Bier am Freitag – Hübris Sörfőzde büza Wit Beer und üpa IPA

Vom letzten Ungarntrip hatte ich ja bereits ein paar der mitgebrachten Biere besprochen, heute folgen gleich zwei weitere, beide von einer jungen Brauerei in Skékesfehérvár, gegründet Ende 2018. Die Stadt hatte ich vor einigen Jahren schonmal besucht, rein touristisch natürlich, und da gab es die Brauerei noch nicht. Ihr Wahlspruch ist wahrscheinlich auf die eher konservative Hauptkundschaft für Bier in Ungarn ausgerichtet, „kézműves sör mínusz kézműves“, also lose gesprochen „Craftbeer ohne Craft“, man will sich zumindest im Marketing also weniger an den Bierhipster wenden. Dass man für so ein Unterfangen dann ausgerechnet ein IPA und ein Witbier braut, nun, das finde ich seltsam; aber öffnen wir einfach die sehr reduktionistisch gestalteten Dosen des Hübris Sörfőzde büza Wit Beer und üpa IPA und probieren das Bier, ohne uns jetzt über Marketing-Strategien, Image-Kampagnen und Provokations-Ideen Gedanken zu machen.

Hübris Sörfőzde büza Wit Beer und üpa IPA

Die Farbe des Hübris Sörfőzde üpa IPA beschreibe ich als Terracotta, mit erkennbarer Trübung, aber ohne freischwimmende Partikel. Durch die Trübung erkennt man feine Perlage. Der Schaum ist angenehm kontrastreich und eher feinblasig, bleibt nach ein paar Minuten als dünne Schicht zurück.

Hübris Sörfőzde üpa IPA

Die Nase ist sehr hopenfruchtig, mit einer Tendenz zum Marmeladigen. Mango, grüne Banane, Litschi, dazu eingekochte Beeren und Pflaumenkompott. Der Hopfen ist sehr aktiv, aber nicht kratzig, wirkt eher süß und gut eingebunden. Vanille, Honig, Milchschokolade passen gut zu diesem süßdichten Bild. Im Antrunk merkt man dann die andere Seite des Hopfens, das ist zwar weiterhin angenehm natürlich süß, aber hier kommt knackige Bittere dazu, und gut gegensteuernde Säure, beide übernehmen im Verlauf und verdrängen die Süße fast komplett. Die Aromen bleiben aber klar erhalten, werden vielleicht ein bisschen weniger kompottig, sondern frischer und eckiger, zestiger und heller. Der Abgang ist mittellang bis kurz, mit leicht kratzigem Effekt im Rachen, und einem angenehm floralhopfigen Nachhall.

Ein sehr klassisches IPA, dabei sauber gemacht und nicht so übertrieben, wie das eine Weile modern war. Mit 5,1% Alkoholgehalt bleibt es trinkig und trotzdem mit der Wucht eines IPA, unterhaltsam und gut!


Die Zutatenliste des Hübris Sörfőzde büza Wit Beer ist lang – übersetzt enthält das Bier Weizen, Gerstenmalz, Haferflocken, Kumquat, Thai-Zitronengras, grünen Kardamom und Kordianderblätter, teilweise durchaus klassische Zutaten für ein Wit, mit ein paar Twists.

Hübris Sörfőzde büza Wit Beer

Sonnenblumengelb, opalisierend, deutlich naturtrüb. Erkennbares, aber nur leichtes Mousseux an der Glaswand. Schaum ist nur beim Eingießen da, zerknistert schnell und übrig bleiben nur einzelne Blaseninseln.

Ich habe als ersten Geruchseindruck erstmal Kräuter, allen voran Salbei (obwohl dieser nicht enthalten ist). Danach vielleicht schon Koriander, und eine stark blumige Note, eine Mischung aus Rosenblättern und Kirschblüten im Frühling. Eine herbe Zestigkeit begleitet das, und deutliche Noten von mildem Fruchtessig. Ein wirklich spannendes Bouquet, überraschend, wirklich interessant. Am Gaumen kommen die Blumen als erstes an, gefolgt von milder Orange, erst als drittes die Kräuter, also genau umgekehrt wie in der Nase. Die Textur ist rund, schön abgestimmt auf den leichten Alkoholgehalt. Rezenz ist erkennbar, das kribbelt auch am Gaumen und auf der Zunge. Im kurzen Nachhall kommen die Blüten erneut zur Geltung, zusammen mit Salbei.

Wirklich schön, frisch, leicht, dabei vollaromatisch und spannend gemacht, und mit 4,0% Alkoholgehalt auch nicht zu kräftig. Mir gefällt das sehr!


Zwei tolle Biere von einer kreativen, jungen Brauerei. Mir gefällt auch das Dosendesign, bei diesen Ungarn stimmt fast alles, über den Werbespruch bin ich dafür nicht glücklich, aber vielleicht verstehe ich das einfach nicht. Ich bin gespannt, was sonst noch zu bekommen ist, beim nächsten Ungarnbesuch!

Direkter geht es nicht – Campanilla Mezcal Ancestral Joven Ángel Navarro

Eines der großartigsten Erlebnisse hatte ich Ende letzten Jahres, als ich während México Selection by CMB 2024 in San Luis Potosí die Möglichkeit hatte, einen Besuch bei einem Mezcal-Brenner zu machen. Das besondere dabei war natürlich, den Menschen dort die Hand zu schütteln, sie bei ihrer Arbeit zu beobachten, die Gerätschaften zu betrachten und, und das ist für mich immer das Größte, tatsächlich die Hand auf die Pflanzen, Steine und Stoffe zu legen, sie zu fühlen, zu riechen und zu schmecken. Eigene Eindrücke sind durch keine Beschreibungen oder Erzählungen zu ersetzen, darum bin ich den Veranstaltern von México Selection by CMB sehr dankbar, dass sie soetwas ermöglichen, insbesondere, weil diese Art von Besuchen für den Privatmann, der alleine unterwegs ist, nur wirklich schwer möglich sind. Ohne professionelle Reisebegleitung sollte man in Mexiko wirklich nicht unterwegs sein, sowohl aus Sicherheitsgründen, als auch deswegen, weil man ohne sie und ihr vertieftes Wissen um die Umgebung die besten Momente verpassen wird.

In San Luis Potosí gibt es zwei Besonderheiten bezüglich Mezcal, die man erleben sollte. Das eine ist die regional beliebte Agavenart Agave Salmiana, hier auch Maguey Verde genannt, und wenn man den Geschmack von aus ihr hergestellten Mezcals kennt, weiß man auch genau, warum; ich habe ja bereits über den Estación Ipiña berichtet, und über den Mezcal Artesanal Júrame. Das andere ist eine spezielle Art von Mezcal, die es nur dort gibt, der Mezcal de Campanilla. Es ist im Gegensatz zu den beiden anderen Salmiana-Mezcals ein Mezcal Ancestral, das heißt, die Produktionstechniken müssen praktisch vorindustriell gehalten werden, mit viel Handarbeit, aber wenn man einmal die Taberna der Navarros ein bisschen außerhalb von San Luis Potosí besucht, sich durch die Mauern von Kaktus, stacheligen Sträuchern und staubigen Straßen gekämpft hat, hat man auch gar nicht die Erwartung, dass hier hochglänzende Edelstahltanks oder komplexe Maschinen laufen. Am Ende des Artikels hier zeige ich ein paar Bilder von meinem Besuch dort. Mitgebracht habe ich natürlich eine Flasche des dort gemachten Mezcal de Campanilla, gebrannt von Ángel Navarro, eingestellt auf 50% Trinkstärke, und diese will ich nun vorstellen.

Campanilla Mezcal Ancestral Joven Ángel Navarro

Kristallklar, ohne jeden Fehler, man meint aber, eine minimalste Tönung wahrnehmen zu können, nur eine Idee von Farbe. Im Glas bewegt sich der Mezcal eher lebendig und leicht, Viskosität ist erkennbar, aber nur gerade so viel, dass sich ein Schlierenfilm an der Glaswand bildet, der zügig und in Beinchen abläuft.

