständlich gehört bei diesem Spitzenwhiskey die Flasche mit zum Gesamtpaket. Eine Flasche mit einem facettenähnlichen Schliff, ein sehr reduktionistisches Etikett mit handgeschriebenen Details, wie Faß-, Regal- und Lagerhausnummer, und der wirklich spektakuläre Stopfen mit dem Rennpferd aus Metall. Das ganze in einem schönen Karton. Wow, eine Präsentation, die dem Inhalt angemessen ist. Wer ein Geschenk für einen Whiskey-Kenner sucht – hier ist die Freude garantiert.

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Wie gesagt – da ist nach oben nicht mehr viel Luft. Muss man probiert haben. Das ist ein Bourbon, den ich mir für die besonderen Momente reserviere. Und dann lasse ich das leergetrunkene Glas noch eine ganze Weile stehen und schnuppere daran, denn die Aromen schweben noch lange im leeren Glas…

Das dichtet jeden Magen ab – Hornbeer Caribbean Rumstout

Ich trinke ganz gern Rum. Ich trinke auch ganz gern Bier. Wenn nun ein Produkt daherkommt, das von sich behauptet, ein Rumstout zu sein, und so das beste aus beiden Welten miteinander zu vermählen, werde ich aufmerksam. Ich kann mir das gut vorstellen – bei Biercocktails funktioniert die Heirat von Gerstensaft mit hochgeistiger Spirituose oft sehr gut; warum sollte nicht ein Tröpfchen Rum in einem Bier dem Gemisch einen, je nach verwendeter Rumsorte, rauchigen, süßen oder aromatischen Twist geben können? Das Hornbeer Caribbean Rumstout verspricht auf jeden Fall eine neue Erfahrung für den Stout-gewohnten Trinker.

hornbeer-caribbeanrumstout-flascheViele Biere machen ein helles „gluckgluckgluck“ beim Einschenken. Dieses Imperial Stout macht dagegen „plockplockplock“, es sieht aus und fühlt sich an, als ob Teer bröckchenweise ins Glas schlabbert. Unglaublich dick, fest und pechschwarz. Ein Geruch nach Honig verbreitet sich, und die für Stouts üblichen Aromen nach Malz und Röstung.

Ich traue mich, von der schwarzen Brühe einen ersten Schluck zu nehmen. Ein starksüßer Ansatz beginnt, dann aber kommt schnell eine salzige, rauchige Komponente dazu; vollcremig und dicht kalfatert das Bier die Mundplanken aus.

hornbeer-caribbeanrumstout-glasSelbst für die Verhältnisse eines Imperial Stouts ist das Rumstout des dänischen Herstellers Hornbeer ultramalzig. Man erkennt zusätzlich die Würzigkeit der Fasseiche, mit der das Bier gereift wurde – den Rum, der dem Bier seinen Namen gibt, schmecke ich allerdings nicht wirklich heraus. Wahrscheinlich ist er nur ein kleiner Baustein in der Gesamtaromatik. Mit 85 IBU, einem exorbitanten Wert, der nur dank des Malzes erträglich ist, ist das Bier auch entsprechend bitter-hopfig, und weist einen trotz der süßen Malzigkeit recht trockenen Abgang auf.

Bei einem dermaßen strengen Bier wundere ich mich etwas, dass sowas in einer Halbliterflasche verkauft wird. Das ist eigentlich viel zu viel für eine Biersitzung für eine Person, und mit 10% Alkoholgehalt auch etwas, das man in einer solchen Menge nicht am Stück trinken sollte; ich präferiere bei Spezialitätenbieren eigentlich den Drittelliter, daher habe ich mir nur die Hälfte eingegossen und den Rest am nächsten Tag konsumiert (positiv: gut wiederverschlossen hält sich die Qualität mindestens bis zum nächsten Tag). Und wenn wir schon am Meckern sind, stört mich etwas, dass Zucker als Zutat zugesetzt wird. Immerhin wird der Zucker auf dem Etikett ausgezeichnet, doch die Frage stellt sich, warum das sein muss in einem Bier.

hornbeer-caribbeanrumstout-etikettDas Caribbean Rumstout sprang mir schon in der Auslage eines Spezialitätengeschäfts ins Auge, hauptsächlich wegen der hübschen Etikettenillustration des dicken, zahnlosen, holzbeinigen, hakenhandigen Klischeepiraten, der mit der Laterne das Rumfass entdeckt, während sein Schiff im Hintergrund untergeht. Alle Produkte des Herstellers sind mit ähnlichen, charmanten, verrückten Bildern ausgestattet und sorgen für einen Anreiz, sich auch die anderen Biere von Hornbeer anzuschauen (besonders die Black Magic Woman hat es mir angetan). Was ich natürlich tun werde, sobald ich den Stout-Teerklumpen in meinem Magen verdaut habe.

