Ein Herrengedeck besteht aus einem großen Erfrischungsgetränk und einem kleinen Hochprozentigen, zumindest kenne ich es so. Ein klassisches Beispiel dafür wäre ein „hauf and a hauf“ in Schottland, ein Whisky und ein Bier. Beim Bryggeriet Frejdahl Skolder Viking Voyage verfolgt man diesen Gedanken noch etwas weiter – im Brauprozess des Biers wird Whisky bereits als Zutat verwendet. Man findet dementsprechend diese Angaben auf dem Etikett des dänischen Biers: Gerstenmalz, Weizenmalz, Highland Park 12y, Hopfen, Hefe. Dazu wird eine Miniatur des eingesetzten Highland Park 12 Year Old geliefert, so dass man sich das Herrengedeck selbst noch gönnen kann, diesmal im doppelten Sinn. Vielleicht wird es schwer, an dieses Set noch heranzukommen, denn es war eine für Dänemark limitierte Auflage, aber darum probiere ich es ja hier für die Nachwelt.
Espressobraun, fast schon ins Mahagoni übergehend, steht das Bier im Glas, blickdicht auch bei Gegenlicht. Perlage ist keine vorhanden, Schaum nur in Form einer kontrastreichen, cremafarbenen Kante an der Glaswand. Dreht man das Glas, haftet das Bier kurz an ihr.
Wie es bei einem Wikingergetränk sein soll, springt einen der Geruch direkt an. Sehr stark röstmalzig, mit klaren Holzanklängen, leichtem Rauch und viel Kaffee. Ein Abend am Lagerfeuer, so sind die Eindrücke. Minimale kaltrauchige Specknoten und orthogonal dazu frischere Aromen von Orange und Aprikose, ich finde ja immer, dass Rauch und Frucht ineinander übergehen, wenn sie beide ausgeprägt sind – das Skolder ist ein gutes Beispiel dafür.
Noch viel fruchtiger ist der Eindruck am Gaumen, da ist dann ein Gemisch aus Orange und Pfirsich, vielleicht etwas Mango und Ananas sogar, dominierend. Der Antrunk ist voll und weich, die Textur rund mit leichter Frische aus der hier spürbaren Karbonisierung. Säure übernimmt, ohne wirklich hart zu werden. Im späteren Verlauf kommt das Röstige deutlicher hervor, malzig und mit Anflügen von Honig. Der Körper wirkt dann ein bisschen zu leicht für all die schweren Aromen, gerade, wenn im Abgang dann noch feines Süßholz und edle Bittere dazu stoßen, etwas mehr als die eingestellten 6% Alkoholgehalt hätten hier vielleicht gut getan. Der Abgang ist mittellang, röstig-fruchtig-blumig, schön komplex und unterhaltsam.
Spürt man den Whisky als Zutat? Ja, durchaus, in den feinen Nuancen und Details des Biers findet man ihn, wenn man ihn sucht, und gerade im Nachhall zeigt er sich deutlicher. Ein sehr aromatisches Bier, frisch, fruchtig, fast sommerlich im Charakter, und dagegen schwarz wie die Nacht. Gefällt mir sehr gut, vor allem als Herrengedeck zusammen mit dem Highland Park 12. Eine schöne Idee, sauber ausgeführt, toll vollendet.
Transnistrien ist aktuell nur wenigen Menschen ein Begriff, und wenn sie es kennen, dann wahrscheinlich hauptsächlich aus wenig erbaulichen Nachrichten über die politische Lage dort; Russland nimmt schon lange mehr oder weniger öffentlich Einfluss dort, das Land liegt wahrscheinlich, wenn die Ukraine einverleibt wurde, als nächstes auf dem Schlachtblock des imperialistischen Nationalismus Russlands, mit einer ähnlichen Argumentation – die russische Minderheit muss geschützt werden vor den drogenabhängigen, schwulen Nazis, die aktuell im Westen an der Macht sind, und das geht nur, wenn man das Land zu Mutter Russland zurückführt. Nun, wir wollen hier auch andere Seiten von Transnistrien, der Region in der Republik Moldau (auch oft Moldawien genannt), zeigen, und das tun wir nun mit dem Kvint XO Premium Imported Grape Divin 20 Years Aged. „Kvint“ ist ein Akronym, das sich aus den russischen Wörtern „коньяки, вина и напитки Тирасполя“ (Kon’iaki, vina i napitki Tiraspol’ia) zusammen, die übersetzt sehr prosaisch sind: Weinbrand, Wein und Getränke aus Tiraspol. 1897 wurde die Firma gegründet, da ist also Tradition drin, und heute produziert die Firma 20 Millionen Flaschen dieser diversen alkoholischen Spezialitäten.
„Divin“ ist ein in Moldau geschützter Begriff, der die früher oft verwendete Bezeichnung „Kon’iaki“ ersetzt, nachdem die französischen Inhaber der Appellation Cognac entsprechende Maßnahmen gegen die Verwendung ergriffen haben. Die Herstellung ist entsprechend dennoch klar an der „Cognac-Methode“ orientiert; mit dem Einsatz weißer Weintrauben, einer doppelten Destillation, einer Einstellung auf 40% Alkoholgehalt und einer aufwändigen Arbeit in der Verblendung. Es handelt sich also um einen Blend/Cuvée aus vielen separat gereiften Einzeldestillaten; wichtig dafür ist, dass die „20 Jahre“ auf dem Etikett auf dem Rücketikett noch mit dem Schlüsselwort „mindestens“ aufgewertet werden. Die Zutatenliste enthält noch das weniger erbauliche Wort „Zuckersirup“, wobei ich mir nicht sicher bin, ob die automatisierte Übersetzung (mein moldawisch/russisch reicht nicht aus, um das wirklich mit Sicherheit feststellen zu können) hier nicht doch eher „Zuckerkulör“ meint (dies wird genutzt für die einheitliche Farbgebung, wie bei fast allen dunklen Spirituosen). Auf der Homepage der Seite werden manche der Weinbrände mit 7-10g/L Zuckergehalt angegeben; man hat also wahrscheinlich eine leicht gesüßte Spirituose vor sich. Nun aber mal schauen, was transnistrischen Weinbrand sensorisch so ausmacht!