In der Nase wird man direkt mit mehreren Richtungen von Aromen konfrontiert, die man erstmal für sich sortieren muss. Da ist eine reiffruchtige Seite, mit Litschi, Mango, Aprikose und Birne; dann ein prägnanter und ungewöhnlicher fleischig-erdiger Aspekt, schwer greifbar in der Definition, mit etwas feuchtem Erdboden, Räucherspeck und Liebstöckel darin; und zu guter letzt kommt die für die Agava Salmiana so herausragend typische starkgrüne Blattschnittnote mit einem gewissen Plastikbeiklang vor. Eine Mischung, die ein Gesamtbild erzeugt, das sehr komplex und vielschichtig ist, und sich nicht in ein Muster einpassen will. Gleichzeitig erkennt man hier schon, dass es sich um einen durchaus rustikalen Brand handelt, der eher mit Direktheit und Buntheit punktet als mit Klarheit und Eleganz.

Campanilla Mezcal Ancestral Joven Ángel Navarro Glas

Alle drei Aspekte, die man mit Geduld mit der Nase erschnuppert hatte, transportieren sich 1:1 auf den Gaumen. Im Antrunk wirkt der Campanilla deutlich öliger, als man das im Glas optisch wahrgenommen hat, und er legt sich auch schnell und breit ab und belegt den ganzen Mundraum. Die Textur ist sehr dicht und rund, und zusammen mit einer sich im Verlauf entwickelnden, sehr kräftigen Salzigkeit spürt man wirklich, dass man was im Mund hat. Erneut schmeckt man das Land, den Schweiß der Brenner, den Geruch der Tahona und des Esels, und natürlich voll ausgeprägt die Maguey Verde. Leichte Zitrusaromen als Kopfnote und Vanille und Zimt als Unterbau komplettieren ein wirklich komplexes Erlebnis, das in einem langen, warmen und ausdauerndem Abgang endet, mit einem sehr attraktiven Brummen als späte Beigabe.

Es klingt vielleicht, als würde ich den Campanilla dafür kritisieren, dass er so direkt, wenig raffiniert und elegant ist. Doch es ist genau das Gegenteil – es ist ein Abbild der Menschen und der Region, aus der er kommt, Terroir und Provenance in einer Form, wie man sie selten so deutlich erlebt. Ein Brand, der nichts vortäuscht, nichts verspricht, was er nicht halten kann, keine Ansprüche oder Anflüge zu Höherem hat. Ein wunderbares Stück Handwerk, und hier im wirklich wahrsten Sinne des Wortes. Den Campanilla hat ein Mensch gemacht, keine Maschine. Und so sollte man ihn auch wahrnehmen, genießen und in dieser heute selten gewordenen Einfachheit schwelgen.

Ich habe von meinem Besuch in der Taberna der Navarros noch zwei Miniaturen mitgebracht, die die Arbeit der anderen Familienmitglieder repräsentieren. Der Campanilla mit dem pinkfarbenen Etikett stammt von Jaime Navarro, der mit dem himmelblauen Etikett von Maria de la Luz Martinez. Beide brennen auch im gleichen Dorf wie Ángel Navarro. Beim Campanilla von Jaime ist erkennbar weniger dieses erdig-fleischigen Aspekts vorhanden, er wirkt klarer und stringenter; im Abgang zeigt er eine sehr erwachsene Bittere mit Grapefruitzeste als Nachhall. In der Nase des Campanilla von Maria de la Luz ist erstmal eine gewisse Floralität nach Veilchen und Geranien da, und am Gaumen wirkt er deutlich rauchiger als die anderen beiden, mit einem Anflug von Ziegenkäse. Man sieht, selbst kleine Änderungen an der Herstellung erzeugen bei einer so wenige Faktoren beinhaltenden Produktionsweise sofort große Unterschiede, während man die grundliegende Typizität dieses Mezcal-Stils beibehält.


Wirklich perfekt, und das meine ich ganz genau so, passen die Agave Salmiana und Zimt zusammen, das ist ein wirkliches Träumchen. Dazu ein bisschen Mandeln aus dem Orgeat, das ergibt im Zapatero einen herrlich runden Drink, in dem alle Aromakomponenten wie ein Uhrwerk ineinander greifen. An diesem Cocktail gibt es nichts zu verbessern, und der Campanilla Mezcal Ancestral Joven Ángel Navarro ist wie dafür gemacht.

Zapatero Cocktail

Zapatero
1½oz / 45ml Mezcal
½oz / 15ml Bourbon
2 Teelöffel Orgeat
1 Spritzer Angostura
1 Spritzer Chocolate Bitters
Auf Eis rühren. Mit Zimt, Beeren und Orangenzeste dekorieren.

[Rezept nach Jeremy Lake]


Zur Flasche gibt es nichts großartig spannendes zu erzählen, man sieht hier aber schon, dass keine Marketingabteilung dahinter steckt – eine einfache Flasche, mit einem Plastikdrehverschluss und einem einfach gestalteten, aber schönen Etikett. Bei meiner Flasche war noch ein Band in den mexikanischen Nationalfarben um den Hals gebunden.


Wie gesagt, ich habe die Taberna der Navarros besucht, und wir konnten uns dank unseres Guides Miguel Gallaraga auch mit dem Großvater unterhalten, der früher den Campanilla herstellte, und nun aufgrund diverser körperlicher Leiden nicht mehr in der Lage ist, diese harte Arbeit selbst zu machen. Die folgenden Bilder habe ich geschossen, als Ángel und sein Sohn Miguel extra für uns eine zusätzliche Runde der üblichen Produktionsschritte durchführte und uns sogar dabei mithelfen ließ – daher weiß ich, dass das knochenharte Arbeit ist, und der Esel dabei noch die leichteste Aufgabe hat, den Mühlstein zu ziehen. Die Bilder geben natürlich nicht die Faszination wieder, die so ein Besuch am eigenen Leib ausstrahlt.

Beginnen wir mit der Umgebung der Taberna. Man sieht, in welchem Biom sich die Ansiedlung und die Brennerei befinden. Viele schöne, in naivem Stil gehaltene Wandmalereien zeigen den Produktionsprozess, man sieht überall, dass hier tatsächlich gelebt wird, die Wäsche hängt zum Trocknen in der Sonne, die Hunde liegen faul herum und machen Siesta, die Trucks sind groß und abgenutzt von der harschen Natur. Die Polizeibegleitung gibt einem sowohl ein bisschen Sicherheit, als auch ein mulmiges Gefühl, dass sowas nötig ist (was es ist).

Die Familie, die hier lebt, sind eben die Navarros. Ein paar der Familienmitglieder durfte ich kennenlernen; mein Spanisch reicht aus, um zu verstehen, was sie sagen, doch so richtig diskutieren und sich austauschen kann ich leider nicht. Der Guide Miguel (im gelben Hemd) hat uns übersetzt und die Gespräche geleitet. Besonders beeindruckend natürlich der Patrón, der früher selbst Mezcal machte, heute aus Gesundheits- und Altersgründen diese Knochenarbeit nicht mehr verrichten kann, aber um so mehr Einblicke in die Geschichte für uns in petto hatte. Jaime kam kurz auf dem Motorrad vorbeigefahren, und unten sind Ángel und sein Sohn Miguel zu sehen.

Kommen wir zur Arbeit. Den ersten Schritt, die Wahl der Agave und ihre Ernte, konnten wir leider nicht sehen, das war zu dem Zeitpunkt bereits geschehen. Danach wird die Agave zerkleinert und gekocht, für den Campanilla natürlich auf die rudimentärste Art, die man sich vorstellen kann – eine Grube wird ausgehoben, die Agave kommt hinein zusammen mit heißen Steinen und Brennmaterial, das ganze wird mit Erde und noch mehr Steinen sowie ein paar Blättern abgedeckt und mit Steinen beschwert, dann kocht das so vor sich hin, bis die Zucker karamellisiert und die grüne Agave gelbbraun geworden ist.