…and when I reached Jamaica I made a stop – Appleton Estate Extra 12 Years Jamaica Rum

Harry Belafonte entdeckte ich schon als Kind für mich. Auf Ausflugsreisen im Auto mit meinen Eltern lief eine Kassette mit seinen Liedern rauf und runter, ich kann heute noch viele der Lieder mitsingen. Das prägte, es weckte in mir ein Faible für die Karibik und die Sehnsucht nach Exotik. Vielleicht interpretiere ich sein Lied Jamaica Farewell, das ich im Titel zitiere,  etwas weit, doch für mich gilt es: Was Rum angeht, muss man nicht groß weitersuchen, wenn man einmal Jamaica für sich entdeckt hat. Und eins der schönsten Exemplare jamaikanischen Rums ist der Appleton Estate Extra 12 Years*.

Manche mögen die ganz eigenen Esternoten der jamaikanischen Rums nicht, die durch eine spezielle Fermentationsmethode entstehen: das Zufügen von „dunder“, einem Abfallprodukt aus vorangegangenen Fermentationsgängen,  zur aktuellen Maische; einem Vorgang, der nur in Jamaica durchgeführt wird. Wer nur solche künstlich nachgesüßten Likörrums wie Zacapa 23 oder Botucal kennt, oder andere ähnlich zurückhaltende Rums was Charakter angeht, welche den tatsächlichen Rumcharakter zugunsten der Süße als alleinigem Kriterium und einer etwas unverbindlichen Aromatik verloren haben, wird sich beim Appleton Estate Extra 12 glatt überfahren fühlen. Dabei ist dieser Rum durchaus auch sehr süß, ohne klebrig-zuckrig-süß zu sein, im Abgang dann aber überraschend trocken.

appletonestate-flasche-hellToffee, Butter und Popcorn – ein herrliches Aroma, schon in der Nase vorhanden, mit Tönen von dunkler Schokolade und Cappuccino.  Vollmundig, cremig, etwas würzig-brennend, brummend, stark. Das ist kein lieblicher Rum, sondern eine Buttergranate mit viel Kraft. Der Alkohol versteckt sich nicht hinterm Zucker, sondern ist klar riech-, schmeck- und spürbar. Das ist nicht notwendigerweise schlecht, denn manchmal hat man eben Lust auf ein bisschen mehr Power und will die Volumenprozente schmecken.

Selbstverständlich ist so ein charakterstarker Rum auch in Cocktails eine Wunderwaffe. In Trader Vic’s Mai Tai beispielsweise bringt er genau die Note ein, die diesen Cocktail so besonders macht.

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Trader Vic’s Mai Tai
1 oz Heller Rum (z.B. Havana Club Añejo 3 Años)
1 oz Appleton Estate Extra 12
1 oz Limettensaft
½ oz Orgeat (oder Monin Mandelsirup plus einem Spritzer Orange Flower Water)
½ oz Cointreau


Für mich ein ganz außergewöhnlicher Rum. Man muss aber vielleicht, wenn man noch unerfahren in Rumdingen ist, ein bisschen experimentierfreudig sein und nicht ausschließlich auf Süße aus – dann wird man üppig belohnt. Wer sich einmal an diesen Geschmack gewöhnt hat (und das geht dann doch sehr viel schneller, als man es beim ersten Schluck vermuten mag!), will nichts mehr von den langweiligen Süßrums wissen.

Dies ist darüberhinaus ein Rum, der tatsächlich mindestens die 12 Jahre, die auf dem Etikett stehen, im Fass geruht hat, und nicht nur höchstens, wie viele seiner Rumkonkurrenten, die im Solera-Verfahren hergestellt werden und entsprechend nur einen winzigen Bruchteil an Rums des Alters, das auf dem Etikett beworben wird, aufweisen.

