Bosnische Zwetschgen – Slap Spirits Aqua Ardens Šljivovica

Pflaume und Zwetschge sind mit die beliebtesten Früchte für Obstbrand in vielen Ländern auf dem Balkan. Ein spannender Vortrag von Svetlin Mirchev, Milan Zarić und Ivan Urošević während der Fortbildung der Juroren bei Spirits Selection by CMB 2024 in Renhuai/China machte dies nocheinmal deutlich. Neben den theoretischen Grundlagen für die Herstellung von Rakija, wie Obstbrand in der Region allgemein genannt wird, erzählten die drei Vortragenden mit viel Verve auf eine unterhaltsame Weise viele spannende Details, mit einem Knüllergag, der den ganzen Raum zum Lachen brachte – „Kommen wir nun zu den rechtlichen Grundlagen – die sind bedeutungslos.“ Gerade in einem Raum voller AOC– und ggA-affiner Hersteller war das der Punkt, der das Eis endgültig brach. Am Abend brachte dann die serbisch-bosnisch-kroatisch-bulgarische Jurorengruppe noch ein paar kleine Schmankerl mit in die Hotellobby, wo wir uns regelmäßig trafen, um den Tag mit ein paar besonderen Schnäpsen aus aller Welt ausklingen zu lassen.

Einer aus dieser Gruppe war auch Branko Drljača, den ich schon vom ISW seit einer Weile kenne, und der mir schon vor einiger Zeit mal mit seinem Brand aus der Schwarzbirne vollständig den Kopf verdreht hatte. An diesem besagten Abend packte Branko ein „work-in-progress“ aus seiner Brennerei aus, von dem er (und nach dem Probieren auch wir!) sich viel für die Zukunft versprach, in einer gesunden Mischung aus Selbstsicherheit und Bescheidenheit. Doch reden wir nicht über die Zukunft, sondern die Gegenwart. Vor kurzem habe ich von ihm eine der wenigen verfügbaren Flaschen seines Slap Spirits Aqua Ardens Šljivovica abgeluchst, so selten, dass sie nichtmal das vollständige Etikett hat. Doch man darf sich nicht täuschen, das Produkt in der Flasche hat alles, was man sich von einem guten gereiften, aus 5 unterschiedlichen Basisdestillaten nach 7 Jahren Reifezeit zusammengeblendeten Zwetschgenbrand erwarten kann – doch ich greife vor!

Slap Spirits Aqua Ardens Šljivovic

Farblich finden wir einen ganz klassischen Bernstein vor, leuchtend, und kristallklar. Das Schwenkverhalten ist schwer und viskos, und die Beine, die sich dabei bilden, laufen träge ab. Optisch gibt es da nichts zu verbessern. Da bekommt man Lust, die Nase ins Glas zu halten!

Wenn ich das tue, bildet sich direkt ein kleines Lächeln in meinem Gesicht. Ein schwerer Zwetschgenduft begrüßt mich, vollfruchtig, reif, dabei klar und sauber, nichts überreifes-esteriges ist da, und keinerlei pieksenden Ethanolnoten. Vanille und ganz vorsichtig Zimt ergänzen die Aromatik, auch hier bleibt der Slivovitz sehr klassisch. Die Fässer aus serbischer und slawonischer Limousineiche (500l bzw. 225l-Barrique) mit leichtem und mittlerem Toasting geben eine angenehme Note mit, die die Frucht des Destillats nur unterfüttert und nicht überwältigt. Leichte Beitöne von Birne, Quitte und vielleicht sogar Sauerkirsche, und ein winziger Hauch von Steinaroma, machen den Brand komplex und spannend, ohne sich von der Typizität zu lösen, die man von einem Slivovitz erwartet.

Slap Spirits Aqua Ardens Šljivovic Glas

Dieser Eindruck bleibt auch am Gaumen erhalten – das ist extrem trinkig, richtig rund und schwer, mit einem initial sehr weichen Mundgefühl. Die Textur ist ölig und dicht, breitet sich gemächlich im Mundraum aus, legt sich zunächst sanft auf die Schleimhäute. Aus ihr baut sich dann im Verlauf die Aromatik auf, wird immer fruchtiger und zwetschiger, dabei gleichzeitig immer würziger, spät dann sogar frech-pikant mit leichten weißpfeffrigen Effekten. Die schwere Süße des Antrunks dreht sich ganz langsam hin zum Edelherben, Mildbitteren, mit einer sehr feinen Trockenheit, die nicht astringiert. Der Abgang ist lang, fruchtig, und hier nun besonders gewürzig, mit Sternanis, Kardamom, Nelken und Zimt, das fühlt sich fast weihnachtlich an. Mit einem sehr frischen Moment klingt der Slivovitz dann aus, kühlt den Gaumen, leicht blüht etwas Jasmin und Grünschnitt auf, während weiterhin die Zwetschge erhalten bleibt.

Ein erwachsener, äußerst trinkiger Brand, vielschichtig und fein, dabei nie verkopft oder kompliziert. Das trinkt sowohl der Kenner, der analytisch herangeht, als auch der Laie, der einfach einen guten Digestif nach dem Essen haben will, ohne groß drüber nachdenken zu müssen. Ich persönlich habe Einsatzzwecke für beide Szenarien schon mit ein paar Leuten probiert, ich verspreche, das funktioniert.


Und ich habe auch sehr gute Erfahrungen damit gemacht, den Aqua Ardens in Cocktails einzusetzen. Die Dichte und klare Aromatik machen das auch wirklich nicht schwer, da braucht man keine Ausgleichsaromen suchen oder Unterstützer finden; im St. Rita bildet sich ein wirklich breites Bouquet heraus, ein toller Drink, bei dem trotz all der Zutaten der Slivovitz die Hauptrolle behält, und von dem man gerne zwei trinkt.

St. Rita Cocktail

St. Rita
1½oz / 45ml Pflaumenbrand
¾oz / 23ml Limettensaft
½oz / 15ml Kräuterlikör
½oz / 15ml Honigsirup
Auf Eis shaken. Mit 2oz / 60ml Champagner aufgießen und einen Spritzer Lavendelessenz dazugeben.
Mit einer Blüte dekorieren.

[Rezept nach Jim Meehan]


Die Zwetschgen, die Branko für seine Brände verwendet, sind autochthone Sorten wie Požegača, Turgulja und Nebožica, und dazu Sorten, die beim Institut für Landwirtschaft in Čačak (Serbien) entstanden sind, insbesondere Čačanska Rodna und Čačanska Lepotica. Weder werden für das Obst Pestizide, Herbizide oder auch nur Mineraldünger verwendet, noch werden Maschinen, selbst keine Traktoren, eingesetzt. Schafe sind das Mittel der Wahl für die Pflege und Düngung der Umgebung, der natürliche Edaphon wird nicht gestört. Viel Aufwand steckt Branko auch in die Fermentation, bei der er sowohl Verfahren aus der Spontanvergärung als auch selektive Hefestämme nutzt. Wie schon in der Einleitung angedeutet: am Ende hat er praktisch 5 unterschiedliche Zwetschgenbrände, die als Blend nach 7 Jahren Fassreifung hier bei mir landen. Und, das ist hoffentlich deutlich geworden, diesen Aufwand und die Sensibilität der Herstellung spürt man im Endprodukt in der Komplexität der Sensorik.

Slap Spirits Aqua Ardens Šljivovic und Schwarzbirne

Ich hatte ja schon die Schwarzbirne besprochen, ein wirklich großartiges Produkt. Bei allem, was ich von Slap Spirits aus Bosnien nun bisher im Glas hatte, war mir klar, dass hier jemand am Werk ist, der weiß, was er tut, und Leidenschaft zeigt. Bei unserer gemeinsamen Reise in China und der Jurortätigkeit in Neustadt beim ISW habe ich Branko Drljača aber auch als sehr unterhaltsamen Gesprächspartner kennen und schätzen gelernt. Ich freue mich extrem darauf, ihn wieder einmal in Zukunft zu treffen, und auf alles, was seiner Brennerei entfließt.

