Horrido! Auf die Pirsch! Teil 1: Hirschjagd mit Jim Beam Red Stag

Es ist Herbst! Es ist Jagdsaison! Damit nicht unnötig Tiere ihr Leben lassen müssen, werde ich in dieser mehrteiligen Miniserie Spirituosen bejagen, die das Objekt der Jagdlust nur auf ihrem Etikett tragen. Beginnen wir mit einer amerikanischen Spezies, dem Cervus elaphus bourbonensis, im Supermarkt erhältlich unter dem Vulgärnamen Jim Beam Red Stag.

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Gewarnt werden muss der Schnapsjäger zunächst vor der Verwechselungsgefahr dieses Whiskeylikörs mit einem „echten“ Bourbon wie dem Jim Beam (White Label). Da die beiden Getränke in identischen Flaschen, mit ähnlichem Etikett, abgefüllt sind, lohnt sich ein zweiter Blick durchs Zielfernrohr, bevor man abdrückt. In diversen Rezensionen wird dieser Likör entsprechend von kurzsichtigen Jungjägern als „Whiskey“ bezeichnet (und als Lieblingswhiskey gefeiert, da er im Vergleich zu anderen Whiskeys so schön süß ist!); da wurde bei der Spirituosenjagdscheinprüfung wohl nicht richtig aufgepasst.

Auch die Farbe von Bourbon und Red Stag ist ähnlich: Vielleicht etwas dunkler, kupferfarben ist der Red Stag. Die wahrscheinlich enorme Menge an Zucker, die einem Bourbon zugeführt wird, um diesen Likör herzustellen, sorgt für eine dickflüssige, schwere Konsistenz .

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Rotwild ist bekannt für sein undezentes, unzivilisiertes Geruchsaroma. Auch der Red Stag ist diesbezüglich kein feinduftendes Einhorn, sondern ein üppig aromatisches, stark die Nase kitzelndes Whiskeytier. Der markante Geruch durchzieht schnell den Raum.

Eine Biopsie im Glas bringt erstmal typisches Bourbonaroma im Vordergrund zum Vorschein. Eine dunkle Fruchtigkeit, eher süßlich als frisch oder sauer, dazu ein seltsamer Anklang von feuchtem Beton, zeigt die Fruchtaromazusätze (ich gehe trotz der Etikettankündigung „infused with natural flavors“ davon aus, dass es künstliche Aromen sind).

Im Mund überrascht der Red Stag zunächst: erstmal ist er gar nicht so extrem süß, wie die Nase vermuten ließ, und enthält sogar noch erkennbare Bourbonaromen. Ein cremiges Mundgefühl entsteht, und die erschnupperte Frucht und Süße kommt erst spät, schon eher beim Abgang – dann aber volle Kanone: klebrig, fruchtig, supersüß. Die Bourbonbasis kommt im kurzen Nachhall nochmal hervor. Insgesamt sehr mild, kaum ein Brennen.

Eher unangenehm ist dann aber das sehr lange in der Kehle verbleibende süßklebrige Gefühl, als hätte sich etwas wie Harz an die Speiseröhre gehaftet. Dieses Gefühl, und der Geschmack des Red Stag, überleben selbst ein großes Glas Cola, danach getrunken. Da muss schon was deftiges her, um den roten Hirsch aus dem Maul zu bekommen. Angenehm ist das nicht, und für mich der größte Kritikpunkt an diesem Likör, denn je länger man dem Zuckerkirscharoma unerwünscht ausgesetzt ist, umso abstoßender findet man es.

redstag-containerIn einem Sonderangebot gab es eine schöne Thermojacke als Ersatz für ein Fell für den Red Stag. Vielleicht kann man ihn warm machen und so mit auf den Weihnachtsmarkt nehmen? Für mich ist Jim Beam Red Stag auf jeden Fall eher ein Wintergetränk, in einem winzigen Gläschen vor dem Kamin (oder der Kaminfeuer-DVD, in meinem Fall).

Mein erster Kontakt mit dieser Spirituose war eine Dose Red Stag, Ginger & Lime, ein Premix, den sich Beam exorbitant teuer bezahlen lässt. In der Kombination mit Ginger Beer und Limettensaft werden die schlimmsten Mängel des Likörs ausgeglichen, und er kann sich von der besten Seite zeigen. Natürlich kann man sich das auch selbst mischen – da die Dosenversion nur wenig Red Stag enthält und mit Primasprit aufgeputscht wird, ist das eh die bessere, ehrlichere Variante.

redstaggingerandlime-cocktail


Red Stag, Ginger & Lime
1½ oz Jim Beam Red Stag
1 oz Limettensaft
mit Ginger Beer (z.B. Thomas Henry Spicy Ginger) auffüllen


Der erste Jagdtag ist somit zu Ende, die Glieder sind müde von all dem Durch-die-Wildnis-Pirschen, und ich gönne mir nun auch etwas selbstgemischten Wildbret-Eintopf mit dem erlegten Red Stag. In Teil 2 wartet dann das nächste Viehzeug darauf, als ausgestopfte Dekoration in meiner Hausbar zu enden! Wen wird es wohl treffen?