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Dazu eine hübsche Flasche und eine sehr schön anzusehende, dekorative Flaschendose in ungewöhnlichem Format, sowie ein beinahe unglaubliches Preisleistungsverhältnis: Ein Spitzenprodukt in jeder Beziehung. Je öfter ich davon trinke, um so begeisterter bin ich: Mein Lieblingsrum, und einer, den ich insbesondere Purtrinkern bedingungslos ans Herz lege. Wer wissen will, wie wirklich guter und vor allem unmanipulierter Rum schmeckt, probiert diesen Jamaikaner, denn Harry Belafonte singt voll zu Recht über seine Insel in der Sonne: „The rum is fine any time a year“.

*Nachtrag 18.06.2016: Appleton führte vor einer Weile eine Umbenennung ihrer Produkte ein. Der neue Name für diesen wunderbaren Rum ist Appleton Estate Rare Blend 12 Year Old. Laut Pressemitteilung ist aber derselbe Inhalt in der nur neu designeten Flasche.

Die eiserne Jungfrau – Tea Pavilion Tie Guan Yin Oolong-Tee

In einem meiner Allzeit-Lieblingsbücher, einem der vier großen Klassiker der chinesischen Literatur aus dem 16. Jahrhundert, der Reise nach Westen (西遊記 xiyouji), spielt die chinesische Göttin der Gnade Guanyin eine wichtige Rolle. Sie ist es, die erkennt, dass die weite, gefährliche Reise, die Mönch Sanzang auf sich nehmen will, um buddhistische Schriftrollen aus Indien nach China zu bringen, nur mit Hilfe gewitzter und mächtiger Begleiter zu schaffen ist – der wichtigste davon ist Sun Wukong, der Affenkönig, eine der großen ikonischen Figuren der chinesischen Kultur und Literatur.

Zwar wird Guanyin immer mit ihrer zarten, gnadenvollen Art assoziiert und ist als Boddhisattva als Hilfe für geplagte Menschen ein oft genutzter Ansprechpartner, doch, wie man in der Reise nach Westen sieht, kann sie auch anders: Sie setzt dem widerborstigen Affenkönig den Kopfreif auf, durch den er kontrollierbar wird, und ist recht streng. Eisern, sozusagen. Womit wir beim Namen dieses Tees wären: Tie Guanyin (铁观音), die eiserne Guanyin.

tieguanyin-beutelTie Guanyin ist auch einer der klassischen, großen Tees Chinas. Als Oolong-Tee, also einem halboxidierten (früher sagte man „fermentierten„) Mittelding zwischen unoxidiertem Grüntee und stark oxidiertem Schwarztee, bietet er das beste aus zwei Welten. Die holzig-grasigen Noten eines Grüntees, seine Frische und Blumigkeit, wird ergänzt durch den Körper, das Volumen und die süße Malzigkeit eines Schwarztees.

Wenn man sich den Tea Pavilion Tie Guan Yin anschaut, ist er erstmal unansehnlich: Kleine, braungraue Brocken, fest gerollt. Man glaubt kaum, dass es sich um Tee handelt.

tieguanyin-trockenNatürlich wickelt sich der Tee beim Brühen auf, und expandiert. Wie üblich bei Tea Pavilion ist die Blattqualität sehr gut; es sind große, ganze Blätter, wie man auf dem Foto sieht, mit dem 20ct-Stück als Vergleichsgröße.

tiegunanyin-aufgegangenNachdem der Tee kurz gezogen hat, gieße ich ihn aus der Yixing-Kanne in den Gaiwan um, wo man die attraktive blassgoldene Farbe, fast ein Tick grünlich, schön genießen kann. Trotz des metallischen Namensbestandteil des Tees ist der Geruch dann allerdings eher süß- und pflanzlich.

tieguanyin-gaiwanSehr süß im Mund, weich, leicht pflanzlich, leicht bitter im Mund, im Abgang trocken. Ein erfrischendes und gleichzeitig vollmundiges Erlebnis. Ein Tee, den man, wie alle Qualitätstees aus China, nicht mehr süßen muss.

Einen Tee dieser Qualitätsstufe kann man leicht 3-5 mal aufbrühen; das Preisleistungsverhältnis, das eh schon sehr gut ist, muss daher noch zusätzlich aus dieser Sicht bewertet werden. Für Tees gilt, was für alle Genusswaren gilt: Lieber etwas weniger, dafür höhere Qualität. Bei den Berlinern von Tea Pavilion bin ich in Bezug auf letzteres noch nie enttäuscht worden; und die kleinen Aromabeutel mit geringer Füllmenge sorgen dafür, dass der Tee lange sein einmaliges Aroma behält.

