Vorbereitung für den Ernstfall – Tequila Cascahuín

In wenigen Tagen geht es los – ich reise zum zweiten Mal nach Mexiko. Vor fast einem Jahr war ich für México Selection by CMB in San Luis Potosí, dieses Jahr geht es mit Spirits Selection by CMB ins Herz der Tequilaproduktion nach Jalisco. Guadalajara und Puerto Vallarta werden die Aufenthaltsorte sein, und ich hoffe, wieder ähnlich viel zu erleben, denn Mexiko hat unglaublich viel zu bieten – die herausragende Gastfreundschaft, die lebendige und spannende Kultur, die beste Küche der Welt; und natürlich Tequila. Zur Vorbereitung trinke ich mich mit ein paar Samples ein, die schon viel zu lange bei mir herumstehen, die ich von Alex Huhn von der Mezcaleria Berlin als freundliche Beigabe bei einem Kauf erhalten habe. Es handelt sich um eine Produktreihe, die ich eh schon lange probieren wollte, nämlich Tequila Cascahuín Blanco, Blanco Tahona, Plata 48, Reposado und Extra Añejo.

Für alle fünf gilt, und das ist mir wichtig: Sie sind zertifiziert additiv-frei, garantiert durch die entsprechende Initiative von Tequila Matchmaker, auch wenn es diese aus Gründen (ich verweise hier gerne auf meinen neulich erschienenen Tequila-Artikel im Magazin Fizzz) inzwischen nicht mehr gibt. Aber auch darüber hinaus setzt man auf Qualität: Die Agaven werden erst nach frühestens 5 Jahren Aufwachszeit geerntet, und dann für ungefähr 25 Stunden in einem langsamen und schonenden Verfahren in Steinöfen gekocht, und ruhen schließlich einen Tag, um den gebildeten Agavenhonig ziehen zu lassen, bevor sie zerkleinert und gemahlen werden, in unterschiedlichen Verfahren. Die Fermentation erfolgt in offenen Tanks, ebenso in unterschiedlichen Verfahren, rein mit wilden Hefen der Umgebung. Einzelne Herstellungsdetails für die spezifischen Ausprägungen erwähne ich dann im Kontext. Und nun ran an die Fläschchen!

Tequila Cascahuín

Besonders interessiert bin ich an den Unterschieden zwischen den drei ungereiften Varianten, die sich rein oberflächlich erstmal hauptsächlich über den Alkoholgehalt voneinander abgrenzen. Der Blanco ist auf 40% eingestellt, der Blanco Tahona auf 42%, und der Plata 48 auf 48%. Wir fangen mit dem Cascahuín Blanco an. Für ihn werden die Weber-Agavenherzen in einem Steinofen gekocht, mit einer Rollmühle zerkleinert, und in einem Verhältnis von 70:30 in Edelstahl- bzw. Zementtanks fermentiert. Der erste Destillationsvorgang („ordinario“) erfolgt in einer Edelstahlbrennblase mit Kupferschwanenhals, der zweite für den Feinbrand mit Abgrenzung von Vorlauf, Herz und Nachlauf in einer Brennblase vollständig aus Kupfer.

Tequila Cascahuín Blanco

Klar, fehlerfrei und mit einer wirklich ordentlichen Viskosität versehen ist der optische Eindruck. Die Glaswand ist fett mit Artefakten versehen. Der Duft ist hochtypisch, man nimmt direkt die gekochte Agave wahr, sie dominiert alles. Direkt in Bezug aufs Basismaterial, mineralisch und mit leicht steinigen Aspekten, etwas vegetabil sogar mit viel Grünschnitt und einem Touch von Dill und grünem Tee. Darunter baut sich eine Basis aus Gewürzen auf, schwarzer Pfeffer, Kardamom, ein Anflug von Nelke. Sehr komplex, aber nicht wahllos, sondern klar auf die Agave zielgeführt.

Salzig und trocken vom Antrunk an, beide verstärken sich sogar im Verlauf. Eine subtile, sehr natürliche Süße gleicht einiges aus. Tabak und Tee sind die Geschmackseindrücke, herb und frisch, mit Anflügen von Minze und Lavendel, und einer Kopfnote von Grapefruitzeste. Die Textur ist voll, aber nicht schwer. Im Abgang wird der Cascahuín Blanco knochentrocken, mit leichter Astringenz, und einem warmen, pfeffrigen Kribbeln auf der Zunge, im Nachhall klingt die pure Agave lange und direkt nach.

Ein wirklich sauber strukturierter Tequila, direkt, mit Kraft und ein paar Kanten, die ihn aus der Easy-Drinking- in die Langsam-Genießen-Ecke schieben. Großartig, erwachsen, handwerklich makellos. So muss ein Blanco schmecken.


Die Unterschiede zwischen dem Blanco und dem Cascahuín Blanco Tahona sind subtil, aber vorhanden: erstens wird für die Zerkleinerung eben statt einer Stahlmühle die namensgebende Tahona verwendet; zweitens erfolgt die Fermentation vollständig in Zementgruben, und für die Fermentation wird die Bagasse, also die Fibern, mitverwendet. Auch der Blanco Tahona zeigt sich kristallklar und fehlerlos, das Schwenkverhalten ist ähnlich ansprechend mit erkennbarer Öligkeit und hübschen Beinen an der Glaswand.

Tequila Cascahuín Blanco Tahona

Ich bilde mir ein, in der Nase eine frischere Variante zu finden als beim Blanco. Hier ist der Gewürzaspekt auch etwas mehr herausgearbeitet, man entdeckt Kardamomkapseln, Koriander und schwere Spearmint, Anflüge von Thymian und Rosmarin. Natürlich sind das Nebeneffekte, auch hier ist die Agave die klare Herrscherin der Aromen, sie wirkt aber edler eingebettet in ein Kräuterbett. Genauso geht es mir am Gaumen – die Aromen und die Textur wirken einen Hauch feiner im Antrunk, leichter und frischer; im Verlauf zeigt sich aber auch, dass der Blanco Tahona trotz der feineren Aromen auch mehr Pfeffrigkeit und Wucht am Gaumen herausbildet. Das wirkt frischscharf, minzig, mit milden Poblano-Chilis als Unterbau, vom Geschmack und dem Effekt her. Salzig und trocken ist er weiterhin, und im Abgang dann noch trockener als der Blanco, das muss man schon mögen, wenn einem die Spucke weggesaugt wird. Der Nachhall zeigt dann Kirsche und Pfirsich, ganz hintergründig nur.

Der Unterschied ist erkennbar, und der Blanco Tahona wirkt frischer und frecher als der im Vergleich nun fast gemütlich erscheinende Blanco. Beide bleiben dem Basismaterial sehr treu und interpretieren es nur leicht anders.


Auch für den Cascahuín Plata 48 gibt es Details zu berichten: Das Besondere hier ist die Destillation zur Abfüllstärke, und das Auslassen jeder Art von Filtration, ansonsten hält man sich an die Stahlmühle und eine Mischung aus Stahl- und Zementbehältnissen für die Fermentation, teilweise mit Fibern. Die Produktionsmenge ist auf 2500 Liter pro Batch begrenzt. Über das Aussehen des Plata 48 gibt es dagegen wenig neues zu erzählen, auch hier ist die erwartete Kristallklarheit vorhanden, und die Flüssigkeit schwappt schwer hin und her; die sich bildenden dickköpfigen Tropfen laufen langsam ab.

Tequila Cascahuín Plata 48

In der Nase kommt er aber überraschend anders an als seine beiden Vorgänger; hier ist alles viel weicher, dumpfer, runder, und ich meine, hier nun erstmal bananige Noten vorzufinden. Weiße Schokolade vielleicht, Nelken, und etwas dunklerer Tabak als zuvor. Die Agave ist weiterhin prägnant, aber viel weicher, tiefer, schwerer. Kokosfleisch finde ich, und etwas weniger mineralische Aspekte.

Die Textur wirkt viel milder, runder, voller, der Antrunk ist von Süße und Agave getrieben, mit feinen Fruchttönen und einem sehr kräuterigen Subtext. Jener verstärkt sich im Verlauf, zusammen mit einer sehr effektiven Schärfe, nun eher Jalapeño als Poblano. Die Trockenheit ist deutlich zurückgenommen, die Zunge kribbelt warm und ausgesprochen angenehm. Im Nachhall klingt das grüne Chili voll nach, in einem wirklich herrlichen Zusammenspiel mit der Agave, minimalster Floralität und in beeindruckender Länge und Breite.


