Man lernt nie aus – Saint James Royal Ambré

Wie so oft gibt es hier nun zunächst wieder etwas zu lernen. Das Etikett des Saint James Royal Ambré weist einige interessante Details auf, die dem Rumfreund, der sich etwas mit Rhum Agricole auseinandersetzen will, ein Begriff sein sollten. Die Sprachbarriere ist, da es sich nur um wenige Worte handelt, leicht übersprungen – beginnen wir mit dem Wort, das sehr plakativ platziert ist und die erste Aufmerksamkeit auf sich zieht: Ambré.

Ambré ist keine offizielle Kategorie, sondern einfach eine Beschreibung der Färbung des Rums – das, was man auch heute noch oft sieht, obwohl inzwischen klar sein sollte, dass die Farbe keine wirkliche Klassifizierung erlaubt. Gold oder Amber liest man als ähnliche Beschreibung oft im englischsprachigen Raum; übersetzt ins Deutsche heißt es schließlich simpel bernsteinfarben. Das wichtigere Kriterium ist aber auch auf dem Label der Flasche zu finden: „Élevé sous bois“ (wörtlich „aufgezogen unter Holz“). Dies ist eine der drei Reifungsstufen, die für AOC-Martinique-Rum möglich sind (die beiden anderen sind jüngere blancs und ältere vieuxs). Um das Kriterium zu erfüllen, muss der Rum mindestens 12 Monate am Stück in Eichenfässern in der Region der Herstellung gereift sein. Für den Saint James Royal Ambré ist keine exakte Angabe gemacht worden, laut Herstellerwebsite kann man aber mit ungefähr 18- bis 24-monatiger Lagerung in Eichenholzfässern rechnen, ist damit also recht deutlich über der Mindestanforderung der AOC. Von der Theorie nun zur Praxis!

Saint James Royal Ambré Rhum Agricole

Farblich weist der Rum ein zum Orangenen hin tendierendes Kupfer. Er hinterlässt sehr zaghaft ablaufende Beinchen am Glas, und hat eine gewisse Viskosität. Die Nase ist sehr malzig, grasig und holzig. Unter dieser Oberfläche liegt eine zweite Schicht an Aromen, die fruchtig sind – Ananas, Erdbeeren, Kirschen. Eine sehr attraktive Mischung, würde ich sagen. Zu guter letzt ist da noch eine Ebene, die grasig, kräuterig und süßlich ist – eine schöne Komplexität in der Nase.

Im Mund ist der Rum dann sehr malzig, mit sehr deutlichen Holzaromen. Durch die Produktionsweise des Ambré schimmert noch sehr viel vom Charakter eines weißen Rhum Agricole durch, da ist noch viel Gras und Heu, etwas Lakritz und auch noch ordentlich Pfeffer, aber auch schon leichte Reifenoten sind erkennbar, Honig, und sehr viel bunte Frucht, von Pfirsich bis Mango. Zunächst sind die gut gewählten 45% (oder ° / degrés, wie man im französischsprachigen Raum sagt) nur leicht erkennbar, sie geben aber Kraft für eine gewisse Breite. Der Abgang ist feurig, mentholig, eher kurz, dafür charakterstark.

Saint James Royal Ambré Glas

Ein Rum, der gerade Anfänger sehr stark polarisieren wird. Mir ging es nicht anders, darum zitiere ich gern Auszüge aus meiner ersten Rezension zu diesem Rum, geschrieben vor einigen Jahren. Man sehe daran, dass sich Gaumen weiterentwickeln. Meist zum Positiven hin, ich kann mir heute meine Meinung von damals kaum mehr erklären.

Man muss diesen Geschmack mögen. Mir geht es bei jedem Cocktail, den ich mit Rhum agricole mixe, so – ich muss erst ein, zwei Schlucke nehmen, die ich runterzwinge; und alle Folgeschlucke sind dann Wundern darüber, wie eigen dieses Aroma ist. (…) Und ich halte Rhum agricole für einen typischen „acquired taste“, den man erst schätzen lernen muss. Tatsächlich geht er mehr in die Grappa-Richtung als in die typische Dunkelrum-Richtung. Im Leben käme ich nicht auf die Idee, diese Art Rum pur zu trinken – da gruselt es mir davor.

