Credo

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Was habe ich heute für den interessierten Genussmittelfreund im Angebot? In diesem Artikel findet Ihr heute eine Cachaça aus Brasilien (Novo Fogo Barrel-Aged Cachaça) und einen Rum aus Jamaica (Long Pond Cambridge STCE 2005 Jamaica Pure Single Rum (VSGB)), sowie einen Kräuterbrand aus Deutschland (Edelbrennerei Dirker Blaufichten-Zapfen-Geist). Als besonderes Schmankerl bespreche ich dazu einen Trinkessig aus der Pfalz (Weinessiggut Doktorenhof Vatermörder), und am Ende trinken wir zur Gaumenklärung ein französisches Bier (Gallia Champ Libre).


Novo Fogo Barrel-Aged Cachaça

Novo Fogo Barrel-Aged Cachaça

Brasilien, Paraná.
Biologisch zertifiziert (USDA).
2 Jahre in gebrauchtem Eichenfass gereift.
Batch L16 334 PS.
40%.

Es macht erstmal richtig Spaß, die Flasche anzufassen. Die schwungvolle, einzigartige Form liegt richtig gut in der Hand, der grobe Stoff am Hals wertet das noch auf. Das Design ist direkt auf die Flasche gedruckt, nicht als Etikett geklebt, nur das handbeschriftete Batch-Label nicht. Man sieht schon in der Flasche die honiggelbe Flüssigkeit, im Glas glänzt und glitzert sie noch mehr, mit gleichzeitig Lebendigkeit und leicht viskoser Schwere malt sie ausdauernde Artefakte an die Glaswand.

Die Nase passt gefühlt dazu – ich rieche erstmal natürlich klassische Eichenholzaromen, süßlich-herb, mit Eindrücken von Vanille, Honig und mildem Kokos. Schnell erscheint aber danach die Cachaça-Typizität, grasig-grün, mit einer leicht seifigen Floralität, und ich muss sagen, das geht herausragend gut zusammen. Abwechselnd riecht man die würzig-holzigen Aspekte und danach die frisch-blumigen, und sie kämpfen in keiner Sekunde gegeneinander. Ein Hauch von Lack gibt zusätzlich Spannung in den sonst so runden Duft, dazu kommt ausgeprägter Zimt und ein Touch von Erdnuss. Die Mineralität einer klassischen Cachaça sucht man vergebens, dafür bekommt man eine Erdigkeit, die ein guter Ersatz ist.

Großartig ist dann das Mundgefühl, im Antrunk erstmal superflauschig, weich und breit, das legt sich echt angenehm an die Schleimhäute. Die Textur ist fett und dicht, und bildet dann die Basis für die nun doch erscheinende Mineralität, und sich langsam ausbreitende Würze – Zimt und Gras gleichzeitig, mit etwas weißem Pfeffer; eine volle Honigattacke und ausgeprägte Zuckerrohrsaftklassik lassen eine milde Pikanterie nur am Rande aufblitzen. Das Finish ist geprägt vom Eukalyptusgeschmack und dem Mentholeffekt, der den ganzen Mundraum gefühlt 10° runterkühlt, ein Effekt, der sehr lange vorhält und mir richtig viel Spaß macht.

Viele Spirituosen, die an sich auf Frische basieren, wie Cachaça, Tequila oder manche Rumarten, leiden unter Holzreifung etwas. Hier zeigt sich, dass das auch echt gut funktionieren kann; die Eiche ergänzt die Aromatik toll, und fügt nicht zuviel der sonst oft alles übertünchenden Tropenholz-Besonderheiten Brasiliens hinzu. Ein Sipper für den Sommer.


Long Pond Cambridge STCE 2005 Jamaica Pure Single Rum (VSGB)

Long Pond Cambridge STCE 2005 Jamaica Pure Single Rum (VSGB)

Jamaica.
Melasse.
Double Pot Still.
18 Jahre im Ex-Bourbon-Fass, tropisch.
STCE-Mark (550-700gr/hlpA), „continental flavoured“.
60%.

Es ist immer schön, diese knuffigen kleinen VSGB-Flaschen in die Hand zu nehmen. Die Detailverliebtheit, die sich insbesondere hier im Etikett zeigt, lässt keine Fragen offen, was wir hier vor uns haben. Ich gehe mal auf die Sachen ein, die man nicht auf dem Foto von außen sieht, wie die Bernstein-Farbe, die kräftig im Glas strahlt, und die attraktive Öligkeit, die die Glaswand fett mit einem Film bedeckt.

