Unsere Zunge schmeckt 5 Geschmacksrichtungen – süß, sauer, bitter, salzig und umami. Schärfe dagegen ist kein Geschmackseindruck, sondern eine Reizung und wird durch andere Rezeptoren wahrgenommen, die uns vor Schmerzen warnen. Manche mögen scharfes Essen sehr gern, andere können es nicht vertragen, auf jeden Fall kennt es jeder; in Getränken ist Schärfe allerdings ein sehr ungewohntes Element, höchstens starke Minze ist verbreitet. Spirituosen oder Liköre, die auf Schärfe setzen, sind daher eher rar gesät.
Eine der bekanntesten dieser schmalen Kategorie ist mit Sicherheit Fireball Liqueur Blended with Cinnamon and Whisky. Insbesondere in den USA ist dieser Likör weit verbreitet und sehr beliebt, man hört oft von Studentenparties, die durch Fireball außer Kontrolle geraten und in großem Katzenjammer für alle Beteiligten enden. Kein besonders guter Ruf eilt ihm voraus, aber ein lauter Ruf – daher will ich meine eigene Erfahrung damit machen, ohne mir aber die Birne wegzuballern, ich bin mir sicher, das ergäbe einen ekligen Kater, bei all dem billigen Sprit und Zucker, der, ohne zuviel vorwegnehmen zu wollen, ganz sicher im Fireball enthalten ist.
Der Feuerball ist eigentlich mit großer Sicherheit stark künstlich gefärbt, aber immerhin hat man einen passenden, goldenen Farbton für die Zimtkonnotation gefunden, mit senfgelben Reflexen. Recht dünn für einen Likör, hinterlässt aber trotzdem Beine im Glas.
Ich halte die Nase ins Glas. Ja, das ist Zimt. Und Zimt. Und Zimt. Da springt einem sofort die Kindheitserinnerung an den roten Wrigleys-Kaugummi in den Sinn; Big Red heißt er, und man kann ihn heute noch kaufen. Die Ähnlichkeit ist höchst verblüffend und witzig – ich glaube jeder, der einmal am Fireball riecht und den Kaugummi kennt, wird sofort diese Erinnerung in sich wecken. Daneben ist ein leicht fruchtiger Ton, nach Rot- oder Portwein. Und, wenn man tief riecht, kommt noch eine ganz helle Alkoholnote zum Vorschein, die mentholisch wirkt, aber nicht sticht.
Vorsichtig lege ich mir einen Schluck auf die Zunge. Autsch, ist das süß. das belegt die Zunge, den ganzen Gaumen. Whisky? Wo soll da Whisky sein? Selbst Drambuie oder Boxing Hares ist nicht dermaßen süß. Durch die Süße kommen kaum Aromen durch, bis zum Abgang. Hier kommt zum Vorschein, dass Zimt, trotz unserer üblichen Verwendung in Süßspeisen, eigentlich ein recht scharfes Zeug ist. Da kribbelt und brennt es, dass es eine wahre Freude ist, und den feuerspuckenden Flammendämon auf dem Etikett zur Ehre gereicht. Am Ende bleibt ein mildes Brennen im Mund, Zimtaromen und die pappige Süße, und das länger, als mir lieb ist. Das ist eine Effektspirituose, nicht so elaboriert und spannend wie beispielsweise Faradaí, der auf ähnliche Weise wirkt, aber doch rein auf den Effekt ausgelegt. Und auf die, die Zimt mögen.
Pur brauch ich das wirklich nicht, gar nicht mal wegen dem Zimt oder der tatsächlichen Aromatik, sondern wegen der superklebrigen Süße, die mir das Schlucken schwer macht. Auch in Cocktails findet sich selten Verwendung dafür; interessant ist zumindest der Holden Caufield [sic!], der Fireball mit anderen starksüßen Zutaten kombiniert und als Dessertdrink seinen pappigen Charme hat.
Holden Caufield 1 oz Fireball Whisky 1 oz Amaretto 2 oz Orangensaft ½ oz Zitronensaft ½ oz Zuckersirup Auf Eis shaken. [Rezept nach unbekannt]
Arcus, die auch den hervorragenden Linie Aquavit herstellen, haben damit einen Selbstläufer im Angebot, der sich trotz seiner offensichtlichen Mängel für Genießer verkauft wie geschnitten Brot. Um ehrlich zu sein finde ich die Gestaltung der Flasche, mit dem scheinbar eingebrannten Loch im Rücketikett, durch das man den feuerspeienden Teufel des Vorderetiketts sehen kann, ganz toll gelungen. Aktuell gibt es auch eine „Collector’s Edition“ (ein irgendwie absurder Gedanke bei dieser Art Spirituose), die noch bunter auf auffälliger gestaltet ist.
Das verleitet dann vielleicht den Hersteller aber zu weiteren, fast schon unlauteren Schritten: Aktuell läuft in den USA eine Klage gegen die Konzernmutter The Sazerac Company, weil sie eine Variante auf den Markt gebracht haben, die praktisch keinen Whiskey mehr enthält, sondern ein „malt beverage“ mit halbiertem Alkoholgehalt (16,5%) ist – also sowas wie ein früher auch hierzulande sehr beliebtes Alkopop. Die Etiketten sind für meinen Geschmack diesbezüglich definitiv verbrauchertäuschend gestaltet, man kann die zwei kaum auseinanderhalten, ich wünsche den Klägern viel Glück.
Ich habe den Fireball aus Interesse gekauft, weil ich wissen wollte, was die Beliebtheit ausmacht. Nach dem Probieren kann ich mir vorstellen, was sehr anspruchslose Trinker damit anfangen können, doch bei mir steht sie nun, immer noch zu vier Fünfteln gefüllt, im Regal und sammelt Staub. Ich werde sie auf der nächsten Feier, zu der ich eingeladen werde, als Mitbringsel mitnehmen und beobachten, was passiert.
Im elsässischen Colmar bei der Brasserie du Grillen wird es gebraut, das Bier, dem ich meinen Namen gab: das Appelle-moi Helmut Hefeweizen. Nein, ich will gar keinen Ruhm beanspruchen, den ich nicht verdient habe, auch wenn mein Vorname heutzutage so selten geworden ist, dass eine geschätzte Kollegin im Büro, als sie das Bier gesehen hatte, mir sofort zwei Flaschen zu meiner Verfügung gestellt hat. Es hat auch Vorteile, altmodisch benamt zu sein, wie man sieht. Dabei ist das Bier durchaus modern – alle Zutaten sind in Bioqualität, ein entsprechendes Biosiegel findet sich auf dem Etikett, und sogar eine selten progressive Angabe einer Hefesorte ist vorhanden, man nennt „Banana Split“. 12 IBU und 5,5% komplettieren die erfreulich transparente Deklaration. Nun probieren wir mal, ob mein Namensvetter was taugt.
