Indischer Punktesammler – Amrut Fusion Single Malt Whisky

97 Punkte in Jim Murrays Whisky Bible, so donnernd wirbt ein indischer Whisky mit einem gelben Aufkleber auf der Flasche. Da bleibt einem als Spirituosenfreund ja nichts anderes übrig, als einen Blick auf den Amrut Fusion Single Malt Whisky zu werfen. Meine Erfahrungen mit indischen Spirituosen haben bisher eher mäßige Glücksgefühle hervorgerufen – indischer Brandy und indischer Rum sind oft genug einfach nur dasselbe Multikolonnen-Neutraldestillat, das mit Wunscharomen versetzt als Brandy oder Rum verkauft werden kann. Der eine oder andere „Whisky“ ist sicherlich auch diesem Baukastenprinzip entsprungen.

Nicht allerdings der Amrut Fusion – er ist tatsächlich eine klassische Produktion, an Scotch angelehnt. 25% getorfte schottische und 75% ungetorfte indische Gerste (hiermit erklärt sich auch der Name) werden getrennt verarbeitet, in Pot Stills destilliert und in Ex-Bourbon-Fässern in Bangalore gereift, bevor diese Einzelwhiskies dann zusammengeführt werden. Hier sei der Hinweis gestattet, dass dies natürlich trotzdem ein Single Malt ist – das Kriterium dafür ist die Herstellung in einer Destillerie, nicht, dass das Endergebnis aus einem Fass oder einem Destillationslauf entstammt. Es ist keine Altersangabe vorhanden, wir haben hier also eine NAS-Abfüllung vor uns, die wahrscheinlich eher jüngere Destillate enthält – was nicht unbedingt viel negatives aussagt, denn durch das indische Klima kann grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass ein Whisky in kürzerer Zeit reift, ein Effekt, der bei tropischer Reifung von Rum inzwischen sehr bekannt ist. Soviel zur Technik, mal schauen, ob der gelbe Aufkleber recht hat!

Amrut Fusion Single Malt Whisky

Bei den meisten Scotches ist die Farbe mit etwas Bedacht zu bewerten – es wird durchgehend gefärbt. Umso erfreulicher, dass die Inder hier einen anderen Weg einschlagen und keine Zuckerkulör zusetzen (und übrigens auch nicht kältefiltrieren). So hat man doppelt was von dem hübschen Safrangelb mit den goldenen Reflexen. Beine bilden sich eher zögerlich, laufen dann auch sehr langsam ab.

Im Geruch sind wir dann aber wieder sehr typisch beim großen Vorbild Schottland. Malz, hell und süßlich, stark fruchtig nach Rosinen und Mango, Vanille und Karamell. Ein Hauch, aber wirklich nur ein Hauch von Rauch. Unterschwellig ist da noch eine schöne Note von gebrannten Mandeln. Deutliches, etwas die Nase zwickendes Ethanol fliegt mit.

Amrut Fusion Single Malt Whisky Glas

Der Amrut Fusion ist sehr cremig und ölig im Mundgefühl. Auch im Geschmack sind die Fruchtnoten im Vordergrund, dazu Honig und eine leicht nussige Komponente. Süß und schmeichlerisch, fast schon ein bisschen likörartig. Man könnte das fast schon als etwas zu entgegenkommend bezeichnen – vor allem die enthaltenen 50,0% Alkohol kann man höchstens riechen, nie schmecken. Rauch ist zu finden, allerdings, wie schon in der Nase, nur in Anklängen.

Der Abgang des Amrut Fusion ist von respektabler Länge, mildwürzig, voller Eichenholzeindrücken, deutlich metallisch/eisenhaltig und sehr angenehm warm aus nun etwas unerwartet auftretender Ingwerschärfe. Dies schließt das Bild eines sehr runden, süßfruchtigen und wirklich gelungenen Whiskys ab, der sich kaum hinter seinen schottischen Kollegen zu verstecken braucht.

Durch die ähnliche Charakteristik ist der indische Single Malt in jedem Drink einsetzbar, der generisch nach Scotch Whisky verlangt. Tatsächlich macht die schöne Trinkstärke und das gerundete Bild einen Einsatz auch interessant und losgelöst von dem nordbritischen Vorbild spannend. Der Casualty jedenfalls ist mit dem Inder sicherlich nicht mehr ein Unglücksfall als mit Scotch. Also gar nicht.

Casualty


Casualty
1½ oz Whisky
¾ oz Amaro
¾ oz Dubonnet Rouge
2 Spritzer Xocolatl Mole Bitters
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Amor y Amargo]


Die Flasche ist unauffällig, das braune Etikett nur wenig ansprechend – dafür gibt es ja dann die Blechdose, in der die Flasche zu einem nach Hause kommt. Man hat, so mein Eindruck, sehr viel mehr vom Inhalt als von der Optik, was niemand abschrecken sollte – auch wenn es dem einen oder anderen vielleicht schwerfällt, den Preis für ein schwer einschätzbares Produkt zu bezahlen. Die anfangs erwähnten 97 Punkte halte ich für maßlos übertrieben, das ist wohl eher eine Methode Murrays, auf neue Felder im weltweiten Whiskygeschäft hinzuweisen und ihnen etwas Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, als eine ernsthafte Bewertung. Für Whiskyfreunde ist der Amrut Fusion Single Malt Whisky meiner Meinung nach aber trotz allem auf jeden Fall einen Blick wert.

Armagnac am Freitag – Grape of the Art Rounagle 1986

Zu dem heute hier vorgestellten Grape of the Art Rounagle 1986 habe ich eine direktere Beziehung als zu vielen anderen Armagnacs, die ich bisher hier vorgestellt hatte, denn ich kenne den Inhaber des Maisons, Hugues Amesland, persönlich von einigen sehr unterhaltsamen und auch, nun, sagen, wir, feuchtfröhlichen Erlebnissen, die wir zusammen in Chile, Bulgarien und China hatten, während wir beide Juroren bei Spirits Selection by CMB 2017, 2018 und 2019 waren. Und zum 1. German Armagnac Festival habe ich ihn wiedergetroffen, ich hatte berichtet. Um so erfreuter bin ich, hier diesen Armagnac vorstellen zu können, und ich stoße in Gedanken mit Hugues darauf an!

Ugni Blanc als Rebsorte, aus der Region Armagnac Ténarèze stammend, 1986 geerntet und dann gebrannt, nach 36 Jahren Reifung im November 2023 in Cask Strength mit 51,3% abgefüllt, das sind kurz gefasst die Rahmendaten. Nun aber zu den Eindrücken, die ich beim Trinken gesammelt habe.


Hennarot glänzt der Armagnac, kristallklar natürlich, und weist eine schwere Öligkeit auf – bringt man ihn zum Schwappen, legt er sich zügig wieder in Ruheposition, das ist ein sehr gemütlicher Gentleman, offensichtlich.

Viel Obst hat er dann für die Nase bereit, reife Birne, roter Apfel, ein paar Kirschen und vielleicht sogar etwas grüne Banane. Ganz vorsichtig scheinen Holztöne durch, feuchtes Eichenholz zusammen mit der dafür typischen Vanille und etwas Karotte. Eine Idee von Estragon kommt dazu, frischt den Eindruck auf und addiert auch eine gewisse Kräuterigkeit. Zu guter letzt ist nur minimalst, aber erkennbar, Lack da, etwas, was mich ja eher selten stört. Insgesamt fühlt sich der Rounagle sehr rund an, weich, und wirklich ausgesprochen angenehm zu riechen.