Ah, ich kann mich nicht entscheiden, das sind alle drei herausragend gute Tequilas, die je einen anderen Aspekt betonen und darin wirklich das Beste zeigen, was diese Kategorie zu bieten hat. Wer die volle, reine Agave will, trinkt den Blanco; wer mehr auf edle Frische steht, den Blanco Tahona; und wer es mehr mild und perfekt integriert mag, den Plata 48. Wie gesagt, ich kann und will keine Entscheidung treffen. Egal, welchen man sich zulegt, man kauft die Crème-de-la-Crème des Tequila.


Wenden wir uns nun den holzgereiften Varianten zu – für mich gilt weiterhin, dass der ungereifte Tequila der König dieser Kategorie ist, aber gut gemachter Holzinteraktion bin ich auch hier nicht vollständig abgeneigt. Übersichtliche 6 bis 8 Monate reposiert der Tequila Cascahuín Reposado in Weißeichenfässern, die vorher schon 20 Jahre und mehr für Tequilareifung benutzt worden waren, da ist also keine erkennbare Fremdbelegung mehr vorhanden; ein Tequilafass, wie es sein soll.

Tequila Cascahuín Reposado

Leichtes Stroh hat das Holz verursacht, eine dezente Tönung nur. Und auch in der Nase erkennt man sofort, dass hier behutsam vorgegangen wurde – der Tequila klingt weiterhin sehr direkt und voll nach der Weberagave, immer noch grünlich und vegetabil, nur die Mineralität ist etwas abgeschwächt, aber sogar das im für mich voll vertretbaren Maß. Dazu kommt nur wenig, und das schätze ich – eine leichte Vanillenote, ein bisschen Zuckerwatte, beides aber nicht künstlich wirkend.

Am Gaumen erlebt man eine sehr runde Dichtheit, klar texturiert, mit sehr angenehmer Viskosität. Das Holz präsentiert sich hier eher süßherb, nicht so süßgewürzig wie bei vielen anderen Fassreifungen, sondern eher ledrig und mit Anklängen von hellem Tabak. Ich entdecke Piment und Schwarzpfeffer, vielleicht etwas Sternanis, im späteren Verlauf feurigen Zimt. Die Struktur ist trocken, am Ende mildpfeffrig warm, kribbelnd und sehr lang, gegen Ende klingen noch gemüsige Erbsen, Mais, grüne Bohnen, Koriander und ein salzkaramelliges Erdnussgefühl nach.

Mit so einem Ausbau macht man sogar mich zum Fan eines Reposado, das muss ich sagen. Toll, mit Fingerspitzengefühl und Respekt der Agave gegenüber gemacht, wirklich grandios. Ich bin begeistert.


Ein Tequila, der sich die relativ neue Bezeichnung der längsten Alterungsstufe zulegen will, muss laut NOM 3 Jahre in Holz liegen; beim Tequila Cascahuín Extra Añejo legt man noch ein zusätzliches Jahr drauf; und 4 weitere Jahre wird es in alten „pipones“, also Bottichen, weiter stabilisiert.

Farblich hat sich im Vergleich zum Reposado nur unwesentlich etwas getan, ein helles Maisgelb ist entstanden, immer noch ehrlich und Zeuge des lange gebrauchten Holzes. Der Geruch hat sich dagegen deutlich entwickelt, klassischere Holzaromen wie Vanille, Zimt und Karotte sind nun erkennbar, aber auch hier weiterhin nicht alles andere übertünchend. Die Agave geht sicher nun in den Hintergrund, bleibt erkennbar. Insgesamt ist die Nase deutlich zurückgenommen in allen Aspekten, man sieht hier einfach, wie flüchtig die Agave sich im Holz verhält. Das ganze wirkt generischer, weniger expressiv.

Tequila Cascahuín Extra Añejo

Auch im Mund merkt man, dass die Kategorie sich selbst keinen Gefallen tut, einen so filigranen Brand wie Tequila so lange zu lagern. Süß und mildholzig, viel Honig, Zuckermelone, Nelken und Pfirsich beherrschen nun das Geschmacksbild, die Mineralität und Vegetabilität ist fast ganz weg. Immerhin bleibt die klare Struktur erhalten, auch wenn sie durch Süße nun schon etwas aufgeweicht ist. Gegen Ende kommt tanninige, sehr ausgeprägte Bittere in Kombination mit Trockenheit heraus, leicht kantig und aber auch spannend kontrastreich aufgesetzt im Vergleich zum Antrunk, sehr karottig dann, mit feiner zimtiger Würze und warmen Nachglühen.

Das ist natürlich immer noch als Tequila erkennbar, vor allem im Nachhall, wo sich die Agave nochmal streckt und dehnt; dennoch für mich schon an der Grenze dessen, was ich in dieser Kategorie mag. Doch, so klar muss ich das sagen – das ist mit Abstand der ehrlichste und beste Extra Añejo, den ich bisher im Glas hatte, da bleibt sich Cascahuín treu.


Das Eintrinken für die Arbeit als Juror bei Spirits Selection by CMB ist hiermit erfolgreich beendet; die Gefahr bei dieser Samplereihe besteht natürlich, dass man sich den Gaumen verdirbt, weil man sich an so herausragend gute Qualitäten nicht unbedingt gewöhnen sollte, um den schwächeren Tequilas noch eine ehrliche Chance zu lassen. Nun, das Risiko gehe ich gerne ein, ich reise jedenfalls mit einem guten Mundgefühl und schönen Agavenaromen nach Mexiko!

Offenlegung: Ich danke Mezcaleria Berlin für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Samples dieser Tequilas.

Bier am Freitag – Whitetooth Brewing Dogtooth Rover Red Lager

Die kanadischen Berge sind eine spektakuläre Landschaft. Man muss dort gar kein Ziel haben, sondern jeder Meter, den man fährt und geht, ist ein Erlebnis für sich. Weite Wälder, harsche Hochebenen mit besonderen Bergen, schlängelnde Straßen und atemberaubende Aussichtspunkte, ich möchte diese Gegend jedem ans Herz legen, der gerne unberührte Natur erleben will. In British Columbia, zwischen den Rocky Mountains und der Purcell Range, am Zusammenfluss der Flüsse Kicking Horse River und Columbia, liegt die Stadt Golden. Dort steht seit 2016 die Brauerei Whitetooth Brewing Company, und sie machen moderne Biere wie das Dogtooth Rover Red Lager. Es ist mit 5,3% Alkoholgehalt und 27 IBU als limitierte Auflage in Dosen abgefüllt.

Whitetooth Brewing Dogtooth Rover Red Lager

Die Farbe des Biers ist fast identisch zu der des Dosenetiketts, solche Details mag ich einfach. Es ist leicht opalisierend, die kastanienbraune Farbe leuchtet sehr attraktiv besonders im Gegenlicht mit rubinroten Lichtreflexen. Der Schaum ist leicht beige, bleibt als bedeckendes Element lange auf dem Bier. Am Rand des Schaums sieht man eine sehr feinblasige, ausdauernde Perlage.

Für die Nase gibt es etwas weniger zu berichten, sie wirkt malzig, aber dennoch sehr frisch, leicht nussig vielleicht, mit Erinnerungen an saftige, frisch geschälte Maronen. Etwas rostig und ganz dezent grünholzig vielleicht; das Dogtooth Rover drängt sich definitiv nicht auf, ist aber dabei keineswegs neutral.

Das Mundgefühl dagegen weiß direkt zu überzeugen, das ist fett, cremig, kauig und voluminös, macht richtig Spaß, es im Mund zu halten. Der Antrunk ist frisch und klar, mit sehr ansprechender und balancierter Säure, und der sich wunderbar einpassenden Karbonisierung. Trotz der dunklen Farbe ist das Bier helltönig, prickelnd, mit fast einer ganz, ganz dezenten Minzigkeit im Finish, die sich kühlend lange auf die Zunge legt.

Das Bier macht richtig Spaß, hier passt alles ineinander und ist toll abgestimmt.

Ich habe es bei leicht kühleren Temperaturen in den Rocky Mountains getrunken, und bei einem der heißesten Tage des Jahres im Saarland; bei beiden funktioniert es großartig. Ich hatte ein Fourpack gekauft, zwei der Dosen haben es bis nach Deutschland geschafft, und ich bin glücklich darüber – es versetzt mich direkt zurück nach Golden, und erinnert mich an einen fantastischen Roadtrip durch British Columbia. Mehr kann ein Urlaubsmitbringsel nicht leisten.