Apfelschaumwein am Freitag – Rügener Insel-Brauerei Natur Cider

Was ist das Markenzeichen der Rügener Insel-Brauerei? Oberflächliche Gesellen werden sagen, die Papierumhüllung der Flasche. Ja, das mag so sein auf den ersten Blick, ist aber, wie gesagt, nur die oberste Oberfläche. Für mich ist es der Einsatz der traditionellen Flaschenreifung, das ist in Deutschland durchaus etwas Besonderes und Lobenswertes, eine intrinsische Qualität, nicht der Augenzucker mit dem Papier. Das Konzept setzen sie konsequent und logisch fort: Ihr Rügener Insel-Brauerei Natur Cider wird mit Secco-Hefe vergoren und flaschengereift mit Insel-Hefe auf Rügen. Meersalz und Kräuterextrakt finde ich gut als Beigabe, den Verzicht auf Zuckerzusatz und Konservierungsstoffe hervorragend, warum man bei dem Qualitätsanspruch und Bereitschaft zum Aufwand bei der Insel-Brauerei dann aber auf Apfelsaft aus Konzentrat und sogar natürliches Aroma setzt statt auf reine Natürlichkeit bleibt mir ein großes Rätsel und ein deutlicher Kritikpunkt. Vielleicht gibt es da Verbesserung in der Zukunft? Beschäftigen wir uns erstmal mit der 5,6%igen Gegenwart im Glas.

Rügener Insel-Brauerei Natur Cider

Klar und golden leuchtend, mit prickelnder Perlage, die zwar keinen Schaum beisteuert, aber doch für ein optisches Erlebnis sorgt – das erinnert etwas an Prosecco, nur eben farblich deutlich dunkler.

Der Duft lässt diese Erinnerung gar nicht so fern erscheinen, ich finde eine aparte Mischung aus kräftigem Apfelsaft und herbem Schaumwein, nun, das ist es ja letztlich auch grundsätzlich. Leichte Orangenzeste, etwas Rosmarin, ein Ticken Litschi, das riecht sich sehr angenehm und mit einer aufreizenden, dezenten Komplexität, die vielen anderen, schlichter hergestellten Cidern fehlt.

Süßsauer kommt er im Mund an, er schwankt zwischen diesen beiden Eindrücken – beides ist ordentlich vorhanden, da ist ein Moment, in dem die Süße sehr stark wirkt, nur nach ein paar Sekunden von der herben Säure aufgefangen zu werden und umgekehrt: spielerisch und frech, das gefällt. Rezenz ist klar, 8°C Trinktemperaturempfehlung machen das nur noch besser. Um es klar zu sagen, man hat hier keinen Apfelsaft mit Prickeln, das ist sensorisch näher am Cidre oder sogar am Prosecco als am Apfelsaft, die erwachsene Hefestruktur macht den Natur Cider zu einer unerwarteten und gerade deswegen sicher gut ankommenden Alternative zum üblichen Prickelwasser, auch für gehobene Anlässe!

Sonnenkraft – Zeng’s Traditioneller Chishui-Sonnenessig (4 Jahre) 赤水曾氏晒醋四年

Bei Spirits Selection by CMB erlebt man immer etwas außerhalb der Verkostungsarbeit. Man besucht Brennereien und Sehenswürdigkeiten der Region, in der der Wettbewerb gerade stattfindet, und manchmal sind es auch ungewöhnliche Dinge: 2024 besichtigten wir in Zunyi die Essigmanufaktur von Zeng Quanlin, die inzwischen zum nationalen Kulturerbe Chinas gehört. Seit 121 Jahren macht die Familie Zeng über nun 5 Generationen den berühmten Traditionellen Chishui-Sonnenessig. Er wird aus Weizenkleie, Weizen, Reis und Klebreis hergestellt, die mit einem speziellen Qu (wie in der Baijiu-Herstellung!) fermentiert werden. Dann, daher kommt der Name, wird der Essig für mindestens 3 Jahre in Tonkrügen in der prallen Sonne stehend gelagert, wobei er dabei ganz natürlich und ohne sonstige Eingriffe einkocht, konzentriert und sämig wird. Der Prozess besteht aus 12 Stufen und ist extrem aufwändig: Die Getreide werden erst gedämpft, ein Brauprozess findet dann statt, mit der Qu-Fermentierung und der Beigabe von über 100 chinesischen Medizinkräutern. 5000 Tonnen dieses Essigs in unterschiedlichen Alterungs- und Qualitätsstufen stellen die Zengs pro Jahr her, da fällt einem die Bezeichnung „Manufaktur“ schon schwer, doch der Großteil des Prozesses ist eben die namensgebende Lagerung, und maschinell passiert da in kaum einem Schritt etwas, da wird tatsächlich hart von Hand gearbeitet. In der brüllenden Hitze des ausgehenden Sommers in Guizhou mit an diesem Tag 38°C konnten wir dem Essig gut nachfühlen, wie es sich für ihn in einem Tontopf anfühlt, langsam ausgetrocknet zu werden – Bilder folgen am Ende des Artikels. Das Ergebnis der (für diese Variante 4 Jahre) Wartezeit? Probieren wir es.

Zeng's Traditioneller Chishui-Sonnenessig (4 Jahre) 赤水曾氏晒醋四年

Der Essig ist tiefmokkabraun, völlig blickdicht auch bei Gegenlicht und hinterlässt beim sanften Drehen an der Glaswand einen rostbraunen, ausdauernd haftend bleibenden Ölfilm. Die Viskosität ist hoch, aber nicht sirupartig.

Für die Nase ist Herr Zengs Sonnenessig spannend – man spürt die Säure, sie piekst aber nicht in der Nase. Schwere, dunkle Essigtöne dominieren, mit erkennbarer Würze, ordentlich Liebstöckel, etwas Koriander, Teriyaki-Sauce, ein Hauch von Katsuoboshi. Weiter unten findet man esterige Trockenfrucht, getrocknete Pflaume, fette Melasse, ein Anflug von ganz milder Frische. Im Gegensatz zum neulich erst von mir besprochenen Black Mirin, dem der Sonnenessig naturgemäß schon etwas ähnelt, wirkt das weniger exotisch und ist näher dem, was wir Westler unter einem dunklen Balsamico-Essig verstehen, wenn auch weiterhin würziger.

Zeng's Traditioneller Chishui-Sonnenessig Glas

Im Mund ähnelt der Chishui-Sonnenessig dann aber weder dem italienischen noch dem japanischen Verwandten – die Säure ist sehr ausgeprägt, nur leichte, dann recht malzige Süße unterschmeichelt das ganze. Klar ein Essig, ohne Frage! Sehr angenehm legt sich, während man etwas mit der limettig-harschen Säure ringt, diese Fermentationswürze voller Eindrücke von Soja- und Teriyaki-Sauce, unscharfer Hoisin und Katsuoboshi, an Gaumen und Zunge. Schön ist die wirklich milde, dabei hocheffektive Salzigkeit. Und die starke Umami-Komponente schließlich rundet das Mundgefühl, das durch die ölige Textur voll gemacht wird. Der Abgang ist aromatisch mittellang, kleine Salz- und Umamiinseln bleiben auf den Lippen haften und liefern noch etwas Aroma nach. Die Säure ist bis zum Schluss stark und wirkt noch etwas im Rachen, aber ohne dabei zu kratzen.

Es ist für mich kein Wunder, dass manche so einen Essig auch pur trinken, in China natürlich, wie bei so vielem, aus Gesundheitsgründen. Letztere sind sicher eher da als bei Baijiu, wo uns die Lebensverlängerung und Organheilung beim Genuss auch dauernd verkauft werden wollte, doch man kann sich manchmal auch schlicht erlauben, das zu genießen, weil es schmeckt.