Natürlich passt der Saint James Royal Ambré dennoch nicht in einen sanften, zarten Rumcocktail. Er will in wilden, starken Rezepturen vermischt werden, passend zu seinem Naturell. Eines davon wäre das sehr würzige, kratzige und maskuline Dreams of Cane. Dieses Getränk, supereisgekühlt – am heißen Sommerabend, mit Freunden, und ein fettes Cajun-gewürztes Grillsteak dazu, und die Karibik kommt nach Hause. Aber vorsicht, das knallt leicht in die Birne.

Dreams of Cane


Dreams of Cane
1½ oz Gereifter Rhum agricole
½ oz Ingwerlikör
½ oz Limettensaft
½ oz Orangenlikör
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Chemistry of the Cocktail]


Um auf meine frühere Meinung zurückzukommen: heute gruselt es mir gar nicht mehr davor, im Gegenteil, ich habe den Geschmack des Saint James Royal Ambré liebgewonnen. Gern trinke ich ihn inzwischen pur. Und bei einem Preis von deutlich unter 20€ für den Dreiviertelliter ist das eine Flasche, die direkt ersetzt wird, wenn sie leer ist – für mich hat dieser Rum ein beinahe schon unheimliches Preisleistungsverhältnis. Man bilde sich also seine eigene Meinung; doch, das ist wichtig, man hinterfrage seine Meinung immer wieder mal (das gilt nicht nur für Rum, übrigens). Überraschung garantiert.

Kurz und bündig – Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole

Es ist schon eine kleine Weile her, dass ich den letzten Rhum Agricole im Glas hatte – sehr attraktive Melasse-Rums und andere Spirituosengattungen hatten in letzter Zeit meine Aufmerksamkeit eingenommen. Es wird also Zeit, dass diesem unhaltbaren Zustand endlich wieder Abhilfe geschaffen wird! Der Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole kommt da gerade recht. Es handelt sich bei ihm um einen Blend von martinikanischen Rums, die jeweils mindestens 6 Jahre gereift wurden. Das ganze wird mit 42% Alkoholgehalt abgespielt.

Färbung ist auch bei den strengen Regeln des AOC, denen dieser Rum unterliegt, erlaubt. Entsprechend vorsichtig beurteile ich, wie immer, die Farbe; zumindest scheint sie mir mit ihrem hellem Bernstein für das Alter der Assemblage glaubwürdig zu sein. Nur leichte Schwere ist beim Schwenken zu erkennen, die dabei enstehenden Beine bleiben fast an einer Position stehen, so langsam laufen sie ab.

Ich bin bei der Geruchsprobe sehr überrascht – ein extrem stechender, beißender Klebstoffgeruch ist alles, was ich zu Beginn wahrnehme, dermaßen penetrant, dass ich kaum die Nase ins Glas halten kann. Also erstmal eine Weile offen stehen lassen, denke ich – und tatsächlich, nach einer Weile öffnet er sich und die Beißzange verfliegt etwas, ohne aber ganz zu verschwinden. Schöne Reifungsnoten blitzen nun auf, Vanille und getoastetes Holz, Muskatnuss, Heu. Insgesamt ein recht würzig-aromatischer Antritt.

Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole

Im Mund ist der Saint James Cuvée 1765 sehr breit, dabei aber auch etwas flach. Die Würzigkeit steht im Antrunk noch Vordergrund, dort aber schon untermalt von cremiger, marmeladiger Süße. Erdbeeren, Mango, Honig und Vollmilchschokolade melden sich an und übernehmen immer mehr das Ruder. Im Mittelteil beginnt sich eine feine, dezente Chilischärfe ausmachen zu lassen, die schließlich stärker und dominanter wird.