Eidottergelb, mit einer kräftigen Schaumentwicklung schon beim Eingießen, typischer Hefeweizenschaum mit schöner Blasengrößenmischung. Besonders interessant ist die extreme Perlage, die mit den feinsten Bläschen aufwarten kann, die ich je in einem Bier gesehen habe, und sie bilden fast eine durchgehende Fläche, so eng sitzen sie aneinander.
Ein bisschen weniger typisch ist die Nase, einfach, weil Aromahopfen eingesetzt wurden (Aramis und Elixir), das ist natürlich unklassisch, aber man verwechselt es trotzdem noch nicht mit einem Pale Ale. Deutlich dominiert die Banane, sie wird aber direkt unterstützt durch milde Fruchtaromen von Aprikose und einer ganz, ganz milden Zitruskomponente. Ein bisschen Würze scheint durch, die wahrscheinlich dafür verantwortlichen Malze sind Pilsner, Weizen und Caravienne. Sehr nett!
Der Antrunk ist von dieser Würze gesteuert, das geht fast ins Backgewürzartige über, aber nur für einen Moment, Nelken übersteuern die Banane nun. Angenehme Süßbittere findet sich, mit einer sich im Verlauf immer stärker aufbauenden Säure, die im späteren Mittelteil aber fast ein bisschen kantig wirkt. Die Textur ist dafür superweich, dicht und voll. Toll rezent, erfrischend und süffig – ein wirklich gelungenes Hefeweizen mit einem Twist! Da muss man sich nicht für den Namen schämen!
Es ist schon irgendwie verrückt. Da stellt man in Mexiko eine der großartigsten Spirituosen der Welt her, global prügeln sich die Konsumenten inzwischen um die doch erkennbar rar werdende Ware, und dennoch hat Tequila in Deutschland immer noch dieses Imageproblem, das nur sehr schwer aus den Köpfen der Leute zu bekommen ist – ich habe unter anderem darüber mit ein paar der einflussreichen Importeure in Deutschland gesprochen, die sich um Qualitätstequila hierzulande bemühen. Die Interviews, zusammengefasst in einem Artikel, kann man im Magazin BRANNT#2023 nachlesen, und da ist eigentlich durchaus positive Grundstimmung erkennbar, wenn auch viel Skepsis mitschwingt, was die aktuelle Tequilasituation in Deutschland angeht.
Bei der Destilería El Pandillo (NOM 1579) in Jalisco tut man was dagegen. Mit dem G4 Tequila Blanco stellt man dort, und ich nehme das Fazit hier einfach mal vorweg, einen der großartigsten Agavenbrände her, die man aktuell hierzulande und weltweit bekommen kann, so etwas hat natürlich nichts mehr mit dem Zeug, das man vielleicht von damals noch im Kopf hat, zu tun. 100% Agave als Basismaterial sind selbstverständlich, Mixto muss heute unabhängig von diesem Produkt wirklich keiner mehr kaufen. Gekocht werden die geernteten Agavenherzen in Steinöfen, extrahiert wird deren Saft mit einer traditionellen Tahona (also einem Mühlstein), fermentiert wird an der frischen Luft; so mag ich das, weit entfernt von der Überindustrialisierung vieler Marken. Doppelt in Kupferblasen destilliert wird dann der Brand mit Regen- und Quellwasser auf 40% Trinkstärke herabgesetzt. Der G4 ist schließlich am Ende zertifiziert additiv-frei. Nichts kann mich davon abhalten, ihn nun ins Glas zu geben!
Kristallklar und mit leichter Viskosität schwingt der Tequila im Verkostungsglas beim Schwenken hin und her, dabei bleibt so einiges an der Glaswand haften, nur um dann in dickköpfigen Beinchen gemächlich wieder herabzulaufen.
Was mag ich an Tequila? Diese sehr allgemein gestellte Frage lässt sich für mich ganz einfach dadurch beantworten, dass ich die Nase in das Glas mit G4 Blanco halte. Da ist alles in perfektem Maße vorhanden: die klare, saubere, steinige Mineralität, ohne dabei kiesig oder staubig zu werden; eine strukturierte Vegetabilität, mit grünschnittigen Noten und pflanzlichen Säften, ohne aber jede Gemüsigkeit; und dann eine aufblühende Floralität voller dezenter Rosenblätter- und Lavendelaromen, völlig ohne Seifigkeit oder Parfümiertheit. Das drängt sich nicht auf, schnuppert sich aber herrlich, vielschichtig und trotzdem linear, reif ohne Fassholz zu benötigen, frisch und leicht, kurz: ich liebe diesen Duft mehr als alle anderen bei Spirituosen.
Ein ähnlich vollständiges Gefühl führt sich am Gaumen fort. Süße und Säure sind balanciert, die Textur ist weich und cremig, zusammen mit einem vollen, runden Körper legt sich der G4 an den Gaumen und bereitet damit den Auftritt der Aromen vor. Volle Agavenfrucht, unterstützt von würzigem Ahornsirup und süßaromatischem Kandiszucker. Ton und Gras entstammen der Mineralität, Anflüge von Lavendel und Jasmin frischen auf, und eine Idee von Nelke und grüner Paprika geben Exotik. Im Verlauf wird durch schwarzpfeffrige Hitze Spannung am Gaumen erzeugt, der Abgang ist feurig von Zungenspitze bis tief in den Rachen, ohne wirklich zu brennen. Die Blumigkeit und Agave bleibt lange erhalten, bis der G4 dann mit einem blutigen Eisenton ausklingt und die Zunge prickelnd zurücklässt.
Bei diesem Tequila passt einfach alles zusammen, das ist ein Gesamtkunstwerk von Auge bis Nachhall, mit hoher Typizität und viel Charakter. Perfekt ausbalanciert, aromatisch wie strukturell spannend, dicht und lang. Ich sage es immer wieder, ein richtig guter Tequila ist eine der besten Spirituosen der Welt, und der G4 Blanco gehört für mich in die absolute Spitzenklasse selbst in dieser Weltklasse.
Der Unterschied zwischen der Elegante Margarita und einer normalen, klassischen Margarita mag auf dem Papier unwesentlich und klein erscheinen, doch die zusätzlich limettige Süße, die ein Lime Cordial in den Drink bringt, ist klar bemerkbar; der Cocktail ist weniger herb, aber lässt einem guten Tequila immer noch genug Raum, seine Aromen auszuspielen. Also eine gute Rezeptur für so etwas wie den G4 Blanco!
Elegante Margarita 1½ oz Tequila Blanco ½ oz Triple Sec ½ oz Lime Cordial ¾ oz Limettensaft ½ oz Zuckersirup Auf Eis shaken. In einem Glas mit Salzrand servieren. [Rezept nach Robert Plotkin und Raymon Flores]
Die Flasche wirkt unauffällig, das Etikett hält sich ebenso zurück, in der edlen Gestaltung mit silberner Schrift auf marineblauem Hintergrund wirkt das Gesamtkonzept aber durchdacht und sauber gemacht, ohne viele Sperenzchen, die so ein guter Brand auch überhaupt nicht nötig hat, der überzeugt völlig durch den Inhalt der Flasche und muss in keiner Form marketingtechnisch Mängel überspielen, wie das bei anderen Produkten hin und wieder der Fall ist.