Diese Agavenstücke müssen nun zerkleinert werden. Dazu nutzt man bei den Navarros natürlich eine Tahona, einen schweren Mühlstein, der von einem Esel gezogen wird. Man sieht schon, wie erste Säfte schaumig austreten, die Fasern werden erkennbar und mit der Mistgabel immer wieder gelockert und aufgeschichtet, damit der Mühlstein wieder etwas zu tun hat.

Mit der Schubkarre werden die gelösten Fasern nun zum Highlight der Taberna gebracht, der „Hängematte“. Die Fasern werden darin verteilt, und über ein Drehkreuz das ganze so angespannt, dass die Säfte im Sturzbach herauslaufen. Diese Arbeit durfte ich auch machen, ich kann sagen, das ist nicht einfach, dafür gefährlich und extrem anstrengend. In dem gemauerten Bereich sammelt sich der Agavensaft, und während er über eine Leitung rein mit Schwerkraft und ohne Pumpen in das Fermentationsbecken abläuft, werden die mehrfach ausgepressten Fasern dann wieder mit der Schubkarre wegtransportiert, um getrocknet als Dünger, Brenn- oder Abdeckungsmaterial weitergenutzt zu werden.

Eine recht unansehnliche, braune Brühe ist das, das muss man ehrlich sagen; die Gruben sind zwar gemauert, aber man sieht überall die Erde, die Reste der letzten Fermentation, den Staub und das Gras, das ab und zu hineinfällt. Die Fermentation beginnt praktisch sofort, man sieht direkt, wie sich Schaum bildet, mit einem groben Stock rührt Ángel Navarro den Saft um. Hefen werden nicht zugegeben, die kommen von allein aus der Umgebung und aus den Resten der Vorfermentation.

Der Saft brodelt jetzt so vor sich hin, er wird nun „Charangua“ genannt. Das sicherlich absolut Ungewöhnlichste am Mezcal de Campanilla ist aber die Art, wie aus dem Charangua erst der „Ordinario“, und dann der tatsächliche Mezcal gebrannt wird. Eine Illustration an einer Wand in der Taberna zeigt, wie mithilfe der dem Endprodukt den Namen gebenden Campanilla, einem Gefäß aus Holz und Ton, auf das eine Metallschale gesetzt und das von einem darunter liegenden Holzofen befeuert wird, gebrannt wird. Der aufsteigende Dampf kondensiert an der mit kaltem Wasser gefüllten Metallschale und tropft dann wieder herab, und der Prozess läuft 3 Tage und 3 Nächte, dann solange, bis der Mezcalero sich entscheidet, dass es genug ist – unser Guide Miguel erklärt uns, dass dafür eine Plastikcolaflasche eines der wichtigsten Werkzeuge ist. Mit ihr und dem Deckel der Flasche werden rein optisch die Perlen beurteilt, die beim Umgießen entstehen; hier kommt die Erfahrung des Brenners zum Tragen. Mit den Kreidestrichen auf dem Brennapparat wird markiert, wie oft schon Wasser nachgegossen wurde.

Und damit sind wir schon fertig, jetzt kommt er nur noch in die Flasche! Ich frage mich ernsthaft, ob es noch rudimentärer, noch weniger technisch geht – man müsste mich wirklich überzeugen, denn was ich hier gesehen und erlebt habe, ist wahrscheinlich die direkteste Form von Spirituosenherstellung, die es gibt, kein Stahl, kein Kupfer, kaum Werkzeug, keine Messinstrumente, kein Motor, keine Pumpen, kein Labor, keine Sterilität, keine Prozesskontrolle, keine Sicherheitsmechanismen. Nur Agave, Menschenarbeit, Wasser und Feuer, und Hefen. Früher wurden die Agaven sogar noch mit großen Holzhämmern statt mit der Tahona zerkleinert, so könnte man noch den Esel einsparen, aber dann? Ich wüsste keinen Schritt, der dann noch rückzubauen wäre. Eine unglaubliche Erfahrung!

Wer so einen Mezcal probieren will, der in diesem faszinierenden Prozess hergestellt wird, muss dank Axel Huhn übrigens nicht selbst nach San Luis Potosí fliegen, auch wenn ich das dem Agavenfreund dringend ans Herz lege. In der Mezcaleria Berlin kann man Campanilla erwerben, wenn auch nicht den von Ángel Navarro, doch für einen guten Eindruck in diese wirklich besondere, urige, ehrliche Art von Spirituose ist dort gesorgt.

Bier am Freitag – Brasserie Spore Cardus Saison

Un soleil de plomb harasse champs de blé. Au loin, la cloche sonne dix-huit heures et, déja, le „pschitt“ des bouteilles de bière décapsulees résonne dans la village.

Zwei Sätze, die die Stimmung perfekt setzen. Ich bin ja sehr empfänglich für Storytelling, wenn es gut gemacht ist, und bei mir resoniert diese Beschreibung sofort im Kopf wie der Klang der geöffneten Flaschen in der Kürzestgeschichte. Da will man sofort nach Gravigny in der Normandie, im heißen Sommer. Das zweitbeste, was man mit soviel Fernweh und Kopfkino tun kann, ist einfach das entsprechende Bier genauso zu öffnen, wie es die Einwohner dort scheinbar abends um 6 regelmäßig tun. Das Brasserie Spore Cardus Saison, eingebraut mit Gersten-, Dinkel- und Roggenmalz in Bioqualität (das Endprodukt ist ebenso zertifiziert mit einem entsprechenden EU-Siegel), hat mit 4,3% Alkoholgehalt auch nicht zuviel Wumms, um einem bei der Hitze die Birne zu verbiegen.

Brasserie Spore Cardus Saison

Die Schaumentwicklung ist so stark, dass man das Bier in Etappen eingießen muss, und er bleibt dann auch für das gesamte Trinkvergnügen erhalten, in einer schönen Mischung aus sehr großen Blasen und feinstem Flaum, der auf der Farbe eines gekochten Eidotters sitzt. Durch die Volltrübe sieht man dennoch die weiterhin starke Perlage.

Der Duft des Cardus ist dezent, aber klar frisch und vom Hopfen getragen. Leichte Zitronen- und Grapefruitzesten, ein Hauch von Litschi, vielleicht ein Ticken grüne Ananas findet sich darin, dazu kommt ein metallischer Touch von altem Stahl. Man ahnt schon die Herbe, die man später schmecken wird.

Im ersten Antrunk ist das noch nicht sofort da, allerdings, da zeigt sich erstmal eine gewisse feine, subtile Süße, die von einer ebenso zurückhaltenden Textur gestützt wird; das ist nicht fett, aber voluminös und breit, zeigt sich im Verlauf immer trockener, schmaler und leichter, wie es für ein frühes Saison zu erwarten ist. Herb und deutlich eher säuerlich wirkt es dann, erfrischend, leicht kribbelnd am Gaumen, mit gutem Aromenübertrag von der Nase. Der Abgang ist dann mittellang, elegant, weiterhin ausdauernd erfrischend, leicht bleibend und mit feinaromatischem Nachklang.

Extrem süffig, wunderbar erfrischend, dabei wirklich angenehm leicht, ohne dafür mit Verlust an Textur oder Aromen zu bezahlen. Wirklich gut gemacht, das Bild aus der Einleitung stelle ich mir gerne vor, während ich das Cardus trinke, da passt einfach alles, vom Handwerk bis zur Imagination. Toll!