Saftige Aprikosen – Arpád Budapest Prémium Barack Pálinka

Ein kurzer Trip nach Ungarn, zwei Tage Balaton, zwei Tage Budapest, ein Tag Györ – da kriegt man wieder etwas zu sehen von diesem wirklich schönen Land, mit seinen naturbelassenen Landschaften und beeindruckenden Gebäuden aus alten Zeiten. Es tut mir im Herzen weh, wenn ich sehe, wohin das Land gerade steuert; ich dachte, die Ungarn würden die Einschusslöcher an den Wänden in den Gebäuden gegenüber des Parlaments, die noch vom blutig niedergeschlagenen Aufstand 1956 herrühren, erinnern und sich nicht von einem russlandfreundlichen, rückwärtsgewandten und homophoben Autokraten belabern lassen, doch das passiert nun. Es wundert mich nicht so sehr, wenn man die wirtschaftliche Lage berücksichtigt, unter der viele Ungarn leiden – Preise auf deutschem Niveau sind mit einem gleichzeitig nur ein Zehntel betragenden Einkommen schwer bezahlbar, und die Unterschiede zwischen dem sehr einfach gebliebenen Land und der hyperlebendigen Hauptstadt sind in Ungarn noch krasser ausgeprägt als in vielen anderen Ländern.

Auf dem Land, mitten in der ungarischen Ebene, findet sich die Stadt Békéscsaba, und von dort stammt der Arpád Budapest Prémium Barack Pálinka. Der Name der Spirituose ist also mehr eine Homage an die Stadt als ein Produkt aus ihr; dennoch ist das natürlich ein augenfängerisches Fläschlein, mit hohem Souvenirpotenzial für den Gast in der Metropole. Pálinka ist strengreguliert, es dürfen nur Früchte verwendet werden, die in Ungarn angebaut worden sind, es sind keinerlei Zusätze erlaubt, da ist man strenger als die EU-Spirituosenverordnung. Wer einmal auf einem ungarischen Markt die Stände mit frischem Obst gesehen hat und ein paar der Pfirsiche oder Aprikosen probiert hat, wundert sich darüber nicht mehr, das Obst hat Aromen, von denen man hierzulande meist nur träumen kann, das ist fast eine religiöse Offenbarung, so saftig und lecker ist das Steinobst. Die Aprikose wurde hier vermaischt, gebrannt und mit 40% Alkoholgehalt abgefüllt, und ich erwarte ehrlich gesagt sehr viel, wenn ich mir nun ein Glas dieses Obstbrands eingieße.

Arpád Budapest Prémium Barack Pálinka

Brilliant und glasklar, ohne Fehler, ohne Einschluss, so wie eine ungereifte Spirituose aussehen muss. Im Glas schwenkt sie sich ölig, aber mit gleichzeitiger Lebendigkeit, hinterlässt dabei Tropfen an der Glaswand, die sich zu Beinen formen und langsam ablaufen.

Für die Nase präsentiert sich der Barack Pálinka vollfruchtig, die Aprikose ist in aller Schönheit voll abgebildet. Eine vollreife Frucht ist das, glänzend, man ahnt schon die Saftigkeit, die leichte Nachgiebigkeit beim Drücken, den sanften Flaum. Der süßsäuerliche Saft, der üppig austritt, beißt man hinein, die leichte Herbe, die man fühlt, wenn man an den Stein stößt. Frisch und hell, mit einem feinen Beiton von Vanille, vielleicht sogar Milchschokolade, aber nur in homöopathischen Dosen, so dass die linear gezeigte Frucht nicht durch Ablenkung gestört wird. Tiefes Schnuppern bringt einen Hauch von Lack, und minimalste Floralität. Insgesamt ein wirklich zum langen Verweilen einladender Duft, der schon das Wasser im Mund laufen lässt.

Arpád Budapest Prémium Barack Pálinka Glas

Am Gaumen kommt der Arpád Budapest Prémium Barack Pálinka texturell viskos und sehr dicht an, mit schwerer Süße, ein sehr breites Mundgefühl, das sehr lange erhalten bleibt. Direkt im Antrunk blüht die Aprikose auf, erneut saftig und vollreif, aromatisch rund und charmant, herrlich sich mit der Textur vermählend, es fühlt sich stellenweise nach Fruchtsirup an, den man trinkt, wäre da nicht die klare Struktur mit frischer Helligkeit und einem gewissen, ganz dezenten und perfekt eingebetteten medizinischen Beiklang, der für Eleganz und Komplexität sorgt. Im würzigen, prickelnden Nachhall geht dann wie im Antrunk die Aprikose nochmal so richtig schön auf, diesmal milder, aber dafür noch ausgeprägter, mit einem wunderschönen floralen Oberton. Das bleibt lange im Mund, verklingt nur ganz langsam und entspannt mit viel Geduld. Ein großartiger Abgang, der die Verkostung krönt.

Völlig unkompliziert, dicht und vollaromatisch, mit feiner Eleganz und sauberer Struktur – das ist Handwerk vom Feinsten. Die Aprikose ist eine der Herzensfrüchte der Ungarn, und hier hat sich ein Meister gefunden, der das Beste aus ihr herausgeholt und in flüssige Form gebracht hat.


Diese Aprikose muss nicht Hauptdarsteller in einem Cocktail sein, sie zeigt ihre Stärken auch dann, wenn sie die zweite Geige spielt. Im Gin Blossom Martini wird man sich schwer tun, einen besseren Aprikosenbrand zum Einsatz zu finden, die Textur und die starke, ausdauernde Aromatik machen den Arpád Budapest Prémium Barack Pálinka hier zum idealen Mixkandidaten.

Gin Blossom Martini Cocktail

Gin Blossom Martini
45ml Dry Gin
45ml süßer weißer Wermut
23ml Aprikosenbrand
2 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis rühren. Mit Zitronenzeste absprühen und dekorieren.

[Rezept nach Julie Reiner]


Sehr cool ist natürlich die Flasche an sich. Ich mag dieses quaderförmige Design, das passt sich gut in die Heimbar ein, da findet sich immer ein Plätzchen. Der Plastikschraubverschluss ist qualitativ gut und funktional. Das Highlight ist der Druck auf die Flasche, die die Kettenbrücke in Budapest zeigt, mit dem Burgpalast auf der Rückseite, so entsteht ein dreidimensionaler Effekt, der mir gefällt, der Pálinka in der Flasche symbolisiert so die fließende Donau. Dazu ein hübsches Etikett mit handschriftlich eingetragener Unterschrift des Meisterbrenners und einem aufgestempelten Abfülldatum. Was will man mehr.

Demnächst geht es nochmal für ein paar Tage nach Ungarn, und ich werde wieder die eine oder andere Flasche Pálinka mitbringen. Wenn die auch nur ansatzweise an diesen hier herankommen, werde ich sehr zufrieden sein.

Das Herz des Safts – Saint Aubin 1819 Rhum Blanc Coeur de Chauffe

Dass die Farbe einer Spirituose eigentlich nichts über ihre Herstellung und ihre Qualität aussagt, sollte inzwischen bei meinen Lesern eine bekannte Tatsache sein, darüber habe ich schon oft geschrieben. Es ist aber weiterhin schwer, die Begriffe „weiß“ und „braun“ komplett zu ignorieren, vor allem, wenn die Hersteller sie weiterhin auf die Flaschen schreiben, manchmal auch als „gold“ oder „dark“. Ich verstehe das natürlich, in manchen Szenarien ist das Wort „ungereift“ einfach zu holprig, und manchmal ist ein „weißer“ Rum auch gar nicht ungereift, sondern nur gefiltert, man sieht, es ist weiterhin Mitdenken gefordert, wenn man Schnaps kauft. Wie komme ich zu diesem Thema? Im Namen des Saint Aubin 1819 Rhum Blanc Coeur de Chauffe findet man so ein Wort prominent im Namen, natürlich französisch, und auf dem Flaschenhals auch in englischer Form.

Es ist aber ehrlich gesagt noch das am wenigsten erklärungsbedürftige bei der Flasche, aber dazu bin ich ja da. Mit „coeur de chauffe“ bezeichnet man in französischen eigentlich das „Herzstück“ der Destillation, in Abgrenzung zu Vor- und Nachläufen; bei Rum ist es oft so, dass mit diesen eigentlich unerwünschten Destillationsteilen durchaus großzügiger umgegangen wird, hier schränkt man sich diesbezüglich also explizit ein. Die Wortkombination ist ein geläufiger Begriff, der frankophil veranlagte Rumgenießer wird sie auch anderweitig bei Rums aus entsprechenden Weltregionen gelesen haben. Auf dem Rücketikett wird es dann spannend, denn dort liest man, dass es sich hier um einen „rhum agricole“ handelt, diese Bezeichnung ist aber in Anführungszeichen gesetzt, denn Mauritius ist nicht in der kleinen Liste der Gebiete, die diese Bezeichnung für Zuckerrohrsaftrum im Gültigkeitsbereich der EU-Spirituosenverordnung verwenden darf – schließlich ist Mauritius kein französisches Überseedépartement, auch wenn man das aufgrund der Sprache dort vielleicht vermuten mag. Hergestellt wird er jedenfalls trotzdem natürlich ähnlich, der frische Saft wird vergoren und dann in einer Potstill gebrannt und kommt schließlich mit 50% Alkoholgehalt in die Flasche.