Rounagle 1986

Am Gaumen erwartet einen diesbezüglich keine dramatische Änderung, initial ist die Textur sehr weich und voll, legt sich breit und tief an die Schleimhäute, bringt eine äußerst angenehme Süßestruktur mit, die etwas an weißen Kandiszucker erinnert und leichte Würze beinhaltet. Honig, reifes Obst, vor allem Birne und Apfel, die Eindrücke der Nase werden wunderbar fortgeführt, bis der Rounagle plötzlich eine ganz andere Seite zeigt – da explodiert er dann in eiskaltem Feuer, mentholische Frische kommt aus dem Nichts, Chili und weißer Pfeffer lassen Zunge und Gaumen kurz aufglühen. Dann vergeht das wieder, als wäre es nicht dagewesen, präsentiert wieder die Aromen und Eindrücke wie zum Antrunk, und klingt mit ganz milden Holztönen aus, vielleicht etwas milde Blumigkeit, die noch nachhallt. Ganz am Ende, das wird aber wirklich erst nach einer Minute klar, zeigt sich die Zunge betäubt.

Ein echtes Erlebnis, das muss ich sagen. Das Basisbild ist ein extrem trinkiger, süffiger Armagnac, voll und dicht, mit superschönen Aromen; diese kurze Gewalt, die zwischendurch aufblitzt, macht ihn spannend und überraschend. Der gute Hugues weiß offensichtlich, was guten Armagnac ausmacht.

Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.

Von San Juan nach Sankt Wendel – Los Muertos Joven Mezcal Artesanal

Drei Kategorien sind in der NORMA Oficial Mexicana NOM-070-SCFI-2016 für Mezcal gesetzlich definiert – einfach nur „Mezcal“, „Mezcal Artesanal“ und „Mezcal Ancestral“, in aufsteigender Reihenfolge der verlangten Nichtindustrialisierung und Nichtmechanisierung bei der Produktion. Für den mittleren Zustand eines Mezcal Artesanal, wie wir ihn beim Los Muertos Joven Mezcal Artesanal vorliegen haben, sind im Gegensatz zum Standardmezcal keine Autoklaven beim Kochen erlaubt, keine Diffuser beim Mahlschritt, keine Stahltanks bei der Fermentation, und beim Brennen keine Säulenapparate. Für einen Mezcal Ancestral sind die Anforderungen noch etwas strenger, doch ich persönlich halte diese Einschränkungen hier bereits für ein Maß der Bedeutungszumessung an traditionelle Herstellungsweisen, das nicht viele andere Spirituosen aufzuweisen haben.

Der Los Muertos Joven wird von den Mezcaleros Humberto und Rodolfo Juán hergestellt, in traditioneller Handarbeit – dazu gehört unter anderem die Ernte der 7 bis 9 Jahre alten Espadínagave und eine mehrwöchige Gärung in offenen Pinienholzbottichen, spontan natürlich mit nur den Hefen, die im Produktionsort San Juan del Rio in Oaxaca so wild herumschwirren. Ein doppelter Durchgang durch die Kupferbrennblasen ergibt am Ende eine mit Wasser auf 43% Alkoholgehalt eingestellte Flüssigkeit, die dann abgefüllt wird und in Deutschland durch Los Muertos vermarktet wird – die sitzen in St. Wendel im Saarland, ist für mich also durchaus eine lokale Firma. Ich habe bereits deren Tequila Cristalino besprochen, und auch den sehr hübschen Mexican Dry Gin zuhause fast schon aufgebraucht – da kommt der Mezcal Joven jetzt gerade recht.

Los Muertos Joven Mezcal Artesanal

Man hat es schon in der Flasche gesehen, im Glas verändert sich das nicht: Kristallklar, ohne Fehler, mit einer richtig deutlichen Viskosität, bei der die Flüssigkeit schwer hin und her schwappt. In klar abgegrenzten Beinchen läuft der Mezcal dann langsam ab, ein paar dicke Tröpfchen bleiben lange am Glas hängen.

Ein Espadín-Mezcal hat einen sehr hohen Wiedererkennungswert. Das ist beim Los Muertos Mezcal nicht anders, da ist sofort viel Agavengrüne da, ein richtig vegetabiler Geruch von Gewächshaus, Blattschnitt und noch jungen Tomatenpflanzen. Grüne Oliven, Geranien und ein bisschen Birne runden diese grüne Seite ab. Die Nase findet, wenn man länger schnuppert, und das tue ich hier sehr gern, noch leichte Zitruszeste, Aprikosenfleisch, Herbstlaub und eine minimalste Note von feuchtem Lindenholz. Rauch ist praktisch abwesend, etwas, was mich bei Mezcal gar nicht stört, die Rauchbomben von früher sind überwunden. Mineralität findet sich, ist aber nicht so ausgeprägt wie bei manch anderen Mezcals.

Los Muertos Joven Mezcal Artesanal Glas

Süß und sehr flauschig zeigt sich der Los Muertos initial am Gaumen, bietet auch durchgängig diese runde, weiche, fast viskose Textur, und punktet allein damit bei mir schon ganz enorm. Espadín dominiert von Anfang an die Sensorik, würzig und süß, vollaromatisch und sich im gesamten Mundraum schnell ausbreitend. Leichte Gewürztöne blitzen auf, Nelken, Kardamom, Piment, sehr apart, was das an Komplexität bietet. Die 43% Alkoholgehalt sind toll eingebunden, sind spürbar, aber nicht pieksend. Ein kühler Mentholeffekt beendet den mittellangen, etwas auf der Zunge prickelnden Abgang, der dann in einen leichten Stahlnagelton übergeht, während minimalste Astringenz etwas Trockenheit, aber wirklich nur etwas, hervorbringt. Ganz am Ende hallt dann eine feine Jasminblumigkeit nach, zusammen mit der nun auftauchenden kiesigen Mineralität.

Völlig unkompliziert und sehr trinkig, dennoch mit ausgeprägter Agaventypizität. Man darf hier keine wilde Jagd erwarten, oder ein spannendes Experiment eines Brenners, dafür aber grundsolide, saubere Arbeit, und eine wirklich schöne Espadín-Ausprägung. Gefällt mir sehr.


Der modernen Mixologie gehen manchmal ein bisschen die neuen Ideen aus, dann bedient man sich an klassischen, erfolgreichen Rezepten. Und dabei entstehen hin und wieder Kombinationen, die vom Namen her erstmal frankensteinmäßig klingen, wie der White Negroni Piña Colada. Doch man gebe dem Drink eine Chance, denn er funktioniert ganz hervorragend, bietet eine tolle Mischung aus tropischem Sommerfeeling und komplexen Aromen, bei denen ein guter Mezcal trotzdem die Hauptrolle spielt. Dass er dann noch ein bisschen der mexikanischen Flagge ähnelt, ist zwar nur Zufall, gibt dem ganzen aber doch mittelamerikanische Stimmung!

White Negroni Piña Colada Cocktail

White Negroni Piña Colada
1oz / 30ml Mezcal
½oz / 15ml Suze
½oz / 15ml Kokosnussrumlikör
½oz / 15ml Zitronensaft
¾oz / 23ml Ananassaft
¼oz / 7ml Zuckersirup
Auf Eis shaken. Auf Eis abseihen. Mit Angostura toppen.

[Rezept nach Chris Amirault]


Die Flasche selbst ist unauffällig, eine ganz normale gerade geschnittene Flasche mit einem Kunststoffkorken – der Designaufwand ging offensichtlich eher ins abstrakte Etikett, das großflächig und mit schönem Kupfermetalliceffekt gestaltet ist. Die relevanten Keywords sind etwas willkürlich über die Fläche verteilt, und ich würde mir tatsächlich noch ein paar Details über die Herstellung und die Hersteller selbst wünschen; da man sie auf der Abfüllerseite nachlesen kann, ist dies aber eher als Randnotiz zu sehen.