Ja, was soll ich am Ende nun sagen, da ich das Fazit ja schon im zweiten Absatz gegeben hatte. Für mich steht es außer Frage, dass jeder mal einen Blick auf dieses Destillat werfen sollte, und sich auch keinesfalls davon abschrecken lassen, dass es ein ungereifter Brand ist: Gerade bei Tequila ist der Blanco der König, der ist so aromatisch, der will gar kein Holz, das nur ablenkt von den feinen Agavenaromen. Selten kann ich eine so klare Kaufempfehlung aussprechen!
Die Familie trifft sich auch 2023 zu Weihnachten, und die Rollen sind wieder mal klar vergeben – der Papa kocht zwei Dutzend Rinderrouladen, 4kg Spätzle und 2kg Kartoffelsalat, der Schnapsmann (ich) bringt ein paar flüssige Delikatessen aus aller Welt mit, und die Brüder Bier aus der Region, eher fränkisch orientiert der eine, eher hohenzollernsch der andere, eine abwechslungsreiche Mischung. Nun gibt es noch jemand, der mit dabei ist, und aus seiner Heimatgroßregion Biere beisteuert, was ich sehr zu schätzen weiß, so kommen nun auch Biere aus Thüringen und Sachsen mit auf meinen Speiseplan. Beginnen werden wir heute mit dem Apoldaer Festbock, einem auf 6,5% Alkoholgehalt eingebrauten dunklen Bock aus Weimar. Die Spannung steigt!
Es knistert so richtig laut, wenn man das Bier eingießt, das zischt und prickelt, dass es eine wahre Freude ist. Die Geräuschkulisse bleibt auch lange danach bestehen, die sehr starke Perlage lässt nicht nach, Perlen mit lautem, knackendem Weißrauschen zu produzieren, selbst wenn der Schaum eher dünn wird dann. Farblich ist es auch ansprechend, mit seiner kristallklaren, fast roséfarbenen Holztönung.
Die Nase ist beerig und marmeladig, erinnert an Erdbeerkompott und Pfirsichgelée. Ein bisschen Blütenhonig ist dabei, überraschend süßlich und fruchtig das ganze, sehr angenehm zu schnuppern. Darunter findet man ein bisschen Rost, und gemälzte Gerste, das Basismaterial ist schön erkennbar.
Am Gaumen fällt erstmal die Rezenz auf, das ist vom Ohr her schon erwartet gewesen. Gut pointierte Süßsauerbalance spielt dem in die Karten, eine weiche Textur wird durch eine klare Frischekante aufgelockert. Auch im Mund meint man, ein bisschen Marmelade mit im Glas zu haben, aber natürlich und sauber ins Bier integriert, ohne, dass das als Fremdkomponente oder Zusätze wahrgenommen würde. Volles Volumen, mit Prickeln auf der Zunge, und einem sehr angenehmen, leicht holzigen und malzaromatischen Abgang.
Ein sehr ansprechendes Bier, mit eigener Charakteristik und einem eigenen Stil, den ich sehr mag. Schade, dass ich nur eine Flasche davon habe – ich werde den Spender sicher dazu auffordern, mehr davon für mich zu organisieren!
97 Punkte in Jim Murrays Whisky Bible, so donnernd wirbt ein indischer Whisky mit einem gelben Aufkleber auf der Flasche. Da bleibt einem als Spirituosenfreund ja nichts anderes übrig, als einen Blick auf den Amrut Fusion Single Malt Whisky zu werfen. Meine Erfahrungen mit indischen Spirituosen haben bisher eher mäßige Glücksgefühle hervorgerufen – indischer Brandy und indischer Rum sind oft genug einfach nur dasselbe Multikolonnen-Neutraldestillat, das mit Wunscharomen versetzt als Brandy oder Rum verkauft werden kann. Der eine oder andere „Whisky“ ist sicherlich auch diesem Baukastenprinzip entsprungen.
Nicht allerdings der Amrut Fusion – er ist tatsächlich eine klassische Produktion, an Scotch angelehnt. 25% getorfte schottische und 75% ungetorfte indische Gerste (hiermit erklärt sich auch der Name) werden getrennt verarbeitet, in Pot Stills destilliert und in Ex-Bourbon-Fässern in Bangalore gereift, bevor diese Einzelwhiskies dann zusammengeführt werden. Hier sei der Hinweis gestattet, dass dies natürlich trotzdem ein Single Malt ist – das Kriterium dafür ist die Herstellung in einer Destillerie, nicht, dass das Endergebnis aus einem Fass oder einem Destillationslauf entstammt. Es ist keine Altersangabe vorhanden, wir haben hier also eine NAS-Abfüllung vor uns, die wahrscheinlich eher jüngere Destillate enthält – was nicht unbedingt viel negatives aussagt, denn durch das indische Klima kann grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass ein Whisky in kürzerer Zeit reift, ein Effekt, der bei tropischer Reifung von Rum inzwischen sehr bekannt ist. Soviel zur Technik, mal schauen, ob der gelbe Aufkleber recht hat!
Bei den meisten Scotches ist die Farbe mit etwas Bedacht zu bewerten – es wird durchgehend gefärbt. Umso erfreulicher, dass die Inder hier einen anderen Weg einschlagen und keine Zuckerkulör zusetzen (und übrigens auch nicht kältefiltrieren). So hat man doppelt was von dem hübschen Safrangelb mit den goldenen Reflexen. Beine bilden sich eher zögerlich, laufen dann auch sehr langsam ab.
Im Geruch sind wir dann aber wieder sehr typisch beim großen Vorbild Schottland. Malz, hell und süßlich, stark fruchtig nach Rosinen und Mango, Vanille und Karamell. Ein Hauch, aber wirklich nur ein Hauch von Rauch. Unterschwellig ist da noch eine schöne Note von gebrannten Mandeln. Deutliches, etwas die Nase zwickendes Ethanol fliegt mit.
Der Amrut Fusion ist sehr cremig und ölig im Mundgefühl. Auch im Geschmack sind die Fruchtnoten im Vordergrund, dazu Honig und eine leicht nussige Komponente. Süß und schmeichlerisch, fast schon ein bisschen likörartig. Man könnte das fast schon als etwas zu entgegenkommend bezeichnen – vor allem die enthaltenen 50,0% Alkohol kann man höchstens riechen, nie schmecken. Rauch ist zu finden, allerdings, wie schon in der Nase, nur in Anklängen.