Die Hauptverwendung für dunklen Essig dieser Art ist selbstverständlich in der Küche, da erzähle ich hier nichts wahnsinnig überraschendes. Kann man mit soetwas aber auch in der Mixologie etwas anfangen? Aber gewiss. Meistens verwendet man, braucht man Säure im Drink, Zitrusfruchtsaft. Eine Weile sehr „in“ war Verjus, das findet man heute wieder seltener. Die Säure von Herrn Zengs Sonnenessig ist effektiv und dabei fein abgestimmt, dazu sehr aromatisch – sie macht sich hervorragend zusammen mit Erdbeeren, zu beobachten im Strawberry on Acid.

Strawberry on Acid Cocktail

Strawberry on Acid
3 reife Erdbeeren muddeln
1½oz / 45ml Wodka
¾oz / 23ml Erdbeerlikör
1/6oz / 5ml Balsamico-Essig
1 Prise frisch gemahlener schwarzer Pfeffer
Auf Eis shaken, doppelt abseihen.
Aufgießen mit 2½oz / 75ml Champagner.

Mit einer in Essig getauchten Erdbeere dekorieren.
[Rezept nach Simon Difford]


Zwei Flaschen in einer sehr attraktiven Außenverpackung mit Karton, dazu der oben mit Schnur auf die Flasche gebundene Papierteil – optisch hat mich dieser Essig in dem der Manufaktur angeschlossenen Shop sofort begeistert. 98¥ habe ich dafür bezahlt, das waren rund 13€ umgerechnet, ein echtes Schnäppchen, das sowohl als kulinarische Delikatesse als auch als Souvenir funktioniert.


Der Schaugarten, den die Firma 2019 eröffnet hat, ist extrem spannend und dabei auch richtig schön zu besichtigen. Seit der Eröffnung hat man mehr als 100000 Besucher gezählt, und das in einer eher abgelegenen Region Chinas. Der allergrößte Anteil dabei ist natürlich Inlandstourismus, ich denke, als wir von Spirits Selection by CMB mit 100 Personen aus aller Welt dort aufkreuzten, haben wir den Ausländeranteil dramatisch explodieren lassen.

Der Besuch in der Sonnenessig-Manufaktur war für mich ganz sicher eines der größten Highlights einer Reise, die nun wirklich nicht an Highlights sparte. Ich liebe solche Besuche, sie erweitern den Horizont und zeigen Dinge auf, auf die man selbst nie gekommen wäre. Auf jeden Fall gilt: wenn meine Leserschaft mal nach Chishui kommen sollte, ist es schlicht Pflicht, sich die Essigproduktion dort anzuschauen. Ein Erlebnis für alle Sinne, das man nicht vergessen wird.

Raus aus dem Regal – The Rum Cask Fiji Single Cask Rum Aged 15 Years

Ich schaue mich gerade in meinem Spirituosenregal um und versuche zumindest, es ein bisschen auszumisten. Dabei fallen mir immer wieder Flaschen in die Hand, die ich wirklich seit Jahren komplett vergessen hatte – oft sind es Dinge, die ich zu Beginn meiner Faszination für Schnaps gekauft habe, und die dann durch den Nachschub, der eine zeitlang wirklich dramatische Ausmaße angenommen hatte, sowohl im Regal als auch im Kopf verdrängt wurden. Man kann ja auch nicht alles trinken, was man so kauft, das ist wie früher bei Büchern bei mir: die aktuelle Lust und die Disziplin auf Dauer, das sind einfach zwei unterschiedliche Stiefel. Die Bücher, von denen ich eh weiß, dass ich sie nicht mehr lesen werde, habe ich vor langer Zeit schon entsorgt, nur ein paar einzelne aufbewahrt. Jetzt habe ich das Gefühl, dass die Flaschen dran sein könnten.

Und so stelle ich heute einen der Rums vor, die ich vor sehr langer Zeit gekauft und, wie man auf dem Bild sieht, auch schon halb leergetrunken habe: den The Rum Cask Fiji Single Cask Rum Aged 15 Years. Ich erinnere mich dunkel, das war so die Zeit, in der exotische Regionen so auf den Schirm der etwas breiteren Öffentlichkeit traten. Der unabhängige Abfüller The Rum Cask sitzt gar nicht so weit von mir entfernt, in Pirmasens in Rheinland-Pfalz, und hat immer wieder kleine Schmankerln im Portfolio, die oft meinen Nerv treffen. Bei diesem Rum sagt erfreulicherweise Name und Etikett vieles aus, was man vorher wissen sollte: in einer Potstill bei den South Pacific Distilleries auf Fiji gebrannt, mit 59,3% Fassstärke als Single-Cask-Abfüllung in Flaschen gezogen, nachdem das Destillat zwischen 2001 und 2016 fassruhen konnte. Damit ist auch klar, wann ich die Flasche gekauft hatte. Heute will ich sie endlich zu den Besprechungsehren kommen lassen, die sie verdient.

The Rum Cask Fiji Single Cask Rum Aged 15 Years

Wenn ich je ein Sonnenblumengelb im Glas gesehen habe, dann ist es das hier. Leuchtend, strahlend, mit orangefarbenen und strohigen Lichtreflexen. Dazu kommt eine schwere Öligkeit beim Schwenken, bei der sich die Flüssigkeit nur zäh bewegt und schnell in den Ruhezustand zurückgeht. Optisch sicher bereits hier ein Gewinner.

Der Rum hält sich auch nicht zurück, wenn man ihm mit der Nase begegnet. Das wirkt fuselig und dreckig, im positiven Sinne, mit einer guten Mischung aus duftendem Asphalt, hefiger Brotigkeit und tropischer Frucht. Klingt verrückt, klappt aber sehr gut. Eine sehr aparte Kombination aus hellen Aprikosen und Pfirsichen und süßen, vanilligen Tönen erzeugt eine für die Provenance sehr typische Aromatik. Ein Hauch Lack, der durchaus in der Nase pieksen kann, wenn man zu tief schnüffelt, gibt noch erwachsene Komplexität dazu. Honig, mildes Karamell, ein bisschen Heidekraut, und streuseliger Kuchen, man sieht, man findet auch nach ein paar Versuchen interessante Assoziationen; für mich das Kennzeichen von Qualität.

The Rum Cask Fiji Single Cask Rum Aged 15 Years Glas

So einen Rum kann man auch in Fassstärke ohne Probleme ohne Wasserbeigabe trinken. Hier zeigt er dann noch viel mehr Charakter; initial süß und schwer, klart er im Verlauf auf, entwickelt sehr herbe Trockenheit und ordentlich Bittere, die gegen die die Süße nur mäßig Chancen hat. Ein leichtes elektrisches Prickeln bildet sich, mit ausgeprägt holzig-würzigen Eindrücken ergibt das ein wildes, feuriges und dabei sehr volles Mundgefühl. Die Textur passt mit ihrer Viskosität wunderbar dazu und rundet alles trotz der vielen gewollten Spitzen und Kanten ab. Gewürze, insbesondere Kardamom und Estragon, die Frische liefern, und Vanille und heißer Zimt, die für die Tiefe zuständig sind. Ein Tick Lakritz, ein Tick Sternanis, ein Tick Asphalt, ein Tick Bratapfel – wir finden einen sehr komplexen und aufregenden Rum, der viel zu bieten hat. Im heißen und paradox eukalyptisch kalten Nachhall finden wir Latschenkiefer, Blei- und Wachsmalstifte und helle Tabakblätter. Eine Idee von Echt Kölnisch Wasser klingt am Ende in der milden Astringenz mit, während ganz am Ende richtig ölig geröstete Kaffeebohnen und hochkakaoige Bitterschokolade übrig bleiben.