Nachdem ich in letzter Zeit viele Mezcals probiert hatte, die von sehr kleinen Herstellern in winzigen Mengen direkt an die Mezcalsconnoisseure vermarktet werden, ist dies schon erkennbar einer, der eher die Fläche bedienen soll. Der Los Muertos Mezcal Joven beweist aber, dass dies heutzutage kein Wiederspruch mehr sein muss – gute Qualität, sauber gemacht, und trotzdem zu einem guten Preis erwerbbar für die Heimbar, die einen stabilen und schmackhaften Mezcal für Cocktails braucht, den man trotzdem auch pur genießen kann, wenn man mal Lust darauf hat.

Offenlegung: Ich danke Los Muertos Spirits für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Mezcals.

Bier am Freitag – Babolenus Cryo Pop Session IPA

Abgekürzt steht der Name der Brauerei auf dem Etikett, Br’ij De HopHemel, die in Hasselt in der Region Limburg in Belgien zu finden ist. Seit 2020 macht man dort Biere, für belgische Verhältnisse also eine junge Brauerei. Mit ihrem Babolenus Cryo Pop Session IPA ist gleich etwas aus ihrem Portfolio in meinem Verkostungsglas, was ich immer theoretisch schwierig finde – ein Session IPA, meistens geht das nach meiner Erfahrung schief, weil kratziger Aromahopfen und niedriger Alkoholgehalt sich beißen. Hier ist beides voll integriert: 4,2% Alkoholgehalt, 53 IBU dazu, entstammend den Hopfensorten Magnum, Azacca, Citra, und natürlich dem namensgebenden Cryo Pop. Probieren wir es aber einfach, bevor ich ein vorschnelles Urteil fälle!

Babolenus Cryo Pop Session IPA

Volltrüb und trotz der helleren Farbe blickdicht. Man sieht nach dem vollständigen Eingießen am Boden des Glases dicke Hefebrocken und viele kleinere Partikel, die auch am Glas haften bleiben, wenn man das Bier trinkt. Perlage ist sehr kräftig, der Schaum zunächst da, aber immer sehr grobblasig, bis er nach ein, zwei Minuten nur noch aus sehr großen Blasen besteht.

Die eingesetzten Hopfensorten zeigen sich im Geruch sehr prominent, da sind sehr viele bunte Fruchteindrücke, von rotem Apfel über reifen Pfirsich und Stachelbeeren bis hin zu grüner Banane und Mango. Das ziept nicht, wirkt eher reif und süß als zestig und kantig – sehr angenehm zu schnuppern und ich lasse mir sehr gern Zeit damit, nur an diesem Bier zu riechen.

Der Antrunk ist zunächst ähnlich weich und fruchtig, schnell blenden sich aber die 53 IBU ein und lassen das ganze sehr deutlich ins Herbbittere kippen. Da tauscht sich dann auch die Frucht gegen richtig derbbittere Kantigkeit, etwas Getreide kommt dazu, aber das gesamte Bild ist weiterhin vom Hopfen komplett beherrscht, nur eben nun nicht von der Aromaseite, sondern von der Bitterkomponente. Säure und Süße sind gut aneinander angeglichen, die Textur angenehm leicht, hier wird die Sessionseite deutlich. Die Rezenz ist in Ordnung, da am Schluss die Bittere alles übernimmt, fehlt sie nicht besonders. Der Nachhall ist dann zunächst blumig, später wieder hopfenfruchtig.

Ui, das ist ein IPA, das man trinken können muss. Trotz des Sessioncharakters ist da soviel Hopfenwucht drin, das ist sicher nicht jedermanns oder jederfraus Sache. Letztlich ist es aber handwerklich sauber gemacht und ohne Fehler – darum probiere man es aus!

Berliner Weisse ohne Schuss – Schneeeule Berliner Weisse

Berliner Weiße, eine aussterbende Biergattung. Nur noch eine Handvoll Marken gibt es überhaupt, und der Eindruck in der breiten Bevölkerung ist, dass das ein grünes oder rotes Biermischgetränk ist, mehr ein Spaß für Zwischendurch denn ein ernstzunehmender Bierstil. Um 1900 gab es in Berlin 200 Brauereien, die die Weiße herstellten, und sie wurde in über 700 Gaststätten gewohnheitsmäßig ausgeschenkt – davon blieben nach den Weltkriegen eine in Ost- und 5 in Westdeutschland übrig, bis 1992 mit Schultheiß die letzte schloss und die Berliner Weiße in der Breite damit der Vergangenheit angehörte. Die Diplomingenieurin Ulrike Genz hat sich mit ihrer Kleinbrauerei Schneeeule seit 2016 das Ziel gesetzt, diesen traditionellen Berliner Bierstil eben nicht aussterben zu lassen, der verwandt ist mit Geuze, Lambic und Gose (letzterer hat ja ein ähnliches Zukunftsproblem). Ende 2023 bot sie eine Onlineverkostung mit 6 ihrer Biere an, bei der ich natürlich gern teilnahm, und meinen Leser will ich heute ein bisschen einen Einblick geben, was da so vorgestellt wurde.

Schneeeule Berliner Weisse

Was ist eine Berliner Weiße eigentlich? Es gehört in die Kategorie Sauerbier, ist auf Weizenmalzbasis gebraut und die Säure entsteht durch Milchsäuregärung mittels Lactobacillus und Brettanomyces, die Kenner kennen diese kleinen Racker natürlich. Eine Flaschennachreifung gehört dazu. Die verwendeten Mikroorganismen wurden teilweise aus alten Weiße-Flaschen, die Genz noch auftreiben konnte, gewonnen, man bekommt bei Schneeeule also schon ein Stück Biergeschichte mitgeliefert. Schneeeule macht ausschließlich diese Art Biere, weil die Brauerei durch diese lebendigen Mikroorganismen komplett „durchinfiziert“ ist und alle anderen Biere angesteckt und dadurch auch sauer würden; die Biere von dort sind allesamt unfiltriert und unpasteurisiert, denn das würde ja die Lebewesen abtöten und entfernen, die für die Weiterreifung notwendig sind. So, genug Theorie, rein ins Glas mit der Weißen!


Schneeeule Marlene

Das Schneeeule Marlene bildet die Basislinie, natürlich. Eine traditionelle Berliner Weisse, wie es früher in der Hauptstadt üblich war. Leicht blasse Maisfarbe, dabei volltrüb bis zur Blickdichte. Es knistert zwar beim Eingießen, doch der dabei entstehende Schaum verschwindet praktisch sofort. Ganz leichte Perlage ist erkennbar. Die Nase zeigt fruchtigen Apfelessig, Verjus vielleicht, mit einer sehr ausgeprägten Würze, die die Säure auffängt und spannend macht. Federweißer und Viez sind die nächsten Assoziationen, die mir einfallen. Auch bei der kühlen Trinktemperatur durchaus expressiv! Am Gaumen springt einen sofort eine knackige Säure an, so richtig limettig, mit schönem Fruchtcharakter aus ätherischen Zitrusölen. Dabei ist eine gewisse Grundsüße als Ausgleich da, die als Körper das Volumen bringt, um das nicht zu kantig werden zu lassen. Die Marlene kribbelt etwas auf der Zunge, ist minimalst astringierend, ohne wirklich trocken zu wirken, erst im Abgang gibt es ein ganz dezentes Kratzen im hinteren Rachen. Ein Anflug von tropischer Frucht, erneut die klare Verbindung zu mildem Essig, und am Ende auch etwas brotig-hefiges lassen doch einiges an Komplexität aufblitzen, während man bei so einem Sauerbier über Rezenz gar nicht reden muss. Wer Sauerbier so nicht kennt, wird das blind nicht für ein Bier halten, da bin ich mir sicher. Der Sauerbierfreund dagegen findet hier ein wunderbares, würzigsaures Bier, für das man keinerlei Sirup braucht, um es gemütlich genießen zu können.