Familienzuwachs – Hampden Estate 1753 Pure Single Jamaican Rum

In letzter Zeit habe ich mit vielen Leuten über den wichtigsten Schritt bei der Schnapsproduktion geredet – die Fermentation. Dass dies der wichtigste Schritt ist, darüber sind sich eigentlich alle einig, denn hier entstehen die Aromen, die für das Endprodukt so wichtig sind. Es gibt viele Methoden, die Fermentation zu steuern, wenn man das will – der Einsatz industrieller oder reingezüchteter Haushefen ist für viele Produkte das Mittel der Wahl, einfach, weil man dann die volle Kontrolle hat, was am Ende rauskommt, eine hohe Nachstellbarkeit des Ergebnisses erzielt und wenig Ausfälle hat. Die große Kunst aber ist die Fermentation mit wilden Hefen, denn nur so erreicht man am ehesten das, was man Terroir oder Provenance nennen würde. Hat man sich für einen Ansatz entschieden, kommt noch dazu, wie lange man die Hefen arbeiten lassen will – je länger, um so expressiver wird der spätere Brand im Allgemeinen (über das Experiment, bei dem ein Brenner Zuckerrohrsaft fast ein Jahr hat brodeln lassen habe ich ja vor einer Weile berichtet), das will man aber ja nicht immer so haben.

Eine „außerordentlich lange“ Fermentation (übersetztes Zitat vom Etikett) mit wilden Hefen zieht man für den Hampden Estate 1753 Pure Single Jamaican Rum heran. Wer die Brennerei aus Jamaica kennt, weiß, dass das keine leeren Worte sind und man seinen Cousins gelesen hat. Man erreicht dadurch am Ende des gesamten Prozesses, wenn die Würze durch die Double Retort Potstill gelaufen ist, eine Congener-Zahl von 3600g/hlpa, davon 480g/hlpa ausgeprägt als Ester: ein hocharomatischer Rum also, aber eher im Mittelfeld dessen, was wir von Jamaica so im Allgemeinen erwarten. 3 Jahre wird das Destillat vollständig tropisch bei Hampden gereift, in Ex-Bourbon-Fässern, auf 46% Alkoholgehalt eingestellt und natürlich sowohl ungefärbt als auch ungesüßt auf Flaschen gezogen. So kommt der Stoff bei uns zuhause an, und schließlich bei mir im Glas.

Hampden Estate 1753 Pure Single Jamaican Rum

Die Farbe ist poliertes Gold, mit fast schon weißen Lichtreflexen, die sich besonders beim sehr lebendig-leichten Schwenkverhalten im Glas zeigen. Auch wenn dieser Rum nicht besonders ölig wirkt, bilden sich dennoch sehr fette Filmartefakte an der Glaswand, die in Beinchen mit dicken Köpfen ablaufen.

Esterige Rums haben ja so eine prägnante Nase, das erkennt man überall heraus. Hier sind sie nicht so drastisch und kribbelnd wie bei manchen anderen Hampden-Rums, und wirken sanfter und trotzdem aktiv. Reife Banane ist der erste Eindruck, der mich geradezu anspringt, mit einem gewissen Marzipan-Subtext und einer deutlich buttrigen Seite, und ausgleichend dazu einer attraktiven Anis-Frische. Überreife Ananas, matschige Mango, saftiger Pfirsich, die Fruchtaspekte sind natürlich grandios ausgeprägt. Milde Herbe kommt dazu, Anflüge von Sandelholz, Kokosschale und Honigmilch, vielleicht sogar weißer Nougat. Eine Nase zum Schwelgen.

Hampden Estate 1753 Pure Single Jamaican Rum Glas

Der Antrunk ist süß und leicht, wirkt fast schon etwas zu leicht im Vergleich zum Versprechen der Nase. Auch der Körper hat initial nur wenig Gewicht, zeigt sich eher klar und mit ordentlich Breite, aber wenig Tiefe – man fühlt in der Textur, was man mit dem Auge schon gesehen hat. Der wahre Charakter entsteht erst im Verlauf, hier expandiert der Hampden 1753 plötzlich deutlich, starke Würze und pikante Chilischärfe lassen den ganzen Mundapparat brummen, ein stark mentholischer Hauch trägt die Aromen von tropischer Frucht, erneut viel Banane. Im Abgang wird der Rum trockener, ohne astringent zu scheinen, liegt noch lange auf Zunge und Gaumen, während er warm und ohne jedes Kratzen den Rachen hinunterläuft. Ein sehr würziger, dezent salziger Nachhall aus Zedernholz, hellem Tabak, Nelken und Muskatnuss komplettiert den Spannungsbogen.

Wer sich immer etwas von der brachialen Gewalt eines Hampden-Rums abgeschreckt gefühlt hat, darf mit dem Hampden Estate 1753 Pure Single Jamaican Rum gerne nochmal einen Versuch wagen, finde ich. Hier ist alles etwas feiner und milder, ohne dabei an Expressivität zu verlieren – ultratypisch für Jamaica, aber ein bisschen gezähmt für den europäischen Geschmack.


Der Name des Drinks erweckt bei mir alte Assoziationen, als Jugendlicher habe ich die Werke von H.P. Lovecraft verschlungen. Und darum habe ich mir bei meiner Hampden-Interpretation des Arkham Kula einen kleinen Scherz erlaubt und dekoriere den Cocktail mit einem Oktopus-Arm, gut gewaschen natürlich. Wem das zu extrem ist, lasse ihn einfach weg, und ersetze den Tintenfisch durch ein Schirmchen oder so, muss dann aber nicht mit Gnade rechnen, wenn Cthulhu aus seinem feuchten Schlaf erwacht. Tekeli-li!

Arkham Kula Cocktail

Arkham Kula
1½oz / 45ml gereifter Jamaica-Rum
½oz / 15ml gereifter Overproof-Rum
¾oz / 23ml Limettensaft
¾oz / 23ml Orangensaft
¾oz / 23ml Don’s Mix (2:1 Grapefruitsaft und Vanillesirup)
½oz / 15ml Honigsirup
½oz / 15ml Passionsfruchtsirup
Auf Eis blenden. Mit frischem crushed ice auffüllen.

[Rezept nach Jason Alexander]


Diese Flaschen, die LM&V für seine Hampden-Abfüllungen nutzt, gefallen mir einfach – sie haben diesen Retrocharme und diese breitschultrige Schwungform, sind dabei nicht verspielt. Das Etikett ist so, wie ich es mir von jeder Spirituose wünsche: handfeste Details, keine Piratenanekdoten, keine schwurbelige Pseudogeschichte, keine Lügen. Und trotzdem atmosphärisch und hübsch anzusehen. Einen Kunststoffkorken findet man unter dem Holzstöpsel, das ist heutzutage kein Makel mehr, einen Geschenkkarton braucht es dagegen eigentlich nicht mehr.

Der Hampden 1753 wird als Dauerabfüllung verfügbar sein, man sieht ihn als Einstiegsrum in die Welt dieser Art von Spirituosen. Das zweite Element in dieser Reihe ist der Hampden Aged 8 Years, das dritte der HLCF Classic. Jede Abfüllung, wie auch die schon von mir vorgestellten Hampden 7y, Hampden HLCF oder Hampden Pagos, The Younger und 2010 LROK, haben den ganz typischen hauseigenen Stil behalten, bieten dabei aber immer einen eigenen Twist, ohne die Identität aufzugeben. So liebe ich das!

Offenlegung: Ich danke LM&V für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Rums.

Bier am Freitag – Coastery Coffee Dry Stout Enmore Cask

Enmore! Das ist ein Name, bei dem für den Rumfreund immer etwas Gänsehaut mitschwingt. Die Brennerei ist seit langem geschlossen, die legendären Brennapparate von dort wurden aber gerettet und stehen nun bei DDL in Guyana und werden auch weiterhin eingesetzt. Ich liebe die Rums aus der hölzernen VSG-Potstill, das ist immer etwas Besonderes für mich; entsprechend konnte ich mich kaum halten, als ich ein Bier entdeckte, das in einem Ex-Enmore-Fass gelagert wurde. Für das Coastery Coffee Dry Stout Enmore Cask wird ein Coffee Dry Stout der Südtondern-Brauerei in ein frisch geleertes Fass gelegt, das vorher einen Enmore 27 Jahre Guyana MEC 1992 Single Cask Rum enthalten hatte. Das Basisbier ist obergärig, wird gebraut mit Kaffee aus Antigua, ist nicht pasteurisiert oder filtriert, und weist 5% Alkoholgehalt auf. Oh, was bin ich nach den guten Erfahrungen mit dem Schwesterbier, das in Hampden-Rum-Fässern gelagert worden war, gespannt!