Ein atemberaubendes Grunddestillat, in Stil gealtert. Ich glaube, ich könnte hier noch eine Weile weiterfabulieren, und ich hätte kein schlechtes Gewissen dabei – wer mir nicht glaubt und mich für einen Laberer hält, muss es selbst probieren und mit offenem Mindset an so einen Rum herangehen. Der The Rum Cask Fiji 15 ist sicher etwas besonderes und extrem spannendes, ein Rum, der hart an der Krone meines Lieblingsrums kratzt. Eins ist sicher – dieser Rum wird nicht nochmal nach hinten rutschen im Regal. Die Flasche wird jetzt leergemacht. Es gibt schlimmere Schicksale.


Sicherlich mag mancher sich auch nach viel Überzeugungsarbeit meinerseits immer noch damit schwer tun, so ein feines Destillat in einem Cocktail einzusetzen. Ich gebe aber nicht auf, mein Credo weiterzugeben: Ein guter Cocktail wird durch gute Materialien hervorragend. Da zögere ich dann auch nicht, viereinhalb Zentiliter aus der Flasche des The Rum Cask Fiji 15 Years Aged in einem Vampire’s Fang einzubringen. Der Genuss eines solchen Drinks macht mir zumindest dann doppelt Spaß, wenn ich weiß, dass hier Qualität drin ist.

Vampire's Fang Cocktail

Vampire’s Fang
1½oz / 45ml gereifter Rum
¼oz / 7ml Allspice Dram
¾oz / 23ml Grapefruitsaft
½oz / 15ml Limettensaft
½oz / 15ml Grenadine
1 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken. Dirty Dump und mit crushed ice auffüllen.

[Rezept nach Andrew Boimila]


Die Flasche ist bei The Rum Cask standardisiert, für das Etikett hat man auch einen einprägsamen und attraktiven Stil gefunden, der die Daten wie oben erwähnt wiedergibt und trotzdem ein bisschen Fremdwehcharme hat, ohne ins Kitschige überzugehen. Die 50€ pro halbem Liter, die ich damals wohl bezahlt hatte, sind heute wohl kein realistischer Preis mehr, die Abfüllung ist aber eh längst vergriffen und nur noch mit etwas Glück auf dem Zweitmarkt verfügbar. Heute gibt es aber deutlich mehr Angebote aus dieser Weltregion, da ist es vielleicht nicht mehr unbedingt nötig, hinter so einer Flasche herzurennen: es würde sich aber sicher lohnen für den, der einfach guten Rum trinken will. Ansonsten kann ich den grundsätzlichen Stil, der hinter diesem Rum steht, jedem nahelegen.

Bier am Freitag – Duvel Tripel Hop Cashmere Belgian IPA

Neulich bin ich schonmal drauf hereingefallen: die Tücken der Sprachen. Beim vorliegenden Bier könnte man den Namen, Duvel Tripel Hop Cashmere Belgian IPA, durchaus so lesen, dass dreifach speziell gehopft wurde („triple hopped“), manche andere Biere präsentieren sich so, um drei ausgewählte Hopfensorten zu betonen. Doch hier muss man das ganz leicht anders verstehen, es handelt sich um ein belgisches IPA mit 9,5% Alkoholgehalt, das Cashmere als dritte, besondere Hopfensorte einsetzt, die sonst im Duvel-Standardprodukt nicht vorkommt; man hat also schon drei Hopfensorten, die zwei normalen plus den Cashmere. Irgendwie verwirrend und doch nicht, aber letztlich bin ich eh wahrscheinlich der einzige auf der Welt, der so verkopfte Gedanken überhaupt hegt, wenn er sich ein Starkbier aufmacht und eingießt. Ja, es ist schlimm, darum biegen wir jetzt einfach in die Praxis ab.

Duvel Triple Hop Cashmere Belgian IPA

Volltrüb mit einem stumpfen Kupferton, durch den man die Perlage nur bei genauem Hinsehen erkennen kann. Der beim Eingießen sehr fluffig sich aufbauende Schaum ist grobblasig und fällt entsprechend nach kurzer Zeit deutlich zusammen, bleibt aber einen halben Zentimeter dick doch eine Weile erhalten.

In der Nase findet der Hopfenfreund tatsächlich eine interessante, nicht wirklich gewöhnliche Mischung für ein IPA – typische Zitrusnoten mit klarem bitteren Zestencharakter ist man ja noch gewöhnt, aber die süßen Fruchtaspekte, die hier eigentlich erstere dominieren, sind fein zu riechen und gefallen – Melone und Pfirsich, da ist man gespannt, wie das schmeckt; insbesondere, weil man darunter noch einen deutlichen gerstigen Biercharakter findet, der sich gut in das ganze integriert.

Am Gaumen zischt erstmal die Rezenz, das prickelt angenehm und die sehr ausgeprägte Säure unterstützt das – man hat fast den Eindruck, dass hier ein guter Schuss Zitronensaft drin wäre (was natürlich nicht der Fall ist). Im Verlauf entgeht man der IPA-Bittere dann nicht, das wirkt sogar fast etwas kantig, gerade in der Kombination mit der Säure, ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, ob mir das so gefällt, vor allem, weil der Körper eher dünn und schmal wirkt. Der Alkoholgehalt von 9,5% ist nur mäßig integriert, man schmeckt ihn störend heraus. Das Mundgefühl begeistert mich überhaupt nicht, da entsteht ein stark astringierender und gleichzeitig übersüßter Eindruck. Der Abgang ist kurz, mildwürzig, erkennbar salzig, und lebt dann nur noch von Zitrone.

Das Bier funktioniert für mich schlicht gar nicht. Das Hopfenexperiment mag interessant gedacht sein, aber irgendeine der Komponenten spielt nicht mit und durchkreuzt alles. Ich trinke das Glas ohne viel Gusto aus, aber habe keinerlei Lust, eine zweite Flasche davon zu probieren. Da ist mir das „normale“ Duvel doch sehr viel lieber.

Die Kirsche auf der Torte – Edelbrennerei Dirker Kirschbrände

Er gilt als der Obstbrandflüsterer in Deutschland. Wenn man Arno Dirker ein bisschen recherchiert, entdeckt man auch spannende Dinge, die einem sofort klar machen, dass wir es hier nicht mit einem Durchschnittsbrenner zu tun haben. Als Zimmermann begonnen hat er, zum Titel „Schnapsbrenner des Jahres“ bei der Destillata in Österreich kam es zwischendurch, mit weiteren Auszeichnungen im Vor- und Nachfeld. Er ist auf dem Boden geblieben und nicht den Extremweg manch anderer deutscher Obstbrenner gegangen mit inzwischen unbezahlbaren Produkten: Heute hat er ein sehr feines Sortiment an verschiedenen Früchten im Portfolio, die er saisonal oft aus dem lokalen Obstangebot des Kahlgrunds im Spessart brennt und unprätentiös vermarktet. Liest man seine Texte und Beschreibungen, habe ich den Eindruck, dass er eine besondere Vorliebe für die Kirsche in unterschiedlichen Varianten hegt, und seine Liste mit Produkten aus dieser Frucht ist lang. Entsprechend habe ich mir eine kleine Trilogie von der Kirsche von ihm zugelegt: Das Steinweichsel-Kirschwasser, den Brand von der Eggener Schwarzkirsche und das Rumfassgelagerte Kirschwasser. Ich bin sehr gespannt darauf, wie sich die Unterschiede in den Bränden äußern!

Edelbrennerei Dirker Kirschbrände

Wir fangen an mit dem Steinweichsel-Kirschwasser. Die Steinweichsel oder wilde Weichsel (prunus mahaleb) ist eine kleine, bittere Frucht, die Ursprungsform der Sauerkirschen, aufwändig zu ernten. Wir finden sie dann am Ende aber doch gebrannt und mit 40% Alkoholgehalt vor.

