Baum, Gras und Wurzel – Lechtaler Haussegen Zirben, Bergheu und Meisterwurz

Auch wenn in Deutschland die Brennkultur genauso traditionell verhaftet ist wie in Österreich, ist mir erst durch unseren südlichen Nachbarn so richtig klar geworden, wie gut traditionell gemachte Brände abseits von Rum, Whisky und Tequila sind. Regionale Zutaten, verarbeitet von handwerklich hervorragend ausgebildeten und engagierten Brennern, meist in kleinen, familiären Betrieben – sowas liebe ich inzwischen mit ganzem Herzen, es ist das völlige Kontrastprogramm zu den massenaustoßenden Großbetrieben, mit denen man als Spirituosenjournalist natürlich auch immer zu tun hat. Beim Lechtaler Haussegen in Elbigenalp, in der Mitte des Lechtals in Tirol, versucht man entsprechend, die Aromen der Natur, die die Brennerei direkt umgibt, in Flaschen abzufüllen. Heute stelle ich drei Produkte der Brennerei vor: Lechtaler Haussegen Zirben, Bergheu und Meisterwurz.

Spannend ist hier die Herstellung, da viele der Basismaterialien der drei Spirituosen nicht auch nur ansatzweise genug natürlichen Zuckeranteil haben, um daraus einen Brand herzustellen – hier kommt der hin und wieder völlig zu unrecht als minderwertiger angesehene Bruder des Brands, der Geist, ins Spiel. Die zuckerarmen Zutaten wie Heu und Zirbenholz werden mit Obst-Basisbränden vergeistet und geben dabei ihre wundervollen, dichten Aromen ab. Ein gut gemachter Geist ist für mich eine spannende Spirituose! Genug des Theoretisierens, wir gehen jetzt direkt mit diesen drei Spirituosen auf eine Wandertour durch die österreichische Bergwelt und lassen unseren Blick über alles, was da so wächst, schweifen: vom Baum zum Gras zur Wurzel.

Lechtaler Haussegen Meisterwurz, Bergheu und Zirben

Ich mag Zirbenholz sehr, immer, wenn ich irgendwo in Österreich unterwegs bin, begegnet einem dieses Holz, sei es in der Auskleidung der Hotelzimmer, in den überall vorhandenen Holzverarbeitungsanlagen oder in den Dekosouvenirs, die man von dort mitbringen kann. Der Zirbenholzgeist vom Lechtaler Haussegen ist darum ein höchst willkommener Gast in meiner Heimbar. Die Herstellungsweise ist anders als bei vielen verwandten Produkten, die Zirbenzapfen extrahieren – hier wird ein Geist aus dem geschnittenen Holz gemacht. Und schon beim Eingießen verbreitet sich entsprechend dieser herbstaubige Geruch des Zirbenholzes um das Glas herum, beim Schwenken der kristallklaren Flüssigkeit verstärkt sich das noch, ein halber Meter Abstand ist nötig, um den Geruch nicht mehr wahrzunehmen. Schnuppert man tiefer, ist das fast schon extrem: eine perfekte 1:1-Abbildung eines Stücks Holz, mit den Spänen und sogar dem Staub, der beim Sägen entsteht, mit viel ätherischem Öl, als würde man sich in einer Schreinerei befinden. Unglaublich und begeisternd, ich hatte mir ja vor ein paar Jahren ein Zirben-Duftspray fürs Kopfkissen gekauft, das riecht bei weitem nicht so intensiv nach Zirbenholz wie dieser Geist hier. Allein für den Duft liebe ich diese Spirituose bereits heiß und innig.

Lechtaler Haussegen Zirben

Und das verrückteste daran ist: hier kann man das ganze auch schmecken. Man stelle sich vor, man hat ein frisch geschnittenes Stück glatt gehobeltes Stück Zirbenholz vor sich, und schleckt dann mit der Zunge darüber. Das ist der Eindruck, den man von diesem Geist bekommt. Man kennt ja vielleicht diese Zirbenholzkugeln, die man auf Wasserkaraffen legen kann, die dann das Wasser ganz vorsichtig aromatisieren; wer eine hat, probiere mal aus, sie abzulecken, dann bekommt man eine Vorstellung davon, wie dieser Geist schmeckt. Es kommen noch im Nachklang vorsichtige Harznoten dazu, ein bisschen Fichtennadelaroma, das ergänzt sich wunderbar. All dem zugrunde liegt eine schwere, natürliche Fruchtsüße, und breite Textur, die den Gaumen ausfüllt, bis im Abgang ein dezentes Zirpen die Zungenspitze warmhält und den Mundraum lange belegt.

Einzigartig, fantastisch. Kreativität und handwerkliche Tradition spielen zusammen, um eine der für meinen Geschmack expressivsten Spirituosen zu erschaffen, die ich seit langer Zeit im Mund hatte: Ein alpiner Bergwald im Glas.


Vom Baum zur niedriger wachsenden Vegetation: Heugeiste sind gefühlt sehr beliebt in letzter Zeit, ich habe mindestens drei Varianten davon zuhause, aus Österreich, Südtirol und Deutschland. Das Original Lechtaler Bergheu zeigt sich glasklar im Verkostungsglas und schwenkt sich ordentlich viskos, dabei bleibt eine schöne, sich langsam ausfransende Ölkante an der Glaswand, und darunter dann ein Gefängnisgitter aus Beinchen.

Der Geruch erklärt einem eigentlich sofort, warum diese Heugeiste so beliebt sind, da fühlt man sich ohne Umschweife auf eine gemähte Wiese versetzt, nicht frisch gemäht, und ohne die Grasigkeit eines grünen Rasens, sondern eine Weide, schon leicht von der Sonne ausgetrocknet, mit Staub in der Luft, wenn man über sie geht, und den vielen kleinen Fliegen, die sich darauf tummeln. Man spürt das leichte Knirschen der trockenen, langen, braungelben Halme, riecht die vereinzelten Kornblumen, Kamille und schwarzen Tee. Dazu wirkt das Lechtaler Bergheu voll und dicht, mit durchaus auch einer gewissen, schweren, süßen Fruchtigkeit, wie in saftigen, roten Äpfeln, kandierten Pfirsichen oder sogar Mango. Urlaub in Österreich für die Nase! Bei der Dichte wird der Geist nicht stumpf, bleibt frisch und hell, ein bisschen Ethanol piekst zwar beim tiefen Schnuppern, dieses sorgt aber auch für die aufklärende Frische.