Die Farbe ist üppig und stark, ein dunkles rotbraun, zwischen Siena und Pariser Rot einzuordnen. Es wird Zuckerkulör zum gleichmäßigen Einstellen dieser Farbe verwendet. Beim Drehen des Glases findet man eine dazu passende Viskosität, richtig schwer bewegt sich die Flüssigkeit, bildet dabei ein dickadrige Fläche an der Glaswand, die lange haftet.
Für so eine scheinbar exotische Spirituose muss man beim Geruch erstmal sicherlich die sehr hohe Typizität feststellen, das riecht sich ganz klassisch nach Weinbrand, wie wir ihn auch aus Frankreich, Deutschland und Italien kennen. Die Frucht wirkt hier herb, deutlich vom Holz dominiert, mit ein paar lackigen Tönen, die Zeit in Holzfässern macht sich sehr bemerkbar, fühlt sich aber nicht überaltert oder wirklich verholzt an – eine gewisse Frische bleibt vorhanden, leicht in Richtung Anis und Koriander tendierend. Piment finde ich, dazu eine dunkle Sauerkirschennote, mit Offenstehzeit kommt diese dunkle Frucht immer stärker zum Tragen, wird ergänzt durch Trockenpflaume und hellem Sumatra-Tabak.
Im Mund kommt der Kvint XO sehr rund und texturell fett an, die Öligkeit schmiegt sich zunächst breit an den Gaumen und unterfüttert das durch angenehme, sehr natürliche Süße, die eventuelle leichte Süßung ist zumindest gut gemacht Die holzigen Töne dominieren hier zunächst, da findet man viele herbe, balsamische Eindrücke, die sich dann mit Süßholz und ganz dezenter Kräuterfrische kombinieren. Letztere nehmen im Verlauf zu, wenn sich der Brand ins Trockene dreht, und ganz milde Wärme den Gaumen zum leichten Kribbeln bringt. Hier blühen dann die Trockenfrüchte auf, kandierte Datteln, herber Honig, reife Kirschen, dunkle, schweraromatische Trauben. Kühl klingt er dann aus, leicht eukalyptisch, mit sehr lange anhaftenden traubigen Fruchtnoten, ergänzt durch unterschwellige, grüne Kräuter. Im etwas bitteren Abgang spürt man vielleicht etwas zuviel Holzkontakt.
Dennoch bleibt ein ausgesprochen positives Endbild – der Kvint XO wirkt sehr angenehm im Mundgefühl und ist aromatisch interessant, dabei erwachsen und ausgereift. Hier muss man sich nicht hinter den großen Traditionsnachbarn aus anderen Ländern verstecken, das ist eine großartige Spirituose, aus einem Land, von dem man sonst nicht so viel hört.
Im Mount Vernon braucht es einen Brandy, der sich nicht vor die Kirscharomatik drängt, aber gleichzeitig es noch schafft, präsent zu sein. Der Kvint XO macht das erstaunlich gut, passt sehr gut zur fruchtig-trockenen Atmosphäre dieses Drinks. Das Rezept mag sich auf den ersten Blick extrem süß anhören, mit dem Sherry und dem Kirschlikör, doch insgesamt wirkt am Ende sehr balanciert und findet genug Möglichkeiten, die Süße abzufedern.
Mount Vernon 1oz / 30ml Brandy 1oz / 30ml Kirschwasser ¾oz / 23ml Grapefruit-Saft ½oz / 15ml PX Sherry ½oz / 15ml Cherry Heering Auf Eis shaken. Mit Cocktailkirschen dekorieren. [Rezept nach Jim Meehan]
Besonders schön ist natürlich die Präsentation hier – die schwungvolle, rundliche Flasche, dazu ein sehr edel gestaltetes Etikett und ein echter Korken unter einem leicht protzigen Plastikaufsatz. Sieht gut aus, liegt gut in der Hand, macht einen hochwertigen Eindruck, der zum Inhalt passt.
Ich glaube, es wird deutlich – man muss trotz der ungewohnten Herkunft und der vielen kyrillischen Buchstaben auf dem Etikett keine unglaublich exotische Spirituose erwarten. Man bekommt stattdessen einen ausgereiften, traditionsreichen und handwerklich makellos gemachten Weinbrand in europäischem Stil, der jeder Hausbar gut steht, vor allem, wenn man die Kategorie grundsätzlich mag und trotzdem was neues probieren will. Ich möchte am Ende ausdrücklich meinem Kollegen Klaus danken, der mir diese Flasche zukommen ließ – ich hoffe, er fordert sie nicht zurück, wenn er hier erfährt, dass der Inhalt echt gut ist.
Weizenbier, das verbinde ich wie wahrscheinlich viele andere Bierfreunde einfach mit Sommer und Bayern. Aber es gibt auch andere Regionen, die so ein erfrischendes, süffiges Weizenbier zu schätzen wissen und es auch herstellen, zum Beispiel der Ort Ribeauville im Département Haut-Rhin im Elsass, wo die Brasserie du Vignoble (verballhornt abgekürzt Bra’V) steht. Dort machen sie das Hakama Stan Weizen, mit 5% Alkoholgehalt, ungefiltert, nicht pasteurisiert. Es hat Vorschusslorbeeren: die Silbermedaille bei der France Beer Challenge 2020 & 2021. Mal schauen, ob meine Jurorkollegen die Medaille zurecht vergeben haben!
Zwischen Orange und Kupfer bewegt sich das Bier, volltrüb dank dem Hefesatz, den ich eigentlich grundsätzlich gern eingieße. Ein paar Stränge Blubber steigen vom Boden auf, ausdauernd, aber nicht genug, um den nur kurz verfügbaren Schaum am Leben zu erhalten.
Deutlich hopfengetrieben ist der Geruch des Hakama Stan, eine interessante und angenehme Mischung aus Banane und Grapefruit, mit etwas Getreide dazwischen. Frisch und in der Vorahnung säuerlich, meine ich, mit Anklang von mildem Apfelessig und etwas Naturjoghurt.
Der Antrunk ist dann auch passend dazu wirklich von der Säure getrieben, sie wirkt sehr effektiv und dominant, ohne dabei aber kratzig zu werden. Die feine Textur fängt viel auf, ohne die Frische zu beeinträchtigen, ein strukturell eher schmales Bier, was aber gut zur Aromatik passt; Karbonisierung gibt etwas kribbeliges Mundgefühl. Sensorisch erinnert es mich sehr an ein klassisches Blanche, in manchen Momenten sogar an ein Wit, und man meint eine gewisse Kräuterigkeit und Zestigkeit zu spüren, ohne dass diese Zutaten drin wären. Der Abgang ist kurz, knackig, herb und sehr floral mit leichtem Jasmintouch.