Der Abgang des Amrut Fusion ist von respektabler Länge, mildwürzig, voller Eichenholzeindrücken, deutlich metallisch/eisenhaltig und sehr angenehm warm aus nun etwas unerwartet auftretender Ingwerschärfe. Dies schließt das Bild eines sehr runden, süßfruchtigen und wirklich gelungenen Whiskys ab, der sich kaum hinter seinen schottischen Kollegen zu verstecken braucht.
Durch die ähnliche Charakteristik ist der indische Single Malt in jedem Drink einsetzbar, der generisch nach Scotch Whisky verlangt. Tatsächlich macht die schöne Trinkstärke und das gerundete Bild einen Einsatz auch interessant und losgelöst von dem nordbritischen Vorbild spannend. Der Casualty jedenfalls ist mit dem Inder sicherlich nicht mehr ein Unglücksfall als mit Scotch. Also gar nicht.
Die Flasche ist unauffällig, das braune Etikett nur wenig ansprechend – dafür gibt es ja dann die Blechdose, in der die Flasche zu einem nach Hause kommt. Man hat, so mein Eindruck, sehr viel mehr vom Inhalt als von der Optik, was niemand abschrecken sollte – auch wenn es dem einen oder anderen vielleicht schwerfällt, den Preis für ein schwer einschätzbares Produkt zu bezahlen. Die anfangs erwähnten 97 Punkte halte ich für maßlos übertrieben, das ist wohl eher eine Methode Murrays, auf neue Felder im weltweiten Whiskygeschäft hinzuweisen und ihnen etwas Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, als eine ernsthafte Bewertung. Für Whiskyfreunde ist der Amrut Fusion Single Malt Whisky meiner Meinung nach aber trotz allem auf jeden Fall einen Blick wert.
Zu dem heute hier vorgestellten Grape of the Art Rounagle 1986 habe ich eine direktere Beziehung als zu vielen anderen Armagnacs, die ich bisher hier vorgestellt hatte, denn ich kenne den Inhaber des Maisons, Hugues Amesland, persönlich von einigen sehr unterhaltsamen und auch, nun, sagen, wir, feuchtfröhlichen Erlebnissen, die wir zusammen in Chile, Bulgarien und China hatten, während wir beide Juroren bei Spirits Selection by CMB 2017, 2018 und 2019 waren. Und zum 1. German Armagnac Festival habe ich ihn wiedergetroffen, ich hatte berichtet. Um so erfreuter bin ich, hier diesen Armagnac vorstellen zu können, und ich stoße in Gedanken mit Hugues darauf an!
Ugni Blanc als Rebsorte, aus der Region Armagnac Ténarèze stammend, 1986 geerntet und dann gebrannt, nach 36 Jahren Reifung im November 2023 in Cask Strength mit 51,3% abgefüllt, das sind kurz gefasst die Rahmendaten. Nun aber zu den Eindrücken, die ich beim Trinken gesammelt habe.
Hennarot glänzt der Armagnac, kristallklar natürlich, und weist eine schwere Öligkeit auf – bringt man ihn zum Schwappen, legt er sich zügig wieder in Ruheposition, das ist ein sehr gemütlicher Gentleman, offensichtlich.
Viel Obst hat er dann für die Nase bereit, reife Birne, roter Apfel, ein paar Kirschen und vielleicht sogar etwas grüne Banane. Ganz vorsichtig scheinen Holztöne durch, feuchtes Eichenholz zusammen mit der dafür typischen Vanille und etwas Karotte. Eine Idee von Estragon kommt dazu, frischt den Eindruck auf und addiert auch eine gewisse Kräuterigkeit. Zu guter letzt ist nur minimalst, aber erkennbar, Lack da, etwas, was mich ja eher selten stört. Insgesamt fühlt sich der Rounagle sehr rund an, weich, und wirklich ausgesprochen angenehm zu riechen.
Am Gaumen erwartet einen diesbezüglich keine dramatische Änderung, initial ist die Textur sehr weich und voll, legt sich breit und tief an die Schleimhäute, bringt eine äußerst angenehme Süßestruktur mit, die etwas an weißen Kandiszucker erinnert und leichte Würze beinhaltet. Honig, reifes Obst, vor allem Birne und Apfel, die Eindrücke der Nase werden wunderbar fortgeführt, bis der Rounagle plötzlich eine ganz andere Seite zeigt – da explodiert er dann in eiskaltem Feuer, mentholische Frische kommt aus dem Nichts, Chili und weißer Pfeffer lassen Zunge und Gaumen kurz aufglühen. Dann vergeht das wieder, als wäre es nicht dagewesen, präsentiert wieder die Aromen und Eindrücke wie zum Antrunk, und klingt mit ganz milden Holztönen aus, vielleicht etwas milde Blumigkeit, die noch nachhallt. Ganz am Ende, das wird aber wirklich erst nach einer Minute klar, zeigt sich die Zunge betäubt.
Ein echtes Erlebnis, das muss ich sagen. Das Basisbild ist ein extrem trinkiger, süffiger Armagnac, voll und dicht, mit superschönen Aromen; diese kurze Gewalt, die zwischendurch aufblitzt, macht ihn spannend und überraschend. Der gute Hugues weiß offensichtlich, was guten Armagnac ausmacht.
Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.
Drei Kategorien sind in der NORMA Oficial Mexicana NOM-070-SCFI-2016 für Mezcal gesetzlich definiert – einfach nur „Mezcal“, „Mezcal Artesanal“ und „Mezcal Ancestral“, in aufsteigender Reihenfolge der verlangten Nichtindustrialisierung und Nichtmechanisierung bei der Produktion. Für den mittleren Zustand eines Mezcal Artesanal, wie wir ihn beim Los Muertos Joven Mezcal Artesanal vorliegen haben, sind im Gegensatz zum Standardmezcal keine Autoklaven beim Kochen erlaubt, keine Diffuser beim Mahlschritt, keine Stahltanks bei der Fermentation, und beim Brennen keine Säulenapparate. Für einen Mezcal Ancestral sind die Anforderungen noch etwas strenger, doch ich persönlich halte diese Einschränkungen hier bereits für ein Maß der Bedeutungszumessung an traditionelle Herstellungsweisen, das nicht viele andere Spirituosen aufzuweisen haben.
Der Los Muertos Joven wird von den Mezcaleros Humberto und Rodolfo Juán hergestellt, in traditioneller Handarbeit – dazu gehört unter anderem die Ernte der 7 bis 9 Jahre alten Espadínagave und eine mehrwöchige Gärung in offenen Pinienholzbottichen, spontan natürlich mit nur den Hefen, die im Produktionsort San Juan del Rio in Oaxaca so wild herumschwirren. Ein doppelter Durchgang durch die Kupferbrennblasen ergibt am Ende eine mit Wasser auf 43% Alkoholgehalt eingestellte Flüssigkeit, die dann abgefüllt wird und in Deutschland durch Los Muertos vermarktet wird – die sitzen in St. Wendel im Saarland, ist für mich also durchaus eine lokale Firma. Ich habe bereits deren Tequila Cristalino besprochen, und auch den sehr hübschen Mexican Dry Gin zuhause fast schon aufgebraucht – da kommt der Mezcal Joven jetzt gerade recht.