Coastery Coffee Dry Stout Enmore Cask

Beim Öffnen der Flasche tritt starkes Gushing auf, bitte das Glas direkt bereithalten, dass man nicht zuviel Inhalt verliert. Hat es das Bier dann ins Glas geschafft, durchblickt man es nicht mehr, selbst bei Gegenlicht behält es seine völlig intransparente schwarze Farbe. Der Schaum ist eher grobblasig, aber aktiv, und gefällt in seiner dunklen Crema-Farbe.

Der Geruch ist zunächst stark vom Kaffee beherrscht. Schon leicht oxidiertes, gemahlenes Kaffeepulver, starker, abgestandener Filterkaffee, das sind die Richtungen. Schnell kommt aber eine sehr fruchtige Seite dazu, Orange, Litschi, Mango, das sind wahrscheinlich die Einflüsse des Rumfasses, auch wenn es nicht unbedingt Aromakomponenten sind, die ich mit Enmore-Rum in direkte Verbindung bringen würde in dieser Ausprägung. Die Mischung ist auf jeden Fall sehr apart, man schwankt immer zwischen dem Kaffee und der Frucht hin und her, darunter liegt eine stabile, aber unauffällige Malzbasis.

Der Antrunk des Coastery Coffee Dry Stout Enmore Cask ist erstmal überraschend sauer, nicht nur säuerlich, und bringt viel Frische mit. Die Fruchtaspekte dominieren erstmal den Gaumen, eben jene tropische Frucht, die ich oben schon gerochen hatte. Die Textur ist sehr leicht, die starke Karbonisierung macht das Bier dazu luftig und rezent. Es fehlt mir aber völlig an einem gewissen Körper, sowohl in Breite als auch in Tiefe ist da nicht besonders viel zu finden, und das macht das Erlebnis recht enttäuschend flach. Nach der initialen, sehr kurzen Kaffee- und Fruchtattacke neutralisiert sich das Bier beinahe vollständig innerhalb von Sekunden, und in Kombination mit dem dünnen Körper ist es so schnell vom Gaumen verschwunden, dass man überrascht ist und staunt; so extrem habe ich das noch nie bei einem Bier erlebt, erst recht nicht bei einem Stout, von dem ich deutlich mehr Volumen erwarten würde. Der Abgang ist nicht-existent, ebenso ist da keine Spur von Nachhall, das ist gefühlt nur noch Sprudel.

Ach! Das ist eine der größten Enttäuschungen, die ich im Craftbierleben bisher mitmachen musste, mir als Enmore-Fan steigen fast die Tränen in die Augen. Unglaublich, ich habe das Coastery Coffee Dry Stout Enmore Cask extra lange aufbewahrt, um noch mehr davon zu haben, und vielleicht war das ein Fehler – ich hätte es frisch direkt 2021 trinken sollen, und darum kreide ich es dem Bier nicht wirklich an, es war wahrscheinlich mein Fehler. Schade, sehr schade, sehr sehr schade.

Elbows up – Crown Royal Northern Harvest Rye Blended Canadian Whisky

Ich erinnere mich noch an die Zahl, und an die Aufregung, die sie in Whiskykreisen erregte. 97,5 Punkte in Jim Murrays Whiskybibel, Whisky-of-the-year-Titel dazu, als erster kanadischer Whisky wurde er damit ausgezeichnet. Nun, Jim Murray ist heutzutage nicht mehr der, den man als ersten nach einer Meinung fragt, nachdem er Sexismus-Vorwürfen ausgesetzt wurde. Persönlich finde ich die ihm angekreideten Formulierungen nicht wirklich misogynistisch oder sexistisch, manchmal ein bisschen altherrenschmierig vielleicht, aber das muss jeder für sich entscheiden. Jedenfalls hat er viel für kanadischen Whisky getan, ohne Frage, und den Crown Royal Northern Harvest Rye Blended Canadian Whisky so gesondert hervorzuheben hat sicherlich mit dafür gesorgt, dass Kanada endlich wieder auch in der breiten Wahrnehmung auf die Liste der traditionellen Whiskyländer kam, auf die das Land mit großer Sicherheit gehört, sowohl von der Historie als auch von der Qualität her, und in Zeiten von Handelskriegen mit ehemaligen engsten Freunden schadet es nicht, wenn Kanadaliebhaber wie ich das weiterhin betonen.

Mit mehr Aufmerksamkeit kommen aber auch die seltsamen Probleme, die der globale Welthandel und alte Trade Agreements mit sich bringen – neulich erst war in den Nachrichten, dass deutsche Whiskys darauf verzichten müssen, die Wortkombination „Rye Whisky“ auf ihr Etikett zu schreiben, da dies laut einem alten Handelsvertrag mit Kanada nur für kanadische Whiskys erlaubt sein soll. Nicht, dass Kanada so eine eigentlich absurde Totschlagklausel durchzusetzen willens wäre, dazu sind sie viel zu höflich, aber rechtliche Dinge sind eben gefährlich für kleine deutsche Hersteller. Völlig weit hergeholt ist es jedenfalls aber nicht – Roggen ist nunmal das Getreide der Wahl für kanadischen Whisky, das war schon immer so, darauf ist man stolz und die riesigen Landwirtschaftsflächen in Alberta, Saskatchewan und Manitoba sind voll von Roggen, der nur darauf wartet, in einen Whisky zu münden. 90% der Mashbill für den Northern Harvest besteht aus Roggen, der Rest ist gemälzte Gerste und Mais. Er wird dann aus bis zu 50 Einzeldestillaten geblendet, ein aufwändiger Prozess. Aber nun genug Anekdoten und Theorie, auf zum Inhalt!

Crown Royal Northern Harvest Rye Blended Canadian Whisky

Sonnenblumengelb, ocker, so würde ich die Farbe beschreiben, leuchtend und ansprechend, mit bernsteinfarbenen Lichtreflexen. Der Whisky schwenkt sich ebenso hübsch, mit einer gewissen Öligkeit, die eine Linie an der Glaswand hinterlässt, aus der dicke Tropfen langsam ablaufen.

Man könnte den Northern Harvest blind durchaus erstmal für einen Bourbon halten, mit schöner fruchtiger Getreidenote, etwas feuchtem Holz (hier eher Zedern als Eiche), und ganz dezenten Anflügen von Vanille und Zimt. Man findet aber auch einen ungewöhnlichen, erdigen Unterton, mit ganz schwachen Erinnerungen an einen Pferdestall, und einen alten Ledersattel. Aufgehellt wird alles durch einen mentholischen Beiklang, nicht wirklich minzig, aber balsamisch und frisch, vielleicht stark verdünntes Teebaumöl, und schließlich eine etwas harzige Komponente. Einen Lackhauch darf man nicht verschweigen, nichts, was piekst, allerdings. Insgesamt schön und entspannt, nicht dramatisch komplex, aber auch ohne Störfaktor.

Crown Royal Northern Harvest Rye Blended Canadian Whisky Glas

Die Textur gefällt mir sehr, das spiegelt am Gaumen das wieder, was das Auge an der Glaswand gesehen hat – rund, dicht, voll und breit legt sich das hin, breitet sich aus, ohne den Gaumen dabei zu beschweren, die frischen Komponenten verhindern das. Im Antrunk spürt man eine natürliche Süße, ideal balanciert mit der sich im Verlauf Schritt für Schritt herausbildenden Trockenheit, die völlig ohne Astringenz auskommt. Honig, türkischer Honig, Toffee, weiße Schokolade, das gleitet wirklich angenehm über die Zunge mit vielen süßen Anspielungen. Später kommt die pikante Würze dazu, warm und nicht heiß, prickelnd aber nicht scharf, schwarzpfeffrig und durch den vollen Körper elegant getragen. Ein wirklich ausgesprochen angenehmes Mundgefühl, saubere Aromen, klar vorgetragen ohne unnötige Koloraturen, eher eine Karen Anne Carpenter als eine Mariah Carey. Da wird nichts geschlampt, alles ist stringent und durchkomponiert. Der Abgang des Crown Royal Northern Harvest ist dann lang, leicht karottig, etwas zedernholzig und von einer wunderbaren Süßbittere mit Kitzeleffekten gesteuert.