Saint Aubin 1819 Rhum Blanc Coeur de Chauffe

Ungereift, ungefärbt, wie er aus der Destille läuft – so ein Rum hat eine besondere optische Qualität, das wirkt irgendwie sogar klarer als Wasser. Dazu kommt aber diese schwere Öligkeit, mit der er im Glas hin- und herschwappt, hohe Wellen wirft und dann schnell aber wieder in den Ruhezustand zurückgeht und die herablaufenden Beinchen aufnimmt.

Eine intensive Nase begrüßt uns, mit wuchtigen Zuckerrohrsaft-Aromen, ungefiltert und ohne Zurückhaltung. Da gibt es nicht viele Nebentöne, hier kriegt man die geballte Dichte des frisch gepressten Safts in seiner konzentrierten Form. Das wirkt natürlich erkennbar pflanzlich, mit Komponenten von grünem Blattschnitt, feuchtem Heu und ein paar Noten von weißen Blüten, hat dazu auch unterschwellige Gewürze in sich gefangen, Kardamom, Süßholz und etwas von Kampot-Pfeffer. Insgesamt bleibt der Duft aber klar und hell, sehr aufs Zuckerrohr fokussiert, frisch und trotzdem mit viel Volumen versehen.

Saint Aubin 1819 Rhum Blanc Coeur de Chauffe Glas

Die Textur spiegelt am Gaumen, was das Auge schon gesehen hat, eine kräftige Viskosität, die sich gemächlich über den ganzen Mundraum ausbreitet, man kann mitfühlen, wie das langsam passiert. Eine natürliche, dichte Süße begleitet das vom Antrunk an, sie ist erkennbar aromatisch noch vom Zuckerrohrsaft beeinflusst mit all seinen bereits erwähnten, grünlich-pflanzlich-gewürzlichen Aspekten. Der Alkoholgehalt von 50% ist in keiner Phase negativ spürbar, im Gegenteil, durch ihn entwickelt der Saint Aubin Coeur de Chauffe viel Kraft und Dichte und trägt damit die Aromen. Im Verlauf wird er leicht pikant, in einer Mischung aus weißem Pfeffer und ganz sanftem Chili, bleibt dabei aber rund und ohne Pieksen. Etwas Aquariumalgen und -kies findet sich, eine durchaus ausgeprägte mineralische Seite entsteht, danach kommen balsamische Noten von Eukalyptus und Sandelholz zum Vorschein, die ein heißkaltes Gefühl am Gaumen entstehen lassen, das lange anhält. Im Nachklang ist der Rum effektvoll, brummend, ausdauernd und lässt ein warmes, würziges Gefühl zurück.

Das funktioniert wirklich gut, der Rum fühlt sich für mich wie eine Kreuzung aus einer frischen Cachaça und einem schweren Agricole an, jedenfalls ist es toll, wie wunderbar der Alkohol hier eingebettet ist und auf ihm die Aromen aufbauen. Purtrinken ohne Frage möglich, im Cocktail natürlich eine Granate.


Das Ding hat Gewicht, und kann sich darum sehr gut in Rezepturen wiederfinden, die eine gewisse Aktivität ihrer Basiszutaten vertragen können. Ein Beispiel dafür ist sicher der Song of the Siren, bei dem sich die Zuckerrohraromen mit Agave und Frucht kombinieren sollen. Man verzeihe mir die Wahl des Trinkgefäßes, aber irgendwie finde ich solche Dinge sehr anziehend, und es macht Spaß, die Gäste zu sehen, wenn man einen Cocktail in so etwas serviert.

Song of the Siren Cocktail

Song of the Siren
1oz / 30ml ungereifter Rhum agricole
½oz / 15ml Mezcal
½oz / 15ml Crème de Cacao
½oz / 15ml Ananassaft
½oz / 15ml Limettensaft
Auf Eis shaken. Dirty dump in eine Tiki Mug. Mit pebbled ice toppen, und…
¼oz / 7ml Amaro
floaten. Mit geriebener Muskatnuss servieren.

[Rezept nach Shannon Mustipher]


Die Flasche passt zum Inhalt, da sind keine Schnörkel oder verspielte Details zu finden, ein klare Form, mit einem Plastikkorken und Holzstöpsel darauf, und leicht elegante Etiketten, die dem Auge gefallen.

Ich habe zuhause schon seit ewigen Zeiten eine Flasche des Saint Aubin History Collection stehen, die ich nun vielleicht zeitnah noch öffnen sollte, um eine gereifte Variante des Rumbrenners aus dem indischen Ozean zum Vergleich heranzuziehen. Der „weiße“ ist jedenfalls so charaktervoll, dass eine Fassreifung aus ihm sicherlich etwas spannendes und unterhaltsames erzeugen wird; jedenfalls nichts, was man einfach so nebenbei trinkt, da bin ich mir jetzt schon sicher. Die neue leichte Verfügbarkeit von Rums aus Mauritius ist jedenfalls ein Segen für die deutsche Rumlandschaft, es wird Zeit, dass die kleine Insel hierzulande diesbezüglich bekannter wird, und nicht nur als Urlaubstraumziel.

Offenlegung: Ich danke FFL -RUM Brands- für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Rums.

Alte Drachentattoos – Old Dragon Spiced Banana Rum

Bei meinem Stammtattoo-Studio hier in Saarbrücken weiß man inzwischen, welche Art von Tattoos ich bevorzuge. Bunt, mit vielen Blumen, exotisch. Das neueste war von meiner Reise nach Mexiko letztes Jahr inspiriert, irgendwie gehört es bei einem Tattoo für mich dazu, dass es durch eine besondere Begebenheit oder einen Umstand inspiriert ist; das Wort „Sinn“ nehme ich nicht in den Mund, denn einen Sinn muss ein Tattoo natürlich nicht haben, es ist Körperdekoration, die nur mir persönlich gefallen muss, und keinen tieferliegenden, weltbewegenden Anspruch haben. Insbesondere meine älteren Tattoos beweisen das – darunter ist ein großer Wasserdrache auf der Brust, der einfach dazu dient, ein älteres, furchtbar verschwommen und unscharf gewordenes Alttattoo zu überdecken. Drachen sind bis heute beliebte Motive, wenn ich mir so die Vorlagen anschaue, die in Tattoostudios ausliegen, und da wundert es nicht, wenn Dimi von 2Brothers Ink in Dinkelsbühl seine individuelle Spirituose dann auch in diese Richtung benennt.

Beim Old Dragon Spiced Banana Rum handelt es sich um ein erstmal verrückt klingendes Gebräu – Melasserum aus Venezuela und Jamaica wird mit Bananendestillat versetzt, es kommen Vanilleschoten aus Madagaskar dazu, und etwas Zucker, aber keine Aromastoffe. Gut gemachte Spiced Rums haben durchaus ihren Charme, finde ich, das negative Image, das noch oft herumgeistert, stammt meist aus der Zeit, als alle möglichen Hersteller ihre Produkte mit viel Schindluder versetzten, und dann einfach „Premium Rum“ auf die Etiketten schrieben. Gegen sowas habe ich immer noch was, es ist aber durch die neue, viel drängender geschriebene Neufassung der Spirituosenverordnung deutlich besser geworden; der Old Dragon ist aber schon im Namen diesbezüglich transparent, und dann ist das in Ordnung für mich. Er wird mit 40% Alkoholgehalt abgefüllt, und steht nun bei mir im Glas zur Verkostung bereit.

Old Dragon Spiced Banana Rum

Die Farbe passt zu den goldenen Applikationen auf dem Etikett, es ist ein poliertes Gelbgold, kräftig und leuchtend. Im Glas zeigt es sich auch wirklich schwer und viskos, sich windend wie der namensgebende Drachenwurm, einen fetten Film an der Glaswand hinterlassend, der träge abläuft.