Schneeeule Kennedy

Länger und aktiver ist der Schaum dann auf dem Schneeeule Kennedy, auch teilweise durch die stärkere Perlage. Die Farbe geht hier ins blasse Eidotter über, das vollständig trüb ist, winzige Hefepartikel landen beim Eingießen im Glas. Die Nase ist deutlich hopfig, mit viel Aromen von Fruchtmarmelade, Grapefruit, Himbeeren und gerade reifer Ananas. Leichte Säure erahnt man mehr als dass man sie wirklich erriecht, sie ist deutlich mild und eher mildzitronig. Eine gewisse Würze ist erkennbar. Das Bild geht im Mund so weiter, eine Pale-Ale-Weisse, würde ich sagen – ein Hybridmodell, das sehr gut funktioniert. Zitrone im Antrunk, Grapefruit im Verlauf, eher Fruchtsäuren als Essigsäuren in meinem Gefühl. Dadurch, und die gute Karbonisierung, ist das eine Rezenzbombe, gut gekühlt erfrischt das wirklich herrlich, ohne eine leichte Cremigkeit in der Textur zu verlieren. Der Abgang ist sehr kurz und leicht, mit 3,5% Alkoholgehalt trinkt sich das extrem süffig und easy.


Schneeeule Yasmin

Leicht aromatisiert wird das Schneeeule Yasmin, der Name deutet es natürlich schon an, Jasminblüten kommen hier zum Einsatz. Die Farbe hält sich erneut ans Eidotter, ist nur trüb und blickdicht, wenn man die Flasche beim Eingießen etwas schwenkt, um den Bodensatz zu lösen. Schaum ist absolut null komma null vorhanden, nichteinmal einzelne Bläschen sieht man. Geruchlich nehme ich den Jasmin zunächst allerhöchstens ganz am Rande wahr, die frische Säure übertönt das meiste andere. Etwas Hefe kommt vor. Ein herber Gesamteindruck für die Nase. Am Gaumen haut einen die Milchsäure dann so richtig weg, das ist zitronig und limettig ohne jede ausgleichende Süße, so dass die saure Seite voll auf den Gaumen trifft. Da muss ich die Augen teilweise zusammenkneifen, so drastisch sauer ist das, sicherlich das sauerste Bier, das ich je im Glas hatte. Der Geschmack zeigt auch nur wenig Jasmin, auch hier mehr ein zarter Eindruck im Hintergrund. Wäre da die herbe Würze im Abgang nicht, könnte man meinen, puren Zitronensaft zu trinken. Wahrscheinlich sind die unterschiedlichen Chargen bezüglich dem Jasmin anders ausgeprägt, wenn es nicht auf dem Etikett stünde, ich hätte es nicht gefunden. Dennoch ist das ein unterhaltsames Sauerbier, das zeigt, wie extrem der Stil werden kann.


Schneeeule Gurkenkaiser

Etwas eigentlich völlig verrücktes haben wir nun im Glas – der Schneeeule Gurkenkaiser nimmt die Region um Berlin mit ihren Gurkenfeldern zu sich ins Boot. Pastellgold, blass, blickdicht, das grundsätzliche Muster bezüglich der Optik bleibt erhalten. Auch, dass sich kaum Schaum bildet. Zutaten neben den üblichen sind eben die Spreewälder Gurken und dazu passende Dillblüten, hier gehen wir leicht hoch mit 3,7% Alkoholgehalt. Man könnte gefühlt auch an einem Glas eingelegter Essigkurken riechen statt an diesem Bier, finde ich. Das ist gar nicht negativ, im Gegenteil, ich mag eingelegtes Gemüse sehr. Der Dill ist allem voran, dahinter kommen durchaus auch fermentierte Gurken, wie ich sie als Kovászos Uborka aus Ungarn kenne. Darunter kommt etwas Zitrusfrucht, und diese unterschwellige Würze, die alle diese Biere durchdringt, ohne dass sie sich nach vorne drängt. Im Geschmack ist der Gurkenkaiser nun deutlicher milder, was die Säure angeht, ohne dass Süße auftaucht. Aromatisch teilen sich nun Essiggurke und Zitrone das Geschmacksbild, der Dill bietet ihnen die Hauptrolle und zieht sich auf ein kleines Detail am Rande zurück. Der Verlauf ist kurz und knackig, danach geht es schnell zuende, ohne, dass ich das als negativ empfinden würde, es bleibt ein wieder mal sehr rezentes Bier mit einem faszinierenden, regional spezifischen Twist, und sowas liebe ich ja. Das Mundgefühl ist am Ende doch sehr trocken und leicht astringierend, das passt aber zum Gesamtbild. Ein tolles, ungewöhnliches Bier!


Schneeeule Irmgard

Klassische Biertrinker, die nicht gern experimentieren und nichts anderes als Pils mögen, werden an der Schneeeule Irmgard verzweifeln. Kein Hopfen wird verwendet, dafür ist das Bier mit Orangen-, Granatapfel- und Limonenschalen eingebraut, was das ganze natürlich noch saurer macht, und wird mit vergorener Ingwer-Malz-Lösung und Zitrus- und Granatapfelschalen aromatisiert. Kreativbier par excellence, würde ich sagen! Auch hier: Pastellgold, blass, volltrüb. Und über Schaum rede ich einfach gar nicht mehr ab jetzt, das ist sinnlos, und wird auch nicht erwartet. Der Geruch ist deutlich vom Ingwer getrieben, und als Wurzel kommt das auch ein bisschen erdig rüber. Man riecht eine gewisse exotische, fast schon orientalische Note, finde ich – wahrscheinlich als Ergebnis der Kombination von Granatapfel und Ingwer, beides sehr typische Gewürze in orientalischen Gerichten. Auch etwas Basilikum und Rosmarin meine ich zu entdecken, als Nebennoten. Der Geschmack ist ebenso dominiert vom Ingwer, das geht fast in Richtung der aktuell so beliebten hausgemachten Ingwer-Limetten-Limonaden bei vielen Restaurants, die etwas auf sich halten. Durch die Zugabe der Limonen- und Orangenschalen wird alles noch saurer, als man es eh von einer Weissen gewohnt ist, das astringiert am Gaumen schon deutlich und zieht einem die Spucke weg. Auch im Geschmack wirkt die Irmgard zunächst erdig, später orientalisch, und am Ende fühle ich mich, als hätte ich eine der von mir sehr geliebten sauren Zungen aus Fruchtgummi mit Brauseüberzug, die man kaum ertragen kann. Hier funktioniert das, aber mehr als eine will ich hintereinander nicht trinken. Die Schärfe des Ingwer ist vorhanden, aber eher dezent und besonders im Abgang und Nachklang zu spüren, ohne dass es wirklich feurig wirkt. Unterhaltsam!