Die Reproduktion eines Rums der 1947 geschlossenen Cambridge-Destillerie gibt in der Nase erstmal eine ordentlich Portion Holz ab, mit den typischen Noten, die ein Ex-Bourbon-Fass liefert. Doch die Ester lassen sich nur kurz unterdrücken, das Profil eines „continental flavoured“-Rums aus Jamaica ist dazu zu direkt; matschige exotische Früchte, ein bisschen grüne Tonne im Sommer, quietschige und schweißige Aromen, das ist schon hochtypisch, aber durch das Holz erkennbar ein bisschen aufgefangen und nicht ganz so aggro, wie viele andere Abfüllungen dieser Art.

Am Gaumen kommt das alles auch direkt im Antrunk vor – eine halbe Sekunde bekommt man noch Schonfrist und erfreut sich an einer schweren, fruchtigen, honigartigen Süße, bevor die trockene, mineralische Grundstruktur voll zuschlägt und direkt mit dem Adstringieren beginnt. 60% Alkoholgehalt? Kaum spürbar, wunderbar integriert ist er. Die Ester klingen kurz auf, machen aber kein Gebrüll, sondern lassen sich eher in ein Spiel mit dem Holz ein, Gewürze erscheinen, etwas Zimt, ein bisschen Vanille, und schließlich kühlende Minze, die den Mundraum erfrischt, ein Gefühl, das lange hängen bleibt, und dann mit blühendem Jasmin und Frangipani nachhallt. Die Trockenheit am Ende ist ausgesprochen angenehm, gar nicht mehr adstringierend, mehr edel und gaumenklar.

Die regelmäßigen Leser meines Blogs wissen es, ich bin kein großer Freund von Hochesterrums, doch hier funktioniert die Konzentration der Aromen und chemischen Verbindungen sehr gut. Man muss sich dennoch auf die Kraft und Dichte einlassen können; wer starke und gleichzeitig handwerklich richtig gut gemachte Spirituosen mag, findet hier einen Kaufkandidaten.


Edelbrennerei Dirker Blaufichten-Zapfen-Geist

Edelbrennerei Dirker Blaufichten-Zapfen-Geist

Deutschland, Bayern.
Geist.
Zapfen der Picea pungens werden in 96,4%igem Alkohol für 1 Jahr mazeriert.
Destilliert im Rosenhutkessel.
44%

Ein Vergeisteter Tannenzapfen? Das klingt für mich, der harzig-wurzelige Gerüche und Geschmäcker sehr gern mag, schon direkt toll. Natürlich ist davon erstmal nichts optisch zu erkennen, der Geist ist klar, sauber und makellos. Die schwere Viskosität macht das Drehen des Glases ansprechend.

Und dann dieser Duft – das ist wirklich herrlich. Eine Mischung aus duftig-aromatischem, frisch gesägtem Zedern- und Zirbenholz, dazu sehr elegante, weihrauchige Harztöne, und eine milde zestige Fruchtbasis mit Bergamotte und Grapefruit, dazu ein Touch Apfel; das Obst gibt nur zusätzlich Tiefe, der Geist ist klar dominiert vom Fichtenzapfen. Frisch, klar, mit einem Hauch Eukalyptus und Latschenkiefer. Ja, das erinnert an Sauna und Badezusatz, aber auf eine sehr saubere und natürliche Art und Weise. Ich könnte stundenlang daran schnuppern.

Die Textur ist fein, weich und breit, mit schöner natürlicher Süße im Antrunk und schnell expandierendem Volumen. Erstmal nimmt man die Zitrusschale wahr, aromatisch und mildbitter, sie bleibt dauerhauft bei uns, auf ihr bauen dann das herbe Harz und die holzigen Eindrücke auf, nun bei weitem nicht mehr so konzentriert und saunaaufgussig, mit erkennbarem Umami im späteren Verlauf und schöner, dezenter Salzigkeit und leichtem Schwarzpfeffer im Abgang. Dicht, körpervoll, aromatisch und komplex mit feiner Blumigkeit dazwischen. Ein Geist zum Verlieben, wenn man diese Stilrichtung schätzt; sogar, wer das nicht so mag, muss das herausragende Handwerk hier loben.