Fiesta Mexicana – Sparkle Donkey Tequila Reposado

Das Spirituosenbusiness ist ein traditionelles Business. Praktisch jeder größere Hersteller von Whiskey, Gin, Tequila und Rum beruft sich auf Jahrhunderte von Erfahrung, die innerhalb von Familien weitergegeben wird. Der Gründer der Firma wird als Fetisch auf der Flasche verewigt, oft erzählt ein Etikett dann noch eine salbungsvolle Anekdote über die Ursprünge, als der erste Schnaps vom Gründervater, hergestellt aus Früchten des eigenen Gartens, zum ersten Mal ins Fass gefüllt wurde.

Die Hersteller des Sparkle Donkey Tequila Reposado gehen noch einen Schritt weiter. Sie haben ein Video über den Ursprung ihres Tequilas gedreht, und eine sehenswerte eigene Internetseite dafür ins Leben gerufen. Eine uralte mexikanische Legende präkolumbianischen Ursprungs erzählt, wie ein Dorf, das wochenlang von der Tequilaversorgung abgeschnitten war, von einem glitzernden Esel mit Tequilafässern auf dem Rücken vor den schlimmen Folgen des Tequilaentzugs gerettet wurde. Zu Ehren dieses Esels, auf englisch „Sparkle Donkey“, oder wie er in Mexiko heißt, „el burro esparkalo“, wurde dieser Reposado-Tequila hergestellt.

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Das ist natürlich alles eine Marketingmasche, und eine sehr gelungene. Genau über die sanktifzierte Pseudotradition moderner Spirituosen machen sich die Hersteller des Sparkle Donkey mit ihrer schrägen Geschichte lustig. Während die anderen Hersteller ihre eigenen, in den allermeisten Fällen von Werbeagenturen erfundenen Ursprungsgeschichten inzwischen scheinbar selbst glauben und bierernst nehmen, hat sich Sparkle Donkey absichtlich eine dermaßen spinnerte Historie zugeschrieben, dass man das neue Produkt einfach allein deswegen schon lieben muss. Schon das Etikett ist spektakulär – reflektierende Goldfarbe hebt den Schutzpatron des Tequila hervor. Eine sehr schöne, liebevoll gemachte Illustration.

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Die Hintergrundgeschichte und die Aufmachung ist ein Gag, der Tequila selbst ist durchaus ernst zu nehmen. Man kann die Nase tief ins Glas stecken und feste Luft holen, da ist nichtmal ein Ansatz von Ethanolfahne. Agave und etwas Erdnuss rieche ich da, Toffee und Schokolade. Es wird ein deutlich süßlicher Tequila sein, das ist hier schon klar.

Ja, das süße, milde Agavenaroma, das man gerochen hat, ist auch im Mund genauso mild, süß und fruchtig: Agave natürlich klar im Vordergrund, dann vielleicht Kirsche, schließlich Banane. Äußerst weich. Sehr rund, ölig und cremig. Etwas Alkoholbrennen ist auch da, das im Abgang stärker wird; die Erkennbarkeit von Alkohol in Spirituosen sollte nicht als Mangel gesehen werden, das gehört für mich zu einem guten Schnaps dazu. Nur die Weichen weichen davor zurück und trinken Likör.

Man schluckt die Flüssigkeit runter, und dann zwingt es einem ein Grinsen ins Gesicht: Zuckerwatte, Karamellbonbons, Kirmesherzen, Hubbabubba und Wrigleys Big Red, alles stürmt plötzlich auf einen ein. Die Mariachi-Band fängt an, La Cucaracha zu spielen und die Leute werfen die Sombreros in die Luft. Bei meinem Kaktus stellt sich der Schnurrbart hoch. Der glitzernde Esel fängt an zu tanzen. Sowas hat man als Tequilatrinker noch nicht erlebt. Fiesta! Ein wirklich außergewöhnlicher Abgang.

Für manche ist der Sparkle Donkey Tequila der Gewinner in einer Blindverkostung mit 18 Reposados, darunter viele sehr große Namen der Branche; für andere ein wahrscheinlich mit Geschmacksstoffen angereicherter Exot der Tequilawelt, den man nicht ernsthaft trinken kann. Ich bin, was heimliche Zusatzstoffe angeht, sehr empfindlich – und bei einem derart eigenen, süßen Geschmacksbild bin ich doppelt vorsichtig, sowas entsteht oft durch zugesetzte Aromen. Solange aber keine Beweise dafür vorliegen, gilt für mich für den Sparkle Donkey: Im Zweifel für den Angeklagten.