Die Nase ist erstmal sehr klar von der reifen, dunkelgelben, fast schon braunen Banane dominiert, sehr fruchtig, dabei natürlich wirkend und mit viel Tiefe. Man kann darunter die Rumbasis herausschnuppern, sie tut sich aber schon schwer gegen die volle Bananen- und Karamellbreitseite, gibt aber erkennbar weiteres Volumen und Gewürznoten dazu, die verhindern, dass die Bananigkeit alles beherrscht. Würzig, süß, mit Anklängen von Piment, Muskatnuss und Sternanis, würde ich sagen, dazu Vanille, die sich aber nicht so platt aufdrängt, wie das bei vielen anderen Spiced Rums passiert. Nach etwas Offenstehzeit bildet sich eine milde, leicht alkoholische Spitze heraus. Insgesamt ein durchaus ansprechendes und vollaromatisches Geruchsbild.

Old Dragon Spiced Banana Rum Glas

Man spürt im Antrunk weiterhin diese fette Öligkeit, die Textur ist breit, wenn auch nicht ganz so tief, wie man es vielleicht erhofft. Die Süße ist initial sehr schwer, sehr wuchtig, fast ein bisschen überwältigend, da sie sich aus den Komponenten des zuckrigen Karamells und der Bananenfruchtigkeit zusammensetzt und damit schon recht üppig wird. Im Verlauf setzt sich das aber sehr angenehm, und auch wenn der Spiced Rum nie trocken wird, entsteht doch eine mildfeurige Würze, die auf der Zunge prickelt, und ein kühler Hauch, der den Gaumen auffrischt. Natürlich ist weiterhin die Banane Herrscherin des Geschehens, aber insbesondere im Abgang zeigen sich dezente aber fein ausgebaute Rumnoten, die dem ganzen einen erwachsenen und soliden Touch geben, den ich bei anderen Spiced Rums selten finde. Der Nachklang ist lang, bananig, mildwürzig, gewürzig und bleibt wirklich ausdauernd vorhanden.

Spiced Rums haben so ihren Ruf beim Kenner, aber der Old Dragon Spiced Banana Rum macht seinem Namen auf jeden Fall Ehre – da bekommt man genau, was man erwartet. Die Banane ist natürlich, kräftig, und setzt auf einer soliden Rumbasis auf. Ich trinke Spiced Rums höchstselten pur, bei dem hier mach ich das ohne drüber nachdenken zu müssen, wenn ich Lust auf was Fruchtigsüßes habe.


Für den The Banana Life braucht man eigentlich nur einen kleinen Schuss Bananenlikör, der einem Rum einen gewissen Twist gibt. Aber wenn ein Cocktail schon so heißt, warum soll man dann nicht „all-in“ gehen und den normalen Rum und Likör einfach durch eine gemeinsame Dosis des Old Dragon ersetzen? Insgesamt ist es ein schwierigeres Rezept für den fortgeschrittenen Tikisten, aber gerade die Breite, die der Old Dragon mitbringt, sorgt für ordentlich spaßiges Volumen in einem Drink für alle, die Bananen egal in welcher Form mögen.

The Banana Life Cocktail

The Banana Life
2oz / 60ml ungereifter Rum
¼oz / 7ml Bananenlikör
¾oz / 23ml Ananassaft
¾oz / 23ml Grapefruitsaft
¼oz / 7ml Limettensaft
½oz / 15ml Fassionola
Mit Eis blenden, mit crushed ice auffüllen.

[Rezept nach Pagan Idol / San Francisco]


Die Flasche ist neutral geformt, mit einem Plastikkorken mit Holzstöpsel versehen; das Etikett passt zu einem Tattoo-Studio, hat einen gewissen asiatischen Touch.

Natürlich muss man hier schon eher auf likörige Spirituosen stehen, um das wertschätzen zu können; dennoch finde ich das Produkt gut zusammengestellt. Persönlich fände ich es extrem spannend, wenn man für einen zweiten Batch vielleicht sogar den Zucker ganz weglassen könnte, um den Rum, das Bananendestillat und die Gewürze noch deutlicher in natürlicher Form wirken lassen zu können. Vielleicht nimmt Dimi das als Anregung auf. Bis dahin ist der Old Dragon ein angenehmes Getränk, auf Eis geschlürft, oder als unterhaltsame Cocktailzutat. Auf jeden Fall sticht er aus der Masse der leider ja oft so belanglosen Spiced Rums heraus und ist für Anhänger des süßen Nippens definitiv einen Blick wert; man muss keinen Drachen auf der Brust tätowiert haben, um sich damit anfreunden zu können.

Offenlegung: Ich danke Dimi Zaharcenko von 2Brothers Ink/Airbrush Studios SK-Brush für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Flasche dieses Spiced Rums.

Kretischer Trester – Aoraki, Rakaki und Lyraki Tsikoudía

Irgendwie muss man das Backlog auch bei einer Heimbar pflegen, insbesondere, wenn sich Dinge schon Jahre darin aufhalten und irgendwann auch mal zu ihrem Recht kommen sollen. Aus diversen Kreta-Urlauben hatte ich mir immer ein paar Kleinflaschen der lokalen hochprozentigen Produkte mitgebracht, und neulich entdeckt, dass die eigentlich noch nie besprochen worden waren. Und so kommt heute mal wieder eine Gruppenbesprechung hier – die Gemeinsamkeit, die ich für soetwas voraussetze, ist die Spirituosenkategorie; bei den drei Bränden, die ich heute vorstelle, handelt es sich um Tresterbrand. Der offizielle griechische Name für diesen kretischen Tresterbrand ist Tsikoudía (eine Unterform des Gesamtgriechischen Tsipouro), auf Kreta sagt man in der Regel Raki dazu, wer schonmal dort war, kennt das selbstverständlich, denn Raki gehört auf Kreta mit zur unwegdenkbaren Lebenskultur, gefühlt jeder brennt auch seinen eigenen Hausraki. Ich habe vor einer Weile schonmal was über Raki geschrieben, und ergänze diese Eindrücke nun mit folgenden Produkten.

Aoraki, Rakaki und Lyraki Tsikoudía

Drei Marken biete ich heute an: Aoraki, Rakaki und Lyraki, die klingen schon ähnlich, da ist man gespannt auf die Unterschiede. Alle drei sind „pur“, also nicht mit Anis aromatisiert, und auf Kreta in kleinen Supermärkten gekauft, dort bekommt man sie in diversen Größen für sehr erschwingliche Preise (man sollte sie jedenfalls nicht in den Touristen-Souvenir-Läden holen, da ist direkt ein enormer Preisaufschlag im Vergleich zu den Supermärkten da).


Wir beginnen mit Aoraki Cretan Tsikoudía, wie er angliziert auf dem Etikett genannt wird. Er weist 38% Alkoholgehalt auf, und als einzige Herstellungsinformation bekommt man den sehr generischen Hinweis, dass „grape varieties of Cretan vineyards“ benutzt werden.

Aoraki Tsikoudía

Kristallklar, ohne Einschlüsse, mit einer sehr beeindruckenden Viskosität beim Drehen des Glases. Ein Film bildet sich dabei.

In der Nase erhält man ohne Umschweife die hohe Typizität eines Tresterbrands, dazu aber schon gleich schöne bunte Fruchtigkeit, da sind ein paar Sauerkirschen und Mandarinen drin, und ausgeprägte Muskat-Traubigkeit. Eine ganz milde Grüne findet sich, die sich mit der Erdigkeit paradox kombiniert. Frisch, klar strukturiert, keine nennenswerten Seitennoten, vielleicht etwas Gewürz und schwarzer Pfeffer.

Am Gaumen spürt man erstmal eine milde, weiche Rundheit, gepaart mit starker Süße. Es fühlt sich breit an, hat aber nur sehr wenig Tiefe, und es fehlt direkt an Spannung und Struktur. Die Aromen, direkt im Antrunk noch fruchtig und blumig, sind schnell flacher als in der Nase, im Verlauf sogar abbauend, wenn sich generische Pfefferwürze zeigt. Der Abgang ist kurz und wenig aufregend, dumpf und stumpf, ein wenig Geranien zeigen sich im Nachhall.

Sicherlich kein Brand, der einen vom Hocker reißt. Undefiniert, flach, zu schwachbrüstig und dafür dann zu süß, ohne klare Linie. Man vermisst nichts, wenn man ihn in Deutschland aktuell nur schwer bekommen kann, und auch von Kreta muss man nicht unbedingt eine Flasche davon mitnehmen.