Wirklich schön trinkig, unterhaltsam, erfrischend, da habe ich überhaupt nichts zu meckern und stattdessen viel zu loben. Französische Biere sind für mich immer noch entweder top oder flop, die beiden Extreme beherrschen die Mittelstufen. Das Hakama Stan gehört zur guten Riege!
Mexikanischer Rum war lange Zeit kein Thema, höchstens die Fabrikanlagen, die Bacardí in Mexiko betrieb für ihren Klaren waren dem ein oder anderen ein Begriff. Dabei gibt es in Mexiko durchaus eine Tradition für Rum, natürlich, wie sollte es auch anders sein – es wachsen dort ja nicht nur Agaven, sondern auch eine große Menge an Zuckerrohr. Es ist mit über 55 Millionen Tonnen aktuell sogar der sechstgrößte Produzent der Welt. Ich hatte bereits über beispielsweise Paranubes berichtet, das war mein erster wichtiger Kontakt mit mexikanischem Rum, und den in dem verlinkten Artikel angesprochenen La Charanda hatte ich inzwischen auch Kontakt. Es gibt so viel zu entdecken in dem Land! Während meines Aufenthalts dort, als ich Juror für México Selection by CMB 2024 war, probierte ich viele mexikanische Spirituosen, darunter auch Rums; und an einem Tag verschlug mich das Rahmenprogramm sogar zu einem Rumhersteller.
Über den Besuch dort erzähle ich ganz unten noch ein bisschen, und zeige auch passende Bilder. Natürlich habe ich mir eine Flasche des Flaggschiffs des Brenners, des Ron Huasteco Potosí Reserva 8 Extra Añejo, mit nach Hause gebracht, diesbezüglich bin ich ja durchaus kauffreudig. Der Rum wird seit 1938 in der Brennerei Destilería Ron Huasteco Potosí gebrannt, die in Ciudad Valles im Süden des Bundesstaats liegt. Sie hat eine wandlungsvolle Geschichte, mit mehreren Naturkatastrophen, Umzügen und finanziellen Problemen, die sie beinahe zur Stilllegung gezwungen hätten. Große Investitionen, vom Bundesstaat und vom Staat, erlaubten es der Destillerie 2019, wieder positiver in die Zukunft zu blicken, und man ist weiterhin stolz darauf, in den 70er Jahren als „zweitbester Rum der Welt“ bezeichnet worden zu sein (die Frage nach dem erstbesten wird natürlich nicht beantwortet). Der Rum, den ich heute vorstelle, wurde dort 8 Jahre lang in beinahe tropischem Klima in der Region Huasteca Potosina gereift. Mal schauen, was ich da mitgebracht habe!
8 Jahre Reifung, da darf die Farbe schon etwas kräftiger sein, und diesbezüglich wird man hier nicht enttäuscht. Pariser Rot, mit bernsteinfarbenen Lichtreflexen, das gefällt; eine gewisse, aber nicht wirklich starke Viskosität sieht man beim Schwenken. Entsprechend hält sich der Rum auch zurück, was das Glaswandverhalten angeht, eher nur leichte Beinchen bilden sich.
Die Nase ist typisch für die leichte Art von Rum, die man vor einer Weile als „spanish style“ bezeichnet hatte; da drängt sich nichts auf oder überwältigt einen mit anspruchsvoller Aromatik, nein, hier ist es eher leichtkörperig, was nicht heißen soll, dass es langweilig ist; man spürt eine gewisse Eleganz, die ich fein finde. Aromatisch hat man richtig viel Kokosfleisch, Toffee, leicht gebräuntes Karamell, Milchschokolade und Nougat, ganz offensichtlich geht es damit in die süße und kakaoige Richtung. Da ist man durchaus interessiert, wie es am Gaumen weitergeht!
Die Textur fühlt sich gut an, der Ron Huasteco Potosí Reserva 8 legt sich erstmal sehr angenehm weich und durchaus geschmeidig an den Gaumen. Direkt kommen auch die Aromen von Kokos, Nougat und Milchschokolade an, im Antrunk wirkt er auch recht süß, ohne dabei künstlich oder pappig zu erscheinen, eine Hydrometer-Messung meinerseits hat ergeben, dass hier keine Süßung erfolgte. Erst im späten Verlauf, und dann besonders im Abgang, wechselt die Struktur und wird leicht trocken, mit ein bisschen schwarzpfeffrigem Feuer und sehr feiner, eleganter Würze. Es fehlt mir ein bisschen an Körper und Volumen, das ist sicher den etwas mageren 38% Alkoholgehalt geschuldet, dennoch hat man ein rundes und weiches Mundgefühl, das sich toll präsentiert, wenn man sich darauf einlässt. Der Abgang ist herb und warm, im Nachklang geben sich nochmal das Nougat und das Kokosfleisch die Ehre, mit einer respektablen Länge und Struktur.
Für die Rumfreunde, die ihre Rums gern dicht und esterig, wuchtig und schwer haben, ist der Ron Huasteco Potosí Reserva 8 Extra Añejo wahrscheinlich nichts, da mache ich mir keine Hoffnungen, die von der leichten Eleganz und süßherben Charakteristik so eines Rums zu überzeugen. Wer aber etwas probieren will, das sich wirklich fein und sauber strukturiert zeigt, mit viel Charme, der darf sich ruhig in mexikanische Hände begeben und diesen Rum erkunden.
Was würde besser passen zu einem solchen Rum als ein Highball, in diesem Fall sogar mit durchaus angemessenen Namen: den Añejo Highball hatte ich vor Urzeiten im Buch einer Bartenderlegende, Dale DeGroff, gefunden, und bis heute ist er ein Drink, der sich immer wieder in mein Glas schleicht, einfach, weil er so unkompliziert ist und sowohl erfrischt als auch aromatisch was mitbringt. Gerade im Sommer trinkt sich sowas einfach herrlich.