Lechtaler Haussegen Bergheu

Im Mund spürt man diese zwei Teile separat voneinander – es beginnt mit den milden Äpfeln und kandierten Pfirsichen, vermischt mit etwas Birne und Marille, eine volle Fruchtdosis, die durch die britzelnde Alkoholkante den Gaumen nicht belegt, sondern mit leichtem Kitzeln klärt. Die Textur ist weich, voll, dabei luftig und sauber. Erst im Abgang geht das dann ins namensgebende Heu über, dann aber so richtig, hier wirkt der Geist grasig, heuig, und weist eine sehr prickelnde Weißpfeffrigkeit auf, die ich nicht den 42% Alkoholgehalt zuschreibe, sondern einer wuchtigen Würze. Auch der Rachen wird beim Schlucken leicht gereizt, auf eine sehr angenehme Weise, ohne wirkliches Kratzen, während die Zunge in kaltem Feuer sehr lange glüht, und dabei leicht mentholische Effekte zeigt. Der Nachhall ist dann endgültig wieder die gerochene Bergweide im Spätsommer, mit all den Komponenten, die man daran liebt – und das bleibt dann eine richtig lange Weile bei uns, bis die Zunge gemächlich abkühlt.

Komplex, dicht und voller Eindrücke, gleichzeitig mit Kraft und Power versehen, da wird der Gaumen freigemacht und parallel mit Aromen bombardiert. Das ist wirklich gut gemacht, kein gemütlicher Absacker nach dem Essen, mehr vielleicht als ein Begleiter für einen Zwischengang nach dem Vorbild eines trou normand, oder zu einem grünen Salat mit Blüten und Kürbiskernöl.


Für den dritten Vertreter müssen wir nun sogar graben – der Lechtaler Haussegen Meisterwurz hat als prominente und namensgebende Zutat die Wurzeln der Pflanze, die sich in den österreichischen Bergregionen sehr wohl fühlt: Die Meisterwurz eben. Erneut sind wir bei einer ungereiften Spirituose ohne jede Färbung oder Einschlüsse, die sich an der Glaswand ölig und schlierig zeigt.

Ein verwandter Brand ist der Enzian, und hier erkennt man, schnuppert man am Meisterwurzbrand, tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit. Grün und erdig zugleich, mit einer erkennbaren Kiesigkeit, die an nassen Beton erinnert, aber nicht ganz so stark wie bei einem Enzian. Die Wurzeligkeit ist ausgeprägt, feuchte Erde, Liebstöckel und eine ganz dezente Heidekrautnote mit leichter Floralität, mehr von Lavendel als von Rosen, steigt schnell auf. Man findet auch etwas Obst darin, Quitte vielleicht, und eine milde Apfelkomponente. Der Alkohol gibt einen mentholischen Hauch dazu, und begleitet wird das von etwas Harz. Ein klarer, sehr strukturierter Duft, mit viel Komplexität.

Lechtaler Haussegen Meisterwurz

Initial spürt man aber erstmal eine kräftige, natürliche Süße, die im Verlauf vorhanden bleibt und erst ganz am Schluss in Trockenheit übergeht. Zusammen damit nimmt man zunächst die fruchtige Seite des Brands wahr, ohne dass eine spezielle Einzelfrucht erkennbar wird. Die Textur ist hier bereits sehr dicht und breit, legt sich am gesamten Gaumen ab und bringt ihn dabei zum Brummen, mehr wie von einer Hummel als von einer Wespe. Deutliche Noten von schwarzem Pfeffer bilden sich heraus, und dann kommt die Wurzel selbst, mit schöner Erdigkeit und einer frischen Eukalyptus-Seite, die mich an Latschenkiefer erinnert. Im Abgang betont sich die Meisterwurz nochmal, es entsteht fast feurige Wärme im Rachen, die von dort aus in den Magen und in den Mundraum ausstrahlt. Pfefferminzig frisch klingt der Brand dann sehr langsam aus, mit angenehmer Trockenheit, Würze und Frische, bevor ganz am Ende die Meisterwurz endgültig ankommt und lange verbleibt.

Ich mag Spirituosen, die mich überraschen, und beim Meisterwurz vom Lechtaler Haussegen schafft das mit seiner interessanten Kombination von Frucht und Wurzel. Das schöne daran ist eben, dass man so etwas sowohl als Digestif als auch einfach so für Zwischendurch trinken kann.


Für das nun wie immer folgende Cocktailrezept habe ich entschieden, den Zirbenholzgeist einzusetzen. Hier musste ich etwas kreativer werden als sonst, denn auch nach ausführlicher Recherche habe ich kein bereits fertiges Rezept gefunden, das diesem Brand gerecht werden würde. Der alte Holzmichl stellt ihn in den Vordergrund, füttert etwas Apfelfeuer dazu (Jersey Lightning von Laird’s ist perfekt dafür) und das Elixir d’Anvers bringt den Touch von süßer Herbalität als Ausgleich. Und optisch sieht er dann sogar aus wie ein Stück Holz!

Der alte Holzmichl Cocktail

Der alte Holzmichl
1oz / 30ml Zirbenholz-Spirituose
1oz / 30ml klarer Apfelbrand
¾oz / 23ml süßer, weißer Wermut
¼oz / 7ml Elixir d’Anvers
1 Spritzer Angostura Bitters
Auf Eis rühren. Auf frisches Eis abseihen.

[Rezept nach Helmut Barro]


Es scheint eine alte Tradition zu sein, dass Obstbrände gern in langen, hohen Flaschen abgefüllt wird, das sehe ich überall. Ich persönlich bin kein großer Fan davon, die sind manchmal beim Eingießen ein bisschen mit Vorsicht zu handhaben, da schwappt schnell mehr ins Glas, als man eigentlich will, und in einem Spirituosenregal wie bei mir passen die nur gerade so rein, von der Höhe her. Nun, immerhin sind sie sehr reduktionistisch gestaltet und machen was her, ich würde mir aber gerade bei so komplex hergestellten Bränden ein paar Informationen zum Beispiel auf einem Rücketikett wünschen. Geliefert wurden die drei Flaschen eingewickelt in mehrere Lagen angenehmen, leicht durchscheinenden Papiers, das dann noch ein paar kleine Anekdoten erzählt.

Ein kleines Detail – eine Zirbe und Bergheu kennt man ja doch irgendwie vom Sehen, bei der Meisterwurz ist das vielleicht ein bisschen anders. Bei meinem Urlaub im Pinzgau habe ich am „Berg der Sinne“ am Asitz in Leogang, wo sich ein großer Schaukräutergarten an der Mittelstation auf 1500m befindet, auch die Meisterwurz gefunden. Es ist doch immer schön, wenn man beim Genießen der Brände auch die Basismaterialien schonmal gefühlt, gerochen und vielleicht auch geschmeckt hat. Am Asitz hat die Meisterwurz noch nicht geblüht, doch der Brand wird ja auch aus den Wurzeln gemacht, nicht den Blüten – und ausgraben wollte ich im Schaukräutergarten ja nichts. Da lasse ich dann einfach den Brand vom Lechtaler Haussegen sprechen.

Offenlegung: Ich danke Lechtaler Haussegen für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser drei Spirituosen, und True Spirits für die Vermittlung.