Macht es der Rakaki Tsikoudia besser? Er hat immerhin schonmal 40% Alkoholgehalt, doch auch hier findet man keine Details zu Rebsorten oder Herstellung, was ich sehr schade finde.

Rakaki Tsikoudía

Klar, sauber, fehlerfrei. Leichte Öligkeit, Beinchen bilden sich an der Glaswand.

Die Nase ist frisch und sehr würzig, aromatische Trauben, klassische erdige Tresterrestaromen, dazu grüne Blätter, frische Blüten, leichte Zitrusaspekte, Lemongrass, unspezifizierte Kräuter; bunt, aber nicht stark ausgeprägt. Eine gewisse Alkoholizität erkennt man.

Im Mund ist außer einer sehr allgemeinen Gewürzseite kaum etwas übrig. Die Erdigkeit ist dumpf, die Frucht stumpf und wirkt fast schon verrottet. Keinerlei Charme ist da, die Frische ist verschwunden. Dazu kommt ein schmaler Körper mit wenig Struktur und Linie, und eine wenig spannende Süße. Der Abgang ist kurz, leicht balsamisch, mit ein wenig schwerer Floralität als Nachklang

Das macht nicht wirklich viel Spaß. Vielleicht eisgekühlt, als Digestif, im kretischen Klima nach einem würzigen Essen. Und man trinkt ihn dort, und lässt ihn dann auch dort.


Bisher wurden wir nicht außergewöhnlich verwöhnt mit kretischer Lebensart, das muss man schon sagen. Ein dritter Versuch erfolgt nun mit dem Lyraki Cretan Tsikoudia, der auch mit 40% Alkoholgehalt in die kleine Flasche kommt, die sogar in einer kleinen Dose verpackt ist.

Lyraki Tsikoudía

Klar und fehlerfrei, mit ansprechender Öligkeit, die sich hübsch schwenkt. Eine Filmkante bildet sich, aus der dicke Tropfen ablaufen.

Im Geruch wirkt der Lyraki sehr frisch und kräuterig, mit Eindrücken von Heu, getrocknetem Getreide und etwas Hirse. Die typischen Tresternoten liegen darunter, erscheinen beim zweiten Schnuppern. Eine spannende Ledrigkeit findet sich, und esterige Fruchtigkeit.

Auch am Gaumen wirkt es klarer, heller und strukturierter als seine zwei Vorgänger, doch die Aromen wirken nicht unbedingt ansprechend. Sehr heuig und grasig, quietschende Ester, milde Schokoladentöne, vorsichtige Steinfrucht. Gegen Ende kommt nun aber diese feine, brummende Würze auf, die sich plötzlich mit den Aromen gut kombiniert und ein sehr rundes, warmes Mundgefühl hinterlässt, bei dem noch schwere Blumigkeit mitklingt.

Der Abgang ist toll, das muss ich sagen – schade, dass der Weg dorthin etwas beschwerlich ist. Sicherlich ist der Lyraki aber der unterhaltsamste der drei Kreter, und vielleicht ein vernünftiger Einstieg in die Kategorie, die viel mehr als diese drei zu bieten hat.


Ich habe mit den Resten der drei Brände, die nach der Verkostung übrig geblieben sind, einfach einen Cocktail zusammengeschüttelt. Und, was soll ich sagen, der Etesian Wind ist so ein Beispiel eines Drinks, bei dem man all die Mängel, die eine Basisspirituose vielleicht haben mag, plötzlich gar nicht mehr spürt, im Gegenteil. Hier gleicht sich alles aus, die vereinzelten Stärken der Tsikoudias bleiben aber erhalten. So macht das ganze dann Spaß!

Etesian Wind Cocktail

Etesian Wind
50ml Tsipouro
25ml Mastiha
25ml Orgeat
30ml Zitronensaft
1 Spritzer Rosenwasser
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Zafiris Dimitris Skandaliaris]


So richtig empfehlen kann ich aber leider keines dieser drei Produkte, selten genug, dass mir das bei einer Verkostungsreihe passiert. Sie punkten alle drei ganz sicher über ihren schönen Duft, der wirklich angenehm ist, danach kommt aber meist nicht mehr so viel unterhaltsames. Da hatte ich gefühlt sehr viel besseres im Glas, als ich auf Kreta war, insbesondere die „hausgemachten“ Brände haben viel mehr Charakter und Charme als diese professionell abgefüllten Produkte. Nun, vielleicht muss ich doch nochmal zurück auf die Insel der Träume, um das zu verifizieren. Es gibt ganz sicher schlimmere Orte, um ein paar Tage für eine Bildungsreise zu verbringen!

Bier am Freitag – Bryggeriet Frejdahl Skolder Viking Voyage

Ein Herrengedeck besteht aus einem großen Erfrischungsgetränk und einem kleinen Hochprozentigen, zumindest kenne ich es so. Ein klassisches Beispiel dafür wäre ein „hauf and a hauf“ in Schottland, ein Whisky und ein Bier. Beim Bryggeriet Frejdahl Skolder Viking Voyage verfolgt man diesen Gedanken noch etwas weiter – im Brauprozess des Biers wird Whisky bereits als Zutat verwendet. Man findet dementsprechend diese Angaben auf dem Etikett des dänischen Biers: Gerstenmalz, Weizenmalz, Highland Park 12y, Hopfen, Hefe. Dazu wird eine Miniatur des eingesetzten Highland Park 12 Year Old geliefert, so dass man sich das Herrengedeck selbst noch gönnen kann, diesmal im doppelten Sinn. Vielleicht wird es schwer, an dieses Set noch heranzukommen, denn es war eine für Dänemark limitierte Auflage, aber darum probiere ich es ja hier für die Nachwelt.

Bryggeriet Frejdahl Skolder Viking Voyage

Espressobraun, fast schon ins Mahagoni übergehend, steht das Bier im Glas, blickdicht auch bei Gegenlicht. Perlage ist keine vorhanden, Schaum nur in Form einer kontrastreichen, cremafarbenen Kante an der Glaswand. Dreht man das Glas, haftet das Bier kurz an ihr.

Wie es bei einem Wikingergetränk sein soll, springt einen der Geruch direkt an. Sehr stark röstmalzig, mit klaren Holzanklängen, leichtem Rauch und viel Kaffee. Ein Abend am Lagerfeuer, so sind die Eindrücke. Minimale kaltrauchige Specknoten und orthogonal dazu frischere Aromen von Orange und Aprikose, ich finde ja immer, dass Rauch und Frucht ineinander übergehen, wenn sie beide ausgeprägt sind – das Skolder ist ein gutes Beispiel dafür.

Noch viel fruchtiger ist der Eindruck am Gaumen, da ist dann ein Gemisch aus Orange und Pfirsich, vielleicht etwas Mango und Ananas sogar, dominierend. Der Antrunk ist voll und weich, die Textur rund mit leichter Frische aus der hier spürbaren Karbonisierung. Säure übernimmt, ohne wirklich hart zu werden. Im späteren Verlauf kommt das Röstige deutlicher hervor, malzig und mit Anflügen von Honig. Der Körper wirkt dann ein bisschen zu leicht für all die schweren Aromen, gerade, wenn im Abgang dann noch feines Süßholz und edle Bittere dazu stoßen, etwas mehr als die eingestellten 6% Alkoholgehalt hätten hier vielleicht gut getan. Der Abgang ist mittellang, röstig-fruchtig-blumig, schön komplex und unterhaltsam.

Spürt man den Whisky als Zutat? Ja, durchaus, in den feinen Nuancen und Details des Biers findet man ihn, wenn man ihn sucht, und gerade im Nachhall zeigt er sich deutlicher. Ein sehr aromatisches Bier, frisch, fruchtig, fast sommerlich im Charakter, und dagegen schwarz wie die Nacht. Gefällt mir sehr gut, vor allem als Herrengedeck zusammen mit dem Highland Park 12. Eine schöne Idee, sauber ausgeführt, toll vollendet.