Man hat es schon in der Flasche gesehen, im Glas verändert sich das nicht: Kristallklar, ohne Fehler, mit einer richtig deutlichen Viskosität, bei der die Flüssigkeit schwer hin und her schwappt. In klar abgegrenzten Beinchen läuft der Mezcal dann langsam ab, ein paar dicke Tröpfchen bleiben lange am Glas hängen.
Ein Espadín-Mezcal hat einen sehr hohen Wiedererkennungswert. Das ist beim Los Muertos Mezcal nicht anders, da ist sofort viel Agavengrüne da, ein richtig vegetabiler Geruch von Gewächshaus, Blattschnitt und noch jungen Tomatenpflanzen. Grüne Oliven, Geranien und ein bisschen Birne runden diese grüne Seite ab. Die Nase findet, wenn man länger schnuppert, und das tue ich hier sehr gern, noch leichte Zitruszeste, Aprikosenfleisch, Herbstlaub und eine minimalste Note von feuchtem Lindenholz. Rauch ist praktisch abwesend, etwas, was mich bei Mezcal gar nicht stört, die Rauchbomben von früher sind überwunden. Mineralität findet sich, ist aber nicht so ausgeprägt wie bei manch anderen Mezcals.
Süß und sehr flauschig zeigt sich der Los Muertos initial am Gaumen, bietet auch durchgängig diese runde, weiche, fast viskose Textur, und punktet allein damit bei mir schon ganz enorm. Espadín dominiert von Anfang an die Sensorik, würzig und süß, vollaromatisch und sich im gesamten Mundraum schnell ausbreitend. Leichte Gewürztöne blitzen auf, Nelken, Kardamom, Piment, sehr apart, was das an Komplexität bietet. Die 43% Alkoholgehalt sind toll eingebunden, sind spürbar, aber nicht pieksend. Ein kühler Mentholeffekt beendet den mittellangen, etwas auf der Zunge prickelnden Abgang, der dann in einen leichten Stahlnagelton übergeht, während minimalste Astringenz etwas Trockenheit, aber wirklich nur etwas, hervorbringt. Ganz am Ende hallt dann eine feine Jasminblumigkeit nach, zusammen mit der nun auftauchenden kiesigen Mineralität.
Völlig unkompliziert und sehr trinkig, dennoch mit ausgeprägter Agaventypizität. Man darf hier keine wilde Jagd erwarten, oder ein spannendes Experiment eines Brenners, dafür aber grundsolide, saubere Arbeit, und eine wirklich schöne Espadín-Ausprägung. Gefällt mir sehr.
Der modernen Mixologie gehen manchmal ein bisschen die neuen Ideen aus, dann bedient man sich an klassischen, erfolgreichen Rezepten. Und dabei entstehen hin und wieder Kombinationen, die vom Namen her erstmal frankensteinmäßig klingen, wie der White Negroni Piña Colada. Doch man gebe dem Drink eine Chance, denn er funktioniert ganz hervorragend, bietet eine tolle Mischung aus tropischem Sommerfeeling und komplexen Aromen, bei denen ein guter Mezcal trotzdem die Hauptrolle spielt. Dass er dann noch ein bisschen der mexikanischen Flagge ähnelt, ist zwar nur Zufall, gibt dem ganzen aber doch mittelamerikanische Stimmung!
White Negroni Piña Colada 1oz / 30ml Mezcal ½oz / 15ml Suze ½oz / 15ml Kokosnussrumlikör ½oz / 15ml Zitronensaft ¾oz / 23ml Ananassaft ¼oz / 7ml Zuckersirup Auf Eis shaken. Auf Eis abseihen. Mit Angostura toppen. [Rezept nach Chris Amirault]
Die Flasche selbst ist unauffällig, eine ganz normale gerade geschnittene Flasche mit einem Kunststoffkorken – der Designaufwand ging offensichtlich eher ins abstrakte Etikett, das großflächig und mit schönem Kupfermetalliceffekt gestaltet ist. Die relevanten Keywords sind etwas willkürlich über die Fläche verteilt, und ich würde mir tatsächlich noch ein paar Details über die Herstellung und die Hersteller selbst wünschen; da man sie auf der Abfüllerseite nachlesen kann, ist dies aber eher als Randnotiz zu sehen.
Nachdem ich in letzter Zeit viele Mezcals probiert hatte, die von sehr kleinen Herstellern in winzigen Mengen direkt an die Mezcalsconnoisseure vermarktet werden, ist dies schon erkennbar einer, der eher die Fläche bedienen soll. Der Los Muertos Mezcal Joven beweist aber, dass dies heutzutage kein Wiederspruch mehr sein muss – gute Qualität, sauber gemacht, und trotzdem zu einem guten Preis erwerbbar für die Heimbar, die einen stabilen und schmackhaften Mezcal für Cocktails braucht, den man trotzdem auch pur genießen kann, wenn man mal Lust darauf hat.
Offenlegung: Ich danke Los Muertos Spirits für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Mezcals.
Abgekürzt steht der Name der Brauerei auf dem Etikett, Br’ij De HopHemel, die in Hasselt in der Region Limburg in Belgien zu finden ist. Seit 2020 macht man dort Biere, für belgische Verhältnisse also eine junge Brauerei. Mit ihrem Babolenus Cryo Pop Session IPA ist gleich etwas aus ihrem Portfolio in meinem Verkostungsglas, was ich immer theoretisch schwierig finde – ein Session IPA, meistens geht das nach meiner Erfahrung schief, weil kratziger Aromahopfen und niedriger Alkoholgehalt sich beißen. Hier ist beides voll integriert: 4,2% Alkoholgehalt, 53 IBU dazu, entstammend den Hopfensorten Magnum, Azacca, Citra, und natürlich dem namensgebenden Cryo Pop. Probieren wir es aber einfach, bevor ich ein vorschnelles Urteil fälle!
Volltrüb und trotz der helleren Farbe blickdicht. Man sieht nach dem vollständigen Eingießen am Boden des Glases dicke Hefebrocken und viele kleinere Partikel, die auch am Glas haften bleiben, wenn man das Bier trinkt. Perlage ist sehr kräftig, der Schaum zunächst da, aber immer sehr grobblasig, bis er nach ein, zwei Minuten nur noch aus sehr großen Blasen besteht.
Die eingesetzten Hopfensorten zeigen sich im Geruch sehr prominent, da sind sehr viele bunte Fruchteindrücke, von rotem Apfel über reifen Pfirsich und Stachelbeeren bis hin zu grüner Banane und Mango. Das ziept nicht, wirkt eher reif und süß als zestig und kantig – sehr angenehm zu schnuppern und ich lasse mir sehr gern Zeit damit, nur an diesem Bier zu riechen.