Die Welt dreht sich um Rum – Ian Williams‘ Rum: A Social and Sociable History of the Real Spirit of 1776

Wenn man heute an die USA denkt, an die Spirituose, die man am meisten mit den USA verbindet, so fällt einem natürlich Whiskey ein, im speziellen Bourbon. 1964 wurde diese Einordnung von Bourbon als „America’s Native Spirit“ sogar in eine Resolution gegossen: So wie Scotch für Schottland oder Cognac für Frankreich, sollte Bourbon als repräsentativ für die USA gelten und entsprechend vermarktet und gehandhabt werden.

Now, therefore, be it
Resolved by the Senate (the House of Representatives concurring),
That it is the sense of Congress that the recognition of Bourbon whiskey as a distinctive product of the United States be brought to the attention of the appropriate agencies of the United States Government (…).

Doch das war nicht immer so. Vor dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, und auch noch eine lange Weile danach, war es nicht Whiskey, der für die gute Laune der Amerikaner sorgte, sondern Rum, als der „wahre Geist von 1776“, wie man Williams‘ Untertitelwortspiel auch genauso zweideutig passend auf Deutsch wiedergeben kann.

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Williams‘ These ist, dass durch die starke Verzahnung der neuen britischen Kolonien auf dem nordamerikanischen Kontinent mit dem Handel von Rum aus der Karibik ein Spannungsfeld entstand, das zu immer weiter steigenden Unabhängigkeitsidealen bei den Kolonisten führte, und letztlich in der amerikanischen Unabhängigkeit endete. Rum spielte dabei in allen Beziehungen eine wichtige Rolle: Als extrem geschätzte Alltagsdroge, von der sich die Amerikaner nicht mehr abbringen lassen wollten, insbesondere als britische Gesetzentwürfe wie der Molasses Act und der Sugar Act vorgebracht wurden, die die Kolonien gegen das Mutterland aufbrachten; als Ersatzzahlungsmittel für Arbeitskraft und Lebensmittel; als Ass im politischen Kartenspiel zwischen England, Frankreich, Spanien und den karibischen und nordamerikanischen Kolonien; als Wirtschaftsmotor, der den Dreieckshandel mit Sklaven und den wirtschaftlichen Handel zwischen Nordamerika und der Karibik voll am Brummen hielt; und als sozialer Dämpfer, mit dem man Soldaten und Matrosen wie auch Sklaven und Arbeiter unter dauerbedüselter Kontrolle halten konnte – auf Kriegsschiffen besonders relevant, und da Rum einfach haltbarer als Bier und Wasser ist, eine naheliegende Lösung besonders für die Royal Navy bis in die 1970er Jahre.

Ein besonders interessantes, für heutige Ohren abstrus klingendes Einsatzgebiet war übrigens die Verwendung von Rum als Balsamierungsflüssigkeit; so manch hochstehender englischer oder französischer Admiral ließ sich in einem Fass Rum aufs letzte Geleit in die Heimat schippern (zur Freude der Matrosen, die sich so, so schaurig sich das anhört, das eine oder andere Extraglas an Grog herstellen konnten).

Die Mäßigungsbewegung, die die frühen USA später umklammerte, erklärte den Rum zum „demon spirit“ und Lieblingsfeind, der für alle Übel verantwortlich war, und bekämpfte ihn als Stellvertreter für alle Spirituosen besonders. Die Prohibition sorgte schließlich, auch wenn sie ihr tatsächliches Ziel, die Abschaffung des Alkoholkonsums, verfehlte, für den Untergang des Rums in der Gunst der US-Amerikaner. Whiskey war billiger und einfacher zu bekommen, und Nationalismus, der eigene Produkte bevorzugte, und von der Qualität her immer besser werdender Bourbon besiegelten das ganze.

Eine Einsicht habe ich auch durch dieses Buch gewonnen. In diversen Cocktailbüchern findet man den Hinweis, dass ein klassischer Cocktail morgens getrunken wurde. Da stellte sich mir die Frage, wieso Leute schon morgens sich einen Alkoholschub geben müssen. Die Antwort ist die: In der Zeit um den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg tranken die Leute viel Rum. Wirklich viel Rum. Unglaublich viel Rum sogar. Rund einen halben Liter pro Person und Tag war scheinbar keine Seltenheit, fast anderthalb Liter pro Woche der Durchschnitt. Dass man bei so einer Menge schon früh anfangen muss, und dann vielleicht einen dezenteren Einstieg sucht als den reinen Rum, ist klar – da ist ein Cocktail doch schon zurückhaltend und beißt nicht ganz so, morgens um acht in Pennsylvania.

Natürlich gefällt mir nicht, wie Williams französischen rhum agricole, der schon früh als Guildive oder Killdevil bezeichnet wurde, runterputzt. Gewiss ist ein rhum agricole nicht auf Anhieb so genehm wie ein melassebasierter Rum (oder Tafia, wie auf diese Art hergestellter Rum damals genannt wurde), doch je mehr man sich mit der Gattung Rum auseinandersetzt, um so deutlicher wird einem, dass die gewöhnungsbedürftigen Jamaikaner, Haitianer und Martiniquaner eigentlich die „guten“ sind, während die süßen, massenkompatiblen Dessertrums Anfängerrums für Leute sind, die eigentlich gar keinen Rum wollen, sondern Likör. Doch da Williams grundsätzlich nicht mit Hohn und Spott spart, und im 17. Jahrhundert die Produktionsbedingungen gewiss andere waren als heute, will ich ihm das durchgehen lassen.