Extrem süffig, dabei von einer wunderbaren, nicht überbordenden Komplexität, ein wahrer Spaß, das zu trinken. Höflich wie ein kanadischer Gentleman, aber selbstsicher und sich seiner Stärken bewusst wie ein Mountie. Wirklich ein Whisky für alle Gelegenheiten, der gefällt, aber sich nicht anbiedert.


So ein Whisky gehört natürlich in einen Manhattan, ich kann mir kaum einen besseren Whisky für so klassische, wenigzutatige und strenger komponierte Cocktails vorstellen. Aber da bin ich nicht allein, schon die frühen Barexperten wie Hugo Ensslin schätzten Roggenwhisky für ihre Kreationen – ein etwas exotischeres Beispiel ist der Deshler Cocktail. Als ungewohnte Herstellungsweise schüttelt man hier Zitruszesten mit, das extrahiert ein paar ätherische Öle aus der Zeste und macht den Drink etwas herber als man es vielleicht erwartet. Spannend auf jeden Fall!

Deshler Cocktail

Deshler Cocktail
1½oz / 45ml Rye Whiskey
1½oz / 45ml Dubonnet
½oz / 15ml Triple Sec
2 Spritzer Peychaud’s Bitters
2 Orangenzesten und 1 Zitronenzeste
Alles auf Eis shaken.
Mit einer Orangenzeste absprühen.

[Rezept nach Hugo Ensslin]


Ich habe mich für die Variante entschieden, die ohne den lila oder beigen Samtbeutel auskommt, in dem er oft gekauft werden kann; für mich ist sowas zwar hübsch anzuschauen, aber gleichzeitig wie Kartons und Dosen etwas, was eigentlich nach der Abnutzung des optischen Effekts direkt entsorgt wird. Da verzichte ich inzwischen gern auf derartige Gimmicks, insbesondere, weil die Flasche an sich ja wirklich hübsch ist und nicht in einem Beutel versteckt werden muss. Ja, der Plastikschraubverschluss ist etwas billig, aber gut.

Ich hatte meinen letztjährigen Ausflug nach British Columbia genutzt, ein paar Whiskys von dort mitzubringen, über den Liberty Distillery Trust hatte ich ja bereits berichtet, und der Northern Harvest war auch einer davon, gekauft in einem BC Liquor Store im Hafengebiet an der Cordova Street in Vancouver, es gibt ja ein Alkoholmonopol in Kanada und man kann Schnaps nur in solchen spezialisierten, staatsbetriebenen Läden erwerben. Nun geht es für mich in kürzester Zeit nochmal nach Kanada, und ich freue mich schon extrem darauf, dieses tolle Land wiederzusehen, und ihre Biere und Whiskys vor Ort zu trinken, idealerweise zusammen mit einer Poutine und Blick auf den Pazifik oder später auf die Berge in den Rocky Mountains und den Nationalparks von Banff und Jasper. Dann schmeckt es nämlich gleich nochmal so gut.

Bier am Freitag – Leffe Rituel 9°

Nicht nur die deutschen Supermärkte rüsten auf, was außerdeutsche und exotische Biere angeht, das passiert in den grenznah bei mir gelegenen französischen Märkten wie Auchan, Record oder Cora genau so. Dort findet sich immer etwas zum Mitnehmen für mich, neulich habe ich mir die Großflasche des Leffe Rituel 9° Bière Blonde Belge Forte gegriffen und für ein paar Euro in den Warenkorb gelegt, neben die Saucisse de Toulouse, ein paar Austern und das frische Baguette. Das belgische Bier wird mit Mais und Hopfenextrakt deklariert, da schwant mir schon etwas, aber ich gehe trotzdem unvoreingenommen an das später gut gekühlte Hopfengetränk heran!

Leffe Rituel 9°

Kristallklar und durchscheinend, dabei mit einer leuchtenden Farbe irgendwo zwischen Terracotta und Kastanie. Im Glas entsteht ein starkes Mousseux, die Perlen glitzernd. Der Schaum ist gemischtblasig, dadurch fallen die großen Blasen zusammen, es bleibt aber genug Schaum lange da, um den optischen Eindruck zu vervollständigen.

Geruchlich muss man sich nicht besonders anstrengen, da ist nicht viel zu finden. Sehr neutral ist das Leffe Rituel 9°, ein bisschen Getreide vielleicht, ein bisschen rostige Nägel, ja, aufregend ist das wirklich nicht.

Das Bier punktet mehr über die Textur, die stark karbonisiert am Gaumen prickelt und dadurch auch Volumen erzeugt. Weich und flauschig fast, dabei mit schöner Säure ausgestattet, die das ausgleicht und spannend hält. Im Rachen spürt man die Würze besonders stark, das nähert sich dem Kratzen an, ohne es wirklich zu erreichen. Die Aromatik ist eher vom Malz getrieben als vom Hopfen, man spürt letzteren aber über die knackige Bittere, die lange anhält – im Gegensatz zum aromatischen Abgang, der sehr kurz ist.

Man mag meinen, dass man hier ein besonderes Bier vor sich hat, wenn man die Flasche im Markt stehen sieht – tatsächlich ist es aber wenig aufregend, wenig inspirierend, wenig begeisternd. Stabil als belgisches Bier, sicher, und ohne Dinge, die mich stören, aber da ist halt auch nur wenig, was mich interessiert. Ein Bier für einen ruhigen Sonntag nachmittag, wenn man die Fenster geputzt und den Keller aufgeräumt hat, zur Entspannung.

Feiern mit bewährtem Stoff – Château du Tariquet VSOP Armagnac

Am 24. Mai 2025 findet die dritte Iteration des Armagnac Festival statt – eine Veranstaltung, die ich vollumfänglich unterstütze. Es ist begeisternd zu sehen, was ein paar Leute, die sich für Armagnac einsetzen, in drei Jahren auf dem deutschen Markt geleistet haben. Nicht nur sorgen sie für höchstwertiges Material, das vorher nur schwer verfügbar war, nein, sie machen Armagnac auch visibel und leisten Aufklärungsarbeit. Wer an diesem Wochenende Zeit und Lust hat, sollte in Stuttgart-Untertürkheim vorbeischauen, soviele tolle Weinbrände sieht man sonst nirgends auf einem Haufen in Deutschland! Ich würde mich jedenfalls freuen, den einen oder anderen Leser meines Blogs dort vielleicht zu treffen.

Unter den Ausstellern ist auch die Domaine Tariquet, und wer sich schonmal gedanklich darauf vorbereiten will, für den fische ich in meinem alten Backlog passend dazu einen Armagnac heraus, den ich schon vor mehr als 7 Jahren beschrieben hatte: den Château du Tariquet VSOP Armagnac. Tariquet ist auch heute noch voll aktuell, auch wenn auf heutigen Abfüllungen wohl eben eher „Domaine Tariquet“ steht; tatsächlich sind die Südwestfranzosen sogar ein Dauerbrenner für diese Kategorie, dazu ein Seriengoldmedaillengewinner beim Internationalen Spirituosenwettbewerb ISW, was erwartet man anders von einem Haus, das seit 1683 in der Region Bas-Armagnac in einem holzbefeuerten Armagnac-Alambik diesen älteren Cousin des Cognacs brennt. Für den VSOP-Blend werden die Rebsorten Ugni Blanc und Baco im groben Verhältnis von 3:2 genutzt. Zwischen 5 und 7 Jahren werden die Einzeldestillate in Eichenholzfässern gereift und dann sorgsam vermischt mit 40% abgefüllt.