Folgen wir der Spur des Esels in die Welt der Cocktails. Ein Navajo Trail ist ein schöner Cocktail für den glitzernden Esel; gern würde ich ihm zu Ehren diesen Cocktail in Donkey Trail umbenennen.

Navajo Trail Cocktail


Navajo Trail
1½ oz Sparkle Donkey Tequila Reposado
¾ oz Triple Sec
¾ oz Cranberrysaft
½ oz Limettensaft
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Letztlich möchte ich diesen völlig, sowohl was die Aufmachung als auch den Geschmack angeht, aus der Reihe tanzenden Tequila jedem ans Herz legen, der gern süßliche Spirituosen trinkt, und ganz besonders jenen, die normalerweise mit Tequila vielleicht nicht so viel anfangen können. Ich glaube, ich werde mir den weißen Sparkle Donkey Tequila Blanco auch noch zulegen, der wohl nicht ganz so extrem zuckerwattig daherkommt – und ich hoffe, der burro esparkalo wird mir deswegen dann immer gewogen bleiben und verhindern, dass ich auch jemals unter Tequilamangel, diesem schlimmsten aller Gebrechen, leide!

Ein Bigfoot braucht ein starkes Bier – Sierra Nevada 2015 Bigfoot Barleywine Style Ale

Ein Bigfoot ist ein nordamerikanisches Fabelwesen, vergleichbar mit dem Yeti oder dem Monster von Loch Ness. Immer wieder wird ein Bigfoot in den USA oder in Kanada von eifrigen Forschern gesehen, oder Fußabdrücke gefunden; wie bei allen solchen Sichtungen in der Kryptozoologie wundert man sich als Außenstehender zusammen mit BPRD-Direktor Tom Manning, warum selbst in Zeiten von 20-Megapixel-Handykameras mit Bildstabilisator und Autofokus alle Beweisfotos immer verschwommen und alle Filmaufzeichnungen immer verwackelt, schwarzweiß und unscharf sind. Deshalb versuche ich, meine erste Sichtung eines Sierra Nevada 2015 Bigfoot Barleywine Style Ale in scharfen Fotos und klaren Worten zu beschreiben, auf dass die mir nachfolgenden Bierforscher nicht die Suche neu ganz von vorn beginnen müssen.

Das Etikett wie auch die Flasche sind im typischen Sierra-Nevada-Stil gehalten. Tatsächlich zeigt das Etikett ein paar Amateurforscher, wie sie den Fußabdrücken eines Bigfoots folgen. Ich fange vernünftigeres mit meiner Zeit an, und gieße den Barleywine ins Glas.

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Die Farbe des Bigfoot ist ein starkes Pariser Rot, vielleicht auch gebranntes Siena – auf jeden Fall schonmal begeisternd, und ein erster Anhaltspunkt, warum man diesen Ale-Stil „Barleywine“ nennt. Ein dicker, sämiger Schaum entsteht aus dem hohen Kohlensäuregehalt; dabei bleibt das Bier feinblasig und sorgt nicht für allzuviel Überdruck im Magen.

Der Geruch erinnert mich an Sherry oder Portwein (Anhaltspunkt 2), kaum an Bier, wie man es sonst kennt. Der Geschmack dann ist ultra-bitter, stärker als jedes IPA, das ich bisher getrunken habe. Salzig, würzig, bitterfruchtig, aggressiv, dunkelsüß. Das Bigfoot Ale sei ein „Beast of a beer“, steht auf Etikett – das kann ich nur bestätigen. Eine ungewohnte Aromenexplosion, die einen erstmal staunen lässt.

Wow. So ein Bier haben Sie garantiert noch nie getrunken (der Name passt also, denn genausowenig haben Sie sicher bisher einen Bigfoot gesehen). Mit 9,6% (Anhaltspunkt 3) sollte man aber auch vorsichtig damit sein, das steigt schnell in den Kopf. Es sollte nun klar sein: Barleywine, übersetzt „Gerstenwein“, ähnelt von seinen Charakteristika schon etwas einem dunklen Rotwein, daher auch der Name, auch wenn es natürlich klarerweise ein Bier ist. Scheinbar kannten schon die alten Griechen ein solches Gebräu; die moderne Form ist aber natürlich den dahingehend unglaublich experimentierfreudigen viktorianischen Ale-Brauern zu verdanken.