Interessant ist daher der Verdacht, den Williams gegen Ende gegenüber Bacardi äußert: er vermutet Zusatzstoffe in deren Rum. Einerseits hat Williams Recht, denn viele Rums verwenden heutzutage, und wohl schon länger, einen „beaker of ‚essence‘ of Añejo“, in Form von Zucker, Glycerin und Aromastoffen. Doch es ist weniger Bacardi als vielmehr der von Williams gern gelobte venezuelanische, guatemaltekische und guyanische Rum, der hier besonders mit Zusatzstoffen zaubert.

Trotz ein paar Längen, in denen vielleicht ein Tick zu detailverliebt erzählt wird, ist dies ein äußerst spannendes Geschichtsbuch, das mit einer plakativen These mitreißt, ohne zu boulevardesk zu werden, und vor Einsichten fast platzt, und, fast selten heutzutage, auch Position bezieht. Eine wirklich unterhaltsame, ironielastige Sprache lässt es nie langweilig werden – und es ist nicht so schwierig, dass man nicht zur Lektüre einen leckeren Rum trinken könnte.

Hufeisen bringen Geschmacksglück – Herradura Añejo Tequila

Es ist eine Faustregel, dass Spirituosen, die in Holz reifen, mit zunehmendem Alter immer weicher, aromatischer und weniger beißend werden. Durch die Durchlässigkeit des Fasses verdunstet der gröbste Alkohol, gleichzeitig findet ein Filterungsprozess mit dem Fassholz statt und schließlich gibt ein Holzfass auch noch Aromastoffe des vorher darin enthaltenen Geists oder zumindest der Baumart an die Spirituose ab. So entsteht mit der Zeit ein rundes Ergebnis, das sich im Falle des Herradura Añejo wirklich sehen lassen kann.herradura-anejo-flascheNichts von dem, was der Supermarkttequila-gewohnte Trinker an Tequila normalerweise fürchtet, findet sich hier, im Gegenteil: Eine erfrischende Fruchtigkeit, dazu zarte Gewürznoten und die Eiche, die man sonst von Bourbons kennt, verbunden mit der mit dieser Holzart immer gewohnten leichten Vanille, sorgen für ein wunderbares Geruchsspektrum.

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Geschmacklich erkennt man ganz klar die fruchtige Agave, aber kein bisschen der sonst oft im Verbund laufenden Metalligkeit. Auch wenn die blassgoldene Flüssigkeit vielleicht einen dunklen Geschmack erwarten lässt, ist dieser gereifte Tequila eher frisch und leicht, ohne Lösungsmittelnoten oder Alkoholbrennen. Ein wirklich angenehmes, duftiges und erfrischendes Mundgefühl machen diesen Tequila für mich zum König der gereiften Tequilas.

Die Agavennote lässt entsprechend dann auch den Cocktail All the King’s Men wunderbar leuchtend im Mund strahlen. In dieser Form, bin ich sicher, schmeckt Tequila jedem und jeder.

All the King's Men


All the King’s Men
1½ oz Herradura Añejo
½ oz Amaro (z.B. Fernet Branca, oder Averna, wenn man es süßer mag)
½ oz Tawny Port
1 oz Zitronensaft
1 Barlöffel Agavensirup
1 oz Ginger Beer (z.B. Thomas Henry Spicy Ginger)


Die Flasche an sich weiß durchaus zu gefallen, besonders das im Glas eingesetzte Hufeisenlogo, mit einem passenden aufgeklebten Etikett, zeugt von Detailverliebtheit. Der Plastikschraubverschluss dagegen – naja, man kann nicht alles haben.

Ein wirklich hervorragender Tequila, mit dem man selbst eingefleischteste Agavenschnaps-Hasser bekehren kann.

Neugier ist der Pepsi Tod – Fentimans Curiosity Cola

Der Name verspricht nicht zuviel: Beim Vorbeilaufen am Getränkeregal im Feinkostmarkt blieben meine Augen an einer Flasche hängen, und der Name Fentimans Curiosity Cola machte mich in der Tat neugierig. Hübsch aufgemacht ist die schöne 275ml-Flasche mit Schraubverschluss und einem Retro-Etikett auf jeden Fall schonmal.

fentimanscuriositycola-flascheOptisch unterscheidet sich die Cola selbst nicht von den großen amerikanischen Cola-Marken wie CocaCola oder Pepsi. Der Geruch ist dann aber schon eine Offenbarung: Zimt, Vanille, Nelken. Im Mund dann ein angenehmer Ingwergeschmack, aber mehr der von Ginger Ale als Ginger Beer – mehr die süße Ingwerinterpretation als die scharfe also. Die Curiosity Cola ist recht süß, aber nicht pappsüß wie CocaCola, sie hinterlässt kein klebriges Gefühl am Gaumen. Eine milde Säure und leichte Würze entsteht vielleicht durch die schwache Fermentierung der Inhaltsstoffe: Das ist das „botanically brewed“, das auf dem Etikett und im Glas der Flasche selbst angepriesen wird. Mit 50kcal pro 100ml schlägt das Getränk auf der Kalorienwaage zu Buche.