Der Antrunk ist zunächst ähnlich weich und fruchtig, schnell blenden sich aber die 53 IBU ein und lassen das ganze sehr deutlich ins Herbbittere kippen. Da tauscht sich dann auch die Frucht gegen richtig derbbittere Kantigkeit, etwas Getreide kommt dazu, aber das gesamte Bild ist weiterhin vom Hopfen komplett beherrscht, nur eben nun nicht von der Aromaseite, sondern von der Bitterkomponente. Säure und Süße sind gut aneinander angeglichen, die Textur angenehm leicht, hier wird die Sessionseite deutlich. Die Rezenz ist in Ordnung, da am Schluss die Bittere alles übernimmt, fehlt sie nicht besonders. Der Nachhall ist dann zunächst blumig, später wieder hopfenfruchtig.
Ui, das ist ein IPA, das man trinken können muss. Trotz des Sessioncharakters ist da soviel Hopfenwucht drin, das ist sicher nicht jedermanns oder jederfraus Sache. Letztlich ist es aber handwerklich sauber gemacht und ohne Fehler – darum probiere man es aus!
Berliner Weiße, eine aussterbende Biergattung. Nur noch eine Handvoll Marken gibt es überhaupt, und der Eindruck in der breiten Bevölkerung ist, dass das ein grünes oder rotes Biermischgetränk ist, mehr ein Spaß für Zwischendurch denn ein ernstzunehmender Bierstil. Um 1900 gab es in Berlin 200 Brauereien, die die Weiße herstellten, und sie wurde in über 700 Gaststätten gewohnheitsmäßig ausgeschenkt – davon blieben nach den Weltkriegen eine in Ost- und 5 in Westdeutschland übrig, bis 1992 mit Schultheiß die letzte schloss und die Berliner Weiße in der Breite damit der Vergangenheit angehörte. Die Diplomingenieurin Ulrike Genz hat sich mit ihrer Kleinbrauerei Schneeeule seit 2016 das Ziel gesetzt, diesen traditionellen Berliner Bierstil eben nicht aussterben zu lassen, der verwandt ist mit Geuze, Lambic und Gose (letzterer hat ja ein ähnliches Zukunftsproblem). Ende 2023 bot sie eine Onlineverkostung mit 6 ihrer Biere an, bei der ich natürlich gern teilnahm, und meinen Leser will ich heute ein bisschen einen Einblick geben, was da so vorgestellt wurde.
Was ist eine Berliner Weiße eigentlich? Es gehört in die Kategorie Sauerbier, ist auf Weizenmalzbasis gebraut und die Säure entsteht durch Milchsäuregärung mittels Lactobacillus und Brettanomyces, die Kenner kennen diese kleinen Racker natürlich. Eine Flaschennachreifung gehört dazu. Die verwendeten Mikroorganismen wurden teilweise aus alten Weiße-Flaschen, die Genz noch auftreiben konnte, gewonnen, man bekommt bei Schneeeule also schon ein Stück Biergeschichte mitgeliefert. Schneeeule macht ausschließlich diese Art Biere, weil die Brauerei durch diese lebendigen Mikroorganismen komplett „durchinfiziert“ ist und alle anderen Biere angesteckt und dadurch auch sauer würden; die Biere von dort sind allesamt unfiltriert und unpasteurisiert, denn das würde ja die Lebewesen abtöten und entfernen, die für die Weiterreifung notwendig sind. So, genug Theorie, rein ins Glas mit der Weißen!
Das Schneeeule Marlene bildet die Basislinie, natürlich. Eine traditionelle Berliner Weisse, wie es früher in der Hauptstadt üblich war. Leicht blasse Maisfarbe, dabei volltrüb bis zur Blickdichte. Es knistert zwar beim Eingießen, doch der dabei entstehende Schaum verschwindet praktisch sofort. Ganz leichte Perlage ist erkennbar. Die Nase zeigt fruchtigen Apfelessig, Verjus vielleicht, mit einer sehr ausgeprägten Würze, die die Säure auffängt und spannend macht. Federweißer und Viez sind die nächsten Assoziationen, die mir einfallen. Auch bei der kühlen Trinktemperatur durchaus expressiv! Am Gaumen springt einen sofort eine knackige Säure an, so richtig limettig, mit schönem Fruchtcharakter aus ätherischen Zitrusölen. Dabei ist eine gewisse Grundsüße als Ausgleich da, die als Körper das Volumen bringt, um das nicht zu kantig werden zu lassen. Die Marlene kribbelt etwas auf der Zunge, ist minimalst astringierend, ohne wirklich trocken zu wirken, erst im Abgang gibt es ein ganz dezentes Kratzen im hinteren Rachen. Ein Anflug von tropischer Frucht, erneut die klare Verbindung zu mildem Essig, und am Ende auch etwas brotig-hefiges lassen doch einiges an Komplexität aufblitzen, während man bei so einem Sauerbier über Rezenz gar nicht reden muss. Wer Sauerbier so nicht kennt, wird das blind nicht für ein Bier halten, da bin ich mir sicher. Der Sauerbierfreund dagegen findet hier ein wunderbares, würzigsaures Bier, für das man keinerlei Sirup braucht, um es gemütlich genießen zu können.
Länger und aktiver ist der Schaum dann auf dem Schneeeule Kennedy, auch teilweise durch die stärkere Perlage. Die Farbe geht hier ins blasse Eidotter über, das vollständig trüb ist, winzige Hefepartikel landen beim Eingießen im Glas. Die Nase ist deutlich hopfig, mit viel Aromen von Fruchtmarmelade, Grapefruit, Himbeeren und gerade reifer Ananas. Leichte Säure erahnt man mehr als dass man sie wirklich erriecht, sie ist deutlich mild und eher mildzitronig. Eine gewisse Würze ist erkennbar. Das Bild geht im Mund so weiter, eine Pale-Ale-Weisse, würde ich sagen – ein Hybridmodell, das sehr gut funktioniert. Zitrone im Antrunk, Grapefruit im Verlauf, eher Fruchtsäuren als Essigsäuren in meinem Gefühl. Dadurch, und die gute Karbonisierung, ist das eine Rezenzbombe, gut gekühlt erfrischt das wirklich herrlich, ohne eine leichte Cremigkeit in der Textur zu verlieren. Der Abgang ist sehr kurz und leicht, mit 3,5% Alkoholgehalt trinkt sich das extrem süffig und easy.