Bier am Freitag – Original Schlüssel Alt

Neulich hatte ich von meiner Stockholm-Reise und dem davorigen Kurzaufenthalt in Düsseldorf berichtet, bei dem ich endlich mal ein paar der alteingesessenen Altbierhausbrauereien besuchen konnte. An dem Tag war das Wetter ziemlich feucht, dennoch konnte man vor der Brauerei bei Schlüssel im Freien an Tischen stehen und sich vom Köbes ein paar Gläschen des Original Schlüssel Alt auf den Tisch stellen lassen, was ich auch getan habe.

Regionale Braugerste und Original-Schlüssel-Hefe sorgen dafür, dass man hier ein wirklich regional verankertes Bier bekommt, mit Terroir, sozusagen, auch wenn das bei Gerste schwieriger als bei Trauben zu verargumentieren ist. 5,0% Alkoholgehalt lassen jedenfalls zu, dass man mehrere der kleinen Gläser trinkt, und im nebenan liegenden Fanshop gibt es auch Flaschen in unterschiedlichen Größen zum Mitnehmen. Eine der mitgenommenen Flaschen mit Bügelverschluss ploppe ich nun für Euch heute auf!

Original Schlüssel Alt

Das Schlüssel ist für mich ein gefühlt etwas helleres, mehr ins leicht roströtliche gehendes Alt. Dennoch bleibt es kristallklar, bildet eine feine Schaumschicht aus, die auch eine ganze Weile bestehen bleibt, in hübschem Kontrast zum dunklen Bier.

Sehr malzig, wie es sein soll, ist das Original Schlüssel, mit schöner Herbe aus dem Hallertauer Aromahopfen, der auch eine ganz vorsichtige Fruchtigkeit mitbringt, ohne, dass man sich an Pale-Ale-Dufte erinnern würde. Kleine Hefenoten sind beständig vorhanden, man verwendet eine eigene hauseigene Hefe bei Schlüssel. Zu guter letzt sind da minimalste, aber erkennbare Anklänge von kalter Holzkohle.

Die Textur ist voll und rund, direkt vom Antrunk an legt sich das Bier breit in den Mund, mit wunderbarer Süßsauer-Balance. Malz ist aromatisch vorne, der Hopfen versteckt sich aber nicht, bringt eine ordentliche, aber nicht astringierende Bittere mit sich. Durch die Mischung aus Säure und Karbonisierung ist das Bier richtig schön rezent, erfrischt toll, ohne dabei irgendwie anzuecken oder kantig zu werden, auch nach einiger Stehzeit. Der Abgang ist kurz, malzig, frisch und leicht, hinterlässt dann etwas bittere Hopfigkeit am Gaumen.

Richtig gut. Völlig unkompliziert, ohne jeden Störfaktor, milder als manch anderes Alt aus der Düsseldorfer Altstadt. Mein persönlicher Alt-Liebling!

Boden und Sonne – Appleton Estate Hearts Collection 1993 und 2002

„Terroir“ ist ein wichtiges Wort in der Welt des Weins. Von dort ist die Verwendung auch zu den Spirituosen herübergewandert, hier ist es allerdings durchaus kontrovers. Der Kritikpunkt an der Verwendung des Begriffs „Terroir“, wie er im Wein verwendet wird, ist letztlich, dass im Gegensatz zu Wein ein sehr dramatischer zusätzlicher Produktionsschritt dazukommt: die Destillation. Man kann durchaus der Meinung sein, dass das Brennen eines fermentierten Basismaterials sehr viel der Eigenheiten des Materials entfernt, insbesondere die feinen Strukturen, die im Wein genau das Terroir ausmachen. Robin Robinson, ein geschätzter Kollege von mir, propagiert darum, lieber den Begriff „Provenance“ zu verwenden, also „Herkunft“, was neben dem Boden auch die Produktionsanlagen und -orte, und die Menschen und ihr Handwerk miteinschließt. Natürlich könnte man einfach den Begriff des Terroir um diese Aspekte erweitern, doch genau das gehört mit zu den kontroversen Aspekten. Diskussion ist jedenfalls genug vorhanden.

Ich komme auf das Thema, das ich auf meinem Blog schon ein paarmal angesprochen habe, weil auf dem Begleittext zu den Appleton Estate Hearts Collection 1993 und 2002, die ich heute vorstelle, explizit erwähnt wird, dass diese Rums „one of the few rums to claim terroir“ sind. Es wird nicht weiter ausgeführt, warum ausgerechnet diese Rums nun Terroir aufweisen und beispielsweise andere von anderen Brennereien nicht – nimmt man die Robinsonsche Sichtweise an, wird das ganze aber selbstverständlich, denn, wie man als aufmerksamer Leser meiner Veröffentlichungen natürlich schon lange weiß, sind viele Rums aus Jamaica allein schon aufgrund der sehr dort besonderen Produktionsweise und der oftigen Verwendung hauseigenen Zuckerrohrs ganz sicher mindestens provenance-aufweisend. Die hier vorliegenden Rums tragen nun also das Terroir des Nassau Valley im Landesinneren von Jamaica in sich, als „Single Marque“ (also kein Blend aus verschiedenen Marques, die Appleton herstellt und die sich hauptsächlich durch ihre Estergehalte unterscheiden) speziell für diese Auflage ausgewählt von Master Blenderin Joy Spence.

Appleton Estate Hearts Collection 1993 und 2002

Gebrannt 2002, abgefüllt 2022, also runde 20 Jahre alt ist der Appleton Estate Hearts Collection 2002. Wie bei vielen Velier-Abfüllungen ist das Etikett bereits sehr sprechend, verzichtet auf Nostalgie und Kitsch, und listet schlicht Fakten über den Rum in der Flasche auf. „Total Congeners 834g/100 LAA“ liest man da, das sagt eigentlich ja nur den Rumnerds was, spielt aber auf das oben erwähnte Marque an, das ausgewählt wurde. Die Fässer, aus denen die Flüssigkeit nach den 20 Jahren komplett tropischer Reifung entnommen wurde, werden angegeben mit den Nummer 404082 bis 404101, da sieht man schonmal, dass bei Appleton kein schlampiges Warenhaus, in dem Fässer „vergessen“ werden (wie das manche Abfüller ja so behaupten), betrieben wird, sondern ein klares System. Wir haben eine von 1100 Flaschen bekommen, die für das VSGB-Projekt abgefüllt wurden, und zwar mit 63% Alkoholgehalt, also Fassstärke.

Appleton Estate Hearts Collection 2002 Single Estate Jamaica Rum

Hennarot im Glas, mit schönen orangenen Lichtreflexen – Farbstoff ist als Zusatz angegeben, er wird wohl für die gleichbleibende Farbe der Reihe genutzt, obwohl ich das für eine derartige, klar an Kenner orientierte Reihe für völlig unnötig halte. Die Konsistenz ist offensichtlich ölig, mit sehr rundem Schwenkverhalten und schweren Wellen. Unscharf abgegrenzte Beinchen laufen sehr langsam ab.