Wie bei vielen Ales ist auch bei Sierra Nevadas Biermonster die Haltbarkeit enorm – die Jahresangabe „2015“ auf dem Etikett deutet schon darauf hin, dass der kalifornische Hersteller ein Einlagern empfiehlt, um mit der Zeit und fortgesetzter Flaschenreifung das Ale immer besser werden zu lassen. Ich konnte das nicht abwarten und habe es im Abfüllungsjahr getrunken; eine zweite Flasche wird bald bestellt und dann in den Keller gelegt, um in drei, vier Jahren zu einem besonderen Anlass herausgekramt zu werden. Falls es meinen Blog bis dahin noch gibt, und das Bier nicht vom Bigfoot, der in meinem Keller manchmal herumwandert, weggetrunken wird, werde ich natürlich berichten, was die Lagerzeit mit einem Barleywine Ale so anstellt!

Sierra Nevada 2021 Bigfoot Barleywine Style Ale

Nachtrag 2021: Ich habe nun noch eine 2021er-Fassung des Bigfoot probiert. Gleicher Alkoholgehalt, gleiche Farbe, eine sehr fruchtige, immer noch etwas an Portwein erinnernde Nase, und auch der biestig-bittere Geschmack mit den Röstnoten und der leichten Salzigkeit ist geblieben. Man kann also auch heute noch zuschlagen bei diesem Bier!

Darauf einen Toast! Innis & Gunn Oak Aged Original und Toasted Oak IPA

Bier, ja, das kennt jeder. Bier ist in Deutschland allgegenwärtig. Doch selbst wenn man sich ausgiebig mit dem Gerstengebräu auseinandersetzt, so bietet die extrem weitgefasste Getränkekategorie „Bier“ immer wieder neue Überraschungen, mit denen man nicht gerechnet hat. Flaschenbier, Dosenbier, Fassbier – kennt man alles ja zur Genüge, doch auch wenn das schottische Innis & Gunn in einer Flasche zu erwerben ist, weist es doch in seiner Produktionsweise einen kleinen Twist auf: Es wird vor der Abfüllung in Holzfässern gereift.

Man kriegt auch als dauernd auf der Suche nach neuen interessanten Getränken befindlicher Rezensent eher selten ein solches Bier zu Gesicht; in einer Zeit, in der Bier im Allgemeinen nicht mehr in echten Holzfässern, sondern in Hektoliter-Stahltanks produziert und dann direkt in Glasflaschen oder Blechdosen abgefüllt wird, ist daher für mich ein holzgereiftes Bier paradoxerweise ein Novum – vielleicht aber auch nur des Kaisers neue Kleider in Bierform?

Innis & Gunn Original Oak Aged Beer Flasche

Ganz klar: Nein. Schön beim Eingießen des Innis & Gunn Original sieht man einen herrlich strahlenden, leuchtenden Grundton – dunkler Bernstein mit orangenen Reflexen. Optisch ungemein beeindruckend. Wenig Schaum und kaum Perlage zeigen, dass wir ein Ale vor uns haben.

Wer denkt, dass die Fassreifung nur ein Gimmick ist, wird spätestens beim Riechen am Bier eines besseren belehrt. Das riecht nach Bourbon, dass es eine wahre Freude ist. Vanille, Banane, Nelken. Sehr süßlich und faszinierend.

Innis & Gunn Oak Aged Beer Original Glas

Und würde ich es nicht besser wissen, ich hielte das Innis & Gunn Original auch geschmacklich für einen aufgesprudelten amerikanischen Whiskey. Da sind Eichenaromen, Vanille, Nelken, ein Hauch Obstkompott – war das Reifungsfass, in dem das Bier 77 Tage lag, ein Ex-Bourbon-Cask? Unterlegt wird das durch eine milde, zarte Malzigkeit. Nur wenige Hopfenaromen trauen sich an die Oberfläche. Mittlere Frische und zurückgenommene Rezenz sorgen für nur mäßigen Erfrischungsfaktor.

Der Abgang ist mir dann aber, passend dazu, doch etwas zu süß, er erinnert mich an belgische Biere wie das Leffe, die auch aromatisch höchstinteressant sind, im Nachtrunk aber zur Pappigkeit neigen. Dennoch ist das Fazit für mich persönlich als Whiskeyliebhaber klar: Spitze. Doch wer auf knackig-herbe, pilsartige Biere steht, wird mit dem schottischen Fassbier nicht glücklich werden, das kann ich versprechen.

