




Wodka soll neutral und langweilig sein? Vielleicht kann der Koskenkorva Vodka 60% Vol aus Finnland dieses Vorurteil, das immer noch weitverbreitet ist, auflösen. Danach holen wir uns einen Likörklassiker aus Tschechien ins Glas (Becherovka Original), den ich seit langer Zeit schätze. Aus meiner Geburtsstadt stammt der Krater Noster Bavarian Distilled Dry Gin, den ich mir vor einer Weile aus Nördlingen im Rieskrater mitgebracht hatte. Das VSGB-Projekt kommt mit dem Papalin Réunion Original Vatted Rum 10 Years Old (VSGB) nochmal zum Zuge, und zum Schluss noch ein Schluck aus der Heimat mit einem bayerischen Bier (Fürst Wallerstein Export).
Klar und ölig, so stelle ich mir einen guten Wodka vor. Beides liefert der Koskenkorva ab, eine schwere Viskosität, die man schon im Glas beim Bewegen der Flüssigkeit sieht, und später natürlich entsprechend an den Artefakten an der Glasinnenwand.
Die Vorstellung, dass Wodka möglichst eine komplett neutrale Spirituose sein sollte, haben wir hoffentlich alle schon abgelegt, natürlich sollte man keine überraschenden oder starken Aromen erwarten, doch es sollte sich schon von Neutralsprit unterscheiden. Ich rieche jedenfalls wunderbare, leichte, helle Töne von Getreide, dazu eine wirklich aparte Floralität aus ein bisschen Lavendel und Veilchen, würde ich sagen, deutlicher Rosmarin, und vielleicht sogar etwas Thymian. Dabei geht das nie ins Parfümige über, sondern bleibt getreidebasiert. Ganz ehrlich, das schnuppert sich richtig angenehm und elegant.
Riskieren wir trotz der 60% einen unverdünnten Schluck davon. Zunächst zeigt sich der Koskenkorva süßmild, fast schon zuckrig im Gefühl, und breitet sich unauffällig im Mundraum aus. Schnell zeigt sich dann aber das wahre Gesicht dieses Brands – der Alkoholgehalt und die getreidige Würze bilden eine feurige Wärme, die von milder Salzigkeit unterstützt wird. Weiterhin erkennt man Blüten und Kräuter, das wirkt stellenweise fast schon mediterran und überhaupt nicht nordischkühl. Passend dazu kommen Olivenlake und Salzdillgurken als Eindruck spät auf; ich stelle mir das schon als ideale Basis eines Picklebacks oder Dirty Martinis vor. Der Abgang ist weiterhin kräftig und heiß, aromatisch eher kurz, auch wenn die Blumigkeit und Ideen von Gerste noch eine Weile nachhallen.
Einen Wodka als Sipper zu empfehlen, mag jetzt vielleicht verrückt klingen, doch beim Koskenkorva tue ich das ohne das Gefühl, ein bisschen zu übertreiben: das trinkt sich pur extremst angenehm, mit runder Textur und leisen, aber wirksamen Aromen. Die perfekte Kombination aus Eleganz einerseits und Wumms andererseits.
Becherovka Original
Tschechien.
Likör.
Geheimes Rezept aus Kräutern und Gewürzen. Reifung in Eichenfässern.
„Seit 1807“.
38%.
Die tiefgrüne Flasche im flachen Format versteckt die Flüssigkeit in ihr gut – im Glas erkennt man eine leicht strohige Farbe, wenn man optimistisch sein will, stammt diese aus der Fassreifung, auch wenn Fässer für derartige Produkte oft ausgelaugte Hüllen sind, die (natürlich ist das auch gewünscht) nichts mehr zu bieten haben.