Ich mag die nicht ganz so extremesterigen Jamaikaner lieber als die Esterbomben, und hier wird mir das wieder vor Augen geführt. Wunderbare buttrige Marzipan-Noten, angenehme, milde mandelige Nussigkeit, dazu eine ganz ausgewogene Mischung aus reifer Ananas, grüner Banane und etwas Guave. Das Holz ist mit Vanilletönen vertreten, und man meint wirklich, etwas frischen Zuckerrohrsaft herauszuriechen. Minimalste Lacktöne sind vorhanden und fügen erwachsene Komplexität bei. Trotz der 63% Alkoholgehalt ziept und piekst da gar nichts in der Nase.

Das geht im Mund weiter, eine sehr weiche, runde Textur legt sich auf den Gaumen, initial ganz ohne jedes Feuer, natursüß und schwer. Die Fruchtigkeit übernimmt hier, eher in Richtung getrocknetes Obst allerdings, mit Erinnerungen an Kandiszucker, Bitterschokolade, gebrannten Mandeln, gebräunter Butter, dunklem Karamell und Sirop de Batterie. Ein paar quitschende Estertöne scheinen durch. Ein leichtes Prickeln auf der Zunge ist sehr angenehm und das einzige Zeichen des hohen Alkoholgehalts. Das Holz ist wirklich wunderbar integriert, zeigt sich sehr deutlich, aber ohne zu übernehmen.

Der Nachhall ist dann eisig-feurig, diese paradoxe Eigenschaft mancher Spirituosen fasziniert mich immer wieder. Leichtes Menthol kühlt den Gaumen und den Rachen, während ganz vorsichtig Jasminblüten und etwas grüner Blattschnitt sehr lange nachklingen.

Ein Träumchen, muss ich sagen, das trinkt sich herrlich entspannt und trotzdem mit ordentlich Wumms und Komplexität. So einen Rum wünscht man sich immer daheim zu haben – großartig.


Die Erwartungen an den Appleton Estate Hearts Collection 1993 sind entsprechend damit nun deutlich gestiegen. Erstmal führen wir uns aber auch hier die nackten Zahlen zu Gemüte. 63% Alkoholgehalt, wie schon zuvor, auch die 1100 Flaschen sind gleich geblieben. Sie wurden aber diesmal aus 13 statt aus 10 Fässern geholt, mit den Identifikationsnummern 413487 bis 413499. Die Fässer lagen 29 Jahre in einem Warehouse unter tropischen Bedingungen, nachdem der Inhalt der Fässer in einer Forsyth Pot Still gebrannt worden war. 1456g/hlpa Congeners sind dabei entstanden (man verwechsle nicht Congener mit Ester, letzteres ist eine Unterkategorie des ersteren).

Appleton Estate Hearts Collection 1993

Noch einen Ticken dunkler fühlt sich der ältere Rum an, Gebrannte Siena mit einem minimalen Rotstich. Das Leuchten, das sich im Glas dennoch zeigt, ist beeindruckend, mehr aber noch die Viskosität: in meinem Verkostungsglas verhält sich das wie Öl. Da schaut man einfach gern zu.

Noch lieber schnuppert man dann aber am Glas, da finden sich Banane, Shortbread, Marzipan, ein bisschen Asphalt, Wachsmalstifte und neues Leder, ein Hauch von Anis, viel frischer Zuckerrohrsaft, Kokosnussfleisch, gebrannte Mandeln und das daran klebende Karamell, viel Vanille und ein bisschen Butter, ein Anflug von Muskatnuss und etwas Ahornsirup. Man sieht, da ist verdammt viel Komplexität drin, wenn ich noch länger dran rieche, finde ich sicher noch mehr Eindrücke. Nicht jede Spirituose schafft es, soviel anzubieten – ein Angebot, das man nicht ausschlagen kann.

Ein alter Armagnac, könnte man meinen, findet sich dann im Antrunk am Gaumen, die Frucht ist herrlich ausgeprägt, dazu etwas Traubigkeit und der lange Fasseinfluss. Letzterer hat den Brand nicht übernommen, prägt ihn aber natürlich mit Vanille und Tanninen. Melasse taucht auf, mit voller Pflaumenwürze, und schwerer, dichter, natürlicher Süße, die an braunen Kandiszucker und braune Butter erinnert. Süß, ja, dabei aber nicht klebrig, im Gegenteil, hier ist angenehme Trockenheit, unterstützt von einer runden, gaumenausfüllenden Konsistenz. Im Verlauf taucht erstmals etwas Menthol auf, mit Eindrücken von Anis, ohne ins Lakritzige abzudriften, und der Frischeeffekt wird immer stärker bis zum langen, anhaltenden, frischen und vollaromatischen Finish, bei dem dann die Gewürze wieder auftauchen, von Muskatnuss über Kardamom bis zum Piment. Der Geschmack ist somit nicht weniger komplex als die Nase – ein rundes Gesamtpaket.

Beim 1993er spürt man die Komplexität deutlicher als beim 2002er, er ist etwas schwieriger zu verstehen, aber die Mühe lohnt sich. Kein Rum zum Trinken nebenbei, sondern etwas, auf das man sich einlassen und Zeit mitbringen sollte.

Ich erwähne es immer wieder, schlicht weil es so liebevoll gemacht ist – das Design der Auflagen im VSGB-Projekt (Velier Small Great Bottles) erfreut den Kenner einfach. Das Herz geht mir auf, wenn ich die feinen Details betrachte, die großartige Haptik der Etiketten und Kartons befühle, hier wird an keiner Stelle gespart, und diese oberflächliche Qualität der Materialien betont dann einfach die unzweifelhafte Qualität der Brände, die sich darin befinden, noch einen Ticken. Wer eine Chance hat, an diese Kollektion heranzukommen, sollte sie nutzen. Einfach guter Stoff.

Bier am Freitag – Battin Gambrinus

Luxemburg ist nur ein Katzensprung von mir entfernt, aber ich komme heutzutage nicht mehr so häufig hin wie früher – die Benzinpreisunterschiede sind nicht mehr ganz so dramatisch, Zigaretten werden nicht mehr gekauft und Kaffeepads brauch ich auch nicht mehr, seit ich selber mahle und eine French Press nutze. Wenn man doch mal durch- oder hinfährt, zum Beispiel neulich, als es mit LuxAir nach Treviso ging, nehme ich gern was Lokales mit. Zum Beispiel das bei der Brasserie Nationale in Niederkerschen (luxemburgisch Nidderkäerjeng, französisch Bascharage) gebraute Battin Gambrinus. 5,2% Alkoholgehalt, Zutaten aus der Region, da kann ja grundsätzlich nicht viel falsch laufen, oder?

Battin Gambrinus

Eine mimimalste Trübung ist sichtbar, das stört aber den ingesamt schönen Eindruck des ockergelben Biers nicht, wenn man es eingegossen hat. Der Schaum ist fluffig und gemischtblasig, eher zum Feinen tendierend, und bleibt durch eine attraktive Perlage auch eine gewisse Zeit in schönem Umfang erhalten.