Weinbrand aus Moldau – Kvint XO Premium Imported Grape Divin 20 Years Aged

Transnistrien ist aktuell nur wenigen Menschen ein Begriff, und wenn sie es kennen, dann wahrscheinlich hauptsächlich aus wenig erbaulichen Nachrichten über die politische Lage dort; Russland nimmt schon lange mehr oder weniger öffentlich Einfluss dort, das Land liegt wahrscheinlich, wenn die Ukraine einverleibt wurde, als nächstes auf dem Schlachtblock des imperialistischen Nationalismus Russlands, mit einer ähnlichen Argumentation – die russische Minderheit muss geschützt werden vor den drogenabhängigen, schwulen Nazis, die aktuell im Westen an der Macht sind, und das geht nur, wenn man das Land zu Mutter Russland zurückführt. Nun, wir wollen hier auch andere Seiten von Transnistrien, der Region in der Republik Moldau (auch oft Moldawien genannt), zeigen, und das tun wir nun mit dem Kvint XO Premium Imported Grape Divin 20 Years Aged. „Kvint“ ist ein Akronym, das sich aus den russischen Wörtern „коньяки, вина и напитки Тирасполя“ (Kon’iaki, vina i napitki Tiraspol’ia) zusammen, die übersetzt sehr prosaisch sind: Weinbrand, Wein und Getränke aus Tiraspol. 1897 wurde die Firma gegründet, da ist also Tradition drin, und heute produziert die Firma 20 Millionen Flaschen dieser diversen alkoholischen Spezialitäten.

„Divin“ ist ein in Moldau geschützter Begriff, der die früher oft verwendete Bezeichnung „Kon’iaki“ ersetzt, nachdem die französischen Inhaber der Appellation Cognac entsprechende Maßnahmen gegen die Verwendung ergriffen haben. Die Herstellung ist entsprechend dennoch klar an der „Cognac-Methode“ orientiert; mit dem Einsatz weißer Weintrauben, einer doppelten Destillation, einer Einstellung auf 40% Alkoholgehalt und einer aufwändigen Arbeit in der Verblendung. Es handelt sich also um einen Blend/Cuvée aus vielen separat gereiften Einzeldestillaten; wichtig dafür ist, dass die „20 Jahre“ auf dem Etikett auf dem Rücketikett noch mit dem Schlüsselwort „mindestens“ aufgewertet werden. Die Zutatenliste enthält noch das weniger erbauliche Wort „Zuckersirup“, wobei ich mir nicht sicher bin, ob die automatisierte Übersetzung (mein moldawisch/russisch reicht nicht aus, um das wirklich mit Sicherheit feststellen zu können) hier nicht doch eher „Zuckerkulör“ meint (dies wird genutzt für die einheitliche Farbgebung, wie bei fast allen dunklen Spirituosen). Auf der Homepage der Seite werden manche der Weinbrände mit 7-10g/L Zuckergehalt angegeben; man hat also wahrscheinlich eine leicht gesüßte Spirituose vor sich. Nun aber mal schauen, was transnistrischen Weinbrand sensorisch so ausmacht!

Kvint XO Premium Imported Grape Divin 20 Years Aged

Die Farbe ist üppig und stark, ein dunkles rotbraun, zwischen Siena und Pariser Rot einzuordnen. Es wird Zuckerkulör zum gleichmäßigen Einstellen dieser Farbe verwendet. Beim Drehen des Glases findet man eine dazu passende Viskosität, richtig schwer bewegt sich die Flüssigkeit, bildet dabei ein dickadrige Fläche an der Glaswand, die lange haftet.

Für so eine scheinbar exotische Spirituose muss man beim Geruch erstmal sicherlich die sehr hohe Typizität feststellen, das riecht sich ganz klassisch nach Weinbrand, wie wir ihn auch aus Frankreich, Deutschland und Italien kennen. Die Frucht wirkt hier herb, deutlich vom Holz dominiert, mit ein paar lackigen Tönen, die Zeit in Holzfässern macht sich sehr bemerkbar, fühlt sich aber nicht überaltert oder wirklich verholzt an – eine gewisse Frische bleibt vorhanden, leicht in Richtung Anis und Koriander tendierend. Piment finde ich, dazu eine dunkle Sauerkirschennote, mit Offenstehzeit kommt diese dunkle Frucht immer stärker zum Tragen, wird ergänzt durch Trockenpflaume und hellem Sumatra-Tabak.

Kvint XO Premium Imported Grape Divin 20 Years Aged Glas

Im Mund kommt der Kvint XO sehr rund und texturell fett an, die Öligkeit schmiegt sich zunächst breit an den Gaumen und unterfüttert das durch angenehme, sehr natürliche Süße, die eventuelle leichte Süßung ist zumindest gut gemacht Die holzigen Töne dominieren hier zunächst, da findet man viele herbe, balsamische Eindrücke, die sich dann mit Süßholz und ganz dezenter Kräuterfrische kombinieren. Letztere nehmen im Verlauf zu, wenn sich der Brand ins Trockene dreht, und ganz milde Wärme den Gaumen zum leichten Kribbeln bringt. Hier blühen dann die Trockenfrüchte auf, kandierte Datteln, herber Honig, reife Kirschen, dunkle, schweraromatische Trauben. Kühl klingt er dann aus, leicht eukalyptisch, mit sehr lange anhaftenden traubigen Fruchtnoten, ergänzt durch unterschwellige, grüne Kräuter. Im etwas bitteren Abgang spürt man vielleicht etwas zuviel Holzkontakt.

Dennoch bleibt ein ausgesprochen positives Endbild – der Kvint XO wirkt sehr angenehm im Mundgefühl und ist aromatisch interessant, dabei erwachsen und ausgereift. Hier muss man sich nicht hinter den großen Traditionsnachbarn aus anderen Ländern verstecken, das ist eine großartige Spirituose, aus einem Land, von dem man sonst nicht so viel hört.


Im Mount Vernon braucht es einen Brandy, der sich nicht vor die Kirscharomatik drängt, aber gleichzeitig es noch schafft, präsent zu sein. Der Kvint XO macht das erstaunlich gut, passt sehr gut zur fruchtig-trockenen Atmosphäre dieses Drinks. Das Rezept mag sich auf den ersten Blick extrem süß anhören, mit dem Sherry und dem Kirschlikör, doch insgesamt wirkt am Ende sehr balanciert und findet genug Möglichkeiten, die Süße abzufedern.

Mount Vernon Cocktail

Mount Vernon
1oz / 30ml Brandy
1oz / 30ml Kirschwasser
¾oz / 23ml Grapefruit-Saft
½oz / 15ml PX Sherry
½oz / 15ml Cherry Heering
Auf Eis shaken. Mit Cocktailkirschen dekorieren.

[Rezept nach Jim Meehan]


Besonders schön ist natürlich die Präsentation hier – die schwungvolle, rundliche Flasche, dazu ein sehr edel gestaltetes Etikett und ein echter Korken unter einem leicht protzigen Plastikaufsatz. Sieht gut aus, liegt gut in der Hand, macht einen hochwertigen Eindruck, der zum Inhalt passt.

Ich glaube, es wird deutlich – man muss trotz der ungewohnten Herkunft und der vielen kyrillischen Buchstaben auf dem Etikett keine unglaublich exotische Spirituose erwarten. Man bekommt stattdessen einen ausgereiften, traditionsreichen und handwerklich makellos gemachten Weinbrand in europäischem Stil, der jeder Hausbar gut steht, vor allem, wenn man die Kategorie grundsätzlich mag und trotzdem was neues probieren will. Ich möchte am Ende ausdrücklich meinem Kollegen Klaus danken, der mir diese Flasche zukommen ließ – ich hoffe, er fordert sie nicht zurück, wenn er hier erfährt, dass der Inhalt echt gut ist.

Bier am Freitag – Brasserie du Vignoble Bra’v Hakama Stan Weizen

Weizenbier, das verbinde ich wie wahrscheinlich viele andere Bierfreunde einfach mit Sommer und Bayern. Aber es gibt auch andere Regionen, die so ein erfrischendes, süffiges Weizenbier zu schätzen wissen und es auch herstellen, zum Beispiel der Ort Ribeauville im Département Haut-Rhin im Elsass, wo die Brasserie du Vignoble (verballhornt abgekürzt Bra’V) steht. Dort machen sie das Hakama Stan Weizen, mit 5% Alkoholgehalt, ungefiltert, nicht pasteurisiert. Es hat Vorschusslorbeeren: die Silbermedaille bei der France Beer Challenge 2020 & 2021. Mal schauen, ob meine Jurorkollegen die Medaille zurecht vergeben haben!

Brasserie du Vignoble Bra'v Hakama Stan Weizen

Zwischen Orange und Kupfer bewegt sich das Bier, volltrüb dank dem Hefesatz, den ich eigentlich grundsätzlich gern eingieße. Ein paar Stränge Blubber steigen vom Boden auf, ausdauernd, aber nicht genug, um den nur kurz verfügbaren Schaum am Leben zu erhalten.

Deutlich hopfengetrieben ist der Geruch des Hakama Stan, eine interessante und angenehme Mischung aus Banane und Grapefruit, mit etwas Getreide dazwischen. Frisch und in der Vorahnung säuerlich, meine ich, mit Anklang von mildem Apfelessig und etwas Naturjoghurt.