Der Nelkenfreund (also die Gewürznelke, nicht die Ansteckblume) seufzt sanft, wenn er das Glas dann an die Nase hält; ich zähle mich zu der Kategorie, und darum erfreut mich eine Duftprobe bei Becherovka immer sehr. Dazu kommen angenehm frische, aber nie spitzige Zitrusnoten, eher Zeste als Saft, ein Hauch Grapefruit, etwas Bergamotte. Zimt ist fein ausgeprägt, und sehr elegant kommen dann ein bisschen später florale Blütennoten dazu, dezent, sich gut einbettend, ohne seifig zu werden. Den Alkohol hat man dazu auch wirklich gut eingebunden.
Die Textur des Likörs ist weich, aber nicht fett, mit einem mittleren Volumen. Initial bekommt man einen guten Süßestoß, im Verlauf klärt sich das aber schnell und macht einer sauberen Struktur mit viel Würze und leichter Astringenz Platz. Der Becherovka liegt wirklich echt gut im Mund, den kann man im Gegensatz zu vielen anderen Likören dort auch mal eine Weile stehen lassen und mit der Zunge drehen, um die Gewürznoten besser zu fühlen und das schöne Umami und die Salzigkeit wertzuschätzen. Der Abgang ist heiß, trocken und sehr bitter, und dann vollständig von der Nelke dominiert. Ich würde sagen, das kann man echt gut pur trinken, oder als Absacker nach dem Essen genießen; und das wirklich herausragende Preisleistungsverhältnis darf man auch mal erwähnen.
Und zum Schluss ein Tipp – ganz großartig ist ein Longdrink mit Becherovka und Cola, je nach Laune im Verhältnis, mindestens aber 1:3. Cola und dieser Likör gehen eine wirklich zauberhafte, aromatische Heirat ein, die wirklich Spaß macht.
Krater Noster Bavarian Distilled Dry Gin
Deutschland, Bayern.
Spirituosen-Manufaktur Scheible.
Wacholderbeeren aus der Rieser Heide.
46,9%
Das Wortspiel im Namen, das auf den Rieskrater anspielt, beweist den feinen Humor, den wir Schwaben haben. Passt der Gin dazu? Klar, transparent, leicht viskos – im Glas ist erstmal außer der eigentlich zu erwartenden Reinheit nicht viel berichtenswertens zu sehen. Dicke Beinchen bilden sich beim Schwenken, und bleiben lange am Glas haften.
Die Nase ist hochklassisch, das ist sehr typisch für einen Dry Gin, der sich nicht in die neue, moderne Aromenwillkür begeben will. Wacholder ist klar definiert und präsent, als Hauptnote, andere Botanicals geben höchstens ein Unterfutter dazu, mit etwas Zitrus. Ich würde fast sagen, das ist sensorisch kein Gin, sondern ein Wacholdergeist, man riecht die Beere, und ich fühle mich wirklich in meine Kindheit versetzt, als in den heimatlichen, kargen Heiden der Wacholder auf Wanderungen immer ein kleiner Snack zwischendurch war. Die volle Beere, das Harz der Sträucher, das holzig-nadelige Gestrüpp dazu: ein linearer, sehr sauberer und klar strukturierter Gin!
Im Mund setzt sich das eigentlich nahtlos fort, eine kräftige, aber elegante Süße legt sich initial auf den Gaumen und bereitet die Leinwand für den puren, direkten Wacholder. Leichte Zitrusaromen erfrischen zusätzlich, lenken aber nicht von der Grundzutat ab, die mit leichter Bittere und harziger Kante den Ginfreund erfreut. Eine feine Textur, gut platziert zwischen Viskosität und Lebendigkeit, unterstützt die Frische und Säure, die den Gaumen kitzeln. Die 46,9% Alkoholgehalt machen das ganze dann kraftvoll, aber nicht überwältigend – der Abgang ist eher kurz, die Aromatik lässt dann schnell nach und lässt nur eine pikante Wärme im Mund zurück, die dann aber ausdauernd erhalten bleibt.
Ein sehr angenehmer Gin, hier wird nicht gezaubert oder getrickst, das ist ein extrem ehrliches, klassisches, sauberes Produkt, das ganz offensichtlich von jemandem gemacht wurde, dem Tradition beim Brennen am Herzen liegt – kein Zitronengras, kein Thaibasilikum, keine Litschis oder Sternanis, einfach nur Wacholder. Ich liebe den Krater Noster genau dafür, dass er mir die Hoffnung zurückgibt, dass echter Gin nicht am Aussterben ist.