Edelbrennerei Dirker Steinweichsel-Kirschwasser

Kristallklar, leuchtend, und mit angenehmer Viskosität schwenkt sich der Brand im Glas, klar abgegrenzte Beinchen bilden sich. Die Nase hat Kraft und biedert sich nicht mit oberflächlichen Kirscharomen an – da findet man herbe Sauerkirsche, ein bisschen Steinaroma, Töne von Gewürzen, ja, Zimt und Nelken sicher voran. Würzig und fast schon mit einem Lederaroma, dabei blüht ganz dezent mit etwas Offenstehzeit auch etwas Pfingstrose auf. Eine gewisse Reminiszenz an Vogelbeere kann ich nicht verneinen, das ähnelt dem schon etwas. Am Gaumen finden wir erstmal eine sehr sanfte, zarte Textur, weich aber nicht schwer, ganz fein legt sich der Brand langsam über Zunge und Mund. Da explodiert nichts, da brennt nichts, ein wirklich ganz, ganz sanftes Mundgefühl. Die Aromen bilden sich als Geschmack ab, mit viel Vogelbeer und herber Kirsche. Erst spät entsteht Wärme, auch hier ganz vorsichtig, ohne jede Attacke oder Schärfe. Gegen Ende kommen grüne Aromen, eher blattig als kräuterig, hervor, und die gefundene Blumigkeit kommt nun auch mit unterschwelliger Geranie und Rose vor. Mittellang im Abgang, mit darüber hinaus ausdauerndem Nachhall.

Überraschend in seiner Zartheit und Sanftmut ist das Steinweichsel-Kirschwasser ein wirklich zurückhaltender Vertreter seiner Kategorie. Das muss man mit einer daran angepassten Vorsicht trinken und genießen, dann erschließt sich der Brand aber schnell und bezaubert auf Dauer!


Die nächste Kirsche ist die Eggener Schwarzkirsche. Aus ihr macht Dirker seinen Brand von Eggener Schwarzkirschen. Die Kirschen kommen aus dem namensgebenden oberen Eggenertal im Schwarzwald. Nach dem Brennen lagert der Brand zwei Jahre in 50-Liter-Glasballons und wird auf 40% Alkoholgehalt eingestellt.

Edelbrennerei Dirker Brand von der Eggener Schwarzkirsche

Auch hier natürlich kein Farbton oder Fehler, die Öligkeit ist vielleicht noch etwas ausgeprägter. Eine Flüssigkeit, die sich richtig hübsch schwenkt. Für den Duft muss man sich ein bisschen anstrengen – da ahnt man mehr als man wirklich riecht. Ein Hauch von Kirsche, wirklich nur ein Hauch, das ist hier schon extrem zurückhaltend, da würde ich mir doch etwas mehr Expressivität wünschen. Ansonst fühlt sich der Brand „kalt“ in der Nase an, ein Ticken Eukalyptuseffekt vielleicht. Im Mund gibt es etwas mehr zu erleben, aber auch hier bleibt man im Bereich des Suchens. Das Mundgefühl ist extrem weich und schön fett, keine Schwere belastet die runde Textur. Schokoladig und süßlich wirkt das im Verlauf, eine dunkle Kirschennote expandiert über die Zeit, ohne wirklich künstlichfruchtig zu werden. Das liegt richtig gut im Mund, das muss ich sagen, und darum verzeihe ich auch die schmalere Aromatik. Der Abgang ist dann voll, mildwürzig, und plötzlich doch aromatisch lang mit grünen Anklängen – ein sehr interessanter Spannungsbogen, den dieser Obstbrand aufbaut.

Ich glaube, ich brauche viel Zeit, um mich damit emotional anzufreunden, ich mag meine Obstbrände doch etwas expressiver. Die unterschwelligen Schokokirsch-Noten haben aber schon ihren Reiz, man muss sich aber sicher darauf einlassen können.


Für das Rumholzfassgelagerte Kirschwasser hatte Dirker 2007 Rumfässer eingekauft und sie mit seinem Kirschwasser zweitbefüllt. Sieben Jahre Zeit wurde dem Destillat gegeben, bevor es dann aus dem Fass in die Flasche kam, mit ordentlichen 47,5% Alkoholgehalt (Fassstärke).

Edelbrennerei Dirker rumholzfassgelagertes Kirschwasser

Das Fass hat schonmal schöne, aber nicht absurde Farbmengen an den Brand abgegeben, ein schönes, helles Ocker mit weißen Lichtreflexen. Dazu kommt eine ansprechende Öligkeit beim Schwenken. Der Duft ist wirklich hübsch und zeigt drei Aspekte wunderbar vermählt – als erstes kommt eine süße, fruchtige Kirsche, wie die auf der Torte, danach vanillige Noten aus dem Holzfass, und zu guter letzt so eine rumkugelige Seite, die die Fassvorbelegung ins Spiel bringt. Dabei bleibt alles helltönig und klar, teils fast schon grünholzig frisch: das Rumfass ergänzt die Aromatik, und lässt dem Kirschwasser weiterhin die Hauptrolle. Am Gaumen finden wir eine sehr runde, weiche, dennoch noch klare Textur, sehr sauber und mit richtig schönem Mundgefühl. Der Alkohol ist spürbar, dehnt sich sogar über den Verlauf noch aus, hat Kraft, aber keine Gewalt. Geschmacklich gehen hier die drei errochenen Aspekte ähnlich gut ineinander über, leicht karamellig, mit Honigtönen und Schwarzwälder Kirschtorte; der Nachhall ist lang und nun voller Jasmin und Pfingstrose, und etwas Geranie. Elegant, strukturiert und trotzdem trinkig, hier hat wirklich alles perfekt geklappt und ein richtig aromatisches, unterhaltsames Ergebnis entstehen lassen, das die Kirsche in einem ganz anderen Licht erstrahlen lässt.


Natürlich ist diese Art Obstbrand perfekt geeignet, um als Aperitif oder Digestif zu einem guten Essen genossen zu werden. Auch als reines Genussprodukt, bei dem man sich für eine ruhige halbe Stunde einen guten Brand ins Glas gießt und sich daran abarbeitet. Und im Cocktail zeigt so eine Qualitätsstufe natürlich auch ihre Stärken, zu beobachten beim Swiss Watch. Eine ordentliche Dosis des Dirkerschen Kirschwassers, dazu ein bisschen Bitter- und Kräuterunterstützung durch Suze und Chartreuse und etwas Frische durch Zitrone – aromatisch sehr unterhaltsam!

Swiss Watch

Swiss Watch
1oz / 30ml Kirschwasser
1oz / 30ml Suze
1oz / 30ml Chartreuse Jaune
⅔oz / 20ml Zitronensaft
Auf Eis shaken. In einem Glas voll Eis und mit Zuckerrand servieren.

[Rezept nach Peter Konkoly]


Die Edelbrennerei Dirker füllt alle Brände in eine Flasche mit eigener Form und ins Glas eingelassenem Logo ab, die Etiketten werden noch von Hand ausgeschnitten und aufgeklebt. Mir gefällt die Form der Flaschen sehr, das ist hübsch und praktisch. Sehr schön: sie können, wenn leergetrunken, zurückgegeben werden und man erhält dann direkt Geld ausbezahlt oder einen kleinen Rabatt für Folgekäufe. Das hilft dem Brenner bei der grundsätzlichen Flaschenknappheit und tut gleichzeitig was für die Umwelt.

Um zurückzukommen auf die Eingangsfrage – ja, die Unterschiede sind natürlich deutlichst spürbar, es ist wunderbar, mit welcher Feinheit Dirker diese in seinen Destillaten herausarbeitet und wiedergibt. Ich bin mit meiner eingekauften Trilogie dabei noch längst nicht am Ende der Kirschenfahnenstange bei ihm, nach der positiven Erfahrung stehen die Schwarze Mohrenkirsche, die Schwarze Wildkirsche, die Glaskirsche, die Morellenfeuerkirsche, die Traubenkirsche und weiter verarbeitete Sorten wie das Marzipan-Kirschwasser auf meiner Liste der „unbedingt noch zu probierenden Spirituosen“!