Die Nase ist eher fruchtig, sehr reife Banane, deutlicher Pfirsich, direkt aber unterstützt von zugrundeliegender Getreidewürze. Das Malz lässt sich vom Hopfen nicht dreinreden, spielt eine große Rolle. Fast ein bisschen holzig riecht sich das, mit einem Anflug von hefigem Champagner. Ja, irgendwie hat dieses Bier einen Schaumweincharakter im Geruch. Gar nicht unangenehm.

Der Antrunk zeigt sich erstmal texturdefiniert, sehr weich, sehr rund, dabei aber durchaus schon mit etwas Säure versehen. Ein gewisses Prickeln legt sich an den ganzen Gaumen, die Zunge wird minimalst gereizt, so entsteht ein sehr angenehmes Frischegefühl. Gut eingebunden ist eine natürliche Süße, die dann die blumigen Aromen des Nachhalls vorbereitet – spät klingt so einiges an Jasmin nach.

Das Bier ist völlig unkompliziert, macht dabei aber auch richtig Spaß, hier passt irgendwie alles zusammen. Rund und süffig – wer mal nach Luxemburg kommt, sollte das Battin Gambrinus definitiv mit auf die Trinkliste setzen.

And it burns, burns, burns – Fireball Liqueur Blended with Cinnamon and Whisky

Unsere Zunge schmeckt 5 Geschmacksrichtungen – süß, sauer, bitter, salzig und umami. Schärfe dagegen ist kein Geschmackseindruck, sondern eine Reizung und wird durch andere Rezeptoren wahrgenommen, die uns vor Schmerzen warnen. Manche mögen scharfes Essen sehr gern, andere können es nicht vertragen, auf jeden Fall kennt es jeder; in Getränken ist Schärfe allerdings ein sehr ungewohntes Element, höchstens starke Minze ist verbreitet. Spirituosen oder Liköre, die auf Schärfe setzen, sind daher eher rar gesät.

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Eine der bekanntesten dieser schmalen Kategorie ist mit Sicherheit Fireball Liqueur Blended with Cinnamon and Whisky. Insbesondere in den USA ist dieser Likör weit verbreitet und sehr beliebt, man hört oft von Studentenparties, die durch Fireball außer Kontrolle geraten und in großem Katzenjammer für alle Beteiligten enden. Kein besonders guter Ruf eilt ihm voraus, aber ein lauter Ruf – daher will ich meine eigene Erfahrung damit machen, ohne mir aber die Birne wegzuballern, ich bin mir sicher, das ergäbe einen ekligen Kater, bei all dem billigen Sprit und Zucker, der, ohne zuviel vorwegnehmen zu wollen, ganz sicher im Fireball enthalten ist.

Der Feuerball ist eigentlich mit großer Sicherheit stark künstlich gefärbt, aber immerhin hat man einen passenden, goldenen Farbton für die Zimtkonnotation gefunden, mit senfgelben Reflexen. Recht dünn für einen Likör, hinterlässt aber trotzdem Beine im Glas.

Fireball Flasche

Ich halte die Nase ins Glas. Ja, das ist Zimt. Und Zimt. Und Zimt. Da springt einem sofort die Kindheitserinnerung an den roten Wrigleys-Kaugummi in den Sinn; Big Red heißt er, und man kann ihn heute noch kaufen. Die Ähnlichkeit ist höchst verblüffend und witzig – ich glaube jeder, der einmal am Fireball riecht und den Kaugummi kennt, wird sofort diese Erinnerung in sich wecken. Daneben ist ein leicht fruchtiger Ton, nach Rot- oder Portwein. Und, wenn man tief riecht, kommt noch eine ganz helle Alkoholnote zum Vorschein, die mentholisch wirkt, aber nicht sticht.

Vorsichtig lege ich mir einen Schluck auf die Zunge. Autsch, ist das süß. das belegt die Zunge, den ganzen Gaumen. Whisky? Wo soll da Whisky sein? Selbst Drambuie oder Boxing Hares ist nicht dermaßen süß. Durch die Süße kommen kaum Aromen durch, bis zum Abgang. Hier kommt zum Vorschein, dass Zimt, trotz unserer üblichen Verwendung in Süßspeisen, eigentlich ein recht scharfes Zeug ist. Da kribbelt und brennt es, dass es eine wahre Freude ist, und den feuerspuckenden Flammendämon auf dem Etikett zur Ehre gereicht. Am Ende bleibt ein mildes Brennen im Mund, Zimtaromen und die pappige Süße, und das länger, als mir lieb ist. Das ist eine Effektspirituose, nicht so elaboriert und spannend wie beispielsweise Faradaí, der auf ähnliche Weise wirkt, aber doch rein auf den Effekt ausgelegt. Und auf die, die Zimt mögen.


Pur brauch ich das wirklich nicht, gar nicht mal wegen dem Zimt oder der tatsächlichen Aromatik, sondern wegen der superklebrigen Süße, die mir das Schlucken schwer macht. Auch in Cocktails findet sich selten Verwendung dafür; interessant ist zumindest der Holden Caufield [sic!], der Fireball mit anderen starksüßen Zutaten kombiniert und als Dessertdrink seinen pappigen Charme hat.

Holden Caufield

Holden Caufield
1 oz Fireball Whisky
1 oz Amaretto
2 oz Orangensaft

½ oz Zitronensaft
½ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Arcus, die auch den hervorragenden Linie Aquavit herstellen, haben damit einen Selbstläufer im Angebot, der sich trotz seiner offensichtlichen Mängel für Genießer verkauft wie geschnitten Brot. Um ehrlich zu sein finde ich die Gestaltung der Flasche, mit dem scheinbar eingebrannten Loch im Rücketikett, durch das man den feuerspeienden Teufel des Vorderetiketts sehen kann, ganz toll gelungen. Aktuell gibt es auch eine „Collector’s Edition“ (ein irgendwie absurder Gedanke bei dieser Art Spirituose), die noch bunter auf auffälliger gestaltet ist.

Das verleitet dann vielleicht den Hersteller aber zu weiteren, fast schon unlauteren Schritten: Aktuell läuft in den USA eine Klage gegen die Konzernmutter The Sazerac Company, weil sie eine Variante auf den Markt gebracht haben, die praktisch keinen Whiskey mehr enthält, sondern ein „malt beverage“ mit halbiertem Alkoholgehalt (16,5%) ist – also sowas wie ein früher auch hierzulande sehr beliebtes Alkopop. Die Etiketten sind für meinen Geschmack diesbezüglich definitiv verbrauchertäuschend gestaltet, man kann die zwei kaum auseinanderhalten, ich wünsche den Klägern viel Glück.

Ich habe den Fireball aus Interesse gekauft, weil ich wissen wollte, was die Beliebtheit ausmacht. Nach dem Probieren kann ich mir vorstellen, was sehr anspruchslose Trinker damit anfangen können, doch bei mir steht sie nun, immer noch zu vier Fünfteln gefüllt, im Regal und sammelt Staub. Ich werde sie auf der nächsten Feier, zu der ich eingeladen werde, als Mitbringsel mitnehmen und beobachten, was passiert.