Château du Tariquet VSOP Armagnac Flasche

Eine helle aber kräftige, orangene Farbe liegt sehr elegant im Glas – das Etikett legt Wert darauf, dass diese Farbe „naturelle“ ist. Die Flüssigkeit bewegt sich leicht und ohne Schwere, und Beine am Glasrand entsprechend schnell abwärts.

Der Geruch ist schon die ganze Zeit, während ich die Farbe beurteile und dabei das Glas bewege, präsent. Dunkle Frucht, Pflaumen, reife Pfirsiche, Ananas und grüne Bananen kombinieren sich mit einer hintergründigen Nussigkeit, einer gewissen Rotweinhaftigkeit und einem Anflug von Rancio. Etwas Ethanol liegt in der Luft.

Der erste Antrunk ist superweich und cremig, voll und breit. Die Balance zwischen initialer Süße und im Verlauf entstehender Würzigkeit gefällt mir. Die Banane-Pfirsich-Fruchtigkeit überträgt sich von der Nase in den Mund; eine pfeffrig-heiße Komponente entsteht dazu. Die gefühlte Breite überträgt sich nicht in eine entsprechende Tiefe, der Château de Tariquet VSOP spielt fast ausschließlich im oberen Klangregister. Es könnte stören, dass eine milde Seifigkeit über der Würze liegt, etwas, was ich bei vielen Weinbränden finde.

Der Abgang ist heiß und feurig, mit etwas Schwefel und gefühltem Brummen. Mittellang, die Fruchtnoten und eine sehr attraktive Blumigkeit hängen noch etwas nach. Insgesamt ein rundes Gefühl mit Charakter, etwas, das Armagnac vielen anderen Weinbränden für meinen persönlichen Geschmack voraus hat – hier ist neben der Abgerundetheit eben auch etwas Feuer und Wildheit, was ich sehr genieße. 


Einen VSOP-Armagnac kann man wunderbar in Cocktails verbauen, die Kraft macht jeden Weinbrand-Drink direkt etwas aromatischer und wuchtiger, ohne die Eleganz dabei aufzugeben. Besichtigen kann man diesen Effekt im Champs-Élysées, normalerweise gemacht mit Cognac, aber Armagnac punktet hier einfach noch etwas mehr.

Champs-Elysées

Champs-Élysées
60ml Armagnac VSOP
15ml Chartreuse Verte
20ml Zitronensaft
5ml Zuckersirup
1 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Nina Toye & Arthur H. Adair]


Karton und Design wissen in ihrer Art sehr zu gefallen, man bekommt das Gefühl eines traditionellen Brandes, der nicht mit flashigem Blabla auf sich aufmerksam machen muss.

Wie gesagt, man muss nicht nur mir glauben, wenn man einen guten Armagnac zu einem guten Preis kaufen will. Ich zitiere nur ein paar Auszeichnungen beim ISW, bei dem ich auch 2025 just vor ein paar Tagen wieder Juror war, für andere Produkte dieser Domaine: „Spirituose des Jahres 2022 international“ (Domaine Tariquet Pure Folle Blanche 8 ans), „Bas-Armagnac des Jahres 2023“ (Domaine Tariquet Plant de Graisse 18 ans), „Bas-Armagnac des Jahres 2024“ (Domaine Tariquet Plant de Graisse 18 ans). Das Haus weiß offensichtlich, was es tut. Der VSOP ist ein toller, preislich total leistbarer Einstieg in eine großartige Kategorie.

Armagnac am Freitag – Grape of the Art Domaine d’Espérance 2003 Armagnac

Louis de Funès, in seiner wohl besten Rolle – „Brust oder Keule“, ein Film aus dem Jahr 1976, der heute noch so unterhaltsam und treffsicher satirisch wirkt wie damals. Der Komiker ist auf dem Etikett des Grape of the Art Domaine d’Espérance 2003 zu finden, leicht verändert nur im Vergleich zum Filmbild. Ich werde jetzt nicht anfangen, den Armagnac gegen das Licht zu halten und rein mit dem Auge beschreiben zu wollen, was ich da im Glas habe, für die Details sorgen wie immer vorbildlich für die gesamte Branche die Abfüller von Grape of the Art. Rein aus der Rebsorte Baco, einer der beliebtesten bei Armagnac, wird der Espérance in der Region Bas-Armagnac in der traditionellen Alambic Armagnacais gebrannt, lagert danach 19 Jahre in Fass #60 und kommt dann im März 2024 in Fassstärke (48,4%) in die 257 Flaschen, die es davon gibt.

Grape of the Art Domaine d'Espérance 2003 Armagnac

Natürlich halte ich den Brand trotzdem kurz gegen das Licht, aber nur für die optischen Eindrücke; tolles Safran, mit diversen abgestuften Lichtreflexen bis zum polierten Gold, kombiniert mit einer wirklich hübsch anzuschauenden Öligkeit, die dauerhafte Artefakte am Glas hinterlässt.

Bourbon? Das ist mein erster Gedanke, als ich das Glas dann an die Nase führe. Nein, zu fruchtig dafür, aber die Assoziation bleibt bestehen, denn neben dem getrockneten Steinobst, den rotbackigen Äpfeln und dem saftigen, weichen Pfirsich ist da definitiv eine gewisse Karottennote. Das Holz integriert sich sehr angenehm, bietet zarte Anflüge einer Zigarrenkiste, ohne den frischen, leichten Charakter des Armagnacs in eine dunklere Ecke zu ziehen. Man spürt etwas Lack, etwas Latschenkiefer, ein Touch Anis.

Gerade letztere Noten sind am Gaumen initial noch präsenter, der Anis und etwas Estragon vielleicht, frisch angepresste Kardamomkapseln. Die Textur ist klar, streng, fühlt sich nicht ganz so viskos an, wie man das vom Schwenken vermutet hätte, dennoch voll und dicht. Im Verlauf entsteht eine trockene Bittere, die Früchte wirken wie knapp vor der Reife vom Baum gepflückt, Säure und Süße sind gut verbaut. Im Abgang wärmt der Espérance den Rachen und die Speiseröhre, während eine minimale Astringenz die Spucke im Mundraum anzieht, und ein sehr angenehmes Mundgefühl hinterlässt. Im sehr, sehr langen Nachklang taucht erneut die Karotte auf, etwas Orangenschale und Zitronenalbedo und ein leicht grünes, leicht florales Bild von Geranien und Jasmin.

Völlig unkompliziert, klar strukturiert und mit dennoch genug Spannung, um mich lange zu unterhalten. Das trinkt sich easy und süffig, man hat in jeder Phase trotzdem richtig viel zu entdecken und gerade der lange Nachklang beeindruckt mich enorm. Das ist so ein Brand, von dem man gerne eine Flasche zuhause hat, die man abends herausholt, wenn man einfach was gutes trinken will.

Offenlegung: Ich danke Wet Drams für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Armagnac-Samples.

German Whisky Award 2025 – The Nine Springs Single Malt Whisky Acacia Cask

Es gibt unterschiedliche Arten von Juroren bei Spirituosenwettbewerben. Da sind einerseits die Tiefenexperten, die von einer Kategorie wahnsinnig viel verstehen und langjährige Erfahrung damit haben. Andererseits gibt es die Breitenexperten, die nicht so tief in eine einzelne Kategorie eindringen, andererseits dafür in vielen Kategorien ein gewisses Wissen mitbringen. Ich persönlich zähle mich zu zweiterer Gruppe, umso erfreuter war ich, als ich die Einladung erhielt, für ein speziell dem deutschen Whisky gewidmetes Event als Juror zu begleiten: den German Whisky Award 2025, der in der Whiskywelt Burg Scharfenstein in Thüringen stattfand. Meine Gegenüber in meiner Jury, Peter „Pit“ Krause und Philipp Schwarz, werden sich wahrscheinlich selbst eher in die T-Experten einordnen, neben mir saß noch Ulric Nijs, der eher wie ich in der Breite verortet ist. Aber das finde ich gut: eine Mischung aus beiden Gruppen macht so eine Bewertung gleich viel spannender, kompatibler und relevanter für den Endkunden.

