




Wild gesammelt aus allen Regionen der Welt stelle ich heute wieder einmal ein Set an Produkten zusammen, die vielleicht ebenso unterhaltsam sind für Euch wie für mich. Dazu gehört ein Rum aus Madeira (O Reizinho Dourado Madeira Cask Strength Rum), und ein Blended Whisky, den ich von einer Reise nach Bulgarien mitgebracht hatte (Black Ram Blended Whisky). Eine ungewöhnliche Zusammensetzung hat der Schlangengift-Sotol aus Mexiko (Sotol Coyote Triunfo del Desierto Edición Especial con Víbora), vertrauter und trotzdem exotisch trinkt sich ein Kräuterbrand aus Deutschland (Faude Feine Brände Fichtensprossengeist). Und am Ende probieren wir noch eine Fischkonserve aus Portugal (Conservas Santos Filetes de Anchovas em Azeite).
O Reizinho Dourado Madeira Cask Strength Rum
Portugal, Madeira.
Zuckerrohrsaft.
Gereift in Madeira-Wein-Fässern (9 Monate).
Flasche 776 von 1000.
57,5%.
Neun Monate im Ex-Madeira-Fass, da ist schon was an Färbung rübergekommen, eine Art Blassgold mit fast weißen Lichtreflexen. Die Beweglichkeit im Glas ist hoch, man sieht aber auch eine gewisse Viskosität, die für viele Reste an der Glaswand sorgt. Beinchen bilden sich und laufen ab, hinterlassen dabei Spuren.
Bei der Nase hätte ich im Blindtest sofort gesagt – das ist eine Cachaça, ohne jeden Zweifel hätte ich das herausposaunt. Nun, diese Spirituosenkategorien sind natürlich eng verwandt, und hier spürt man das deutlicher als bei vielen anderen Zuckerrohrbränden. Da ist brutal expressives Zuckerrohr da, total direkt und linear, als hätte man den frisch gepressten Saft vor sich. Selten habe ich einen so perfekten Transfer von Aromen vom Basismaterial in ein Destillat erlebt wie hier. Grün und nass, saftig und frisch, mit der Unterstützung eines leicht aromatischen Holztons, auch dieser eher einem feuchten, jungen Holz ähnlich. Knackige Essigsäure findet sich; da ist dann noch Pfirsich, Honigmelone und grüne Banane, und eine leicht blumig-seifige Note, die ich sehr mit Amburana verbinde, was vielleicht die Ähnlichkeit zu Cachaça erklärt. Eine leichte Alkoholizität ist unterschwellig da, aber nicht störend.
Besonders fällt natürlich die starke Salzigkeit auf, die sich in der üppigen, fetten Textur besonders in den Vordergrund drängt. Dichte Süße, wuchtige Zuckerrohraromatik und viele grüne Aspekte machen das Mundgefühl dazu noch spannend, und die Struktur ist dabei kompakt, erdig-bitter und ausdauernd mineralisch. Im Abgang kühlt der Brand deutlich ab, entwickelt spät sogar noch Mentholaspekte. Die Kombination aus erdig-heuigen Noten mit dieser kräuterig-kalten Frische geht besser zusammen, als es sich erstmal anhört. Lang, frisch und aromatisch klingt der O Reizinho erst nach einer beeindruckenden Wartezeit aus. Der Alkoholgehalt bringt Kraft und Wucht, aber keinerlei Störeffekte.
Kurz gereifte Agricole-Rums haben oft das Problem, dass die Integration zwischen Destillat und Holz kantig und unrund wirkt, bei diesem Rum hier passt das richtig gut zusammen. Das Zuckerrohr ist noch expressiv da, das Fass sorgt nur für minimale Entspannung und feine Aromatik. Herausragend gut gemacht!
Es fühlt sich an, als ob es schon gar nicht mehr wahr ist – die Flasche des Black Ram habe ich als Geschenk beim Besuch in Bulgarien während Spirits Selection by CMB 2018 bekommen, während wir die Anlagen von VP Brands besichtigten. Seitdem schlummert er im hintersten Bereich des Spirituosenregals und wird nun endlich geöffnet.
Aus dem Nachfüllstopp im Flaschenhals, der unter dem Blechschraubverschluss versteckt ist, gluckert die Flüssigkeit leicht ins Glas. Viskos ist er nicht, eher sehr leicht, passend zur hell-heuigen Farbe – ansprechende Beinchen gibt es trotzdem.