Bier am Freitag – Brasserie du Grillen Appelle-moi Helmut Hefeweizen

Im elsässischen Colmar bei der Brasserie du Grillen wird es gebraut, das Bier, dem ich meinen Namen gab: das Appelle-moi Helmut Hefeweizen. Nein, ich will gar keinen Ruhm beanspruchen, den ich nicht verdient habe, auch wenn mein Vorname heutzutage so selten geworden ist, dass eine geschätzte Kollegin im Büro, als sie das Bier gesehen hatte, mir sofort zwei Flaschen zu meiner Verfügung gestellt hat. Es hat auch Vorteile, altmodisch benamt zu sein, wie man sieht. Dabei ist das Bier durchaus modern – alle Zutaten sind in Bioqualität, ein entsprechendes Biosiegel findet sich auf dem Etikett, und sogar eine selten progressive Angabe einer Hefesorte ist vorhanden, man nennt „Banana Split“. 12 IBU und 5,5% komplettieren die erfreulich transparente Deklaration. Nun probieren wir mal, ob mein Namensvetter was taugt.

Brasserie du Grillen Appelle-moi Helmut Hefeweizen

Eidottergelb, mit einer kräftigen Schaumentwicklung schon beim Eingießen, typischer Hefeweizenschaum mit schöner Blasengrößenmischung. Besonders interessant ist die extreme Perlage, die mit den feinsten Bläschen aufwarten kann, die ich je in einem Bier gesehen habe, und sie bilden fast eine durchgehende Fläche, so eng sitzen sie aneinander.

Ein bisschen weniger typisch ist die Nase, einfach, weil Aromahopfen eingesetzt wurden (Aramis und Elixir), das ist natürlich unklassisch, aber man verwechselt es trotzdem noch nicht mit einem Pale Ale. Deutlich dominiert die Banane, sie wird aber direkt unterstützt durch milde Fruchtaromen von Aprikose und einer ganz, ganz milden Zitruskomponente. Ein bisschen Würze scheint durch, die wahrscheinlich dafür verantwortlichen Malze sind Pilsner, Weizen und Caravienne. Sehr nett!

Der Antrunk ist von dieser Würze gesteuert, das geht fast ins Backgewürzartige über, aber nur für einen Moment, Nelken übersteuern die Banane nun. Angenehme Süßbittere findet sich, mit einer sich im Verlauf immer stärker aufbauenden Säure, die im späteren Mittelteil aber fast ein bisschen kantig wirkt. Die Textur ist dafür superweich, dicht und voll. Toll rezent, erfrischend und süffig – ein wirklich gelungenes Hefeweizen mit einem Twist! Da muss man sich nicht für den Namen schämen!

Qualität setzt sich durch – G4 Tequila Blanco

Es ist schon irgendwie verrückt. Da stellt man in Mexiko eine der großartigsten Spirituosen der Welt her, global prügeln sich die Konsumenten inzwischen um die doch erkennbar rar werdende Ware, und dennoch hat Tequila in Deutschland immer noch dieses Imageproblem, das nur sehr schwer aus den Köpfen der Leute zu bekommen ist – ich habe unter anderem darüber mit ein paar der einflussreichen Importeure in Deutschland gesprochen, die sich um Qualitätstequila hierzulande bemühen. Die Interviews, zusammengefasst in einem Artikel, kann man im Magazin BRANNT#2023 nachlesen, und da ist eigentlich durchaus positive Grundstimmung erkennbar, wenn auch viel Skepsis mitschwingt, was die aktuelle Tequilasituation in Deutschland angeht.

Bei der Destilería El Pandillo (NOM 1579) in Jalisco tut man was dagegen. Mit dem G4 Tequila Blanco stellt man dort, und ich nehme das Fazit hier einfach mal vorweg, einen der großartigsten Agavenbrände her, die man aktuell hierzulande und weltweit bekommen kann, so etwas hat natürlich nichts mehr mit dem Zeug, das man vielleicht von damals noch im Kopf hat, zu tun. 100% Agave als Basismaterial sind selbstverständlich, Mixto muss heute unabhängig von diesem Produkt wirklich keiner mehr kaufen. Gekocht werden die geernteten Agavenherzen in Steinöfen, extrahiert wird deren Saft mit einer traditionellen Tahona (also einem Mühlstein), fermentiert wird an der frischen Luft; so mag ich das, weit entfernt von der Überindustrialisierung vieler Marken. Doppelt in Kupferblasen destilliert wird dann der Brand mit Regen- und Quellwasser auf 40% Trinkstärke herabgesetzt. Der G4 ist schließlich am Ende zertifiziert additiv-frei. Nichts kann mich davon abhalten, ihn nun ins Glas zu geben!

G4 Tequila Blanco

Kristallklar und mit leichter Viskosität schwingt der Tequila im Verkostungsglas beim Schwenken hin und her, dabei bleibt so einiges an der Glaswand haften, nur um dann in dickköpfigen Beinchen gemächlich wieder herabzulaufen.

Was mag ich an Tequila? Diese sehr allgemein gestellte Frage lässt sich für mich ganz einfach dadurch beantworten, dass ich die Nase in das Glas mit G4 Blanco halte. Da ist alles in perfektem Maße vorhanden: die klare, saubere, steinige Mineralität, ohne dabei kiesig oder staubig zu werden; eine strukturierte Vegetabilität, mit grünschnittigen Noten und pflanzlichen Säften, ohne aber jede Gemüsigkeit; und dann eine aufblühende Floralität voller dezenter Rosenblätter- und Lavendelaromen, völlig ohne Seifigkeit oder Parfümiertheit. Das drängt sich nicht auf, schnuppert sich aber herrlich, vielschichtig und trotzdem linear, reif ohne Fassholz zu benötigen, frisch und leicht, kurz: ich liebe diesen Duft mehr als alle anderen bei Spirituosen.

G4 Tequila Blanco Glas

Ein ähnlich vollständiges Gefühl führt sich am Gaumen fort. Süße und Säure sind balanciert, die Textur ist weich und cremig, zusammen mit einem vollen, runden Körper legt sich der G4 an den Gaumen und bereitet damit den Auftritt der Aromen vor. Volle Agavenfrucht, unterstützt von würzigem Ahornsirup und süßaromatischem Kandiszucker. Ton und Gras entstammen der Mineralität, Anflüge von Lavendel und Jasmin frischen auf, und eine Idee von Nelke und grüner Paprika geben Exotik. Im Verlauf wird durch schwarzpfeffrige Hitze Spannung am Gaumen erzeugt, der Abgang ist feurig von Zungenspitze bis tief in den Rachen, ohne wirklich zu brennen. Die Blumigkeit und Agave bleibt lange erhalten, bis der G4 dann mit einem blutigen Eisenton ausklingt und die Zunge prickelnd zurücklässt.