Bier am Freitag – Kehrwieder Dominica Double Dry Hopped Pale Ale

Die kleinen Antillen sind weiterhin so ein kleines Sehnsuchtsziel von mir. Ich habe Guadeloupe besucht, und das hat mich darin bestärkt, dass die anderen Inseln im Archipel sicher auch einen Besuch wert wären. Wäre da nicht meine extrem ausgeprägte Neigung zur Seekrankheit, würde ich das sogar mit dem Boot machen. Auf dem südlichen Teil der Route lägen dann Trinidad, Grenada, Barbados, Saint Lucia und Dominica – und so habe ich geschickt und unbemerkt einen weiten Bogen gespannt zu dem Bier, das ich heute vorstelle. Das Kehrwieder Dominica Double Dry Hopped Pale Ale stammt zwar nicht aus Dominica, zieht sich aber den Namen der Insel heran, um zusammen mit dem tropischfruchtigen Inhalt und dem fernwehweckenden Etikett auf sich aufmerksam zu machen. Unfiltriert, unpasteurisiert, mit den Malzen Maris Otter Pale Ale und Crystal sowie den Hopfensorten Mosaic, Citra, Callista, Simcoe, Cascade und Centennial ist es auf einen Alkoholgehalt von 4,7% eingestellt. Ahoi, Matrosen, ein Schluck in Ehren.

Kehrwieder Dominica Double Dry Hopped Pale Ale

Das Eingießen dauert etwas länger als gewohnt – die extrem starke Schaumentwicklung sorgt dafür, dass man nur schlückchenweise das Bier ins Glas bekommt, immerhin gibt es kein Gushing. Der Schaum selbst ist großblasig, knistert laut und fällt, wie es bei derartigem Schaum oft ist, dann schnell in sich zusammen. Das Bier ist haselnussbraun, deutlich trüb (da nicht filtriert) und zeigt kräftiges Mousseux an der Bier-Schaum-Grenze.

Den Hopfen muss man, das wird im Pressetext auch angekündigt, nicht lange suchen: schon während des gemütlichen Eingießens kann man richtig viel davon mitnehmen. Tropische Frucht, unreife Ananas, Mango, Litschi und Passionsfrucht springen einem geradezu ins Gesicht, auch aus einem halben Meter Entfernung. Frisch, frech, sehr aromatisch. Eine leicht marmeladige Fruchtkonfitüre-Seite gibt süßes Volumen dazu. Ein Bier, das man gerne als Lufterfrischer im Auto hängen hätte!

Wenn soviel Hopfen in einem Bier ist, rechnet man erstmal mit knackiger Bittere, und da wird man auch hier nicht enttäuscht. Grapefruitzeste, Limette, Raddicchio, aber gleichzeitig abgefangen von kräftiger Fruchtsüße und einem stabilen, gut ausgewählten Malzunterbau, der nicht zulässt, dass das Bier kratzig wird. Eine dicke Textur wird durch schöne Frische aufgehellt, der leichte Alkoholgehalt passt sich sehr angenehm in die Grundstimmung eines trinkigen Sommerbieres ein. Der Abgang ist lang, extremst fruchtgetrieben, mit hier dann doch etwas kantigem Ende, doch in der Sommerhitze schadet so ein bisschen Gaumenkitzeln ja überhaupt nicht. Ein Bier, das Spaß macht!

Dunkle Seeräubermächte – Captain Morgan Dark Rum

Bei manchen Spirituosen muss man mehr Aufklärungsarbeit leisten als bei anderen. Jeder kennt Captain Morgan Original Spiced Gold, ein Produkt, das in jedem Supermarkt und in jeder Tankstelle zu bekommen ist, für rund 10€, in flashiger Piratenaufmachung und mit vielen Marketinggimmicks wie Flaschen in Fassform, Varianten mit Kürbisgeschmack und so weiter. Ich selbst mag das ja auf eine irre Art und Weise, nicht, weil ich mir einbilden würde, das wäre richtig toll und super, sondern weil ich ein Faible für übertriebenen Piratenkitsch habe, solange er mit einer gewissen Selbstironie gemacht ist und damit nicht versucht, eine besondere Herkunft zu simulieren. Und übertriebene Piraten, das kann keiner besser als Captain Morgan, da muss sogar Johnny Depp hintanstehen.

Das bedeutet aber nicht, dass alle Produkte des jamaikanischen Herstellers immer auch in diese Kategorie des Spiced Rum (rechtlich eigentlich ja „Spirituose auf Rumbasis“) fallen müssen, oder automatisch minderwertig sind. Unter demselben Label finden sich auch Rums, die nicht gesüßt oder aromatisiert sind – wie der Captain Morgan Dark Rum. Laut Hersteller wird dieser Rum mindestens 2 Jahre lang in stark ausgebrannten Eichenfässern gelagert und hat daher seinen Namen und seine Farbe. Natürlich habe ich, misstrauisch wie ich bin, den Zusatzgehalt per Aräometer gemessen, und komme auf dann doch erstaunliche 0g/L, und da es doch Cocktails gibt, die explizit nach einem „dark rum“ verlangen, sollte man nicht grundsätzlich abgeneigt sein, so einen Rum in seiner Heimbar zu haben – aber eigentlich nur, wenn er neben der Farbe und dem aufregenden Etikett voller Testosteron auch sensorisch was kann. Wie schlägt er sich im Glas?

Captain Morgan Dark Rum

Bei der Farbe wurde trotz der stark ausgebrannten Fässer dann doch noch etwas mit Zuckerkulör nachgeholfen, dies ist auf dem Rücketikett klar deklariert (wobei ich mit „etwas“ wahrscheinlich untertreibe). Ich würde sie unabhängig davon als gebrannte Siena oder Mahagoni beschreiben, mit orangefarbenen Lichtreflexen, jedenfalls offensichtlich viel dunkler, als dies natürlich passieren würde. Leicht ölig schwenkt sich der Rum, hinterlässt eine Filmkante, aus der sich Beine in dicken Tropfen bilden.

Die Nase ist schon einigermaßen typisch für Jamaica, jedoch definitiv mit einem eigenen Twist – da ist viel überreife Frucht drin, dazu eine klare Kaffeenote und auch etwas, was man gerne als Bleistiftspitzerreste beschreibt, diese Mischung aus Holz und Graphit. Verbrannter Zucker, röstiges Karamell, einen Ticken von Nuss. Lässt man den Rum etwas stehen und schnuppert tief, findet man dann auch Reste von Ethanol. Grundsätzlich gefällt mir das in der Gesamtheit, ich bin schonmal überrascht, und das freudig.

Captain Morgan Dark Rum Glas

Im Mund ist dann doch erstmal eine gewisse Ernüchterung spürbar, der Captain Morgan Dark wirkt direkt etwas flach und dünn, weist kaum etwas von dieser Komplexität auf, die die Nase anbot. Später verbessert sich der Eindruch – eine natürliche Süße gibt etwas Volumen und Körper, die röstigen, ledrigen und nussig-holzigen Noten kommen im Verlauf wieder etwas zum Vorschein. Beim Antrunk wirkt der Rum noch sehr weich und voll, etwas später, und ganz besonders im Abgang, entsteht etwas Feuer und würzige Chili, und beinahe iodische Medizinaliät mit milden Sojasaucentönen und etwas Salzigkeit. Der Kaffee ist durchgängig da, und bietet dann im mittellangen Nachhall, zusammen mit der herben Trockenheit, noch etwas Gaumenkitzel, den 40% Alkoholgehalt angemessen. Holzig, würzig, und aromatisch zumindest interessant, schade, dass der Körper nicht ganz mithalten kann.

Nun, das ist ein durchaus trinkbarer Rum, mit den aufgezählten Einschränkungen. Natürlich kann der erfahrene Rumfreund damit pur nur wenig anfangen, aber ich habe schon sehr viel langweiligere und/oder unanspruchsvollere Rums einfach so getrunken, da möchte ich den Captain Morgan Dark eigentlich sogar vor sehr viele andere Produkte stellen. Letztlich ist er ein Mixrum, und gerade für die auf dem Etikett empfohlene Rum-Cola macht er sich dann wirklich verdammt gut.