Schneeeule Hot Irmi

Das letzte Bier ist schließlich die Schneeeule Hot Irmi, auch ohne Hopfen eingebraut – denn es handelt sich dabei um die eben probierte Irmgard, die noch zusätzlich mit Habaneros versetzt wurde. Blass maisfarben, naturtrüb und dabei blickdicht. Schaum entsteht nur beim Eingießen für ein paar Sekunden, dann bleiben wirklich nur vereinzelte Bläschen an der Glaswand übrig. In der Nase finden sich leichte Verjus-Noten, Viez und Cidre, gleichzeitig kommt aber eine erdige, vegetabile Seite dazu – sind das bereits die Habaneros? Im Gesamtbild entsteht ein Geruch, der mich irgendwie etwas an Glühwein erinnert, nicht so überwürzt wie die auf dem Weihnachtsmarkt, aber doch etwas verwandt. Der erste Schluck, und ja, es waren die Habaneros, sie definieren überraschenderweise auch sofort den Antrunk. Richtig natürlich und grün, mit einer chilihaften Aromatik und ordentlich Schärfe. Letztere ist dennoch nicht überwältigend für jemanden, der gern scharf isst, doch die Brauerin schränkt ein: „Berliner können mit Schärfe nicht so richtig umgehen, für die ist manchmal salzig schon scharf“, und für solche Trinker ist die Hot Irmi dann wirklich an der Grenze. Die Vegetabilität geht wunderbar mit Fruchtnoten einher, Apfel, Pfirsich, aber auch etwas Gurke und Rettich, ein sehr spannendes und unterhaltsames, sicherlich innovatives Geschmacksbild. Der Abgang ist dann von Säure und Schärfe geprägt, gerade die Schärfe klingt sehr lange nach und lässt den Gaumen eine ganze Weile glühen.


Das Fazit ist natürlich für mich als großem Sauerbierliebhaber positiv, alle Varianten gefallen mir einfach gut, das ist spannend und interessant. Und man unterstützt durch den eh schon angenehmen Konsum dieser Biere auch eine kleine, inhabergeführte Brauerei, die sich um Erhaltung einer aussterbenden Tradition bemüht. Die Kombination ist top, Leute, kauft Schneeeule!

Das Feeling ist gut – Bacardí Ron Superior Heritage 44,5%

Bacardí, ein Name, den jeder kennt, den man je nach Hintergrund entweder mit einem sehr eingängigen, einschmeichelnden und fernwehweckenden Song verbindet – oder mit billigem, geschmacksarmem und wenig anspruchsvollem Supermarktrum. Dazwischen gibt es eigentlich kaum Spielraum, und ich persönlich schwanke selbst auch immer wieder zwischen diesen Extremen. Natürlich ist dem Hersteller die Massenproduktion offensichtlich wichtiger als ein eventueller guter Ruf, sonst würde man ja andere Produktions- und Verteilungsmechanismen wählen. Ist ja auch nicht schlimm, sie fahren, wenn man die Verkaufszahlen und -mengen anschaut, ganz klar gut damit, und auf die Anerkennung von ein paar lästigen Rumaficionados kann man ja gut verzichten, wenn man dafür im Geld schwimmen kann. Doch die pure, ironietriefende Schwarzweißmalerei tut dem global agierenden Unternehmen teilweise auch Unrecht, was man sehr gut am Bacardí Ron Superior Heritage 44,5% demonstrieren kann.

Je nachdem, in welchem Shop man sucht, findet man für diesen Rum die Herkunftsländer Jamaica, Mexiko, Bahamas, Puerto Rico und Bermuda. Eins weiß man vorab, auch wenn das Land als Wort natürlich dauernd fällt – aus Kuba kommt er definitiv nicht. Eine Seite, die ich auf der Recherche fand, formuliert die Situation bezüglich Bacardí am besten: „Der Rum ist vaterlandslos.“ Hat man die Flasche aber dann in der Hand, findet sich auf dem Rücketikett tatsächlich die Klärung für diese spezielle Abfüllung: „Hecho en Mexico“ steht da. Wie gesagt, alle oben aufgezählten Orte sind oder waren einst Produktionsstätten für Bacardí-Rum, bei der Menge, die davon getrunken wird, reicht eine Brennerei schlicht halt nicht aus, und die Marke an sich ist dabei eben wichtiger als irgendwelche Terroir- oder Stilgegebenheiten. Skeptisch und mit diesen Vorbehalten gießen wir uns ein Glas davon ein.

Bacardí Ron Superior Heritage 44,5%

Keine Fehler findet man in der kristallklaren Flüssigkeit, die schwer im Glas schwappt, wenn man es bewegt. Es bildet sich ein fetter Film an der Glaswand, der sich nur widerwillig in Beinchen auftrennt, um dann abzulaufen.

Sehr blumig in der Nase, ganz unerwartet aromatisch – man erkennt die typischen Noten eines hochdestillierten Rums, doch hier ist tatsächlich noch etwas mehr, der Bacardí ist keinesfalls neutral. Deutliche Gewürztöne von Sternanis und Kardamom, etwas Muskatnuss und viel Kokosfleisch. Dazu kommt milde, eher unterschwellige Frucht aus bitteren Limetten und duftendem Zitronengras. Letzteres geht dann in florale Noten von Lavendel und Rosmarin über. Durchaus komplex, dabei immer elegant und leicht, alle geschilderten Eindrücke sind eher Düfte als Gerüche, da wird nicht gedrängelt.

Bacardí Ron Superior Heritage 44,5%

Das setzt sich im Mund fort, die Kokosnuss ist hier sehr präsent, gefüttert von schönen, milden Fruchtnoten, nicht in die esterige Richtung, mehr frisch und hell. Auch hier dann weiterhin die herrliche Blumigkeit, die sich im Verlauf aufbaut. Von der Textur her ist der Bacardí Heritage voll und breit, unerwartet körperlich, fast schon schwer. Klar süßlich zunächst im Antrunk, im Verlauf dreht sich das eher in eine mildsäuerliche Richtung, ohne zitrisch zu werden. Leichte Anflüge von Limettenzeste und Amalfizitronenschale sorgen für Frische. Der Abgang ist mildtrocken und ebenso mild bitter, dabei rund und vorsichtig umami, und schließlich noch mit entschiedener Ingwerschärfe, die sich lange auf die Zunge legt und sie zum Prickeln bringt. Mit langem Schokoladen- und Kokosnachhall endet der Rum, er bleibt wirklich sehr überraschend ausdauernd am Gaumen präsent.

Ein wirklich ausgesprochen schöner Rum, der zeigt, dass „weißer Rum“ – heutzutage ist das eigentlich keine ernsthafte Kategoriebezeichnung mehr, ich bevorzuge die Bezeichnung „ungereifter Rum“ – nicht immer flach und langweilig sein muss, nur für tropische Drinks in Saft und Zucker ertränkt geeignet. Nein, der Bacardí Heritage hat Komplexität, Struktur und Eleganz. Ein toller Rum, der die oben geschilderten Vorbehalte pulverisiert.


Man muss nicht abdanken, um den Four W Daiquiri genießen zu dürfen, auch wenn er nach dem (weiblichen) Grund des Thronverzichts des britischen Königs Edward VIII. benannt ist – obwohl der Mann offensichtlich Prioritäten setzen konnte. Gerade für alle möglichen Daiquiri-Varianten ist der Heritage ein nahezu perfektes Einsatzgebiet, da zeigt er sich von seiner besten Seite, ganz ohne Schwächen.

Four W Daiquiri Cocktail

Four W Daiquiri
2oz / 60ml ungereifter Rum
1½oz / 45ml Grapefruitsaft
¾oz / 23ml Ahornsirup
2 Spritzer Aromatic Bitters
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Herb Smith und Simon Difford]


Die Flasche ist sehr ähnlich der normalen Supermarkt-Billigmarke gestaltet, da gilt es, Augen beim Kauf aufzuhalten, der Hauptunterschied liegt im aufgedruckten Alkoholgehalt; letztlich gefällt mir die Gestaltung in ihrer schlichten Eleganz, das passt einfach gut zum Rum, der in der Flasche enthalten ist. Es gibt auch eine Ausgabe mit aufwändiger Geschenkbox, das sind aber Gimmicks, die man nicht unbedingt braucht.