Leicht aromatisiert wird das Schneeeule Yasmin, der Name deutet es natürlich schon an, Jasminblüten kommen hier zum Einsatz. Die Farbe hält sich erneut ans Eidotter, ist nur trüb und blickdicht, wenn man die Flasche beim Eingießen etwas schwenkt, um den Bodensatz zu lösen. Schaum ist absolut null komma null vorhanden, nichteinmal einzelne Bläschen sieht man. Geruchlich nehme ich den Jasmin zunächst allerhöchstens ganz am Rande wahr, die frische Säure übertönt das meiste andere. Etwas Hefe kommt vor. Ein herber Gesamteindruck für die Nase. Am Gaumen haut einen die Milchsäure dann so richtig weg, das ist zitronig und limettig ohne jede ausgleichende Süße, so dass die saure Seite voll auf den Gaumen trifft. Da muss ich die Augen teilweise zusammenkneifen, so drastisch sauer ist das, sicherlich das sauerste Bier, das ich je im Glas hatte. Der Geschmack zeigt auch nur wenig Jasmin, auch hier mehr ein zarter Eindruck im Hintergrund. Wäre da die herbe Würze im Abgang nicht, könnte man meinen, puren Zitronensaft zu trinken. Wahrscheinlich sind die unterschiedlichen Chargen bezüglich dem Jasmin anders ausgeprägt, wenn es nicht auf dem Etikett stünde, ich hätte es nicht gefunden. Dennoch ist das ein unterhaltsames Sauerbier, das zeigt, wie extrem der Stil werden kann.
Etwas eigentlich völlig verrücktes haben wir nun im Glas – der Schneeeule Gurkenkaiser nimmt die Region um Berlin mit ihren Gurkenfeldern zu sich ins Boot. Pastellgold, blass, blickdicht, das grundsätzliche Muster bezüglich der Optik bleibt erhalten. Auch, dass sich kaum Schaum bildet. Zutaten neben den üblichen sind eben die Spreewälder Gurken und dazu passende Dillblüten, hier gehen wir leicht hoch mit 3,7% Alkoholgehalt. Man könnte gefühlt auch an einem Glas eingelegter Essigkurken riechen statt an diesem Bier, finde ich. Das ist gar nicht negativ, im Gegenteil, ich mag eingelegtes Gemüse sehr. Der Dill ist allem voran, dahinter kommen durchaus auch fermentierte Gurken, wie ich sie als Kovászos Uborka aus Ungarn kenne. Darunter kommt etwas Zitrusfrucht, und diese unterschwellige Würze, die alle diese Biere durchdringt, ohne dass sie sich nach vorne drängt. Im Geschmack ist der Gurkenkaiser nun deutlicher milder, was die Säure angeht, ohne dass Süße auftaucht. Aromatisch teilen sich nun Essiggurke und Zitrone das Geschmacksbild, der Dill bietet ihnen die Hauptrolle und zieht sich auf ein kleines Detail am Rande zurück. Der Verlauf ist kurz und knackig, danach geht es schnell zuende, ohne, dass ich das als negativ empfinden würde, es bleibt ein wieder mal sehr rezentes Bier mit einem faszinierenden, regional spezifischen Twist, und sowas liebe ich ja. Das Mundgefühl ist am Ende doch sehr trocken und leicht astringierend, das passt aber zum Gesamtbild. Ein tolles, ungewöhnliches Bier!
Klassische Biertrinker, die nicht gern experimentieren und nichts anderes als Pils mögen, werden an der Schneeeule Irmgard verzweifeln. Kein Hopfen wird verwendet, dafür ist das Bier mit Orangen-, Granatapfel- und Limonenschalen eingebraut, was das ganze natürlich noch saurer macht, und wird mit vergorener Ingwer-Malz-Lösung und Zitrus- und Granatapfelschalen aromatisiert. Kreativbier par excellence, würde ich sagen! Auch hier: Pastellgold, blass, volltrüb. Und über Schaum rede ich einfach gar nicht mehr ab jetzt, das ist sinnlos, und wird auch nicht erwartet. Der Geruch ist deutlich vom Ingwer getrieben, und als Wurzel kommt das auch ein bisschen erdig rüber. Man riecht eine gewisse exotische, fast schon orientalische Note, finde ich – wahrscheinlich als Ergebnis der Kombination von Granatapfel und Ingwer, beides sehr typische Gewürze in orientalischen Gerichten. Auch etwas Basilikum und Rosmarin meine ich zu entdecken, als Nebennoten. Der Geschmack ist ebenso dominiert vom Ingwer, das geht fast in Richtung der aktuell so beliebten hausgemachten Ingwer-Limetten-Limonaden bei vielen Restaurants, die etwas auf sich halten. Durch die Zugabe der Limonen- und Orangenschalen wird alles noch saurer, als man es eh von einer Weissen gewohnt ist, das astringiert am Gaumen schon deutlich und zieht einem die Spucke weg. Auch im Geschmack wirkt die Irmgard zunächst erdig, später orientalisch, und am Ende fühle ich mich, als hätte ich eine der von mir sehr geliebten sauren Zungen aus Fruchtgummi mit Brauseüberzug, die man kaum ertragen kann. Hier funktioniert das, aber mehr als eine will ich hintereinander nicht trinken. Die Schärfe des Ingwer ist vorhanden, aber eher dezent und besonders im Abgang und Nachklang zu spüren, ohne dass es wirklich feurig wirkt. Unterhaltsam!
Das letzte Bier ist schließlich die Schneeeule Hot Irmi, auch ohne Hopfen eingebraut – denn es handelt sich dabei um die eben probierte Irmgard, die noch zusätzlich mit Habaneros versetzt wurde. Blass maisfarben, naturtrüb und dabei blickdicht. Schaum entsteht nur beim Eingießen für ein paar Sekunden, dann bleiben wirklich nur vereinzelte Bläschen an der Glaswand übrig. In der Nase finden sich leichte Verjus-Noten, Viez und Cidre, gleichzeitig kommt aber eine erdige, vegetabile Seite dazu – sind das bereits die Habaneros? Im Gesamtbild entsteht ein Geruch, der mich irgendwie etwas an Glühwein erinnert, nicht so überwürzt wie die auf dem Weihnachtsmarkt, aber doch etwas verwandt. Der erste Schluck, und ja, es waren die Habaneros, sie definieren überraschenderweise auch sofort den Antrunk. Richtig natürlich und grün, mit einer chilihaften Aromatik und ordentlich Schärfe. Letztere ist dennoch nicht überwältigend für jemanden, der gern scharf isst, doch die Brauerin schränkt ein: „Berliner können mit Schärfe nicht so richtig umgehen, für die ist manchmal salzig schon scharf“, und für solche Trinker ist die Hot Irmi dann wirklich an der Grenze. Die Vegetabilität geht wunderbar mit Fruchtnoten einher, Apfel, Pfirsich, aber auch etwas Gurke und Rettich, ein sehr spannendes und unterhaltsames, sicherlich innovatives Geschmacksbild. Der Abgang ist dann von Säure und Schärfe geprägt, gerade die Schärfe klingt sehr lange nach und lässt den Gaumen eine ganze Weile glühen.