In Matt Pietrek’s Buch „Minimalist Tiki“ finden sich so einige Rezepte, die klangvolle Namen tragen – und Jason Alexander hat offensichtlich ein Faible für H.P. Lovecraft, dem Autor von Gruselgeschichten. Zu Tiki passt es ja irgendwie, denn die dunklen Götter, die Lovecraft beschreibt, wohnen teils schlafend unter dem Meer. Der Port of Innsmouth greift eine der Geschichten, „Schatten über Innsmouth“ auf, die ich jedem Leser meines Blogs als Einstieg in die faszinierende Welt des Cthulhu-Mythos ans Herz lege. Und da es um Fischmenschen geht, schien mir die Wahl meiner Tiki-Mug nur selbstverständlich.

Port of Innsmouth Cocktail

Port of Innsmouth
2oz / 60ml gereifter, „dark“ Rum
½oz / 15ml Orangenlikör
½oz / 15ml Don’s Spices No. 2 (halb-halb Vanillesirup und Allspice-Likör)
½oz / 15ml Zimtsirup
1oz / 30ml Limettensaft
2 Spritzer Aromatic Bitters
Auf Eis blenden. Mit crushed ice toppen.

[Rezept nach Jason Alexander]


Was das ganze natürlich noch etwas heraushebt, ist das Preisleistungsverhältnis – ich habe lächerliche 9€ im Angebot bezahlt, da muss ich nicht drüber nachdenken, dass das für die gebotene Leistung ein irre guter Preis ist. Wie gesagt, ich behaupte nicht, dass das ein grandioser Purtrinkerrum für den Highend-Nerd ist, ganz sicher nicht, aber wer sonst im üblichen Havana Club oder ähnliche Gewichte zuhause hat, kann hier ohne Bedenken zuschlagen und sich eine doch sehr andere Geschmacksrichtung an Rum in die kleine Hausbar holen, einen Brand, mit dem man auch als nichtambitionierter Heimbartender richtig viele unterschiedliche Dinge anfangen kann. Und, das wiederhole ich gerne, er macht eine wirklich echt gute Rum-Cola.

Bier am Freitag – Rizmajer Cortez, Popcorn und Rumos szilvás

Eine kleine Sommerreise nach Ungarn, da hätte ich wissen sollen, was passiert – die Sonne brannte unerbittlich, 35°C eigentlich durchgängig, in Budapest heizt sich das extra auf, weil die alte Architektur rein aus Beton besteht und in Pest nur wenig Platz für Grün lässt. In Buda, da sieht das anders aus, das ist viel bewohnerfreundlicher gestaltet. „Es gibt die Budapester, die in Buda wohnen, und die, die in Buda wohnen wollen“, schmunzelt mein guter Freund und Kollege Kristian Kielmayer, den ich dort kurz treffen konnte, und ich verstehe das. Der weitgereiste Wein-, Kaffee-, Spirituosen- (und inzwischen auch Bier-)experte empfahl mir eine Brauerei, vor der wir uns kurz in die Sonne auf ein Bier setzten, und das war eine gute Idee – von dort bringe ich das Rizmajer Cortez, Popcorn und Rumos szilvás nach Deutschland mit zurück und stelle es euch heute vor!

Rizmajer Cortez, Popcorn und Rumos szilvás

Wie immer trinken wir von links nach rechts und fangen damit beim Cortez Kukorica Sör an, gemacht aus Maisgrieß, das mit 5,5% Alkoholgehalt und milden 11 IBU abgefüllt ist. Dazu klar, nicht kristallen, aber beinahe, mit einer gelbgoldenen Farbe, die beinahe ins Bernstein übergeht. Die Perlage ist hübsch und speist den feinen Schaum, der dünn aber ausdauernd das Bier besiedelt.

Rizmajer Cortez Kukorica Sör

Eine aromatische Nase begrüßt uns, getreidig und leicht rostig-metallisch, sehr fein und edelherb, bierig und frisch. Milder Hopfen, eher Bitter- als Aromahopfen, auf einer schönen Getreidebasis – nicht aufregend, aber anregend!Richtig gut liegt das Bier am Gaumen: hier hat man eine perfekte Balance zwischen voller Textur und knackiger Rezenz getroffen, Süße und Säure sind in nahezu idealem Spiel zueinander, eine angenehme Herbe klickt am Gaumen. Der Mais als solcher ist nicht wirklich schmeckbar, gibt vielleicht etwas mehr Süße und Rundheit ins Getränk, als das einfache Gerste tun würde. Der Abgang ist kurz, frisch, blüht mit leichter Floralität noch auf, bevor das Bier ein rundes Mundgefühl hinterlässt.

Gut gekühlt, frisch aus dem Kühlschrank – wow, das ist das perfekte Bier für einen heißen Sommertag. Im Moment haben wir 32°C in Saarbrücken, das erinnert an die Tage in Budapest, wo es noch wärmer war. Das Cortez würde, wäre es leichter zu bekommen, ein echtes Go-To-Bier für solche Wetter.


Wir bleiben beim Maisgrieß, legen aber eine Schippe drauf. Das Popcorn Double Corn IPA ist natürlich ein anderer Stil, dazu passend hat es 6,5% Alkoholgehalt, und man betont auf dem Etikett die Malze: Pilsner, Kristall, Karamell. Entsprechend wirkt es sehr dunkel, fast schon Mahagoniholz, dabei kristallklar, mit rubinroten Lichtreflexen und mit einem schön kontrastreichen, eierschalenfarbenen Schaum versehen, der sich eine ganze Weile auf dem Bier hält.

Rizmajer Popcorn Double Corn IPA

Ein klassischer Duft entströmt dem Bier, getreidelastig, mit angenehm frischer Hopfennote, ohne dass der Aromahopfen das Bier dominiert. Gut malzig, voll und rund, minimalst rostig, mit einem Touch von Röstaromen, die gleichwertig zur Hopfenfrucht stehen. Wirklich ein schöner Duft! Eine volle, weiche Textur legt sich an den Gaumen, kauig und fluffig. Die Süßsauer-Balance ist wunderbar getroffen, da bietet sich sowohl Aromenbett als auch Rezenz in jedem Schluck. Die Röstaromen kommen hier stärker in den Vordergrund, lassen aber dem Hopfen noch genug Raum, um ohne jede Diskussion als kräftiges IPA durchgehen zu können. Würzig, mildsalzig, ein bisschen umami – da hat man wirklich ordentlich was im Mund, das macht Spaß und erfrischt. Angenehme Komplexität zeigt sich, und ein trockener, malziger Abgang, der lange vorhält. Das trinkt sich grandios und unterhaltsam!


Zuletzt ein kleiner Ausreißer, weil wir hier eine Art Fruchtbier vor uns haben. Das Rumos szilvás Fruit Lager wird aber mit Bier, Pflaumensaftkonzentrat und Rumaroma hergestellt und deswegen auch (nur leidlich deutlich) als Biermischgetränk deklariert. Es hat schließlich 4,3% Alkoholgehalt und 10 IBU. Irgendwo zwischen Rubinrot und einem Himbeerrot steht das Bier im Glas, man weiß spätestens hier, dass es sich nicht um ein klassisches Bier handelt – was die Krieks für die Belgier, das ist das Pflaumenbier für die Ungarn. Der Schaum ist auch leicht rötlich gefärbt, er ist feinperlig und wird ununterbrochen gefüttert durch die extrem aktive, extrem feine Perlage.