Añejo Highball 1½oz / 45ml gereifter Rum ½oz / 15ml Orangenlikör ¼oz / 7ml Limettensaft 2 Spritzer Angostura Bitters Auf Eis shaken. Aufgießen mit 2oz / 60ml Ginger Beer. [Rezept leicht adaptiert nach Dale DeGroff]
Die Flasche ist wirklich hübsch anzuschauen – das Design, ins Glas gegossen, zeigt ein Fass und den Namensschriftzug. Grünglas wirkt schön in diesem Fall, und auf einen Kunststoffkorken wurde ein schöner Holzdeckel mit dem eingeritzten Maskottchen gesetzt. Das Etikett ist passend zur Region gestaltet, und auch wenn ich sonst über Papageien auf Rumlabels meckere, hier fühlt er sich nicht kitschig an.
Während México Selection by CMB waren wir eines mittags zu einem kleinen Event bei Ron Huasteco Potosí eingeladen, und konnten die Niederlassung in der Stadt besuchen. Dort wird kein Rum gebrannt, das geschieht in der viel südlicher gelegenen Region La Huasteca, dennoch ist das ein schöner Ort, an dem man gut essen und trinken kann. Jeder Gang wurde mit einem Cocktail aus einem Rum serviert.
Man sieht, der Rum ist flexibel einsetzbar, und ich träume heute noch von diesem großartigen mexikanischen Essen, mit dem ich in dieser tollen Woche in San Luis Potosí versorgt wurde. Darum ist ein Schluck dieses Rums auch immer eine kleine, nostalgische Reise dorthin zurück. Ich freue mich unglaublich darauf, Mexiko dieses Jahr wiederzusehen.
Ich habe ein schlechtes Gewissen – regelmäßig erhalte ich Samples für die neuen Armagnac-Abfüllungen, die bei Grape of the Art herauskommen. Ich schaffe es aber oft nicht dazu, diese zeitnah mit einem Blogartikel zu besprechen, man will sich ja Zeit nehmen für diese besonderen Brände, und sie nicht nur runterrattern, damit man was gemacht hat. Doch wenn ich dann nachschaue, sind diese Abfüllungen eh in der Regel zeitnah ausverkauft, die brauchen gar keine Werbung oder Besprechung, inzwischen ist wohl jedem klar, dass hier Spitzenzeug zur Verfügung steht. Ich hole das Tasting der Samples aber dann irgendwann doch nach, für die Nachwelt sozusagen, besser als nichts. So geht es mir gerade mit Grape of the Art Château de Hontambère 1997 #B4 und 1983 #B10.
Die beiden Samples kamen unabhängig voneinander, ich fand es aber unterhaltsam, sie dann doch miteinander in einen Kontext zu setzen; beide stammen aus der Region Armagnac Ténarèze und sind rebsortenrein aus Ugni Blanc gemacht, natürlich in einer Alambic Armagnacais gebrannt und dann in feuchten Lagerhäusern eingelagert, bevor sie ohne Zusätze abgefüllt wurden.
Noch ein paar Details zum Grape of the Art Château de Hontambère 1997 #B4, mit dem wir beginnen – das B4 ist die Kennzeichnung für das Fass, in dem der Armagnac nach 26 Jahren mit 53.8% Alkoholgehalt abgefüllt wurde, 295 Flaschen ergaben sich aus dem Fass.
Optik: Leuchtendes Terracotta, mit orangefarbenen Lichtreflexen. Sehr ölig und schwer im Glas, mit fettig-vieladrigem Film an der Glaswand nach dem Schwenken.
Nase: Eine wunderbare Integration von Fassholz und Frucht, beide Aspekte sind dabei auch voll ausgeprägt, ohne sich gegenseitig zu übertönen. Dunkle traubige, rosinige Noten, viel gedörrte Pflaume, etwas reife Zwetschge. Ganz dezent nussig, mit feinen Tanninen ausgestattet. Ein Hauch Harz, etwas Lack, der aber gut eingebunden ist.
Mund: Der Antrunk ist einerseits schwer, vollaromatisch, texturell dicht und breit, anderseits wild und ungezügelt, mit schnell angreifendem Alkohol und feuriger Würze, hier hält sich der Armagnac keine Sekunde zurück. Das Mundgefühl ist sehr voll und ausdauernd, kippt gegen Ende aber ins Staubtrockene, mit viel Astringenz und immer stärker anbrennender Hitze, die die Zunge lange prickeln lässt und die Schleimhäute leicht anästhesiert. Bittersüß im Abgang, mit viel Fruchtsüße danach und einem fruchtig-blumigen Nachhall, während der Armagnac nachvollziehbar durch die Speiseröhre in den Magen rinnt.
Stark, wild, auf der Rasierklinge der Aggressivität tänzelnd, ohne ins Harsche abzurutschen. Das ist was für jemand, der starke, charaktervolle und sich nicht zurückhaltende Spirituosen zu schätzen weiß.
Sehr ähnlich verortet, aber mit zusätzlichem Reifealter versehen, ist der Grape of the Art Château de Hontambère 1983 #B10. 39 Jahre hat er auf dem Buckel, und ist mit 54,2% Alkoholgehalt aus Fass B10 in 249 Flaschen abgefüllt worden.
Optik: Farblich zwischen Pariser Rot und Kastanie, mit kupferfarbenen Lichtreflexen. Viskos und schwerdrehend, dabei lebendig bleibend. Langsam ablaufende Tropfen an dünnen Beinen.
Nase: Sehr lackig, quietschig, dabei mit ordentlich veresterter Frucht ausgestattet. Darunter findet man überraschend frisches Steinobst, von Aprikose bis Zwetschge. Kardamom, Muskatnuss und ein Hauch Anis frischen weiter auf, geben aber auch Komplexität. Etwas Rotwein, verbunden mit einem winzigsten Anflug von Schwefel, wird durch Nougat und Kokosfleisch aufgefangen.
Mund: Der Antrunk ist trocken, dabei natürlich süß und mit ausgesprochen viel Frucht ausgestattet. Kirschen, Aprikosen, helle Rosinen, das geht schon ins Kompottartige über, bleibt aber streng und klar im Mundgefühl, mit wirklich sehr deutlicher Bitterkante, insbesondere im Verlauf, wenn Anis und Estragon zusammen mit Kampotpfeffer und aromatischem Piment erscheinen. Ein aromatisch sehr exotischer Mittelbau, weiterhin sehr klar strukturiert, mit edler Mineralität, und dazu ausgeprägter Salzigkeit. Der Alkohol wirkt hervorragend eingebunden, zeigt sich nur in feiner, aber ausdauernder Wärme, die lange anhält und mit der wirklich extremen Fruchtbittere den Nachhall dominiert, in dem dann Eukalyptus lange mitklingt.