Gut gekühlt empfinde ich die Fentimans Curiosity Cola als sehr erfrischend – „full-bodied“ ist nicht zuviel versprochen. Auch der angenehme Kohlensäuregehalt, nicht übertrieben und nicht zuwenig, ist perfekt eingependelt, so dass sie gut pur zu trinken ist. Allerdings überlegt man sich beim Preis von rund 2,50€ für diese kleine Flasche schon, ob man so ein teures Getränk wirklich als Durstlöscher runterstürzen will.

Natürlich ist diese Cola daher für mich vor allem als Cocktailzutat ein Traum. Statt dem altbekannten Jacky-Cola versuche ich mal hier meinen eigenen Twist auf einen alten Klassiker – man vergebe mir den sperrigen Namen.

The Curious Incident of Mr Daniel at Night-Time Cocktail


The Curious Incident of Mr Daniel in the Night-Time
3 oz Fentimans Curiosity Cola
2 oz Jack Daniel’s Single Barrel Select Tennessee Whiskey
1 Spritzer Jerry Thomas‘ Own Decanter Bitters
3 große Blätter Minze
Den Whiskey mit dem Bitter und den Minzblättern gut auf Eis shaken, dann im Glas mit der Cola aufgießen.
[Rezept nach unbekannt]


Die süße Cola geht mit dem milden Jack Daniel’s Single Barrel eine sehr harmonische, runde Beziehung ein. Die Minze gibt einen kleinen Frischekick in die vanillig-cremige Mixtur.

Wie gesagt, für den alltäglichen Einsatz ist diese Spezialitätencola bei weitem zu teuer. Für Mixgetränke dafür brilliant, und wenn man mal wissen will, wie gut Cola schmecken kann, wenn sie mit Liebe zum Detail hergestellt wird statt in 100-Hektoliter-Stahltanks.

Freches belgisches Früchtchen – Lindemans Framboise Lambic Beer

Für Verfechter des Deutschen Reinheitsgebots ist es ein Graus, für alle, denen Geschmack wichtiger ist als fragwürdige Regeln aus dem 16. Jahrhundert, eine weite Welt der Gaumenfreuden: Belgisches Fruchtbier. Ein Beispiel für diese Bierarten ist Lindemans Framboise Lambic Beer – ein Bier mit Himbeergeschmack.

lindemansframboise-flasche

Wie zu erwarten war, ist direkt beim Eingießen schon ein sehr starker Himbeergeruch vorhanden. Genauso der Geschmack: Superfruchtig, nur leicht erkennbarer Bierhintergrund. Auf der Zunge ist das Himbeerbier sehr süß, am Gaumen dann sehr sauer. Optisch weiß das Bier auch sehr zu gefallen: ein hübscher rosa Schaum krönt das Bier mit seiner auffälligen, dunkelroten Farbe. Fast blickdicht und erfrischend feinperlend überzeugt es mich auf ganzer Linie.

lindemansframboise-glas

Wie schon gesagt, das ist ein Fruchtbier, das fast keinen Biergeschmack hat. Nun mögen manche, durchaus zu recht, hinterfragen, wozu man dann überhaupt ein Bier trinkt, wenn es gar nicht nach Bier schmeckt. Um diese Frage zu beantworten, muss für mich persönlich unterschieden werden, ob es sich um ein künstlich aromatisiertes Biermixgetränk (also ein Bier, das nach dem Brauprozess einfach nur mit künstlichen Aromen verändert wird) oder ein echtes Fruchtbier handelt (bei dem die Frucht, teilweise in ganzen Stücken oder zumindest als Natursaft, schon im Reifungsprozess verwendet wird). Der Unterschied ist meines Erachtens schmeckbar: Biermixgetränke haben einen künstlichen, dünnen Geschmack, während echte Fruchtbiere erkennbar nach der Frucht schmecken, und zwar üppig.

Für das Lindemans Framboise wird 30% Himbeersaft verwendet, das Endprodukt hat 2,5% Alkohol. In 25cl-Fläschchen abgefüllt ist das auch die ideale Dosis; eiskalt sollte man es trinken, um den erfrischenden Effekt am besten auszunutzen. Dazu passt perfekt ein belgischer Brotkuchen, mit Spinat und Käse überbacken.

lindemansframboise-brüsselerbrotkuchen

Belgische Lambic-Biere sind dahingehend besonders, dass sie keinen gezüchteten Hefezusatz zur Fermentierung benötigen; sie ziehen sozusagen die natürlichen Hefen, die sich in der belgischen Luft befinden, an, und vergären die Maische in Spontangärung. Lambic-Biere haben daher wohl oft einen sehr regionalen Charakter. Ein Grund mehr für mich, in Zukunft öfters belgische Biere zu verkosten!