Die Nase ist dagegen nicht so wirklich begeisternd, recht generische Gerstigkeit wird von einer erkennbaren Ethanolnote begleitet. Gefühlt wirkt der Whisky sehr leicht und schmal, die durchaus typische Aromatik wirkt verdünnt. Milde Vanille- und Kuchenteigansätze sind das, was wenigstens etwas Tiefe andeutet.
Auch im Mund geht das ähnlich weiter. Aromatisch sehr geschlossen, ein bisschen Gerste, ein bisschen Malz, ein bisschen Vanille, aber alles wenig aufregend. Das Mundgefühl ist angenehm dicht, aber es trägt halt nichts, im Gegenteil, das wirkt wie leicht aromatisierter Neutralalkohol. Süße und Bittere sind gut ausbalanciert, der Abgang kurz, desinteressiert, alkoholisch feurig.
Ich wüsste nicht, was man mit so einem Whisky anfangen kann. Für den Purgenuss viel zu langweilig, für einen Cocktail zu schwach auf der Brust. Vielleicht trinke ich ihn mit Soda oder Tonic.
Sotol Coyote Triunfo del Desierto
Edición Especial con Víbora
Mexiko, Chihuahua.
100% Sotol.
Artesanal.
„Abocado de Víbora“ (Vipern/Schlangengift im Destillations- und Reifungsprozess)
3 Monate in Ex-Bourbon-Fässern gereift.
45%
Es ist ein bisschen schwierig, herauszufinden, wie die Schlange hier in den Sotol kommt. Auf dem Rücketikett werden Schlangengift und die Schlange selbst angedeutet, richtig klar wird es nicht, unterschiedliche Webseiten nennen das Gift oder die Schlange. Beides ist im traditionellen Prozess vorgesehen – erst wird die Schlangenleiche wie bei Pechuga in den Destillationsprozess eingebunden, später kann man Mikrodosen des Schlangengifts zur Aromatisierung einsetzen, oder sogar Schlangenteile im Reifungsprozess verwenden. Wer genaueres für dieses spezielle Produkt weiß, darf mich gerne kontaktieren.
Die Farbe kommt aber sicher nicht von der Schlange oder dem Gift, sondern von der Reifung im Ex-Bourbon-Fass. Sie ist gelblich, ein bisschen senfig vielleicht. Die ölige Struktur gefällt und hinterlässt viele Artefakte am Glas. Grundsätzlich ist die Nase sehr sotol-typisch, trotz der Reifung. Grün, frisch, herbal, mit Anflügen von Eukalyptus, Salbei und Rosmarin, und gleichzeitig konträre erdige Aspekte. Dazu kommen ganz vorsichtige Steinobstnoten, Aprikose und Mirabelle. Das Fass gibt erkennbare vanillige Töne dazu. Die Mischung ist komplex und unterhaltsam.
Im Mund ist der Antrunk erstmal überraschend leicht – das fühlt sich initial fast schon wässrig an, für einen Brand mit 45% Alkohol durchaus besonders. Die Textur ist sehr weich, breit, aber nicht wirklich tief, und für meinen Geschmack ein bisschen zu süß. Erst im Verlauf entwickelt sich eine milde Würze, mit anklingender Chilischärfe, die später stärker wird und dann den Mundraum erwärmt. Aromatisch hat man durchaus den Eindruck einer gewissen Fleischigkeit, die aus dem Kräuterbeet eine ungewohnte, süßwürzige Aromatik herausarbeitet; diese verfliegt aber schnell wieder, der Abgang ist kurz und aromatisch schwach, hinterlässt nur einen blutigen Eisenton, der mich wenig überzeugt, und am Ende klingt der Sotol mentholisch kühl und herb aus.
Der Sotol Coyote Triunfo del Desierto Edición Especial con Víbora fühlt sich für mich ein bisschen nach einem nicht voll durchdachten Projekt an. Die Süße stört mich, ich glaube, ungereift (oder in einem neutraleren Fass gereift) könnte er mich mehr begeistern – die Schlange sorgt darüberhinaus gefühlt auf der Flaschenpräsentation (Illustrationen, Kunstledermanschette) für mehr Aufmerksamkeit als in der Flüssigkeit, was mich etwas enttäuscht.