Ganz anders als der jüngere Verwandte, viel balsamischer und grüner, drahtiger und schlanker, ohne an Aromendichte zu verlieren, dafür Struktur gewinnend. Wie ein Tour-de-France-Fahrer im Vergleich zu einem Gewichtheber, irgendwie.
In 13 Jahren kann viel passieren, wie man hier sieht. Das ist einer der schönen Sachen an der analytischen Verkostung von Spirituosen – man bekommt einen Eindruck davon, wie viele Variablen einstellbar und Schräubchen da drehbar sind, bevor ein Brand im eigenen Glas landet. Und man wieder immer wieder überrascht.
Offenlegung: Ich danke Wet Drams für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser Armagnac-Samples.
Man kann immer noch weiter lernen und neue Dinge erfahren über Sachen, die man eigentlich zu verstehen glaubt. Amerikanischen Whiskey zum Beispiel kennen die allermeisten nur als braune Flüssigkeit mit starkem Vanille-Aroma, viel Süße und holziger Würze. Doch all das, was wir an Whiskey kennen und lieben, entsteht eigentlich erst durch die Reifung in Holzfässern. Dies wird einem so richtig deutlich gemacht, wenn man sich mal den Stoff anschaut und verkostet, der direkt aus der Destille kommt und noch nicht die Chance hatte, sich die Hörner am Fassholz abzustoßen. Dieser sogenannte White Dog ist die Vorstufe zum Beispiel eines Bourbons, der ja erst nach Reifung in frischen Weißeichefässern so genannt werden darf. Abgefüllt direkt nach dem Destilliervorgang in eine Glasflasche wird hier genau diese Reifung verhindert.
Mais, Roggen und gemälzte Gerste sind in der Mashbill, die Mash #1 genannt wird, und darum ist der vollständige Name dieses Proto-Whiskeys dann eben Buffalo Trace White Dog Mash #1. Bourbonhersteller sind sehr geheimnistuerisch, was die Mashbill-Zusammensetzungen angeht, klar, das sind die Details, die den Geschmack des Endprodukts extrem definieren. Man kann so ein bisschen darüber herausfinden, wie zum Beispiel dass die hier eingesetzte Mashbill auch „low-rye mash bill“ genannt wird, sie wird auch für viele der bekannten Produkte des Herstellers wie dem hierzulande durchaus beliebten Buffalo Trace Straight Bourbon verwandt. Man schätzt, dass sie ganz grob 90% Mais, 7% Roggen und 3% gemälzte Gerste nutzt. Man nagele mich darauf nicht fest, es sind keine Insider-Informationen. Spannend ist es für mich bei dem White Dog eh eher, den Unterschied zu einem gereiften Bourbon zu schmecken, weniger die Details in der Mashbill herauszuarbeiten.
Wir bekommen eine glasklare Flüssigkeit, die eine schöne Viskosität zeigt, ohne dabei fett zu wirken. Ein Film entsteht an der Glaswand, der ausdauernd haften bleibt.
Die erste erstaunliche Auffälligkeit, die ich bei der Geruchsprobe habe, ist, dass hier nur mit viel Fantasie eine sensorische Verbindung zu Bourbon zu finden ist. Malzig wirkt der White Dog von Buffalo Trace, durchaus erdig und mit Erinnerungen an alte Kartoffeln aus dem Keller, und frappierend fruchtig in Richtung von vergorenem Obst, vielleicht die Äpfel oder Mirabellen von der Streuwiese, die da schon eine ganze Weile liegen. Grasig erscheint er auch, nicht so wie ein Rhum Agricole, aber die Ähnlichkeit geht schon tatsächlich eher in Richtung Rum als in Richtung Bourbon. Ordentlich Ethanol springt einen auch an, und da nur wenig Struktur in diesem jungen Produkt ist, die das auffangen könnte, piekst und stört das ein bisschen. Ein interessantes Erlebnis!
Ich riskiere einen Schluck, bei Fassstärke mit 62,5% ist das ein erster Versuch, der aber recht glimpflich abläuft – der Antrunk ist supersüß, schwer und dicht, gar nicht brennend, wie man das vielleicht erwartet. Die Textur ist voll, schwer und voluminös, und im Verlauf expandiert der White Dog sogar noch mehr. Aromatisch kommt der Mais erstmal voll zum Zug, mit ein paar Eindrücken von Popcorn und Erdnuss, später entdeckt man noch die Würze des Roggens, die auf der Zunge kribbelt und die Süße etwas ausgleicht, und man bekommt ein erstes Verständnis, woher ein paar der Aromen, die man an Bourbon so mag, kommen. Die schmutzige, braune Schale von gelagerten Kartoffeln finde ich hier auch. Immer noch schwankt man in der Verortung zwischen Whisky und Rum, mit Tendenz zu letzterem, das ändert sich nicht. Der Abgang ist lang, frech-jugendlich feurig, aber nicht brennend, rund und süß, mit einem langen warmen Nachhall.
Ich wiederhole mich, das ist schon spannend und interessant, aber zum Purgenuss eher schwierig. Die Aromen entfalten sich schön, die Struktur ist dicht und der Alkohol wirkt sauber eingebunden; irgendwie packt es micht aber nicht, es fehlt an Komplexität, ich will aber wirklich die handwerkliche Arbeit loben, denn echte Mängel finde ich nicht – ich sehe es tatsächlich als eine Vorstufe zu einem Zielprodukt, nicht so wie bei Rum, wo die ungereifte Variante der gereiften gleichsteht.
Was macht man damit, wenn man die Flasche nun zuhause hat und sich nicht sicher ist, ob man das jemals austrinken wird? In einem Cocktail funktioniert so ein White Dog wirklich sehenswert, da spielt er toll die Stärken insbesondere in Bezug auf Textur und Dichte aus. Ein sehr angenehmes Mischerlebnis bekommt man beispielsweise mit David Wondrichs 1792 Kentucky White Dog Julep, ein Drink, der im Sommer viel Freude bereitet.