Fass 21 scheint recht groß zu sein – Vizcaya Rum Cask No. 21 VXOP

Viele hochqualitative Rums schrecken erstmal durch einen stechenden Klebstoffgeruch ab. Auch beim Vizcaya Rum Cask No. 21 VXOP, einem ca. acht Jahre gereiften Rum aus der Dominikanischen Republik (über die Marketingmasche mit der riesigen „21“ auf dem Etikett schweige ich mal aus), kommt diese zum Vorschein. Wie immer gilt, dass man nach dem Einschenken das Glas erstmal ein bisschen atmen (zynischere Naturen würden sagen „ausdünsten“) lassen sollte, falls einen das zu sehr stört.

Vizcaya Rum Cask No. 21 VXOP

Die kurze Wartezeit lohnt sich aber – sehr milde, feine, zarte Geruchsaromen wabern dann im Glas. Man erkennt schon direkt am Geruch, in welche Richtung dieser Rum gehen wird, und das bestätigt sich dann im Mund: Sehr weich und süß, im ersten Augenblick praktisch kein alkoholischer Geschmack, dabei aber nicht klebrig oder übermäßig zuckrig. Im Abgang dann taucht der Alkohol auf, aber auch hier ist der Vizcaya ein Gentlemen und brennt nicht, sondern kribbelt nur ein wenig. Er erinnert mich insgesamt stark an den Zacapa 23.

Ein dermaßen milder, zarter Rum darf natürlich nicht in Cocktails mit deftigen Zutaten vermischt werden. Sehr fein passt er aber in einen Perfect Rum Manhattan.Perfect Rum Manhattan


Perfect Rum Manhattan
2 oz Rum (z.B. Vizcaya VXOP)
½ oz Trockener Wermut (z.B. Martini Extra Dry)
½ oz Süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
2 Spritzer The Bitter Truth Jerry Thomas‘ Own Decanter Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept adaptiert nach Carlos Cuenta]


Die massive Flasche ist von der Form her sehr hübsch, und lässt die fantastische braune Farbe des Rums sehr schön für sich wirken. Die restliche Aufmachung ist dagegen schwach – die goldfarbene Beschriftung war bei meiner Flasche schon stark abgerieben, das braune Etikett hebt sich kaum vom Flascheninhalt ab, der goldfarbene Korkdeckelaufsatz ist aus billigem Plastik und sieht auf dem Foto viel besser aus als in echt. Da ist deutliches Verbesserungspotenzial.

Lecker scheint dieser Rum aber wohl durchaus auch deswegen, weil er, wie viele der sogenannten „Premium“-Rums, mit Zucker heimlich nachgesüßt wurde. 28g/L Zucker (also 19g/Flasche) sind durchaus eine Hausmarke, und deswegen reicht es, trotz gutem Geschmack, zu keiner überschwänglichen Endbewertung, denn der gute Geschmack ist nicht natürlich entstanden.

vizcaya-sugarWieder eine der Flaschen, die zwar noch ausgetrunken, aber ganz sicher nicht nachgekauft wird. Auch sehe ich diese Rums, darunter den Vizcaya, nicht mehr als Sipping-Rums – ich habe nun keinerlei finanzielle Gewissensbisse mehr damit, so teure Rums in Cocktails zu vermixen. Im Gegenteil: Die Rums, die von vielen „Kennern“ als Mixer runtergemacht wurden, und nicht nachgesüßt sind, landen nun erst recht pur bei mir im Glas – denn sie sind es, die den wahren Rumgeschmack repräsentieren, nicht die Rumliköre von Botucal, Zacapa, El Dorado und Vizcaya. Dann lieber einen ehrlichen Jamaikaner, Barbadianer oder rhum agricole. Schade, dass ich all das mit dem Nachsüßen erst erfahren habe, als ich schon hunderte von Euros in Rums investiert hatte, deren Hersteller mich und andere Konsumenten schamlos mit Zusatzstoffen zumüllen.

Eine „vergessene Zutat“ wiederbelebt – The Bitter Truth Violet Liqueur

Wenn man alte Cocktailbücher durchschaut, findet man hin und wieder einen Cocktail, den man bis vor kurzem kaum selbst mixen konnte, weil eine zentrale Zutat kaum mehr zu bekommen war: Veilchenlikör, auch bekannt als crème de violette oder crème d’Yvette. Es gibt von Monin einen Veilchensirup, doch für das authentische Rezept braucht man eben einen Likör und keinen Sirup. Daher muss man The Bitter Truth, der Firma, die uns wirklich viele großartige Mixzutaten beschert hat und diese teilweise vom Totenreich wieder ins Leben gerufen hat, wirklich dankbar sein.

The Bitter Truth Violet Liqueur

Eine wunderbare, duftende Welle schlägt einem nach dem Öffnen der Flasche des Violet Liqueur ins Gesicht. Feines Veilchenaroma, an dem man sich kaum sattriechen kann. Der Geschmack ist ähnlich überwaltigend – natürlich überwiegt hier die extreme Süße, doch im Nachgang bleibt das Veilchen nett am Gaumen kleben. Man spürt den Alkohol kaum. Das ist nichts, was man pur trinkt, doch Cocktails wie dem Blue Moon oder den Aviation verleiht dieser Likör genau die Signatur, die sie von allen anderen unterscheiden.

bittertruth-violet-farbeSchon in der Flasche kann man das Farbenspiel zwischen dunkelblau, violett und lavendel bewundern, wenn man sie gegen das Licht hält (die Flasche ist tatsächlich durchsichtig und nicht gefärbt, allein der Inhalt macht sie so undurchsichtig, wie man sie auf dem Foto sieht).