Rizmajer Rumos szilvás Fruit Lager

Ganz klar und deutlich ist die Pflaume in der Nase vorhanden, richtig natürlich und edel. Darunter findet sich eine würzig-herbe Getreidebasis, aber die Frucht dominiert klar, Rum ist allerdings nicht zu riechen. Man muss bei so einem Gebräu auch keine großartige Komplexität erwarten – mir gefällt die Einfachheit, weil sie natürlich scheint. Im Mund macht sich dann aber doch etwas Ernüchterung breit, eine starke Süße taucht direkt schon beim Antrunk auf, etwas, was ich bei Bier und auch Biermischgetränken überhaupt nicht mag. Sie legt sich auf den Gaumen, und verhindert, dass man die Rumpflaume, die auch hier deutlichst vorhanden ist, wirklich wertschätzen kann, ebensowenig, wie die Bierbasis. Die Rezenz leidet auch darunter, wenn sie auch durch Säure und Karbonisierung grundsätzlich da ist. Geschmacklich hat man auch ein etwas unausgegorenes Gesamtbild, das unentschlossen wirkt, und schnell wieder verschwunden ist. Da habe ich schon sehr viel spannendere ungarische Pflaumenbiere im Glas gehabt.

2 von 3, ein sehr gutes Trefferbild, finde ich; vor allem, da ich in Ungarn noch ein paar weitere Sorten dieser Brauerei probiert hatte und alle eher überdurchschnittlich abschnitten, und, das muss ich sofort nochmal betonen, trinkt sich das Zeug wie gesagt echt süffig, wenn man bei 35°C mit einem guten Kumpel im Freien vor einer der Rizmajer-Kneipen sitzt und die ungarische Sonne dazu genießt.

Himmlische Tränen – Heaven & Hell Gold 47 London Dry Gin

Man ist ja doch viel gewohnt, was Hintergrundgeschichten um ein Produkt angeht. Es gibt die Art von Hersteller, die damit ein mäßig spannendes Destillat durch Anregung der Fantasie auf anderen Ebenen aufwerten und besser verkaufbar machen wollen (etwas, was zwar gut funktioniert, aber meines Erachtens den Kunden nicht wertschätzt); und es gibt die, bei denen man irgendwie spürt, dass in der erzählten Geschichte Herzblut und Kreativität steckt. Bei allem, was ich bisher als Flasche in der Hand hatte, habe ich aber nur selten eine derart elaborierte Struktur gesehen wie beim Heaven & Hell Gold 47 London Dry Gin.

„47 divine tears fell from the mountain tops onto the fertile soil, sprouting 21 burning, fiery and soothing medicinal plants. 21 fresh, sweet and pure, joined by fire, water, earth and soil. With the last tear of juniper berries, the elixir of life was born, united in a special divine intoxication.“

Das ist nur ein winziger Ausschnitt aus der langen Schöpfungsgeschichte dieses Gins, man spürt fast den religiösen Touch, den man hier mitgeben will. Man balanciert hier natürlich drastisch hart auf einer Rasierklinge zwischen akzeptablem Pathos und albernem Kitsch, und jeder Kunde muss selbst entscheiden, auf welche Seite man fallen will. Ich werde den Gin aus Slowenien mal rein sensorisch anschauen und dann für mich persönlich eine Wahl treffen. Dass er mit 47% Alkoholgehalt abgefüllt ist, bewegt ihn schonmal sicher in die positive Richtung, ebenso dass der London-Dry-Gin-Deklaration gemäß kein Zucker beigesetzt wird. Dass auch 47 Botanicals eingesetzt wurden und man den Gin 47 Tage inert ruhen ließ, macht die magische Numerologie irgendwie rund. Ein paar der Botanicals, insbesondere Ringelblumen, Gänseblümchen, Schmetterlingserbse, Schafgarbe, Brennnessel und Hopfen finde ich durchaus exotisch und spannend, mal schauen, was sie im himmlisch-höllischen Konzert zusammen erreichen!

Heaven & Hell Gold 47 London Dry Gin

Die „Reifung“ von 37 Tagen hat jedenfalls keine optische Veränderung gebracht, es handelt sich nicht um eine Holzfassreifung, die wir bei Gin inzwischen ja auch schon ab und zu gesehen haben. Eine leichte Viskosität mit schönem Film am Glas gefällt beim Schwenken.

Der Gin ist durchaus intensiv für die Nase: man riecht ihn beim Eingießen und auf einige Zentimeter Entfernung, muss gar nicht tief ins Glas schnuppern. Tut man das doch, findet man ein wirklich komplexes Bild, das mit unterschiedlichen Aspekten aufwartet; hier beginnt man langsam zu spüren, dass die Hintergrundgeschichte glaubhafter wird, denn die vielen Botanicals bauen sich wirklich hübsch zusammen. Süßbittere Aromen überwiegen zunächst, doch fruchtigflorale Seitentöne wirken effektiv. Man ahnt etwas Anis heraus, der nicht in der Botanicalsliste auftaucht, Wermutkraut ist sehr präsent. Die Dichte der Aromen lässt mit Offenstehzeit etwas nach. Den Wacholder muss man etwas suchen unter all den Eindrücken, er könnte für meinen klassischen Gingeschmack sehr viel ausgeprägter sein.

Heaven & Hell Gold 47 London Dry Gin Glas

Am Gaumen findet man ihn viel deutlicher und schneller, aber auch hier zeigt sich der Heaven & Hell Gold 47 ausgesprochen vielschichtig und schillernd. Die Textur ist rund aber nicht gemütlich, mit angenehmer Feuerkante versehen, die die Zungenspitze zum Prickeln bringt, das Mundgefühl bleibt vom Antrunk bis zum Abgang voll und dicht, mit einer schönen grundliegenden Süße, die sich nicht aufdrängt. Aromatisch hat man hier so einiges zu entdecken, die kräuterig-herben Geschmäcker dominieren, Ingwer und Zitronengras sind die offensichtlichsten. Man hat klar das Gefühl, dass hier viele Zutaten zusammenspielen, es macht Spaß, hier ein bisschen die Gedanken schweifen zu lassen. Im Abgang kommt milde Bittere auf, ein Hauch von Salzigkeit, alles gut eingebunden ins Gesamte. Rund, aromatisch interessant und strukturell sauber gemacht.

Ich habe wirklich nichts zu meckern, ein sehr schöner Gin, der seine großmundigen Versprechungen und die opulente Marketingstory tatsächlich am Ende doch mit intrinsischen Qualitäten unterlegen kann. Das ist was, was man durchaus pur in ein paar ruhigen Minuten genießen kann und bestens unterhalten wird – im Mixdrink genauso.


Für diese Art von Gin mit ihrem vollem Aromenprofil ist ein Tiki-Drink sicherlich eine sehr gute Wahl. Der Heaven & Hell Gold 47 macht sich beispielsweise im Scuttle Cocktail dann auch wirklich gut, er drängt sich nicht nach vorne und sorgt zusammen mit den anderen saftigen Zutaten eher für ein tiefes, rundes Gefühl. So sollte ein Tiki-Cocktail auch sein, und das Ergebnis überzeugt mich.

Scuttle Cocktail

Scuttle Cocktail
8 Blätter Minze im Shaker muddeln.
2oz / 60ml Dry Gin
½oz / 15ml Ingwerlikör
2oz / 60ml Grapefruitsaft
½oz / 15ml Ananassaft
¼oz / 7ml Cream of Coconut
1 Spritzer Angostura Bitters
1 Prise Salz
Auf Eis shaken. Doppelt abseihen.

[Rezept nach Michael Richardson]


Ich mag es eigentlich lieber, wenn Spirituosen in klaren Flaschen abgefüllt sind, doch bei einer transparenten wie einem Gin habe ich natürlich nichts dagegen, wenn das optisch aufgewertet wird: die Vollfolierung in mattem Schwarz macht was her und fühlt sich haptisch gut an, dazu kommt ein aufwändiges goldfarbenes Etikett, das die religiösen Motive der Hintergrundgeschichte aufgreift. Ein Schraubverschluss ist dagegen eine klare praktische Entscheidung, die ich unterstütze.

Soviele Produkte aus Slowenien hatte ich noch nicht im Glas, um ehrlich zu sein, ist es wahrscheinlich das erste. Meine Landkarte wächst also, und man kann dort wirklich zufrieden sein, wenn ein so schöner Gin das ist, was einem beim Gedanken an Slowenien in den Kopf kommt.