Bei diesem Tequila passt einfach alles zusammen, das ist ein Gesamtkunstwerk von Auge bis Nachhall, mit hoher Typizität und viel Charakter. Perfekt ausbalanciert, aromatisch wie strukturell spannend, dicht und lang. Ich sage es immer wieder, ein richtig guter Tequila ist eine der besten Spirituosen der Welt, und der G4 Blanco gehört für mich in die absolute Spitzenklasse selbst in dieser Weltklasse.


Der Unterschied zwischen der Elegante Margarita und einer normalen, klassischen Margarita mag auf dem Papier unwesentlich und klein erscheinen, doch die zusätzlich limettige Süße, die ein Lime Cordial in den Drink bringt, ist klar bemerkbar; der Cocktail ist weniger herb, aber lässt einem guten Tequila immer noch genug Raum, seine Aromen auszuspielen. Also eine gute Rezeptur für so etwas wie den G4 Blanco!

Elegante Margarita

Elegante Margarita
1½ oz Tequila Blanco
½ oz Triple Sec
½ oz Lime Cordial
¾ oz Limettensaft
½ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken. In einem Glas mit Salzrand servieren.

[Rezept nach Robert Plotkin und Raymon Flores]


Die Flasche wirkt unauffällig, das Etikett hält sich ebenso zurück, in der edlen Gestaltung mit silberner Schrift auf marineblauem Hintergrund wirkt das Gesamtkonzept aber durchdacht und sauber gemacht, ohne viele Sperenzchen, die so ein guter Brand auch überhaupt nicht nötig hat, der überzeugt völlig durch den Inhalt der Flasche und muss in keiner Form marketingtechnisch Mängel überspielen, wie das bei anderen Produkten hin und wieder der Fall ist.

Ja, was soll ich am Ende nun sagen, da ich das Fazit ja schon im zweiten Absatz gegeben hatte. Für mich steht es außer Frage, dass jeder mal einen Blick auf dieses Destillat werfen sollte, und sich auch keinesfalls davon abschrecken lassen, dass es ein ungereifter Brand ist: Gerade bei Tequila ist der Blanco der König, der ist so aromatisch, der will gar kein Holz, das nur ablenkt von den feinen Agavenaromen. Selten kann ich eine so klare Kaufempfehlung aussprechen!

Bier am Freitag – Apoldaer Festbock

Die Familie trifft sich auch 2023 zu Weihnachten, und die Rollen sind wieder mal klar vergeben – der Papa kocht zwei Dutzend Rinderrouladen, 4kg Spätzle und 2kg Kartoffelsalat, der Schnapsmann (ich) bringt ein paar flüssige Delikatessen aus aller Welt mit, und die Brüder Bier aus der Region, eher fränkisch orientiert der eine, eher hohenzollernsch der andere, eine abwechslungsreiche Mischung. Nun gibt es noch jemand, der mit dabei ist, und aus seiner Heimatgroßregion Biere beisteuert, was ich sehr zu schätzen weiß, so kommen nun auch Biere aus Thüringen und Sachsen mit auf meinen Speiseplan. Beginnen werden wir heute mit dem Apoldaer Festbock, einem auf 6,5% Alkoholgehalt eingebrauten dunklen Bock aus Weimar. Die Spannung steigt!

Apoldaer Festbock

Es knistert so richtig laut, wenn man das Bier eingießt, das zischt und prickelt, dass es eine wahre Freude ist. Die Geräuschkulisse bleibt auch lange danach bestehen, die sehr starke Perlage lässt nicht nach, Perlen mit lautem, knackendem Weißrauschen zu produzieren, selbst wenn der Schaum eher dünn wird dann. Farblich ist es auch ansprechend, mit seiner kristallklaren, fast roséfarbenen Holztönung.

Die Nase ist beerig und marmeladig, erinnert an Erdbeerkompott und Pfirsichgelée. Ein bisschen Blütenhonig ist dabei, überraschend süßlich und fruchtig das ganze, sehr angenehm zu schnuppern. Darunter findet man ein bisschen Rost, und gemälzte Gerste, das Basismaterial ist schön erkennbar.

Am Gaumen fällt erstmal die Rezenz auf, das ist vom Ohr her schon erwartet gewesen. Gut pointierte Süßsauerbalance spielt dem in die Karten, eine weiche Textur wird durch eine klare Frischekante aufgelockert. Auch im Mund meint man, ein bisschen Marmelade mit im Glas zu haben, aber natürlich und sauber ins Bier integriert, ohne, dass das als Fremdkomponente oder Zusätze wahrgenommen würde. Volles Volumen, mit Prickeln auf der Zunge, und einem sehr angenehmen, leicht holzigen und malzaromatischen Abgang.

Ein sehr ansprechendes Bier, mit eigener Charakteristik und einem eigenen Stil, den ich sehr mag. Schade, dass ich nur eine Flasche davon habe – ich werde den Spender sicher dazu auffordern, mehr davon für mich zu organisieren!

Indischer Punktesammler – Amrut Fusion Single Malt Whisky

97 Punkte in Jim Murrays Whisky Bible, so donnernd wirbt ein indischer Whisky mit einem gelben Aufkleber auf der Flasche. Da bleibt einem als Spirituosenfreund ja nichts anderes übrig, als einen Blick auf den Amrut Fusion Single Malt Whisky zu werfen. Meine Erfahrungen mit indischen Spirituosen haben bisher eher mäßige Glücksgefühle hervorgerufen – indischer Brandy und indischer Rum sind oft genug einfach nur dasselbe Multikolonnen-Neutraldestillat, das mit Wunscharomen versetzt als Brandy oder Rum verkauft werden kann. Der eine oder andere „Whisky“ ist sicherlich auch diesem Baukastenprinzip entsprungen.

Nicht allerdings der Amrut Fusion – er ist tatsächlich eine klassische Produktion, an Scotch angelehnt. 25% getorfte schottische und 75% ungetorfte indische Gerste (hiermit erklärt sich auch der Name) werden getrennt verarbeitet, in Pot Stills destilliert und in Ex-Bourbon-Fässern in Bangalore gereift, bevor diese Einzelwhiskies dann zusammengeführt werden. Hier sei der Hinweis gestattet, dass dies natürlich trotzdem ein Single Malt ist – das Kriterium dafür ist die Herstellung in einer Destillerie, nicht, dass das Endergebnis aus einem Fass oder einem Destillationslauf entstammt. Es ist keine Altersangabe vorhanden, wir haben hier also eine NAS-Abfüllung vor uns, die wahrscheinlich eher jüngere Destillate enthält – was nicht unbedingt viel negatives aussagt, denn durch das indische Klima kann grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass ein Whisky in kürzerer Zeit reift, ein Effekt, der bei tropischer Reifung von Rum inzwischen sehr bekannt ist. Soviel zur Technik, mal schauen, ob der gelbe Aufkleber recht hat!