Ein halber Liter wird wohl für das ganze Cocktailmischerleben reichen, wenn man nicht exzessiv plötzlich Cocktails wie den Blue Moon trinkt (auch wenns schwerfällt, bei einem Glas zu bleiben). Wer es noch etwas süßer will, ersetzt den Zitronensaft durch Lime Cordial, und gönnt sich damit einen Violet Gimlet.

Blue Moon


Blue Moon
2 oz Gin (z.B. Hendrick’s Gin)
½ oz Zitronensaft
½ oz The Bitter Truth Violet Liqueur


Mit Eis gut shaken und abseihen. Die übliche The Bitter Truth-Aufmachung ergänzt diese außergewöhnliche Remineszens an alte Zeiten: Eine schön geformte, dicke Flasche mit einem qualtitativen Schraubverschluss, ein elegant designtes Etikett. Kaiserin Sissi von Österreich, ein bekennender Fan von Veilchen-Produkten, wäre begeistert gewesen.

Turin macht nicht nur Autos – Carpano Antica Formula Wermut

Wermut galt lange Zeit als persona non grata in der Cocktaillandschaft, warum genau, das weiß heute wahrscheinlich niemand mehr – vielleicht eine Gegenreaktion der Cocktailwelt der 80er und 90er gegen eine der Standardzutaten der Cocktailwelt davor. Eine nette Anekdote wird über weißen Wermut immer wieder erzählt: Für einen Martini genüge es, Vodka ins Glas zu tun, eine Flasche Wermut fest zu packen, leise über den Vodka das Wort „Wermut“ zu flüstern, und dann die Wermutflasche wieder ins Regal zu stellen. Wenn Sie sich also je gefragt haben, was die gutgekleideten Herren und Damen auf den Cocktailparties der 60er in ihren Martinigläsern hatten: Es war gut gekühlter Vodka unter dem Decknamen Martini.

Die meisten kennen roten/süßen/italienischen Wermut (je nach Rezept wird zumindest eines dieser Adjektive zur Beschreibung dieser Art von Wermut benutzt) wahrscheinlich als Martini Rosso oder Cinzano Rosso. Und wenn die beiden Italiener heutzutage vielleicht die bekanntesten Vertreter der Gattung sind, ist Carpano doch der Erfinder. Und seine Antica Formula ist ein Wermut, den man nicht mehr vergisst, wenn man ihn mal probiert hat.

Carpano Antica Formula Wermut

Martini Rosso ist fruchtig, eher süßlich. Carpano Antica Formula ist geschmacklich tiefdunkel, würzig, bitter, holzig und gibt jedem Getränk ein brummendes, tiefes, hocharomatisches Gefühl. Ich mag Martini – aber ich liebe die „alte Formel“, die viele andere Wermuts an Charakter klar übertrifft. Vermischen Sie ihn zum Beispiel in einem The Right Hand und spüren Sie den Unterschied am eigenen Leib. Ein Cocktail, so dicht, ich könnte drin baden.

The Right Hand Cocktail


The Right Hand
2 oz / 60ml gereifter Rum
1 oz / 30ml roter, süßer Wermut
1 oz / 30ml Campari
2 Spritzer Xocolatl Mole Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Michael McIlroy]


carpanoanticaformula-etikettDie opulente Literflasche mit verschnörkeltem Etikett und dem roten Verschluss ist sehr repräsentativ, altmodisch und hat sich, passend zum Namen, nicht an die moderne, flashige Designwelt angepasst – gott sei dank. Auch wenn Carpano Antica Formula deutlich teurer ist als die anderen italienischen Wermuts (neulich habe ich aber sogar eine Halbliterflasche gesehen, als Kompromiss sozusagen), Sie sollten es riskieren. Jeder Cocktail, und damit Sie sich selbst, werden es Ihnen danken.

Wermut verliert durch Oxidation relativ schnell seine Aromen und verdirbt. Idealerweise benutzt man daher eine Weinpumpe, um die Oxidation zu verlangsamen, und bewahrt die Flasche im Kühlschrank auf.

10 Flaschen Bier an der Wand – Die Hausbar, Kapitel 3: Ein Heim für Flaschen

Nun haben wir also ein paar Flaschen eingekauft, und uns etwas Handwerkszeug zugelegt. Schnell stellt sich die unausweichliche Folgefrage: Wo lagern wir das ganze Zeug? Persönlich bin ich ein Fan davon, zu zeigen, was man hat. Also käme für mich kein „Giftschrank“, also eine Vitrine mit geschlossener Tür, in Frage. Ein Traum wäre natürlich eine professionelle Bar, mit Deckenschiene und verspiegelter Auslage. Doch das ist selbst für den ambitionierten Normalbürger meist nicht realisierbar. In diesem Artikel möchte ich daher eine preisgünstige, aber dennoch optisch was hermachende und dabei auch funktionale Lösung vorstellen.