Faude Feine Brände
Fichtensprossengeist
Deutschland, Baden.
Geist aus jungen Fichtensprossen aus dem Schwarzwald.
40%.
Wenn ein Brenner so angenehme Flaschengrößen wie 500ml und 100ml anbietet, ist das für mich immer ein Zeichen: der hat keine Angst, dass man keine zweite Flasche kaufen wird, und vertraut darauf, dass die kleine Menge den Konsumenten überzeugt. Dieses Selbstvertrauen in die eigenen Qualitäten wünsche ich mir von mehr Brennern hierzulande. Die kleine Flasche ist ohne Etikett gemacht, stattdessen hat sie einen Pappumhänger mit einer Schnur um den Hals. Brilliant und makellos ist die Flüssigkeit darin, sie schwenkt sich leicht und mit nur leichter Öligkeit.
Die Fichtensprossen sind sofort in der Nase präsent, zitrisch und aromatisch, mit dieser besonderen Note, die man sofort erkennt. Nein, es geht nicht in Richtung Saunaaufguss, der Duft wirkt natürlich und genau so, wie wenn man gerade eine Sprosse vom Ast gezupft hat und sie zwischen den Fingern verreibt. Eine erdige Seite ist von Anfang an mit dabei, dazu Anflüge von harzigem Tannenholz. Ein wenig Ethanol riecht man heraus, das hätte ich gern besser integriert gesehen.
Der Antrunk ist süß und dicht, das Mundgefühl dazu weich und breit, das liegt angenehm im Mund. Schnell entsteht milde Würze mit leichtem Schwarzpfeffer, sowohl vom Effekt als auch von der Aromatik her. Die Fichtensprossen scheinen durch, geben diese harzige und gleichzeitig zitronenmelissige Frische ab. Ein voller Körper leitet in einen mittellangen Abgang über, der im Rachen leicht bitter ausklingt, und einen vollen, wuchtigen Schwarzpfeffer-Nachhall hinterlässt.
Ein angenehm süffiger Kräuterbrand, der an manchen Stellen etwas überparfümiert wirkt. Ich kann mir das trotzdem gut als Begleitung zu einem Fischgericht vorstellen, oder als Digestif zu Crème brûlée, das ergänzt sich toll.
Conservas Santos
Filetes de Anchovas em Azeite
Portugal.
Filets in Olivenöl (53,49% Fischanteil).
43g.
Fangzone FAO87 (Südostpazifik).
Die längliche Dose ist gefühlt ein bisschen leer, wenn man sie öffnet – die Filets liegen längs darin und reichen nicht bis ans Dosenende. Als Ausgleich sind sie herrlich dunkelrot, viel attraktiver als die blassen Filets, die man sonst so in den Gläsern findet. Sie sind einigermaßen schwer voneinander zu trennen, es braucht ein bisschen Geschick und passendes Werkzeug, ansonsten hat man halt Einzelteile. Leichte Salzkristalle sind erkennbar, einzelne Weichgräten, die Struktur wirkt mürbe und brüchig.
Geruchlich dominiert erstmal auch der typische Anchovi-Geruch, leicht fischig, leicht erdig, mit Anklängen von frischer, knuspriger Brotrinde. Das Öl ist glasklar, wirkt nicht zitrisch, hat schönen Olivenfleischcharakter, ist nicht ranzig, aber erkennbar dunkel im Aroma. Außerhalb des Öls sind die Sardellen deutlich kantiger im Geruch, frisch fischig, salzig und hocharomatisch, gleichzeitig erdig und brotig. Im Mund zergehen sie schnell, lösen sich trocken und feinherb in Krümel auf, feinsalzig, mildfischig, leicht nussig, dicht und mit langem Nachhall. Kein Salzzwicken, kein bisschen fettig oder ölig, einfach rund und lecker.
Wie esse ich so etwas? Natürlich sind sie die perfekte Auflage auf eine Pizza Margharita ohne sonstige Zutaten. Alternativ passen sie in Linguine Aglio e Olio, ein Traum. Die perfekte Genussmethode ist aber die, die ich bei Spirits Selection 2024 in Treviso gelernt habe – ein kleines Stück knuspriges Brot, dick mit Butter bestrichen, und ein Anchovi-Filet darauf. Das ist der Himmel für mich. Die Italiener wissen einfach, wie man lebt, und die Portugiesen liefern den Stoff dafür.





