Drei Kategorien sind in der NORMA Oficial Mexicana NOM-070-SCFI-2016 für Mezcal gesetzlich definiert – einfach nur „Mezcal“, „Mezcal Artesanal“ und „Mezcal Ancestral“, in aufsteigender Reihenfolge der verlangten Nichtindustrialisierung und Nichtmechanisierung bei der Produktion. Für den mittleren Zustand eines Mezcal Artesanal, wie wir ihn beim Los Muertos Joven Mezcal Artesanal vorliegen haben, sind im Gegensatz zum Standardmezcal keine Autoklaven beim Kochen erlaubt, keine Diffuser beim Mahlschritt, keine Stahltanks bei der Fermentation, und beim Brennen keine Säulenapparate. Für einen Mezcal Ancestral sind die Anforderungen noch etwas strenger, doch ich persönlich halte diese Einschränkungen hier bereits für ein Maß der Bedeutungszumessung an traditionelle Herstellungsweisen, das nicht viele andere Spirituosen aufzuweisen haben.
Der Los Muertos Joven wird von den Mezcaleros Humberto und Rodolfo Juán hergestellt, in traditioneller Handarbeit – dazu gehört unter anderem die Ernte der 7 bis 9 Jahre alten Espadínagave und eine mehrwöchige Gärung in offenen Pinienholzbottichen, spontan natürlich mit nur den Hefen, die im Produktionsort San Juan del Rio in Oaxaca so wild herumschwirren. Ein doppelter Durchgang durch die Kupferbrennblasen ergibt am Ende eine mit Wasser auf 43% Alkoholgehalt eingestellte Flüssigkeit, die dann abgefüllt wird und in Deutschland durch Los Muertos vermarktet wird – die sitzen in St. Wendel im Saarland, ist für mich also durchaus eine lokale Firma. Ich habe bereits deren Tequila Cristalino besprochen, und auch den sehr hübschen Mexican Dry Gin zuhause fast schon aufgebraucht – da kommt der Mezcal Joven jetzt gerade recht.
Man hat es schon in der Flasche gesehen, im Glas verändert sich das nicht: Kristallklar, ohne Fehler, mit einer richtig deutlichen Viskosität, bei der die Flüssigkeit schwer hin und her schwappt. In klar abgegrenzten Beinchen läuft der Mezcal dann langsam ab, ein paar dicke Tröpfchen bleiben lange am Glas hängen.
Ein Espadín-Mezcal hat einen sehr hohen Wiedererkennungswert. Das ist beim Los Muertos Mezcal nicht anders, da ist sofort viel Agavengrüne da, ein richtig vegetabiler Geruch von Gewächshaus, Blattschnitt und noch jungen Tomatenpflanzen. Grüne Oliven, Geranien und ein bisschen Birne runden diese grüne Seite ab. Die Nase findet, wenn man länger schnuppert, und das tue ich hier sehr gern, noch leichte Zitruszeste, Aprikosenfleisch, Herbstlaub und eine minimalste Note von feuchtem Lindenholz. Rauch ist praktisch abwesend, etwas, was mich bei Mezcal gar nicht stört, die Rauchbomben von früher sind überwunden. Mineralität findet sich, ist aber nicht so ausgeprägt wie bei manch anderen Mezcals.
Süß und sehr flauschig zeigt sich der Los Muertos initial am Gaumen, bietet auch durchgängig diese runde, weiche, fast viskose Textur, und punktet allein damit bei mir schon ganz enorm. Espadín dominiert von Anfang an die Sensorik, würzig und süß, vollaromatisch und sich im gesamten Mundraum schnell ausbreitend. Leichte Gewürztöne blitzen auf, Nelken, Kardamom, Piment, sehr apart, was das an Komplexität bietet. Die 43% Alkoholgehalt sind toll eingebunden, sind spürbar, aber nicht pieksend. Ein kühler Mentholeffekt beendet den mittellangen, etwas auf der Zunge prickelnden Abgang, der dann in einen leichten Stahlnagelton übergeht, während minimalste Astringenz etwas Trockenheit, aber wirklich nur etwas, hervorbringt. Ganz am Ende hallt dann eine feine Jasminblumigkeit nach, zusammen mit der nun auftauchenden kiesigen Mineralität.
Völlig unkompliziert und sehr trinkig, dennoch mit ausgeprägter Agaventypizität. Man darf hier keine wilde Jagd erwarten, oder ein spannendes Experiment eines Brenners, dafür aber grundsolide, saubere Arbeit, und eine wirklich schöne Espadín-Ausprägung. Gefällt mir sehr.
Der modernen Mixologie gehen manchmal ein bisschen die neuen Ideen aus, dann bedient man sich an klassischen, erfolgreichen Rezepten. Und dabei entstehen hin und wieder Kombinationen, die vom Namen her erstmal frankensteinmäßig klingen, wie der White Negroni Piña Colada. Doch man gebe dem Drink eine Chance, denn er funktioniert ganz hervorragend, bietet eine tolle Mischung aus tropischem Sommerfeeling und komplexen Aromen, bei denen ein guter Mezcal trotzdem die Hauptrolle spielt. Dass er dann noch ein bisschen der mexikanischen Flagge ähnelt, ist zwar nur Zufall, gibt dem ganzen aber doch mittelamerikanische Stimmung!
White Negroni Piña Colada
1oz / 30ml Mezcal
½oz / 15ml Suze
½oz / 15ml Kokosnussrumlikör
½oz / 15ml Zitronensaft
¾oz / 23ml Ananassaft
¼oz / 7ml Zuckersirup
Auf Eis shaken. Auf Eis abseihen. Mit Angostura toppen.
[Rezept nach Chris Amirault]
Die Flasche selbst ist unauffällig, eine ganz normale gerade geschnittene Flasche mit einem Kunststoffkorken – der Designaufwand ging offensichtlich eher ins abstrakte Etikett, das großflächig und mit schönem Kupfermetalliceffekt gestaltet ist. Die relevanten Keywords sind etwas willkürlich über die Fläche verteilt, und ich würde mir tatsächlich noch ein paar Details über die Herstellung und die Hersteller selbst wünschen; da man sie auf der Abfüllerseite nachlesen kann, ist dies aber eher als Randnotiz zu sehen.
Nachdem ich in letzter Zeit viele Mezcals probiert hatte, die von sehr kleinen Herstellern in winzigen Mengen direkt an die Mezcalsconnoisseure vermarktet werden, ist dies schon erkennbar einer, der eher die Fläche bedienen soll. Der Los Muertos Mezcal Joven beweist aber, dass dies heutzutage kein Wiederspruch mehr sein muss – gute Qualität, sauber gemacht, und trotzdem zu einem guten Preis erwerbbar für die Heimbar, die einen stabilen und schmackhaften Mezcal für Cocktails braucht, den man trotzdem auch pur genießen kann, wenn man mal Lust darauf hat.
Offenlegung: Ich danke Los Muertos Spirits für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Mezcals.












