Für den Preis von unter 25€ ist das Preisleistungsverhältnis beinahe kaum vorstellbar – hier zahlt sich die Produktionskapazität von Bacardí dann halt auch für den Endverbraucher aus. Ich für meinen Teil denke stark darüber nach, mir noch 2 oder 3 Flaschen davon zu holen, denn es handelt sich um eine limitierte Auflage, und ich habe sehr viele Verwendungszwecke für einen derart charmanten und dennoch unaufgeregten Rum.

Bier am Freitag – Füchschen Alt

Der Flug auf meinem letzten Städtetrip nach Stockholm ging von Düsseldorf aus, recht früh am Morgen. Da denkt man sich – ach, reise ich doch einen Tag früher ganz gemütlich an, nehme mir ein Hotelzimmer, und probiere am Vorabend dann ein paar der Altbierbrauereien in Düsseldorf aus, die ich eh schon ewig mal besuchen wollte. Gestartet wurde im Uerige (über das Bier hatte ich schon geschrieben), dann zum Schlüssel (der Artikel folgt in Zukunft), und geendet hat das dann im Füchschen, wo auch ein Abendessen mitgeplant war. Zu den diversen Gläsern Füchschen Alt, immer ohne Nachfrage nachgeliefert vom aufmerksamen Köbes dort, gab es ein ganz hervorragendes Himmel und Ähd, eine wirklich empfehlenswerte Kombination. Eine Halbliter-Bügelflasche für zuhause wurde am Ende noch mitgenommen, und die köpfe ich heute.

Füchschen Alt

Gebrannte Siena, gern auch vielleicht haselnussbraun, mit bronzenen Lichtreflexen in der opalisierenden Durchschau. Ein leicht crèmefarbener Schaum bildet sich, bleibt auch eine Weile erhalten, mit feiner Struktur, die einzelne, große Blasen enthält.

Herb und röstmalzig ist die Nase, mit Anflügen von oxidiertem Kaffeepulver, etwas Altöl und einer gewissen Nussbittere. Bitterschokolade meint man dann zu erkennen, ein Ticken grüner Banane, und das Deckblatt einer Zigarre. Insgesamt spannend und interessant, ohne sich extrem aufzudrängen, aber effektiv – so richtig zuvorkommend, viele Aromen freizugeben, sind Altbiere ja eh nicht.

Die ersten initialen Sekunden des Antrunks wirken süß, dann kommt aber schnell die Typizität eines Altbiers hervor: bitter, sehr malzig, durchaus würzig, gefühlt minimalst salzig. Die feine Restsüße des Füchschen Alt schafft es nicht gegen die aufkommende Trockenheit, die sich für mich sehr paradox verhält zum vollen, cremigtexturierten Körper, ein unterhaltsamer Effekt am Gaumen ist das. Rezenz ist ohne Frage voll gegeben, sie entsteht sowohl aus einer milden Säure als auch der üppigen Karbonisierung. Die schwarzen Teil von Oreo-Keksen sind da, Kaffee, 100%-Kakaoschokolade, natürlich ordentlich geröstetes Getreide und sogar ein Tick von Brühwürfeln, die sich im nun wirklich kräftig bitteren Abgang, dem besten Teil des Biers, so richtig ausbreiten. Natürlich ist das ein Bier, das zügig zu trinken ist, in guter Kühlung, bei 4,8% Alkoholgehalt geht das auch gut.

Dies ist ein Frischbier aus einer kleinen Hausbrauerei in Düsseldorf, darum ist die Haltbarkeit eingeschränkt – wenn man sich aus Düsseldorf eine Flasche des Füchschen mitbringt, sollte man es nicht zu lange herumstehen lassen. Auf einer früheren Flasche waren Abfüll- und Mindesthaltbarkeitsdatum abgedruckt, und nur 2 Monate lagen zwischen diesen Terminen. Persönlich würde ich es als Altbierliebhaber eh nicht aushalten, die Flasche so lange anschauen zu müssen; das wirklich gute ist, dass es zuhause fast genauso gut schmeckt wie im Füchschen selbst, und man muss sich nach der Flasche dann keinen Bierdeckel aufs Glas legen.

Erfrischendes Prickeln – Bottega Gold Prosecco

Schaumwein hat ähnliche Regelungen wie Wein und Spirituosen, das ist irgendwie selbstverständlich. Für Champagner weiß es eigentlich jeder, dass nur ein Schaumwein aus der Region Champagne so genannt werden darf, als offensichtlichste Ausprägung eines Beispiels einer solchen Regel. Cava dagegen ist ein spanischer Schaumwein mit geschützter Produktionsmethode, und natürlich hat auch Italien seine Variante – den Prosecco, für den beides gilt. Denn auch diese Bezeichnung darf nicht wahllos auf jede Sektflasche geschrieben werden, nur Schaumwein aus eingegrenzten Gebieten darf so genannt werden, und er muss nach Vorschriften aus der Rebsorte Glera gemacht sein. Diese Rebsorte hieß früher selbst „Prosecco“, und auch heute noch verwenden viele Winzer und Brenner, wenn man informell mit ihnen redet, dort die alte Bezeichnung, einfach, weil sie daran gewöhnt sind; „Glera“ ist erst seit etwas mehr als einem Jahrzehnt die offizielle rechtliche Bezeichnung. Um 2010 änderte sich die italienische Rechtsprechung bezüglich Prosecco grundsätzlich, die Qualitätsstandards wurden massiv erhöht, so muss die gesamte Produktion heutzutage im Anbaugebiet stattfinden und darf nicht mehr teilweise ins Ausland verlagert werden – man will damit die Marke schützen, statt sie in billigen Abfüllungen ohne Wert zu verheizen. Eine kluge Entscheidung, wenn es auch weiterhin noch etwas dauern wird, bis dieses neue Selbstbild des Prosecco in den Köpfen der Schaumweintrinker angekommen sein wird.

Der Bottega Gold ist ein Prosecco aus dem Herzen der Region, die diesen Schaumwein herstellt, mitten im Veneto zwischen Conegliano und Valdobbiadene, nicht einmal 50km von Venedig entfernt. Die Proseccos aus diesem Kerngebiet gelten als die besten, haben einen noch über das Standardmaß hinaus erhöhten Schutzstatus. Wer sich dafür interessiert, achte beim Kauf darauf, dass auf dem Vorderetikett die Schlagworte „Valdobbiadene“ oder „Conegliano“ zu finden sind. Er ist natürlich zu 100% aus Glera-Trauben gemacht, hat einen Alkoholgehalt von 11% und trinkt sich mit ungefähr 8°C am besten, sagen die Winzer vor Ort, und halten sich selbst daran, wenn sie Flaschen öffnen – ich habe dort keinen warmen Prosecco bekommen, obwohl ich während des Aufenthalts zusammen mit den anderen Juroren von Spirits Selection by CMB 2023 in der Region Treviso viele, viele Liter davon getrunken habe.

Bottega Gold Prosecco

Das laute Plopp beim Ziehen des Korkens (der von einem Drahtnetz gehalten werden muss) ist ein wunderbares Geräusch. Ebenso das knisternde Zischen, wenn man den Prosecco ins Glas gießt. Sehr kräftiges Mousseux ist lange vorhanden, man sieht es in der strohfarbenen Flüssigkeit, und hört es, wenn man genau lauscht. Dadurch bleibt auch lange ein halber Finger Schaum im Glas.

Die Nase ist traubig, mostig, dabei elegant leicht und frech. Ein bisschen Hefe riecht man, aber die sanfte Fruchtigkeit der Glera-Rebsorte ist immer da. Mildbitter, leicht apfelig, ein Anflug von Quitte oder herber Birne. Ich suche hier gar nicht nach dramatischen Aromen, es ist die Frische, die luftige Frucht, die ich an einem guten Prosecco schätze.