Der Antrunk ist dann auch passend dazu wirklich von der Säure getrieben, sie wirkt sehr effektiv und dominant, ohne dabei aber kratzig zu werden. Die feine Textur fängt viel auf, ohne die Frische zu beeinträchtigen, ein strukturell eher schmales Bier, was aber gut zur Aromatik passt; Karbonisierung gibt etwas kribbeliges Mundgefühl. Sensorisch erinnert es mich sehr an ein klassisches Blanche, in manchen Momenten sogar an ein Wit, und man meint eine gewisse Kräuterigkeit und Zestigkeit zu spüren, ohne dass diese Zutaten drin wären. Der Abgang ist kurz, knackig, herb und sehr floral mit leichtem Jasmintouch.

Wirklich schön trinkig, unterhaltsam, erfrischend, da habe ich überhaupt nichts zu meckern und stattdessen viel zu loben. Französische Biere sind für mich immer noch entweder top oder flop, die beiden Extreme beherrschen die Mittelstufen. Das Hakama Stan gehört zur guten Riege!

Wiederbelebung eines Rums – Ron Huasteco Potosí Reserva 8 Extra Añejo

Mexikanischer Rum war lange Zeit kein Thema, höchstens die Fabrikanlagen, die Bacardí in Mexiko betrieb für ihren Klaren waren dem ein oder anderen ein Begriff. Dabei gibt es in Mexiko durchaus eine Tradition für Rum, natürlich, wie sollte es auch anders sein – es wachsen dort ja nicht nur Agaven, sondern auch eine große Menge an Zuckerrohr. Es ist mit über 55 Millionen Tonnen aktuell sogar der sechstgrößte Produzent der Welt. Ich hatte bereits über beispielsweise Paranubes berichtet, das war mein erster wichtiger Kontakt mit mexikanischem Rum, und den in dem verlinkten Artikel angesprochenen La Charanda hatte ich inzwischen auch Kontakt. Es gibt so viel zu entdecken in dem Land! Während meines Aufenthalts dort, als ich Juror für México Selection by CMB 2024 war, probierte ich viele mexikanische Spirituosen, darunter auch Rums; und an einem Tag verschlug mich das Rahmenprogramm sogar zu einem Rumhersteller.

Über den Besuch dort erzähle ich ganz unten noch ein bisschen, und zeige auch passende Bilder. Natürlich habe ich mir eine Flasche des Flaggschiffs des Brenners, des Ron Huasteco Potosí Reserva 8 Extra Añejo, mit nach Hause gebracht, diesbezüglich bin ich ja durchaus kauffreudig. Der Rum wird seit 1938 in der Brennerei Destilería Ron Huasteco Potosí gebrannt, die in Ciudad Valles im Süden des Bundesstaats liegt. Sie hat eine wandlungsvolle Geschichte, mit mehreren Naturkatastrophen, Umzügen und finanziellen Problemen, die sie beinahe zur Stilllegung gezwungen hätten. Große Investitionen, vom Bundesstaat und vom Staat, erlaubten es der Destillerie 2019, wieder positiver in die Zukunft zu blicken, und man ist weiterhin stolz darauf, in den 70er Jahren als „zweitbester Rum der Welt“ bezeichnet worden zu sein (die Frage nach dem erstbesten wird natürlich nicht beantwortet). Der Rum, den ich heute vorstelle, wurde dort 8 Jahre lang in beinahe tropischem Klima in der Region Huasteca Potosina gereift. Mal schauen, was ich da mitgebracht habe!

Ron Huasteco Potosí Reserva 8 Extra Añejo

8 Jahre Reifung, da darf die Farbe schon etwas kräftiger sein, und diesbezüglich wird man hier nicht enttäuscht. Pariser Rot, mit bernsteinfarbenen Lichtreflexen, das gefällt; eine gewisse, aber nicht wirklich starke Viskosität sieht man beim Schwenken. Entsprechend hält sich der Rum auch zurück, was das Glaswandverhalten angeht, eher nur leichte Beinchen bilden sich.

Die Nase ist typisch für die leichte Art von Rum, die man vor einer Weile als „spanish style“ bezeichnet hatte; da drängt sich nichts auf oder überwältigt einen mit anspruchsvoller Aromatik, nein, hier ist es eher leichtkörperig, was nicht heißen soll, dass es langweilig ist; man spürt eine gewisse Eleganz, die ich fein finde. Aromatisch hat man richtig viel Kokosfleisch, Toffee, leicht gebräuntes Karamell, Milchschokolade und Nougat, ganz offensichtlich geht es damit in die süße und kakaoige Richtung. Da ist man durchaus interessiert, wie es am Gaumen weitergeht!

Ron Huasteco Potosí Reserva 8 Extra Añejo Glas

Die Textur fühlt sich gut an, der Ron Huasteco Potosí Reserva 8 legt sich erstmal sehr angenehm weich und durchaus geschmeidig an den Gaumen. Direkt kommen auch die Aromen von Kokos, Nougat und Milchschokolade an, im Antrunk wirkt er auch recht süß, ohne dabei künstlich oder pappig zu erscheinen, eine Hydrometer-Messung meinerseits hat ergeben, dass hier keine Süßung erfolgte. Erst im späten Verlauf, und dann besonders im Abgang, wechselt die Struktur und wird leicht trocken, mit ein bisschen schwarzpfeffrigem Feuer und sehr feiner, eleganter Würze. Es fehlt mir ein bisschen an Körper und Volumen, das ist sicher den etwas mageren 38% Alkoholgehalt geschuldet, dennoch hat man ein rundes und weiches Mundgefühl, das sich toll präsentiert, wenn man sich darauf einlässt. Der Abgang ist herb und warm, im Nachklang geben sich nochmal das Nougat und das Kokosfleisch die Ehre, mit einer respektablen Länge und Struktur.

Für die Rumfreunde, die ihre Rums gern dicht und esterig, wuchtig und schwer haben, ist der Ron Huasteco Potosí Reserva 8 Extra Añejo wahrscheinlich nichts, da mache ich mir keine Hoffnungen, die von der leichten Eleganz und süßherben Charakteristik so eines Rums zu überzeugen. Wer aber etwas probieren will, das sich wirklich fein und sauber strukturiert zeigt, mit viel Charme, der darf sich ruhig in mexikanische Hände begeben und diesen Rum erkunden.


Was würde besser passen zu einem solchen Rum als ein Highball, in diesem Fall sogar mit durchaus angemessenen Namen: den Añejo Highball hatte ich vor Urzeiten im Buch einer Bartenderlegende, Dale DeGroff, gefunden, und bis heute ist er ein Drink, der sich immer wieder in mein Glas schleicht, einfach, weil er so unkompliziert ist und sowohl erfrischt als auch aromatisch was mitbringt. Gerade im Sommer trinkt sich sowas einfach herrlich.

Añejo Highball Cocktail

Añejo Highball
1½oz / 45ml gereifter Rum
½oz / 15ml Orangenlikör
¼oz / 7ml Limettensaft
2 Spritzer Angostura Bitters
Auf Eis shaken. Aufgießen mit 2oz / 60ml Ginger Beer.

[Rezept leicht adaptiert nach Dale DeGroff]


Die Flasche ist wirklich hübsch anzuschauen – das Design, ins Glas gegossen, zeigt ein Fass und den Namensschriftzug. Grünglas wirkt schön in diesem Fall, und auf einen Kunststoffkorken wurde ein schöner Holzdeckel mit dem eingeritzten Maskottchen gesetzt. Das Etikett ist passend zur Region gestaltet, und auch wenn ich sonst über Papageien auf Rumlabels meckere, hier fühlt er sich nicht kitschig an.

Während México Selection by CMB waren wir eines mittags zu einem kleinen Event bei Ron Huasteco Potosí eingeladen, und konnten die Niederlassung in der Stadt besuchen. Dort wird kein Rum gebrannt, das geschieht in der viel südlicher gelegenen Region La Huasteca, dennoch ist das ein schöner Ort, an dem man gut essen und trinken kann. Jeder Gang wurde mit einem Cocktail aus einem Rum serviert.

Man sieht, der Rum ist flexibel einsetzbar, und ich träume heute noch von diesem großartigen mexikanischen Essen, mit dem ich in dieser tollen Woche in San Luis Potosí versorgt wurde. Darum ist ein Schluck dieses Rums auch immer eine kleine, nostalgische Reise dorthin zurück. Ich freue mich unglaublich darauf, Mexiko dieses Jahr wiederzusehen.