Amrut Fusion Single Malt Whisky

Bei den meisten Scotches ist die Farbe mit etwas Bedacht zu bewerten – es wird durchgehend gefärbt. Umso erfreulicher, dass die Inder hier einen anderen Weg einschlagen und keine Zuckerkulör zusetzen (und übrigens auch nicht kältefiltrieren). So hat man doppelt was von dem hübschen Safrangelb mit den goldenen Reflexen. Beine bilden sich eher zögerlich, laufen dann auch sehr langsam ab.

Im Geruch sind wir dann aber wieder sehr typisch beim großen Vorbild Schottland. Malz, hell und süßlich, stark fruchtig nach Rosinen und Mango, Vanille und Karamell. Ein Hauch, aber wirklich nur ein Hauch von Rauch. Unterschwellig ist da noch eine schöne Note von gebrannten Mandeln. Deutliches, etwas die Nase zwickendes Ethanol fliegt mit.

Amrut Fusion Single Malt Whisky Glas

Der Amrut Fusion ist sehr cremig und ölig im Mundgefühl. Auch im Geschmack sind die Fruchtnoten im Vordergrund, dazu Honig und eine leicht nussige Komponente. Süß und schmeichlerisch, fast schon ein bisschen likörartig. Man könnte das fast schon als etwas zu entgegenkommend bezeichnen – vor allem die enthaltenen 50,0% Alkohol kann man höchstens riechen, nie schmecken. Rauch ist zu finden, allerdings, wie schon in der Nase, nur in Anklängen.

Der Abgang des Amrut Fusion ist von respektabler Länge, mildwürzig, voller Eichenholzeindrücken, deutlich metallisch/eisenhaltig und sehr angenehm warm aus nun etwas unerwartet auftretender Ingwerschärfe. Dies schließt das Bild eines sehr runden, süßfruchtigen und wirklich gelungenen Whiskys ab, der sich kaum hinter seinen schottischen Kollegen zu verstecken braucht.

Durch die ähnliche Charakteristik ist der indische Single Malt in jedem Drink einsetzbar, der generisch nach Scotch Whisky verlangt. Tatsächlich macht die schöne Trinkstärke und das gerundete Bild einen Einsatz auch interessant und losgelöst von dem nordbritischen Vorbild spannend. Der Casualty jedenfalls ist mit dem Inder sicherlich nicht mehr ein Unglücksfall als mit Scotch. Also gar nicht.

Casualty


Casualty
1½ oz Whisky
¾ oz Amaro
¾ oz Dubonnet Rouge
2 Spritzer Xocolatl Mole Bitters
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Amor y Amargo]


Die Flasche ist unauffällig, das braune Etikett nur wenig ansprechend – dafür gibt es ja dann die Blechdose, in der die Flasche zu einem nach Hause kommt. Man hat, so mein Eindruck, sehr viel mehr vom Inhalt als von der Optik, was niemand abschrecken sollte – auch wenn es dem einen oder anderen vielleicht schwerfällt, den Preis für ein schwer einschätzbares Produkt zu bezahlen. Die anfangs erwähnten 97 Punkte halte ich für maßlos übertrieben, das ist wohl eher eine Methode Murrays, auf neue Felder im weltweiten Whiskygeschäft hinzuweisen und ihnen etwas Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, als eine ernsthafte Bewertung. Für Whiskyfreunde ist der Amrut Fusion Single Malt Whisky meiner Meinung nach aber trotz allem auf jeden Fall einen Blick wert.

Armagnac am Freitag – Grape of the Art Rounagle 1986

Zu dem heute hier vorgestellten Grape of the Art Rounagle 1986 habe ich eine direktere Beziehung als zu vielen anderen Armagnacs, die ich bisher hier vorgestellt hatte, denn ich kenne den Inhaber des Maisons, Hugues Amesland, persönlich von einigen sehr unterhaltsamen und auch, nun, sagen, wir, feuchtfröhlichen Erlebnissen, die wir zusammen in Chile, Bulgarien und China hatten, während wir beide Juroren bei Spirits Selection by CMB 2017, 2018 und 2019 waren. Und zum 1. German Armagnac Festival habe ich ihn wiedergetroffen, ich hatte berichtet. Um so erfreuter bin ich, hier diesen Armagnac vorstellen zu können, und ich stoße in Gedanken mit Hugues darauf an!

Ugni Blanc als Rebsorte, aus der Region Armagnac Ténarèze stammend, 1986 geerntet und dann gebrannt, nach 36 Jahren Reifung im November 2023 in Cask Strength mit 51,3% abgefüllt, das sind kurz gefasst die Rahmendaten. Nun aber zu den Eindrücken, die ich beim Trinken gesammelt habe.


Hennarot glänzt der Armagnac, kristallklar natürlich, und weist eine schwere Öligkeit auf – bringt man ihn zum Schwappen, legt er sich zügig wieder in Ruheposition, das ist ein sehr gemütlicher Gentleman, offensichtlich.

Viel Obst hat er dann für die Nase bereit, reife Birne, roter Apfel, ein paar Kirschen und vielleicht sogar etwas grüne Banane. Ganz vorsichtig scheinen Holztöne durch, feuchtes Eichenholz zusammen mit der dafür typischen Vanille und etwas Karotte. Eine Idee von Estragon kommt dazu, frischt den Eindruck auf und addiert auch eine gewisse Kräuterigkeit. Zu guter letzt ist nur minimalst, aber erkennbar, Lack da, etwas, was mich ja eher selten stört. Insgesamt fühlt sich der Rounagle sehr rund an, weich, und wirklich ausgesprochen angenehm zu riechen.

Rounagle 1986

Am Gaumen erwartet einen diesbezüglich keine dramatische Änderung, initial ist die Textur sehr weich und voll, legt sich breit und tief an die Schleimhäute, bringt eine äußerst angenehme Süßestruktur mit, die etwas an weißen Kandiszucker erinnert und leichte Würze beinhaltet. Honig, reifes Obst, vor allem Birne und Apfel, die Eindrücke der Nase werden wunderbar fortgeführt, bis der Rounagle plötzlich eine ganz andere Seite zeigt – da explodiert er dann in eiskaltem Feuer, mentholische Frische kommt aus dem Nichts, Chili und weißer Pfeffer lassen Zunge und Gaumen kurz aufglühen. Dann vergeht das wieder, als wäre es nicht dagewesen, präsentiert wieder die Aromen und Eindrücke wie zum Antrunk, und klingt mit ganz milden Holztönen aus, vielleicht etwas milde Blumigkeit, die noch nachhallt. Ganz am Ende, das wird aber wirklich erst nach einer Minute klar, zeigt sich die Zunge betäubt.

Ein echtes Erlebnis, das muss ich sagen. Das Basisbild ist ein extrem trinkiger, süffiger Armagnac, voll und dicht, mit superschönen Aromen; diese kurze Gewalt, die zwischendurch aufblitzt, macht ihn spannend und überraschend. Der gute Hugues weiß offensichtlich, was guten Armagnac ausmacht.

Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.