Bottega Gold Prosecco Glas

Was ich im Veneto gelernt habe – der Prosecco ist kein Getränk, das man lange exploriert, über das man viel im Mund nachdenkt, oder das man für seine komplexe Struktur schätzt. Nein, das trinkt man als Sprudelersatz bei jeder Gelegenheit. Entsprechend funktioniert so ein Prosecco auch, und dies sind die Aspekte, die man betrachten muss, und ich schaue mal, wie sich der Bottega Gold hier schlägt. Frische? Hervorragend, sowohl durch passende Säure als auch knackige, aber nicht kantige Bittere. Gut gekühlt natürlich, das ist Vorbedingung. Angenehm am Gaumen? Großartig, die Frucht bringt das Interesse, eine freche, aber dennoch mit einer guten Grundsüße ausgestattete Textur mit diesem kitzelnden Prickeln sorgt für Kurzweiligkeit. Sauberkeit? Die Trauben sind erkennbar, aber nicht hocharomatisch, sorgen eher für stringente Linearität, lassen aber noch genug Raum für einen Anflug von verspielter Mediterranität. Säure klärt den Gaumen, erfrischt ihn, macht Spielraum für das folgende Essen.

Ich habe Prosecco früher nicht verstanden und ihn als Tussengetränk abgetan (man vergebe mir meine Ausdrucksweise). Inzwischen versuche ich, immer mindestens eine Flasche davon, auf Augenhöhe neben einer Flasche Champagner, im Kühlschrank zu haben, für die Momente, wo ich einfach Durst habe und Prickelwasser trinken will. Und etwas wie der Bottega Gold ist dann für besondere Anlässe reserviert.


Es mag jetzt furchtbar offensichtlich klingen, was ich als Rezept für den Bottega Gold vorschlage – doch der Bellini ist einfach eine Ikone Nordostitaliens, seit seiner Erfindung im Jahr 1945 hat er alles überlebt, was sonst so an Spritzes und Trenddrinks auf den Flaniermeilen von Venedig bis Tokyo serviert wurde, und er ist einfach ein unkomplizierter Drink (in der Zubereitung mit frischen Pfirsichen dann sogar gar nicht so unaufwändig, wie man denken mag!). Wem in der späteren Jahreszeit die frischen Pfirsiche ausgehen, dem empfehle ich eine Mischung aus Pfirsichmousse aus dem Glas und frischen, weißen Pflaumen.

Bellini Cocktail

Bellini
2oz / 60ml Püree aus weißen Pfirsichen
⅓oz / 10ml Pfirsichlikör
¼oz / 7ml Zitronensaft
Auf Eis shaken. Doppelt in eine Sektflöte abseihen, dann mit Prosecco aufgießen.
[Rezept nach Giuseppe Cipriani]


Die in Goldfolie eingeschlagene Flasche macht natürlich extremst was her, damit kann man überall punkten, insbesondere, weil das hochwertig gemacht ist und an keiner Stelle billig wirkt und nicht abzupuhlen ist. Korken und Drahtkorb sind bei so einem Schaumwein natürlich Pflicht.

Anbei nun noch ein paar Eindrücke vom Ort, wo dieser Prosecco hergestellt wird (dort wird auch Grappa und Gin gemacht, daher die Bilder der Destillierapparate, die man für Prosecco natürlich nicht braucht). Ein richtig schöner, sonniger Nachmittag war das im Spätsommer im Veneto, mit einem Spaziergang durch Weingärten und einem Umtrunk im Hof dieser venezianischen Villa auf dem Land.

Nun, seit diesem Ausflug nach Italien bin ich jedenfalls ein großer Prosecco-Fan geworden, und habe inzwischen auch eine Ahnung bekommen, was guten Schaumwein ausmacht. Die italienische Lebenskultur gewinnt einfach immer, wenn man ihr nur ein bisschen Raum einräumt, da kann man nichts dagegen machen. Und ich wehre mich schon lange nicht mehr dagegen, von unerwarteten Spezialitäten überzeugt zu werden, Prosecco ist nur der neueste Eintrag in der Liste der Genussmittel, die ich nicht mehr missen möchte.

Bier am Freitag – Härtsfelder Kloster Bier Braun

Die letzten Ausflüge in die Heimat waren häufig durch Familienfeste bedingt. Da bekommen die Eltern riesige Geschenkkörbe von allen möglichen Gästen, und oft ist dann auch Bier und Wein enthalten. Da das nicht mehr auf dem Speiseplan der Eltern steht, bekommen die Kinder die Flaschen zum Mitnehmen in die Hand gedrückt, worüber ich nicht wirklich böse bin, da ist manchmal gutes Zeug dabei. Wie neulich zum Beispiel das Härtsfelder Kloster Bier Braun, das im Auftrag des weltbekannten Klosters von der lokal wohlbekannten Brauerei Hald in Dunstelkingen gebraut wird. Auf der Zutatenliste liest man „Röstmalzbier“, das ist ein alternativer Name für das vielleicht bekanntere „Farbebier“, was ein erlaubter Zusatz bei Bier ist, der für die dunkle Farbe sorgt, ohne dass man den Brauprozess groß von hellem Bier umstellen muss. Das ist natürlich eine wirtschaftliche Entscheidung, schauen wir mal, ob das Bier dadurch gewinnt oder verliert.

Neresheimer Kloster Bier Braun

„Braun“ ist eigentlich schon fast untertrieben, das ist schon mahagonifarben, geht schon beinahe ins Schwarzbraun über; der dunkle Ton sorgt dann dafür, dass man kaum durchs Bier durchschauen kann, obwohl es nur etwas opalisierend ist. Der Schaum erinnert sowohl von Konsistenz als auch Farbe an die Crema auf einem frischen Vollautomatenkaffee, großteils feinblasig und flaumig, sackt nach einer Weile etwas zusammen, bleibt aber einen Zentimeter dick erhalten.

Sehr röstig ist die Nase, das Malz wirkt braungebrannt und geht dabei aber nicht ins holzkohlige über. Trockenobst, Pflaumen und Datteln, diese dunkelfruchtigen Aromen unterstützen das Malz und die Gerste. Leichte Hefetöne riecht man durch, leicht getoastetes Holz und Weißbrot aus dem Ofen. Nicht dramatisch expressiv, aber wirksam und angenehm.

Die Textur ist fett und cremig, legt sich schmeichlerisch auf den ganzen Gaumen. Eine feine Süße hilft dabei, dieses richtig geschmeidige Mundgefühl zu erhalten. Etwas zestige Zitrone sorgt sowohl für etwas Ausgleichssäure als auch fruchtige Frische, so dass das Bier sensorisch gar nicht so dunkel wirkt, wie es aussieht – hier spielt das angesprochene Verfahren des Röstmalzbiers doch eine große Rolle. Dennoch ist da ein typischer, schwerer, voluminöser Körper mit all dem, was man an dieser Art Bier mag – Röstaromen, leichte Kakao- und Kaffeepulvernoten, Malz und pflaumige Melasse, und ein Ticken Lakritze. Der Abgang ist hellklingend, frisch und weiterhin rund und mild, mit einem minimalsten Prickeln auf der Zunge, und sehr angenehmem süßherbem Nachklang. 5,3% Alkoholgehalt gefallen in diesem Szenario ebenso.

Das Härtsfelder Kloster Bier Braun ist ein richtig rundes, unkompliziertes und dabei extrem trinkiges Bier. Sicher keine Aromenexplosion, aber durchgängig und sauber gemacht, ohne Kanten und Ecken, aber viel dichtem Charme. Werde ich mir sehr oft organisieren, garantiert!