Papalin Réunion Original Vatted Rum 10 Years Old (VSGB)
Frankreich, Réunion.
Melasse.
Blend aus 4 Rums (10 Jahre, 12 Jahre, 15 Jahre, dazu 11 Jahre Grand Arôme), unbenannte Destillerien.
Französische Eiche.
Tropisch gereift.
Abgefüllt November 2023.
50%.
Der Begriff „vatted“ kommt noch aus der Whisky-Welt zu uns herüber – in allen relevanten Belangen ist dies nichts anderes als ein Blend, insbesondere in der Rum-Welt. Die Mischung aus Rhums Traditionnels verschiedenen Alters mit einem Grand-Arôme-Rum verspricht mir direkt viel – farblich haben die mindestens 10 Jahre tropischer Reifung eine herrliche Kupferfarbe ins Glas gezaubert. Angenehm viskos dreht sich das, fette, wenig abgegrenzte Beinchen verzieren die Glaswand.
Die Esterwucht des Grand-Arôme dominiert auch direkt die Nase, da ist viel Tropenfrucht in bereits fortgeschrittenem Zustand der Zersetzung, nicht unbedingt in einem quietschig-schweißigen Maße, aber doch eindeutig erkennbar. Die anderen Rums dämpfen das, ich finde das gut, ungebremst wäre mir das zu viel. Sehr schön ist die Gewürzigkeit aus Muskatnuss, Zimt, Sternanis, Nelken und schwarzem Pfeffer, die sich mit der schweren, dichten Frucht kombiniert und so Spannung erzeugt. Ein gewisser Mentholaspekt ist bereits riechbar, er entsteht aus Lakritz und Anis, unverkennbar im Untergrund vorhanden. Die Reifung hat neben der Farbe auch feine, expressive Holznoten ins Destillat gebracht.
Im Mund sind genau diese Aspekte spannend miteinander verknüpft – die Ester und die Gewürze, ungewöhnlich und aufregend. Das ist wirklich etwas Besonderes, aus der aromatischen Sicht, selten findet man so ausgeprägte Gewürznoten in einem Rum. Das ist das, was ich hier hervorheben will; natürlich muss man auch esterige Rums mögen, um das genießen zu können, doch die herbe, fast bechervokaeske Nelkigkeit mag ich unheimlich hier. Die Süße ist schwer und dicht, das Mundgefühl dicht und voll, mit einem mentholischen Effekt im Abgang und leichter Lakritzbittere, die lange vorhält.
Wirklich unterhaltsam, und etwas, was man nicht schon hundertmal zuvor geschmeckt hat. Ein Rum für den, der mal was anderes probieren will!
Herrlich goldgelb strahlend, die kristallklarheit trägt bei, dieses optisch herausragend schöne bier zu betonen. Man sieht deutlich aufsteigende Perlchen, der Schaum ist zwar dünn, aber langlebig und hübsch gemischtblasig.
Leicht hopfenfruchtig in der Nase, mehr Bitterhopfen als Aromahopfen. Eine Malzbasis ist deutlich erkennbar. Sehr würzig und klassisch.
Von Anfang an ist in der Fülle des Antrunks auch eine klare herbe Kante vorhanden. Malz und Hopfen sind wunderbar gegeneinander ausbalanciert, beide Komponenten sind erkennbar präsent. Würze spielt direkt mit, eine unterliegende Süße fängt sie auf. Säure und Karbonisierung sind toll getroffen und sorgen für Rezenz. Kurzer Abgang mit schöner Herbe, die den Gaumen freiräumt. Sehr erfrischend, wenn gut gekühlt getrunken.
Ein rundes, schönes, extrem klassisches Bier, ohne Sperenzchen, aber auch ohne jeden Fehler. Die Brauerei in Wallerstein hats echt drauf, die Biere sind alle probierenswert.