1792 Kentucky White Dog Julep 1 Teelöffel Zucker in ½oz / 15ml Wasser auflösen 6 Blätter Minze darin muddeln mit Crushed Ice das Glas auffüllen 2oz / 60ml White Dog darübergießen und umrühren. [Rezept nach David Wondrich]
Die „halbe“ Flasche ist in unauffälliger Form und Kunststoffstöpsel gehalten, nichts, was das Auge anzieht. Mit viel Text auf dem Rücketikett, der leider hauptsächlich auf eher mäßig spannender anekdotischer Basis bleibt, trägt man dem geschichtlichen Hintergrund Rechnung; gerne hätte ich allerdings stattdessen sehr viel mehr Details über die Mashbill darin gesehen, gerade weil so eine Abfüllung schon in gewissem Sinne einen experimentellen Charakter hat und erklärungsbedürftiger wäre.
Vom White Dog trinkt man sehr wahrscheinlich eher selten und selbst dann nicht viel, dazu ist er zu forsch, aggressiv und frech. Dennoch: Jeder Whiskeyfreund sollte diese Chance nutzen, sozusagen die Kindergartenfotos seines besten Kumpels anzuschauen. Man lernt unheimlich viel über Whiskey; was man sonst nur aus oberflächlichen Beschreibungen aus Büchern erfährt, kann man mit dem White Dog am eigenen Leib erfahren.
Ich habe ja immer das Gefühl, dass auf dem Land Craftbier immer noch einen schwereren Stand hat als in der Stadt. Doch wenn ich dann durch das provinzielle Härtsfeld auf der schwäbischen Alb fahre, finde ich an jeder Brauerei mindestens ein Bier, das nicht auf den klassischen Trinker zugeschnitten ist, sondern auf den moderneren Genießer; vielleicht sind es also einfach Vorurteile, wie meistens. Erst neulich ging es mir so mit dem Königsbräu Hopsoul Starkbier. Eine traditionelle Brauerei auf dem Härtsfeld, seit 1827 bestehend, macht also auch ein doppelt kaltgehopftes Bier und informiert auf dem Umhängeschild über den Prozess, wie es sein soll. Bitterhopfen sind Tradition und Spalter Select, mit Cascade und Monroe wird kaltgehopft. Die Malze sind Pilsner und ein Auszug aus Gerstenröstmalz; die Hefe stammt aus eigener Reinzucht, es wird offen vergärt. Das ergibt am Ende 7,5% Alkoholgehalt und wird in eine große Sektflasche mit Kronkorken abgefüllt.
Goldene Farbe mit deutlicher Opalisierung, durch die man trotzdem das träge Mousseux sieht, und minimalste Partikel, wohl Hefereste. Der Schaum ist gemischtblasig und sehr kräftig und ausdauernd.
Die Nase ist trotz der Kalthopfung mit Aromahopfen zurückhaltend, man kann das Hopsoul nicht mit einem Pale Ale verwechseln. Die Mischung aus Düften ist ungewohnt – da kommen ganz milde Zitrusnoten von Grapefruit und Mandarine zusammen mit etwas Steinobst, reife Aprikose vielleicht, und auch ein sehr ungewöhnlicher, aber nicht störender fleischiger, erdiger Aspekt, der über dem grundliegenden Getreide schwebt.
Die Textur ist am Gaumen erstmal rund und voll, wird dabei aber nicht kauig, sondern zeigt sich frisch und hell. Die Aromahopfen schlagen dann direkt zu, frische Zitrone, mildbittere Grapefruit; zusammen mit der eher zum Säuerlichen hin tendierenden Struktur wirkt das Bier rezent. Die Karbonisierung tut ihr Übriges dazu, und die feine Bittere ebenso. Stilistisch fühlt man sich dem Hellen nahe, der Körper ist aber erkennbar dichter und voller, den Alkoholgehalt nur eben dadurch, nicht durch Kratzigkeit. Der Abgang ist mittellang, auch hier von Säure gesteuert, mit einem angenehmen Nachhall aus Hopfenfrucht, Getreide und leichter Floralität.
Ein schönes Sommerbier, wenn man die zusätzliche Stärke vertragen kann, wenn einem die Sonne schon auf die Birne scheint. Wer mal nach Oggenhausen kommt, setze sich einfach in den Biergarten und bestelle ein Hopsoul, und danach noch den Klassiker, das Königsbräu Halbe (so nennt man ein Helles auf der Schwäbischen Alb), und esse einen guten Zwiebelrostbraten dazu. Leben wie Gott im Härtsfeld, sozusagen.
Früher war es noch viel weiter verbreitet, aber auch heute ist es eigentlich noch ganz selbstverständlich – Alkohol als Transportmittel für Medizin. Vom Magenbitter, der schon im Namen seine Heilkraft für den nach üppigen Mahlen geschundenen Bauch trägt, bis hin zu Wick Medinait, das ja eigentlich ein höchst verrückter Cocktail aus Zucker, Schmerzmittel und viel Alkohol ist, kein Wunder, dass man da gut schläft danach. Der Alkohol selbst ist dabei eigentlich selten im Zentrum, sondern wird eher als Extraktionshilfe für die heilenden Stoffe von Pflanzen genutzt. Aber wenn die Medizin auch ein bisschen knallt, trinkt man sie halt doppelt so gern, vor allem, wenn sie bitter und sauer ist von den Wurzeln, Blüten und Stängeln, die verarbeitet wurden.
Auch in der TCM, der traditionellen chinesischen Medizin, ist das Konzept ganz selbstverständlich, und auch dort gehen Medizin und Genuss oft ineinander über, zu beobachten im Tonghua Shenxueshan Ginseng-Wolfsbeere-Likör (通化圣雪山人参枸杞酒), den ich von meiner letzten Reise mit Spirits Selection by CMB 2024 aus China mitgebracht hatte. Die vier Hauptzutaten werden auf dem Etikett klar benannt, sind auch schon im Namen untergebracht: Baijiu als Alkoholbasis, Zucker (um die 300g/L), Ginseng aus Kulturaufzucht (die Wurzeln sind die 5 Jahre alt), und schließlich Wolfsbeere. Die Wolfsbeere ist hierzulande vielen vielleicht eher unter dem Namen „Goji“ bekannt und war eine Weile als Superfood in aller Munde, im wahrsten Wortsinn. Der Likör stammt aus der Provinz Jilin im Nordosten Chinas, wo es kalt und trocken ist, da braucht man öfter was zum Aufmuntern; Ginseng ist eines der wichtigsten tonisierenden Kräuter in der TCM, es wird zur Stärkung des Körpers und zur Unterstützung der Vitalenergie eingesetzt; der Wolfsbeere werden Anti-Ageing-Effekte nachgesagt und auch sie unterstützt die Vitalität. Ein durchweg gesundes Getränk also, das ich da mitgebracht habe!