Schwedische Weihnachten – Herrgårds Julsnaps

Städtetrips sind ja immer etwas tolles für mich – kurz und knackig, 2 bis 3 Tage eine Stadt zu Fuß erlaufen, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten abhaken und die kulinarische Kultur entdecken. Der neueste Eintrag im Tagebuch ist bei mir Schwedens Hauptstadt Stockholm. Ende Oktober war das Wetter nicht hundertprozentig ideal, aber das hielt uns nicht davon ab, auf dem Hotelschiff Mälardrottningen, einer zum Hotel umgebauten ehemaligen Luxusyacht, in Stockbetten zu übernachten und von dort aus kreisförmig die Stadt zu erkunden. Die atemberaubende Vasa, tolle Architektur, viel Kunst und Kultur, und natürlich die Krönung des Aufenthalts, die allgegenwärtigen Kanelbullar und Kardemummabullar (Zimt- bzw. Kardamomschnecken) sind, da bin ich überzeugt, immer eine Reise wert. Die nahezu durchgängige Digitalisierung sorgt dafür, dass man in 5 Tagen Aufenthalt in Schweden nicht einmal eine Kronenmünze oder -schein zu Gesicht bekommt, geschweige denn in der Hand hat; alles bis hin zur öffentlichen Toilette wird über Kartenleser gesteuert.

Mitbringsel sind natürlich immer wichtig, und aus Stockholm habe ich mir zwei schwedische Cocktailbücher, einen Aquavit, einen Swedish Punsch und etwas, von dem ich noch nie zuvor gehört hatte, mitgebracht: den Herrgårds Julsnaps aus der Brennerei O.P. Anderson. Da gilt es natürlich erstmal zu klären, was das überhaupt ist! Eigentlich ganz einfach: es handelt sich dabei um einen Aquavit, der fassgereift wurde und mit zusätzlichen Zutaten weiteraromatisiert ist.

Die Aquavitbasis, die für den Julsnaps („Weihnachtsschnaps“) benutzt wird, ist ein klassischer schwedischer Aquavit, angesetzt mit Kümmel, Fenchel und Koriander. Eine Reifung in Sherryfässern erzeugt die Farbe und eine gewisse Rundheit, dann werden noch frische Orange, Nelken, Ingwer und Kardamom dazugegeben, um die totale Weihnachtsstimmung beim Genießer ausbrechen zu lassen. In Schweden trinkt man einen Julsnaps, wie der Name schon sagt, tatsächlich zu Weihnachten, die Foodpairingempfehlung beim Herrgårds Julsnaps deutet auf Hering und Lachs, ist aber auch offen für andere Gerichte auf der Weihnachtstafel bis hin zu Aufschnitt und Käse. Mit 38% Alkoholgehalt hat man hier für so einen Zweck auch einen angemessenen Wumms, bei dem die Verwandschaft sicher zusätzlich einen guten Groove bekommt. Probieren wir es aus.

Herrgårds Julsnaps

Leicht blasses, aber leuchtendes Gold schwenkt sich gemütlich im Glas, lebendig und mit nur leichter Viskosität. Einzelne, dafür rechte dicke Beinchen bilden sich an der Glaswand, laufen recht zügig ab, hinterlassen dennoch ein hübsches Gittermuster.

Die Zutaten des Herrgårds sind sofort präsent in der Nase – allen voran die Orangenzeste, die wirklich sehr expressiv wie eine frisch geschälte Orange riecht. Kümmel aus der Aquavitbasis kommt schnell danach, erstaunlich, wie gut allein schon diese zwei Komponenten zusammenpassen, damit hätte ich nicht gerechnet. Nelken und Kardamom spielen dagegen eine untergeordnete Rolle im Geruch, sind aber erkennbar, wenn man danach sucht. Insgesamt entsteht so ein recht herber, frischer Duft, der wirklich angenehm zu schnuppern ist, und bei dem man sich wirklich auf den ersten Schluck freut.

Herrgårds Julsnaps Glas

Die herbe Seite ist auch im Mund sofort erkennbar, bei einem nur als Restsüße vorhandenen Zuckergehalt von deutlich unter 1g/L (und selbst der stammt wohl eher aus dem Sherryfass) spürt man trotzdem eine dezente, nur ganz milde Süße. Die Zestigkeit der Orange definiert erstmal Geschmack und Struktur, schnell gefolgt von Kümmel, Fenchel, Nelken und Ingwer, der eine ganz vorsichtige, prickelnde Schärfe dazugibt. Im Verlauf ist die Aquavitbasis stärker im Vordergrund mit seinen Botanicals, leicht im Gewicht und klar, ohne jede Klebrigkeit, luftig im Volumen. Gegen Ende wird der Herrgårds immer grüner und kräuteriger, erinnert nun an Blattschnitt, Dill und etwas Estragon. Leicht astringierend hinterlässt er dann einen trockenen, aber sehr erfrischten Mundraum, die ätherischen Öle der Orange bleiben lange hängen mit einer angenehmen Kardamomkühle.

Eine ungewöhnliche Zusammenstellung, deutlich kräuteriger und frischer als ein Gin, und diese herrliche Orangenzeste, voll natürlich und hochgradig effektiv, krönt einen sehr angenehm zu trinkenden Schnaps. Völlig unkompliziert, dafür durchaus mit einem guten Maß an Komplexität – das ist wirklich garantiert sowohl als Aperitif als auch als Digestif hervorragend geeignet und macht dann sowohl Spaß, dient aber auch gut zum Klären des Gaumens.


Julsnaps an sich ist ja eigentlich bereits eine Art von Cocktail, wenn man sich die Geschmackskomposition anschaut, dennoch kann er natürlich gut auch dort funktionieren, wo man normalerweise einen klassischen Aquavit erwartet. Gerade die zusätzliche Orange passt toll zum North Sea Oil, der ja schon Bitterorangenlikör als weitere Zutat mitbringt – hier ergänzen sich zwei unterschiedliche Aspekte der Orange. Als Ausgleich zum schmalzigpappigen Weihnachten liegt man mit diesem herb-erdigen, kräuterlastigen Drink richtig!

North Sea Oil Cocktail

North Sea Oil
1½oz / 45ml Aquavit
¾oz / 23ml Cocchi Americano bianco
½oz / 15ml getorfter Whisky
¼oz / 7ml Orangenlikör
Auf Eis rühren. Auf einen großen Eiswürfel abseihen. Mit Orangenzeste servieren.

[Rezept nach Leo Robitschek]


In Schweden gibt es ein staatliches Alkoholmonopol, und man kann nur in speziellen Geschäften Alkohol kaufen. Im Systembolaget in Stockholm, wo ich diese Flasche herhabe, gibt es den Herrgårds Julsnaps in unterschiedlichen Abfüllgrößen zu erwerben, ich hatte mich für die schnuckelige mittlere Größe von 350ml zu 155 Kronen (um die 13€) entschieden. Das Design ist einfach aber passend, mit ein paar Details auf dem Rücketikett, und einem zweckmäßigen, wenn auch nicht übermäßig charmanten Aludrehverschluss.

Aquavit hat auch in Deutschland eine große Tradition, natürlich eher im Norden als bei mir im Südwesten. Die schwedische Fassung ist insgesamt (außerhalb dieses besonderen Produkts), nach meiner zugegebenermaßen eher eingeschränkten Erfahrung in dieser Spirituosenkategorie, eher auf der milden, fast schon süßlichen Seite. Wer in die Kategorie grundsätzlich mal reinschnuppern, sich aber nicht direkt mit wilden Kräutern auseinandersetzen will, kann sich durchaus auch außerhalb der Weihnachtszeit so etwas wie den Herrgårds Julsnaps anschauen!