Der Abgang ist dann aber wieder sehr süß, kühlender Eukalyptus breitet sich aus, er wird nicht zu trocken, leicht adstringierend; erneut habe ich die starke Assoziation zu Marmelade oder Erdbeerkompott. Insgesamt wirkt er mittellang auf mich, insbesondere die Fruchtnoten hängen lange nach, und er klingt mit ein paar kiesigen, grasigen Eindrücken aus.

Diese Kurzbesprechung basiert auf einem 5cl-Sample, die volle 700ml-Flasche kostet um die 50€. Das kann man durchaus ausgeben für diesen Rhum, wenn man nicht ausschließlich auf supertrockene Exemplare steht. Gerade das sehr aparte An- und wieder Abschwellen der Schärfe und die Eukalyptusfrische finde ich toll; mir persönlich ist der Saint James Cuvée 1765 aber letztlich im Gesamtbild einen Ticken zu unverbindlich, als dass ich ihn in Zukunft in die ganze enge Wahl ziehen würde.

Kurz und bündig – Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum

Ich gebe zu, ich habe ein kleines Faible für das martinikanische Rumhaus La Mauny, denn bis heute stammt einer meiner Lieblings-Agricole (ungereift) von dort – der La Mauny 50°. Um so erfreuter war ich, dass mir Rumfreund Benoît Bail eine Kostprobe des diesjährigen Confrérie-du-Rhum-Rums (dazu weiter unten mehr) zukommen ließ – den Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum. Ich hoffe, ich kann mich in dieser Verkostung zurückhalten und meine Vorliebe in Zaum halten.

Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum Flasche

Es ist nur eine kleine Probe, die ins Glas kommt, aber sie bezaubert trotzdem direkt alle Sinne. Noch bevor man die herrliche rostrote Farbe mit ihren orangefarbenen Reflexen bewundern kann, springt einem der Geruch mitten ins Gesicht. Eine wahre Wucht – dominant sind direkt von Anfang an Holzreifungsnoten: Eiche, Vanille, Karamell, dazu eine leichte Klebernote. 11 Jahre im Eichenfass zeigen ihre Wirkung eindrucksvoll. Rosinen, Thymian und Lavendel geben dem Rum Körper.

Der Antrunk ist zunächst sehr süß (ohne aber zuckrig zu wirken), mit viel Honig, wirkt zurückhaltend, sparsam und mild, weich und bequem, erinnert mich an Cognac. Aber, oh! Der Abgang! Wer bei diesem Abgang nicht ins Schwärmen gerät, den bedaure ich etwas. Denn eine volle Breitseite an Aromen explodiert nun am Gaumen – da kommt ein kaum beschreibbares Bouquet zum Vorschein, mit Anklängen von Lavendel, Nelken, Zitronenschale, Himbeeren, grüner Pfeffer, Ingwer und eine ordentliche Dosis Eukalyptus. Die enthaltenen 49,7% Alkohol verstecken sich nie – in diesem Rum ist lebendes Feuer, Energie und Kraft. Der Nachhall schließlich ist lang, warm, trocken, mit einem Hauch feuchtem Kies, Gras und grünem Holz, und dabei perfekt rund.

Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum Glas

Ja, ich bin nun doch ins Schwelgen geraten, obwohl ich es nicht wollte. Egal, Ehre wem Ehre gebührt – das ist ein Traum von einem Rum. Die Confrérie du Rhum, eine Facebook-Gruppe mit knapp 25000 Rumfreunden hauptsächlich aus dem frankophonen Raum, hat in dieser Zusammenarbeit mit La Mauny zur Feier des vierten Jahrestags des Bestehens der Gruppe einen echten Treffer gelandet. Wenn ich mir irgendwo eine ganze Flasche davon schnappen kann (bei einer Limitierung auf 1000 nummerierte Flaschen wird das nicht so ganz einfach werden), werde ich nicht zweimal nachdenken müssen.

Nachtrag: Tatsächlich habe ich mir dann eine Flasche davon besorgt (Nummer 184 von 1000). Grob die Hälfte davon habe ich im Rum-Club geteilt, den Rest für Weiterverkostung für mich behalten.

Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum Details