Ein Blick in den umfangreichen Katalog eines großen schwedischen Möbelhauses liefert das Grundgerüst. Das Ikea-KALLAX-Regal ist eine perfekte Basis für ein dezent zurückhaltendes Spirituosenregal. Für 79€ bekommt man das Regal mit 4×4 Fächern, in den Abmessungen 147×147 cm – da sollte genug Platz für viele Flaschen sein. Ein Fach ist hoch genug für Standardflaschen – solche Türme wie Galliano, Brugal Titanium oder Boven’s Arrak passen aber nicht rein, das wäre auch zuviel verlangt. Der Aufbau ist eine schweißtreibende Angelegenheit. Es ist wirklich empfehlenswert, eine zweite Person als Hilfe dabeizuhaben. Und man darf auch den Platzbedarf beim Aufbau nicht unterschätzen!

Ist das Regal mal aufgebaut und an die Wand gestellt, kann man auch schon direkt beginnen, es mit den gesammelten Flaschen zu befüllen. Man muss sich überlegen, wie man die Ordnung organisiert – Flaschen, die man oft braucht, sollten nicht hinten stehen; Flaschen, die man besonders präsentieren möchte, sollten oben auf dem Regal stehen; und eine Ordnung nach Spirituosengattungen ist vielleicht empfehlenswert, damit man nicht so lange nach einer Flasche suchen muss. Die alte Supermarktregal-Regel gilt auch hier: In Augenhöhe die guten Sachen; ganz unten, wo man sich bücken muss, die Sirups, Säfte und andere unedle Ware.

hausbar-großesregal

Besonders spektakulär wirkt so ein Raumtrenner-Regal natürlich, wenn man den Platz hat, es auch als Raumtrenner einzusetzen. Wenn dann noch das Licht durch die Fächer und darin aufbewahrten Flaschen strahlt… Nun, ich habe leider nicht so viel Platz. Aber auch an der Wand macht sich das Regal gut.

hausbar-regale3Um die Baratmosphäre zu komplettieren, kann man eine LED-Lichterkette am Rand des Regals installieren. Die „blaue Stunde“ hat bei mir dadurch inzwischen eine ganz eigene Bedeutung bekommen!

hausbar-blau

Das Kallax-Regal gibt es in unterschiedlichen Formen und Farben. Ich habe mir gleich noch einen 2×2-Würfel geholt, den ich als Arbeitsfläche und Abstellregal für Gläser nutze. Ist zwar manchmal ein bisschen eng, aber es geht schon. Die Fläche habe ich teilweise mit Barmatten ausgelegt, um auch mal was zum Abtropfen hinstellen zu können, und überlaufende Gläser nicht dazu führen, dass klebrige Flüssigkeit am Rand runterlaufen kann.

hausbar-kleinesregalDie Fächer können, wie gesagt, zum Gläsereinstellen genutzt werden. Ikea bietet auch Einschiebfächer und Kästchen an, die man ins Regal schieben kann als Schüttraum; richtig stylish wird die Bar aber, wenn man Kartons von beliebten Spirituosen als Schüttfächer benutzt. Dazu einfach im nächsten Supermarkt nachfragen, ob man einen der Kartons, bevor die ihn wegwerfen, mitnehmen kann. Jack Daniel’s Old No. 7-Kartons beispielsweise passen perfekt in das Kallax-Regal.

hausbar-schublade1Dazu schneidet man dann nur oben die Klappflächen ab, und kann dann Ausgießer, kleine Nutzflaschen oder anderes Zeug in den Karton werfen und elegant verstauen.

hausbar-schublade2Ich bin mit dieser Lösung sehr zufrieden. Bei mir wird der Platz allerdings schon wieder knapp, und ich bin am Hin- und Herräumen. Die Rums, die früher oben auf dem prestigeträchtigen Regaldach standen, mussten nun den Bourbons Platz machen, und sich mit darunterliegenden Fächern begnügen. Eine Idee, um noch mehr aus der Tiefe des Regals herauszuholen, ist, die Kartons und Geschenkdosen, in denen manche Flaschen verkauft werden, als zusätzliche Ebene einzusetzen. Das würde ich aber nur empfehlen, wenn das Regal wirklich an der Wand steht.

hausbar-schachtelnalsebeneIst man mit der Einrichtung und Dekoration fertig, ist so ein Barregal ein echter Blickfang, der jeden Gast in seinen Bann zieht. Kenner suchen direkt nach ihren Lieblingsspirituosen, Uneingeweihte sind baff und es entsteht sofort ein Gespräch darüber. Und auch selbst, das garantiere ich, steht man immer wieder mal vor dem Regal und schwärmt, ganz privat, für sich, vor sich hin…

Agavenfusel? Sierra Tequila Mixto Blanco und Reposado

Für viele ist das Wort Tequila synonym zu Sierra Tequila. Kein Wunder, als Marktführer in Deutschland mit einem absolut unverkennbaren Markenzeichen, dem Hut auf dem Drehverschluss (nein, er ist keine Zitronenpresse und hat auch sonst keine Funktion außer zu dekorieren!), und einiger verrückter, einprägsamer Werbespots läuft die Marketingmaschine rund – und in jedem Supermarkt ist er, meist als einziger Tequila, zu finden.