Innis & Gunn Toasted Oak IPA FlascheAuch das Innis & Gunn Toasted Oak IPA startet mit einer wirklich ausgesprochen wunderschönen Farbe, strahlendes Gold. Nur sehr wenig Schaum und eine lange bestehende Feinperlage überzeugen – das erfreut das Herz des Biergenießers. Ein sehr feiner, edler Hopfengeruch mit leicht holzigen, malzigen Noten bezaubert mich.

Der erste Schluck dann: Fantastisch. Eine vordergründige, aber tiefe Süße, die man von einem IPA nicht erwartet, und die sich angenehmer anfühlt als die des Originals, legt sich auf die Zunge. Ein sehr mildes Bier, das aber, gut gekühlt, einen unglaublichen Erfrischungseffekt aufweisen kann. Es ist sensorisch klar ein IPA – aber eines der mildesten, die ich bisher getrunken habe. Vielleicht ist die aggressive Bitterkeit, die viele Craftbrauer inzwischen anstreben, hier nicht das einzige Ziel der schottischen Brauer gewesen? Sind es eventuell die 41 Tage Reifung in leicht „getoastetem“ Eichenholz, die das Bier so etwas mildern?

Innis & Gunn Toasted Oak IPA GlasIm Nachgang kommen dann Orangennoten und eine zurückhaltende Trockenheit zum Vorschein. Insgesamt ein wirklich durchdachtes, feines, rundes Geschmacksbild. Wie bei vielen Ales muss man es aber halbwegs zügig trinken; nach einer halben Stunde wird es etwas schal.

Jedenfalls ist das Innis & Gunn IPA ein perfektes Beispiel dafür, dass Bitterkeit nicht die einzige Qualität ist, die ein IPA über andere Biersorten hinaushebt, und ein Zeichen an andere Brauereien, dass „craft“ nicht nur „britisch-amerikanische Biersorte“ oder „viel Hopfen“ bedeutet, sondern auch alternative, besondere Herstellungs- und Reifungsarten beinhaltet.

Für viele ist Bier, wenn es als Cocktailzutat dienen soll, nur ein Ersatz für Sprudel oder Sekt. Dass Bier mehr liefern kann als nur ein bisschen Blubber zeigt der Double Barley Martini – schon die pure Verkostung deutete eine sensorische Nähe zu Whisky an, was kann dann bei einem solchen Cocktail schiefgehen? Nichts, wie sich zeigt. Es kommt nur zusammen, was offensichtlich zusammengehört – doppelte Gerste halt.

Double Barley Martini Cocktail


Double Barley Martini
1¾ oz Scotch Whisky (z.B. Bunnahabhain 12)
¾ oz Falernum (z.B. The Bitter Truth Golden Falernum)
¾ oz Limettensaft
1 Spritzer Orange Bitters
1 Spritzer Zuckersirup
½ Eiweiß
Alle Zutaten auf Eis gut shaken, und am Ende toppen mit…
1 oz Innis & Gunn Oak Aged
[Rezept nach Castrese Liccardo]


Die Flaschen sind sehr schön gestaltet, mit einem femininem Schwung und einer hübschen Taille, und einem tollen Etikett in türkisgrünen Kontrastfarben zur braunen Flasche und deren Inhalt beim IPA, in passenden Orange- und Rosttönen beim Original.

Zum Schluss noch zu den nackten Zahlen: 5,6% Alkoholgehalt beim IPA, üppige 6,6% gar beim Original, abgefüllt in 330ml-Dosierungen für rund 3€ mögen den einen oder anderen abschrecken. Wer sich aber für craftbeer im Allgemeinen und besondere, ungewöhnliche Biere im Speziellen mehr als oberflächlich interessiert, muss diese außergewöhnlichen Biere aus Edinburgh probieren.

Horrido! Auf die Pirsch! Teil 2: Truthahnjagd mit Wild Turkey Rare Breed Kentucky Straight Bourbon Whiskey

In Teil 1 der Jagdsaison haben wir bereits einen Hirsch gejagt – es wird Zeit für anderes Wildbret. Wie wäre es mit Geflügel? Ein gluckernder Truthahn wäre doch genau das richtige. Ein wilder Truthahn, von seltener Art, ein meleagris gallopavo raruskentuckus, oder, wie man ihn landläufig besser kennt:  Wild Turkey Rare Breed Kentucky Straight Bourbon Whiskey.

wildturkey-rarebreed-flascheDas Gefieder des wilden Truthahns glitzert am Jagdmorgen im Frühnebel in herrlichem Terracotta. Es ist aber schon ein gewichtiger Vogel, mit seinem barrel proof 112.8, also 56,4% Alkohol ganz klar einer, der eine dicke Suppe ergibt, und den man runterkühlen muss muss vor dem Genuss. Ein paar winzige Tropfen Wasser reichen dazu schon aus, um ihn auf 50%, was gute Trinkstärke ist, zu verdünnen und palatabler zu machen. Barrel proof bedeutet nicht automatisch auch single barrel – es handelt sich beim Wild Turkey um einen Blend aus drei verschiedenen Whiskeys.