Eine Flasche habe ich für einen lieben Freund mit nach Mexiko genommen, die Brände und Geister von Arno Dirker sind einfach tolle Geschenke für internationale Reisen, zum Teil auch, weil sie in diesen schönen kleinen Flaschen erhältlich sind, die dazu noch so urig wirken mit ihren Etiketten in Schreibschrift – so mache ich eine kleine Freude und verbreite gleichzeitig die deutsche Brennkunst ein bisschen in der Welt.


Weinessiggut Doktorenhof Vatermörder

Weinessiggut Doktorenhof Vatermörder

Deutschland.
Weinessig aus der Ortega-Traube.
Honig und 19 Kräuter.
3,5% Säure.

Kupferrot findet er sich im Glas, leuchtend und kräftig. Eine erkennbare Viskosität zeigt sich beim Drehen des Essig-Verkostungsglases, das man mit ungefähr 1 Teelöffel pro Dosis befüllt.

In der Nase spürt man erstmal natürlich die Spitzen des Essigs, danach aber praktisch sofort die extremschwere, dichte Honig- und botrytisbefallene Traubennote. Sanfte Kräuter fangen beide Aspekte etwas auf, geben klare Frische dazu, und weiche Breite. Ein sehr komplexes Bild, das alles aufgreift – Frucht, Säure, Würze, Kühle und leichte Floralität. Ein insgesamt herber Duft, erfrischend und speicheltreibend.

Am Gaumen zeigt sich erstmal äußerst direkt und dicht die Traubenfrucht, gar nicht so sauer, wie man es vielleicht erwartet von einem Essig, im Antrunk dominiert erstmal die Süße. Kräuter blitzen abwechselnd auf, sehr fein und weich, und wohlintegriert in das Gesamtbild. Im Abgang kommt die Säure und Herbe des Essigs tief im Rachen zum Vorschein, mit etwas Salzigkeit, am Gaumen verbleibt ein krautig-fruchtiges Mundgefühl, leicht astringierend, definitiv aber speichelflussanregend.

Hocharomatisch, unterhaltsam, komplex und gesund. Das ist wirklich ein Digestif vom Feinsten, da wird niemand einen Schnaps vermissen; und im Tonic als Aperitif ein Gaumenerfrischer par excellence.


Gallia Champ Libre

Gallia Champ Libre

Frankreich.
Vollständig aus französischen Zutaten.
Gersten- und Roggenmalz.
Hopfen: Elixir + Aramis.
5,8%.

Leicht opalisierendes Gelbgold, mit leicht ins Sonnenblumengelb tendierenden Lichtreflexen. Gegen die leichte Trübung sieht man die sehr aktive, feinblasige Perlage, die sich zum Teil aus kleinen Partikeln speist (das Bier ist ungefiltert). Der Schaum ist passend dazu sehr fein und fluffig, bleibt einen Zentimeter hoch eine ganze Weile stehen, wenn man sich die halbe Flasche in einen Kelch gegossen hat.

Für die Nase gibt es ein bisschen weniger zu erleben als fürs Auge, man findet aber trotzdem typische Getreidenoten, leichte Würze und ein Anflug von Fruchtigkeit, nicht aber so, dass man viel Aromahopfen annehmen darf. Frisch, klar, hell, so riecht ein klassisches Bier eben, sauber gemacht.

Das Mundgefühl im Antrunk ist sehr weich, cremig, noch nicht kauig, aber eben texturiert. Dazu trägt auch eine sehr angenehme Süßsauer-Balance bei, die sich weich auf den Gaumen legt und dort auch eine Weile bleibt, während man den Schaum und den vollen Körper ablutscht. Die Würze bildet sich im Verlauf, bringt ein leichtes Prickeln mit sich, noch mehr Rezenz und klare Frische. Der Abgang ist mittellang, sehr sauber strukturiert, und auch wenn er kaum Aromen zurücklässt, bleibt doch ein sehr angenehmes Grundgefühl zurück, das diese tolle Mischung aus Körper und Frische nochmal aufleben lässt.

Wirklich gut gemacht, strukturvoll und mit angenehm zurückhaltender und dennoch effektiver Aromatik, ein Bier, das sich einfach richtig gut trinkt und dabei unterhält, ohne meine sonst einsetzende Verkopfung zu triggern. Davon hole ich mir ganz sicher mehr, und es stört mich dann überhaupt nicht, dass es eine große Flasche ist – die ist schnell leer.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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