Das Fazit ist natürlich für mich als großem Sauerbierliebhaber positiv, alle Varianten gefallen mir einfach gut, das ist spannend und interessant. Und man unterstützt durch den eh schon angenehmen Konsum dieser Biere auch eine kleine, inhabergeführte Brauerei, die sich um Erhaltung einer aussterbenden Tradition bemüht. Die Kombination ist top, Leute, kauft Schneeeule!
Bacardí, ein Name, den jeder kennt, den man je nach Hintergrund entweder mit einem sehr eingängigen, einschmeichelnden und fernwehweckenden Song verbindet – oder mit billigem, geschmacksarmem und wenig anspruchsvollem Supermarktrum. Dazwischen gibt es eigentlich kaum Spielraum, und ich persönlich schwanke selbst auch immer wieder zwischen diesen Extremen. Natürlich ist dem Hersteller die Massenproduktion offensichtlich wichtiger als ein eventueller guter Ruf, sonst würde man ja andere Produktions- und Verteilungsmechanismen wählen. Ist ja auch nicht schlimm, sie fahren, wenn man die Verkaufszahlen und -mengen anschaut, ganz klar gut damit, und auf die Anerkennung von ein paar lästigen Rumaficionados kann man ja gut verzichten, wenn man dafür im Geld schwimmen kann. Doch die pure, ironietriefende Schwarzweißmalerei tut dem global agierenden Unternehmen teilweise auch Unrecht, was man sehr gut am Bacardí Ron Superior Heritage 44,5% demonstrieren kann.
Je nachdem, in welchem Shop man sucht, findet man für diesen Rum die Herkunftsländer Jamaica, Mexiko, Bahamas, Puerto Rico und Bermuda. Eins weiß man vorab, auch wenn das Land als Wort natürlich dauernd fällt – aus Kuba kommt er definitiv nicht. Eine Seite, die ich auf der Recherche fand, formuliert die Situation bezüglich Bacardí am besten: „Der Rum ist vaterlandslos.“ Hat man die Flasche aber dann in der Hand, findet sich auf dem Rücketikett tatsächlich die Klärung für diese spezielle Abfüllung: „Hecho en Mexico“ steht da. Wie gesagt, alle oben aufgezählten Orte sind oder waren einst Produktionsstätten für Bacardí-Rum, bei der Menge, die davon getrunken wird, reicht eine Brennerei schlicht halt nicht aus, und die Marke an sich ist dabei eben wichtiger als irgendwelche Terroir- oder Stilgegebenheiten. Skeptisch und mit diesen Vorbehalten gießen wir uns ein Glas davon ein.
Keine Fehler findet man in der kristallklaren Flüssigkeit, die schwer im Glas schwappt, wenn man es bewegt. Es bildet sich ein fetter Film an der Glaswand, der sich nur widerwillig in Beinchen auftrennt, um dann abzulaufen.
Sehr blumig in der Nase, ganz unerwartet aromatisch – man erkennt die typischen Noten eines hochdestillierten Rums, doch hier ist tatsächlich noch etwas mehr, der Bacardí ist keinesfalls neutral. Deutliche Gewürztöne von Sternanis und Kardamom, etwas Muskatnuss und viel Kokosfleisch. Dazu kommt milde, eher unterschwellige Frucht aus bitteren Limetten und duftendem Zitronengras. Letzteres geht dann in florale Noten von Lavendel und Rosmarin über. Durchaus komplex, dabei immer elegant und leicht, alle geschilderten Eindrücke sind eher Düfte als Gerüche, da wird nicht gedrängelt.
Das setzt sich im Mund fort, die Kokosnuss ist hier sehr präsent, gefüttert von schönen, milden Fruchtnoten, nicht in die esterige Richtung, mehr frisch und hell. Auch hier dann weiterhin die herrliche Blumigkeit, die sich im Verlauf aufbaut. Von der Textur her ist der Bacardí Heritage voll und breit, unerwartet körperlich, fast schon schwer. Klar süßlich zunächst im Antrunk, im Verlauf dreht sich das eher in eine mildsäuerliche Richtung, ohne zitrisch zu werden. Leichte Anflüge von Limettenzeste und Amalfizitronenschale sorgen für Frische. Der Abgang ist mildtrocken und ebenso mild bitter, dabei rund und vorsichtig umami, und schließlich noch mit entschiedener Ingwerschärfe, die sich lange auf die Zunge legt und sie zum Prickeln bringt. Mit langem Schokoladen- und Kokosnachhall endet der Rum, er bleibt wirklich sehr überraschend ausdauernd am Gaumen präsent.
Ein wirklich ausgesprochen schöner Rum, der zeigt, dass „weißer Rum“ – heutzutage ist das eigentlich keine ernsthafte Kategoriebezeichnung mehr, ich bevorzuge die Bezeichnung „ungereifter Rum“ – nicht immer flach und langweilig sein muss, nur für tropische Drinks in Saft und Zucker ertränkt geeignet. Nein, der Bacardí Heritage hat Komplexität, Struktur und Eleganz. Ein toller Rum, der die oben geschilderten Vorbehalte pulverisiert.
Man muss nicht abdanken, um den Four W Daiquiri genießen zu dürfen, auch wenn er nach dem (weiblichen) Grund des Thronverzichts des britischen Königs Edward VIII. benannt ist – obwohl der Mann offensichtlich Prioritäten setzen konnte. Gerade für alle möglichen Daiquiri-Varianten ist der Heritage ein nahezu perfektes Einsatzgebiet, da zeigt er sich von seiner besten Seite, ganz ohne Schwächen.
Four W Daiquiri 2oz / 60ml ungereifter Rum 1½oz / 45ml Grapefruitsaft ¾oz / 23ml Ahornsirup 2 Spritzer Aromatic Bitters Auf Eis shaken. [Rezept nach Herb Smith und Simon Difford]
Die Flasche ist sehr ähnlich der normalen Supermarkt-Billigmarke gestaltet, da gilt es, Augen beim Kauf aufzuhalten, der Hauptunterschied liegt im aufgedruckten Alkoholgehalt; letztlich gefällt mir die Gestaltung in ihrer schlichten Eleganz, das passt einfach gut zum Rum, der in der Flasche enthalten ist. Es gibt auch eine Ausgabe mit aufwändiger Geschenkbox, das sind aber Gimmicks, die man nicht unbedingt braucht.
Für den Preis von unter 25€ ist das Preisleistungsverhältnis beinahe kaum vorstellbar – hier zahlt sich die Produktionskapazität von Bacardí dann halt auch für den Endverbraucher aus. Ich für meinen Teil denke stark darüber nach, mir noch 2 oder 3 Flaschen davon zu holen, denn es handelt sich um eine limitierte Auflage, und ich habe sehr viele Verwendungszwecke für einen derart charmanten und dennoch unaufgeregten Rum.