Die eingelegte Wurzel gibt dem Likör vielleicht auf Dauer noch etwas Farbe, im Glas sieht man jedenfalls jetzt ein leichtes Pastellgold, in dem kleine Partikel schwimmen, das ist hier natürlich kein Fehler, sondern eben jener Wurzel geschuldet. Deutlich ölig legt sich der Likör auf die Glaswand und erzeugt dicke, schnellablaufende Beine.
Die Nase erinnert im ersten Eindruck an Enzian oder Meisterwurz, jedenfalls sehr erdig und nach frischausgegrabenen Wurzeln; nicht ganz so herb und klar wie ein Enzian vielleicht, aber dem schon sehr nahekommend. Eine deutliche Holznote klingt mit, und schon etwas ältere Brotkruste. Die Wolfsbeere erscheint zeitnah im zweiten Eindruck, mildfruchtig, aber nicht die grundsätzliche Herbe aufbrechend. Eine Gewürznote kommt dazu, etwas, das an Lebkuchen erinnert. Leichte Kakaotöne ergänzen das. Insgesamt interessant und ungewohnt, in der Mischung durchaus komplex.
Der Antrunk ist zunächst erstmal starksüß, sofort schmeckt man diese erdige Wurzeligkeit, mit erkennbarer Bittere. Die Kombination von herber Gojibeere und Ginseng ist gewöhnungsbedürftig, sie verbinden sich gut, sind aber klar separat erkennbar und erzeugen eine sensorische Spannung, die bis zum Schluss nicht wirklich aufgelöst wird. Holzig wirkt der Likör am Gaumen, im Verlauf dann immer weniger süß, aber nie ins Trockene kippend. Dafür entsteht Säure, mild und fein, die alles etwas aufklart. Im Abgang kommt die Brotkruste voll durch, dezente Wärme entsteht, die sich im Mundraum ausbreitet. Im Nachhall erscheint der Likör grün, gurkig und blattschnittig, mit Ginseng als Endpunkt; hier wirkt alles dann harzig und erinnert an Mastiha.
Sicherlich keine Spirituose, die man sich so abends mal eingießt. Ich weiß tatsächlich wenig Einsatzmöglichkeiten, in der sie pur so richtig überzeugend wäre, dazu ist die Kombination aus Wurzel und Beere zu exotisch, die Kontraste im Allgemeinen zu stark. Für den experimentierfreudigen Genießer definitiv einen Blick wert, aber eine Flasche, die nicht schnell leer werden wird; vielleicht sollte man es einfach als Medizin sehen, wie die Chinesen es tun.
Der letzte Eindruck der Verkostung bringt mich dazu, ein Cocktailrezept anzubieten, das eigentlich Mastiha als Hauptkomponente verwendet. Der Drink hat keinen Namen, ich habe ihn bei den Kollegen von Zucker & Zeste gefunden – tatsächlich passt die unterschwellige Beerigkeit des Tonghua Shenxueshan Ginseng-Wolfsbeere-Likör eigentlich recht gut in dieses Rezept!
(unbenannt) 40ml Mastiha 20ml Johannisbeeren-Likör 20ml Zitronensaft Auf Eis shaken. Mit Sprudel aufgießen. [Rezept nach Hendrik Fröhlich]
Ich gebe zu, ich habe dieses Getränk eigentlich rein aus dem Impuls des optischen Eindrucks während einem kurzen Busstop an einer chinesischen Mall gekauft, und wenn man diese tolle Ginsengwurzel in der schnuckeligen kleinen Flasche mit Plastikstöpsel und Ausgießlippe sieht, die noch die grobe Schnur um den Hals hat, kann man das mir, hoffe ich, nicht verdenken. Es ist jedenfalls ein Blickfang.
Das Erlebnis, diesen chinesischen Supermarkt zu besuchen, war jedenfalls einmalig (links hat eine Bekannte noch schnell ein Foto geschossen, auf dem ich die Einkäufe gerade in der Hand halte), und ich erinnere mich gern daran, wenn ich die Flasche des Tonghua Shenxueshan Ginseng-Wolfsbeere-Likör in die Hand nehme. Ein besonderer Dank geht natürlich an Amy Bartholomeusz, die mir dort geholfen hat, als mein WeChat-Payment nicht funktionierte an der Kasse. Ohne sie hätte ich diesen exotischen, besonderen und einmaligen Likör heute sicher nicht vorstellen können!
Strandfeuer gehören, so wurde uns erzählt, zum Lebensstil in Campbell River auf Vancouver Island. Tatsächlich kann man, wenn man am Strand der Stadt entlang läuft, immer wieder Reste von Lagerfeuern sehen, teilweise werden da einfach große Stämme in der Mitte angezündet, so kann man natürlich auch Feuer machen. Diese Freizeitbeschäftigung gab der Brauerei Beach Fire Brewing ihren Namen, und ihre Biere sind alle mit viel Regionalität und Lokalkolorit ausgestattet. Am deutlichsten zeigt sich das beim Baikie Island Spruce Ale, von dem ich mir eine Dose nach Deutschland mitgebracht habe. Erstmal die nackten Zahlen: 5,2% Alkoholgehalt, 25 IBU; Pale-, Vienna– und Weizenmalz, die Hopfensorte Warrior und der Hefestamm WHC LAX werden verwendet, und nun die Besonderheit: in Zusammenarbeit mit dem Greenways Land Trust werden auf Baikie Island, die im Flussdelta des Campbell River liegt, Fichtenspitzen von Hand gesammelt, und diese im Brauprozess des Spruce Ales mitbenutzt. Die Insel wurde jahrzehntelang industriell genutzt und soll nun in den Naturzustand zurückversetzt werden; mit jeder gekauften Dose unterstützt man dieses Vorhaben. Fichtensprossen im Bier? Das klingt doch spannend.
Die Farbe ist Safrangelb, besonders kräftig durch die Volltrübe. Leichter, sehr feinblasiger Schaum bildet sich beim Eingießen, er bleibt als Flaum auf dem Bier.