Und dennoch kommt entgegen der Werbung oft die entsetzte Antwort, dass man natürlich keinen Tequila probieren will, wenn man Neulingen etwas vorsetzen will – denn sie kennen nur Sierra Tequila, und das meist aus einem Umfeld, in dem man keinen Schnaps gut erinnert: Billige mexikanische Imbissrestaurants, Saufparties, Studentengelage oder All-you-can-drink-Events, bei denen es eigentlich egal ist, was man trinkt, solange es knallt. Dieses Image belastet jeden Tequila in Deutschland bis heute, und Sierra trägt leider einen nicht unerheblichen Anteil daran, selbst wenn es vom Hersteller gar nicht unbedingt beabsichtigt sein muss.

Sierra Tequila Silver Mixto Flasche

Dass Sierra Tequila entsprechend für viele Tequilaconnoisseure mit „Rachenputzer“ gleichgesetzt wird, ist sehr schade und tut diesem Mixto (zu diesem Begriff siehe weiter unten mehr) etwas unrecht, denn so schlecht ist er nicht – ja, das ist kein Tippfehler. Manch einer mag sich erinnern, wie sehr ich den Blanco in einer früheren Version dieses Artikels runtergeputzt hatte („Bremsflüssigkeit“, „widerwärtig“ und „eklig“ waren von mir verwendete Wörter, für die ich mich eigentlich entschuldigen sollte). Nach einer von Schnapsfreunden praktisch erzwungenen Wiederbesichtigung dieses Brands hebe ich nun leicht zerknirscht die weiße Flagge und mache einen Teilfrieden mit Sierra Tequila.

Insgesamt und erneut betrachtet hat Sierra Tequila Mixto Blanco mit einem wahrhaft guten Tequila für mich persönlich aber immer noch nicht so arg viel zu tun außer dem Namen. Schon beim Öffnen der Flasche springt einem ein säuerlich-metallischer Geruch entgegen, der mit dem Duft, den ich sonst mit Tequila verbinde, nicht wirklich vergleichbar ist. Eine milde, sehr süße Obstfruchtigkeit ersetzt die sonst von mir geliebte würzige Agavennote. Im Geschmack ist es dann ähnlich – etwas metallisch, grasig, eine erkennbare Alkoholnote. Trotz seiner ansprechenden Weichheit und Cremigkeit ist er mir zu körperarm und flach, dafür mit einem angenehmen Feuer im Abgang. Letzterer ist sogar mittellang und recht prägnant, wenn auch leicht seifig. Man sieht, meine wilde, zornige Ablehnung habe ich etwas überdacht; ein gewisses Desinteresse ersetzt sie.

Sierra Tequila Blanco und Reposado (auch vereinfachend als „silber“ und „gold“ bekannt) fallen in die Kategorie der Mixtos, also der Tequilas, die nicht zu 100% aus Agavenzucker destilliert werden, sondern mit bis zu 49% auch aus anderen, dann halt praktisch immer billigeren, Zuckerarten wie Rohrzucker hergestellt werden kann. Das ist legal und im mexikanischen Tequila-Gesetz auch so geregelt: Es darf sich dann immer noch „Tequila“ nennen. Da der Geschmack natürlich von der Agave kommt, ist bei einem Mixto immer ein Einschnitt diesbezüglich zu erwarten. Meist werden Mixtos zur Kostenreduktion in Bars eingesetzt, und da der deutsche Kunde kaum weiß, wie ein Tequila zu schmecken hat, geht das auch meistens durch. Leider, denn man muss klar sagen: Ein Mixto, egal welchen Herstellers, ist eine Minderqualität des Tequila, mit der man sich nicht zufrieden geben sollte.

sierratequila-sortenZur Flasche – mir gefällt das Flaschendesign, ehrlich. Sierra lässt sich auch hin und wieder was neues einfallen, wie die komplett geschwärzten Sonderausgaben. Wenn sie nun noch Etiketten machen könnten, die nicht so arg simpel daherkommen (die etwas lasche Karikatur eines Mexikaners mit der Gitarre vor dem Kaktus), und diesen dümmlichen Sombrero von der Flasche nehmen würden, könnte ich mich mit dem Markenimage anfreunden. So passt sich einfach alles in das Saufgelage-mit-Quantität-statt-Qualität-Schema ein.

Leute, tut Euch den Gefallen, und kauft, selbst wenn es nur um die Wirkung geht, einen 100%-Agave-Tequila, den man für nur minimal mehr Geld bekommt – wenn man noch nie einen guten 100%-Agave-Tequila getrunken hat, wird man Bauklötze staunen, wie groß dieser Qualitätsunterschied ist. Wenn man unbedingt sparen muss und billigen Schnaps benötigt, wäre es aus meiner Sicht dann vielleicht sogar besser, komplett auf Tequila zu verzichten, denn Mixtos haben in der Regel auch ein schlechteres ökologisches Profil als 100%-Agave-Tequilas und andere negativen Eigenschaften, auf die man als moderner, interessierter Spirituosenfreund gern verzichtet.