Im Präparationsglas bezaubert das wilde Huhn dann mit recht bourbontypischen Aromen: Sehr vanillig, weich, mit praktisch keiner Lösungsmittelkomponente, und etwas Eiche. Ich liebe diesen Geruch.

wildturkeyrarebreed-imglasEin Whiskey, der in seiner Konsequenz manchen überraschen wird: Hochfruchtig, äußerst wuchtig, extrem süß sind die ersten Geschmackseindrücke; nachdem man die edle Flüssigkeit etwas im Mund herumgespült hat, schießt dann schnell etwas Eichenwürze nach. Von allem nur das beste, ohne einen Fehler im Muster. Das erinnert mich so gar nicht an einen bodenbewohnenden Vogel, das ist eines Seeadlers würdig.

Vanille ist die vordergründigste Komponente, ein schön cremiges Mundgefühl stellt sich ein, begleitet von einem leichten, sehr angenehmen Brennen, das für mich zu einer Spirituose einfach dazugehört. Ein Hauch von Lakritz ist mehr fühl- als schmeckbar. Gegen Ende dann die für Bourbon übliche gemüsige Karottennotte im Abgang. Die Amis haben so wunderbare Whiskeys, da wundert es mich, dass Vince Vaughn in der zweiten Staffel von „True Detective“ immer den langweiligen Johnnie Walker runterkippt.

Ich glaube nicht, dass es auf der Welt einen Bourbon gibt, der besser in einen Lion’s Tail passt. Die Charakterstik dieses Whiskeys schmiegt sich so unglaublich perfekt an das Allspice Dram und die Gesamtkomposition an, dass man glauben könnte, dieser Cocktail wäre nur für den Rare Breed geschaffen worden.

The Lion's Tail Cocktail


Lion’s Tail
2 oz Wild Turkey Rare Breed
½ oz Limettensaft
½ oz Allspice Dram (z.B. The Bitter Truth Pimento Dram)
¼ oz Zuckersirup
1 Spritzer Pfirsichbitter (z.B. von The Bitter Truth)


Am Ende muss noch kurz die Flasche und die Dose angesprochen werden, in der der Wild Turkey daherkommt. Eine auf den ersten Blick etwas unförmige Tropfenflasche, die ich umso lieber gewinne, je öfter ich sie anschaue. Das Etikettenredesign ist für meinen Geschmack ein Schritt in die falsche Richtung; mir hat das alte, verschnörkeltere, verspieltere besser gefallen als das neue, langweilige, strengere. Ein sehr sehenswerter Flaschenstöpsel krönt die Flasche. Die Geschenkdose, in der die Flasche kommt, ist auf jeden Fall ein glitzerndes Highlight: Eine schöne Trophäe, an der man sich erfreuen kann, wenn der Vogel längst verspeist ist.

wildturkey-rarebreed-stopperEs gab früher schon andere Versionen des Gockels, die von Fans sehr geliebt wurden; manchmal bedauere ich, so spät ins Spirituosengeschäft eingestiegen zu sein, wenn selbst ein so wirklich ausgesprochen wunderbarer Whiskey wie dieser als vergleichsweise minderwertig zu seinem Vorgänger angesehen wird. Vielleicht ist das alles aber auch nur Jägerlatein und der Blick durch die rosarote Brille; vom heutigen Jagdhochstand aus sieht für manchen melancholischen Nostalgiker alles flacher und schlechter aus als früher, als noch die wahren Jagdobjekte vor der Flinte herumtanzten.

Für eine Weile bin ich gesättigt. Doch das heißt nicht, dass die Jagd nicht weitergeht. Fürs nächste Shootout mit wildem Getier habe ich mir eine größere Beute ausgesucht, für die der Henrystutzen im Sattelhalfter bleibt und statt dessen der Bärentöter rausgeholt werden muss. Bis dahin: Waidmannsheil!