Die Nase ist erstmal etwas metallisch, man riecht spät etwas Ananas durch, dazu einen ersten Anflug einer mildzitronigen Harzigkeit, die wohl den Fichtennadeltrieben entstammt. Ansonsten ist noch etwas Honig da, aber in sehr unterdrückter Form, das Bier hält sich duftlich gesehen sehr zurück.
Im Mund wirkt das Baikie Island Spruce Ale sehr viel würziger, als man das so vermutet hätte, vom Antrunk an ist da eine salzig-malzige Seite, die bis zum Schluss bei uns bleibt. Die Textur ist toll cremig und voll, das füllt den Mundraum aus und macht das Bier leicht kauig; die Rezenz ist dadurch kein bisschen eingeschränkt, auch ohne groß auffällige Karbonisierung, die säurebetonte Struktur kümmert sich allein darum. Die Fichtennadeln kommen im Verlauf zum tragen, harzig und frisch, ohne sich aromatisch extrem vorzudrängeln; sie sind subtil eingesetzt. Der Abgang ist lang, weiterhin würzig, frisch und leicht mentholisch, nun kommen die Triebe deutlicher hervor, besonders im Nachhall, weiterhin aber elegant und subtil.
Ein wirklich hübsches Bier, handwerklich hervorragend gemacht, mit diesem klugen Einsatz der Fichtennadeltriebe, die das Bier ganz harmonisch ergänzen. Mir hat es in Campell River bei der Brauerei selbst vom Fass natürlich noch etwas besser geschmeckt, doch der Urlaubseffekt macht sowas ja immer noch besonderer.
Wie man sieht, kann man dort ein Brett mit mehreren Sorten erwerben, in kleinen Mengen, zum Probieren; ich habe einfach zwei davon bestellt und damit alle Sorten, die die Brauerei aktuell am Hahn hatte, verkostet. Dazu kommen noch ein paar Eindrücke von Campbell River selbst, eine nette, mittelgroße Hafenstadt, ideal als Zentrum für Ausflüge auf Vancouver Island. Es lohnt sich, hinzufahren!
Neulich, bei der Spirituosenverkostung beim ISW in Neustadt/Weinstraße, konnte man deutlich sehen: Alkoholfreie Spirituosen sind längst kein Trend mehr, oder ein Hype, das ist in der Breite angekommen. Dutzende von Produkten kämpfen inzwischen um die Gunst des Kunden, und wir konnten in vielen Flights sehen, dass da sehr unterschiedliche Qualiäten unterwegs sind – teilweise wirklich nicht auf dem Niveau, das man erwarten darf, teilweise musste man zweimal probieren, um sich sicher zu sein, dass hier wirklich kein Alkohol enthalten ist. Meine Erfahrungen mit Polly Alcohol-Free sind ja insgesamt sehr positiv gewesen bisher, daher war es eine Freude, dass ich ein neues Probierpaket von ihnen zugeschickt bekommen habe – es enthielt den Polly Alcohol-Free Amaretto Aperitif, je eine Flasche Zitronensaft und Orangensaft von bekannten Markenherstellern, und zwei hübsch bedruckte Gläser.
Wie es bei alkoholfreien Destillaten oft gilt – sie dienen weniger dem Purgenuss, das mache ich für den ISW, aber zuhause sehe ich keinen Sinn darin. Darum gehe ich einen anderen Weg, habe ich mir den Rezeptvorschlag auf der Rückseite der Flasche herangezogen und die Zutaten, die dafür auch im Paket mitgeliefert wurden, verwendet (also Zitronen-Direktsaft und 100% Orangensaft aus Orangensaftkonzentrat). Um einen Vergleich zu haben, ziehe ich ein Referenzprodukt für Amaretto heran, den Amaretto Adriatico – er kommt in gleichen Verhältnissen und mit denselben weiteren Zutaten in das zweite Glas. Hier das Rezept, es ist eine einfache Sour-Variante, die nicht mit dem klassischen Rezept von Jeffrey Morgenthaler verwechselt werden sollte, der ja noch Bourbon und Eiweiß verwendet.
50ml Polly Amaretto Aperitif 30ml Orangensaft 20ml Zitronensaft Auf Eis shaken. Auf frisches Eis abseihen.
Farblich wirkt der Polly-Drink einen Ticken dunkler, aber ansonsten unterscheiden sie sich nicht, was Durchsicht, Farbkraft oder Schaumentwicklung angeht. Auch im Geruch muss man genau hinschnuppern, um zu entscheiden, was was ist – Polly hat hier einen leichten Vanille-Beiton, während Adriatico deutlicher Marzipan und Obststein zeigt. Der klarste Unterschied erscheint im Mund. Bei Polly dominiert die Säure, bei Adriatico die Süße, und zwar sehr deutlich. Auch ist das Mundgefühl bei Polly leichter und heller, bei Adriatico voller und runder. Den Mandelgeschmack findet man eher bei Adriatico, bei Polly ist er da, wird aber doch etwas von der Zitrusfrucht der anderen Zutaten übertüncht. Gerade im Abgang spürt man den Unterschied deutlich, da ist der Adriatico-Drink auch länger und dichter. Insgesamt gewinnt in diesen Zutatenverhältnissen ehrlicherweise schon die alkoholhaltige Variante, aber nicht so deutlich, wie man das vielleicht erwarten würde, vor allem weil ich einen Weltklasse-Amaretto als Gegner gewählt habe.
Der Amaretto Sour funktioniert mit Polly Amaretto Aperitif aber trotzdem ausgesprochen gut; persönlich würde ich mehr von dem eigentlichen Produkt einsetzen oder die Zitrone etwas reduzieren, vielleicht sogar etwas Zuckersirup beigeben, um die Säurekante etwas abzumildern. Damit ist die Lücke schon direkt sehr viel schmaler, bei ein bisschen Feintuning sogar fast bis zur Unkenntlichkeit! Das hat mich wirklich überzeugt, wenn man dann noch auf frische Säfte umsteigt, ist der Polly Amaretto endgültig ein vollwertiger Ersatz. Und dann steht einem alkoholfreien Genuss eines tollen Sommerdrinks wirklich überhaupt nichts im Wege!
Offenlegung: Ich danke Polly für die kosten- und bedingungslose Zusendung des Probierpakets.