Nach der Arbeit, die wirklich anstrengend war (100 Whiskys in 2 Tagen bewerten und beschreiben!), gab es noch eine Führung durch die Whiskywelt und die Burg Scharfenstein, ein wirklich sehenswerter Ort; und dort konnte ich im angeschlossenen Shop nicht widerstehen, mir eine Flasche als Erinnerung mitzunehmen, natürlich von der hauseigenen Brennerei No. 9 Distillery, eine interessant klingende Abfüllung: The Nine Springs Single Malt Whisky Acacia Cask habe ich gewählt. Dabei handelt es sich um einen Whisky, vor Ort in Leinefelde-Worbis gebrannt, der dann für 6 Jahre ins Ex-Bourbon- und Ex-Bordeaux-Fass gelegt wurde und am Ende ein einjähriges Finish im Akazienholzfass erhielt, bevor er auf 48% eingestellt und abgefüllt wird. Akazie scheint ein Holz zu sein, dass die Struktur des Fassinhalts strafft und verlängert, sowohl würzige als auch süßliche Noten einfügt, für unterschiedliche Belegungen findet man unterschiedliche Beschreibungen, Weißwein wird bauchiger, Rotwein erhält ein klareres Tanningerüst, und was mit Whisky passiert, finden wir nun einfach gemeinsam heraus!

The Nine Springs Single Malt Whisky Acacia Cask

Man holt die Flasche aus dem Karton und ist erstmal leicht verzückt – farblich ist das ein durchgängiges Erlebnis. Karton, Etiketten, Korken und Flascheninhalt passen perfekt zusammen, das tut dem sonst oft geschundenen Ästhetenauge gut. Im Glas bleibt der Whisky ähnlich terracottafarben, mit Lichtreflexen zwischen orange und gelb. Die Konsistenz wirkt ölig aber lebendig, schwenkt sich sehr angenehm und es ist schön, diesen fetten Film an der Glaswand bei der vielgestaltigen Auflösung zu beobachten.

In der Nase bekommt man ein sehr mildes Initialbild präsentiert – leicht nussig, leicht weinig, süß mit viel Honig und Nougat. Man ahnt hier bereits die Interaktion der drei Fässer, die der Whisky durchlaufen hat. Vanillig und zimtig von der Bourbonbelegung, fruchtig und minimalst schweflig vom Bourdeaux, und vielleicht ist die Honignote von der Akazie. Dabei wirkt der Nine Springs nicht wirklich altersgemütlich, da sind würzige Nebentöne da, die mich etwas an Kardamom erinnern, eine gewisse Anis-Frische finde ich auch, die fast in Lakritz übergeht. Das Basismaterial aus Getreide ist spürbar, aber nicht dominant, wunderbar integriert mit dem Holz und seinen Vorbelegungen. Etwas Melone, etwas Aprikose, etwas Birne, noch mehr Banane – die Komplexität ist vorhanden, drängt sich aber nicht auf.

The Nine Springs Single Malt Whisky Acacia Cask Glas

Ein sehr milder, feiner Antrunk beginnt das Gaumenerlebnis, die Textur ist leicht, angenehm breit, aber nicht wirklich tief, mit einer sehr sauberen und klaren Struktur, die ein durchgängiges Wohlfühlmundgefühl mit sich bringt. Initial kommen Honigmet, Vollmilch mit Kakaopulver und Oolongtee im zweiten Aufguss vor, bevor sich deutlich beerige Aromen nach vorne drängen, Holunderbeere und Brombeere, weiterhin süßlich veranlagt, ohne Säurespitzen. Eine wirklich elegante Wärme beginnt sich auszubreiten, nur ganz mild pikant, Rosenpaprikaschärfe vielleicht, zusammen mit einem vorsichtigen Brummen aus dem Holz. Im Abgang spürt man eine edle Bittere im Rachen, sich sorgsam aufbauende Trockenheit ohne Astringenz, und eine mentholische Kühle. Im Nachhall zeigt sich Getreide zusammen mit einer leisen Floralität, die mit etwas Grünschnitt einhergeht.

Pure Eleganz, Kraft ohne Protzerei, Feinheit ohne Schwäche, subtil und handwerklich perfekt gemacht. Der The Nine Springs Single Malt Whisky Acacia Cask ist ein Whisky auf Weltniveau, für jenen Genießer perfekt geeignet, der die Komplexität in der Sanftheit zu suchen und finden bereit ist.


Die Rezepte aus dem Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual sind oft hübsch zu lesen, aber nur schwer nachbaubar, wenn man nicht die Lust oder Möglichkeit hat, die vielen Zutaten selbst herzustellen. Beim Whisky Fix à la Stuart hält sich das vergleichsweise noch in Grenzen; um so spannender ist es dann für mich, statt dem Blended Scotch, den die beiden nutzen, einen deutschen Whisky heranzuziehen. Ein faszinierender, herbsaurer, sich entwickelnder Drink – zuerst schmeckt man Ananas, dann kommt der Whisky, und am Ende klingt der Aquavit nach.

Whisky Fix a la Stuart Cocktail

Whisky Fix à la Stuart
1½oz / 45ml Scotch
¾oz / 23ml Fino Sherry
¾oz / 23ml Aquavit
½oz / 15ml Zitronensaft
¾oz / 23ml Ananas-Cordial
3 Spritzer Kamillentinktur
Auf Eis shaken. In eine Schale mit einem Stück cracked ice abseihen und mit Muskatnuss bestreuen.

[Rezept nach Jack McGarry]


Zur Flasche – eine heutzutage durchaus konventionelle Form, Halbliterformat, mit einem Echtkorken und elegant gestaltetem Etikett und einem in der Farbe passenden Geschenkkarton. Die Details darauf sind etwas schlecht lesbar, gold auf hellbraun ist keine sehr kontrastreiche Farbwahl, und die Schrift ist recht klein, das ist nichts für meine aufkommende Altersweitsicht, auch wenn die Farbe natürlich, wie oben geschrieben, gut passt.

German Whisky Award 2025

Ich gebe hier nun noch ein paar Eindrücke von der Burg Scharfenstein, dem Event und dem großartigen Essen, das im angeschlossenen Hotel- und Restaurantbetrieb serviert wurde, wieder; wer mal ein entspanntes Wochenende mit Burgflair und trotzdem moderner Ausstattung erleben will, ist hier richtig, da kann man sich echt wohlfühlen: Bernd Ehbrecht und Martin Henning sind großartige Gastgeber, das Team funktioniert wie ein Uhrwerk.

Eine der Entdeckungen, die regionale Erfolgsmarke Neunspringe Cola, habe ich auch mitgebracht und schon getrunken, leider ist die für mich im Saarland nur über sehr teure Onlineshops verfügbar, sonst wäre das meine Hauscola geworden. Und ja, ein kleiner Schock für die Puristen am Schluss des Artikels, man kann sie extrem gut mit dem Nine Springs Single Malt und ein paar Eiswürfeln vermischen, wenn einem nach einem Longdrink mit Stil ist, da kommt Qualität auf beiden Ebenen zusammen. Muss man aber nicht, beides sind für sich tolle Genussmittel, die mir viel Spaß bereitet haben.

Inzwischen sind übrigens auch die Ergebnisse des Wettbewerbs bekannt, und tatsächlich hat ein Schwesterprodukt des hier besprochenen Whiskys, der The Nine Springs Peated Breeze Marsala Cask Strength, den Haupttitel gewonnen. Man sieht, die Juroren waren sich recht einig, dass hier bei The Nine Springs tolle Produkte entstehen. Der German Whisky Award 2025, auf jeder Ebene ein großer Erfolg!