Lichtet den Bieranker! Anchor Brewing Steam Beer, Liberty Ale und Porter

Anchor Steam Beer Titel

Ich habe vor einiger Zeit einige Artikel begonnen, die ich aus irgendwelchen Gründen nie veröffentlicht hatte – es kam immer was anderes, interessanteres dazwischen. Diese hole ich nun Stück für Stück aus der Versenkung, und zeige sie nun. Ich überarbeite sie teilweise, aber an den Fotos erkennt man, dass sie aus einer früheren Schaffensphase stammen; ich bitte, die Qualität der Fotos zu entschuldigen.

Ich habe ein schönes Poster im Büro hängen – The Periodic Table of Beer Styles. Das hilft mir immer, Bierstile, die ich nicht so wirklich gut kenne, einzuordnen. Und das Betrachten fördert auch Bierstile zu Tage, die ich noch nie probiert habe, zum Beispiel Element 63Steam Beer. Moderne Interpretationen dieses Stils nennt man auch California Common. Der Name „Dampfbier“ scheint daher zu stammen, dass das Abkühlen der fermentierenden Maische auf den kühlen Dächern der Brauereien stattfand und dadurch Dampfwolken erzeugt wurden. Sowas fasziniert mich natürlich, und als ich beim Schlendern durch einen Supermarkt mit guter Biertheke über ein Dampfbier stolperte, musste ich zuschlagen – und die anderen Produkte der Anchor Brewing Company, die daneben standen, wurden gleich mit erlegt.

Anchor Steam Beer FlascheAnchor Steam Beer Glas

Beginnen wir aber mit dem Anchor Steam Beer. Ein kräftiges Pariser Rot mit schönen orangenen Reflexen – das wirkt sehr dunkel für ein Lager. Kristallklar. Der Schaum ist schon Sekunden nach dem Eingießen auf einige Inseln reduziert; Perlage ist nur vereinzelt zu beobachten. Die Nase riecht Bitterhopfen und Hefe, dazu leichte Fruchtnoten im Hintergrund. Das ist lagertypisch und eher zurückhaltend. Geschmacklich wird das Anchor Steam Beer dann etwas mächtiger – malzig und karamellig, fruchtmarmeladig im Antrunk, schnell verschwinden aber die süßen Komponenten und machen einem milden, etwas bitteren Hopfenaroma Platz (Northern Brewer wird eingesetzt). Im Gegensatz zu so manchem Pils wirkt die Bittere aber nicht kantig, sondern weich und gut eingebunden ins Gesamtbild. Wie bei vielen Lagerbieren ist es nicht die Vielfalt an Aromen, die ein solches Bier auszeichnen, sondern das Mundgefühl und die Frische; beides ist beim Anchor Steam Beer hervorragend dazu geeignet, den Trinker dazu zu nötigen, erst mehrere Schlucke, dann vielleicht sogar noch ein zweites Fläschchen davon zu nehmen. Der Abgang ist lang und mildherb, leicht nussig: Sehr gelungen. Aromatisch dichter als bei vielen anderen Lagerbieren, aber dennoch herrlich leicht und rezent – 4.9% Alkoholgehalt passen ins Bild.

Anchor Brewing Liberty Ale FlascheAnchor Brewing Liberty Ale Glas

Das Liberty Ale sieht deutlich anders aus – heller Bernstein, feiner Schaum, für ein Ale überraschend viel davon sogar. Schöne Perlage. Leicht fruchtiger Mandarinengeruch, mit einer deutlichen Hefekomponente. Das Ale ist von Anfang an sehr bitter im Mund, vom Gefühl und Geschmack her sehr ist da sehr deutlich Grapefruit. Passend dazu kräftige Säure. Das samtige Mundgefühl passt irgendwie nicht ganz so zum doch recht dünnen Körper. Dafür ist das Liberty Ale Rezent und erfrischend, wenn man mit der knackigen Bittere umgehen kann. Der mittellange Abgang lässt die Grapefruit am Gaumen bleiben, und adstringierende Effekte ebenso. Ich hätte gesagt, wenn ich es nicht besser wüsste, dass das hier ein Grapefruitsaft-Bier-Radler ist. 5,9% Alkoholgehalt widersprechen dem natürlich aufs Entschlossenste.

Anchor Brewing Porter FlascheAnchor Brewing Porter Glas

Man erlebt ja so einiges, wenn man eine Flasche öffnet, auf der „Porter“ steht. Gottseidank halten sich Anchor an den definierten Stil – völlig blickdicht, schwarz wie die Nacht, mit feiner, dicker beiger Crema. In der Nase wirkt das Anchor Porter säuerlich und metallisch, leicht nach schwarzem Kakao und Heu. Im Mund kommt eine milde Süße zwar zum Vorschein, diese ist aber im Hintergrund. Vorne ist Säure, extreme Bitterkeit, schwarze Schokolade und eine heuig-grasige Komponente. Viel dunkles Malz sorgt dafür, dass der Biercharakter dabei nicht verloren geht; eine sehr angenehme Rezenz für eine für viele bei einem so dunklen Bier vielleicht überraschenden Erfrischung. 5,6% Alkoholgehalt fallen nicht gesondert auf. Der Abgang ist dann wie eine Tasse Espresso ohne Zucker – Kaffee, Röstaromen, sehr bitter und trocken. Der Abgang selbst ist lang und stark, von Zunge bis tief in den Rachen bleiben Nachwirkungen. Ein wirklich wuchtiges Bier, bis zum Schluss. Mir als Porterfreund gefällt das sehr, auch wenn es schon eher ein recht deftiger Vertreter seiner Gattung ist.

Hin und wieder sieht man ein Cocktailrezept, das man meint, auf die sich aktuell im Glas befindliche Zutat anwenden zu können. Ab und zu passiert es, dass es dann doch nicht so wirklich harmonisiert, dass das Ergebnis etwas langweilig ist, oder unrund. Hier und da klappt es aber perfekt, und darüber berichte ich nun an dieser Stelle. Beim Liberty Ale dachte ich mir, dass das knackig-eckige Bier zum Ausgleich ein paar süßlichere Zutaten gut vertragen könnte – vielleicht mal den Harvey Alebanger ausprobieren? Und tatsächlich erreicht diese Bier-Saft-Likör-Kombination, kreiert in Anlehnung an den bekannten Harvey Wallbanger, ungeahnte Biercocktailhöhen.

Harvey Alebanger


Harvey Alebanger
1 oz Galliano l’Autentico
2 oz Orangensaft
6 oz Anchor Brewing Liberty Ale
In einem Bierglas voll Eis bauen und leicht umrühren.

[Rezept adaptiert nach einer Idee von Jacob Grier]


Für die knuffigen 355ml-Fläschchen legt man rund 3€ auf den Tisch, das kann man durchaus mal riskieren, einfach weil die Interpretationen der Bierstile sehr einprägsam und ohne Scheu durchgeführt sind. Mir gefallen diese Flaschen auch optisch sehr: das Design ist gelungen retro, mit einem verwaschenen Aquarell-Effekt in den Zeichnungen des Etiketts. Inzwischen sind sie nicht mehr in dem Getränkemarkt, in dem ich sie ursprünglich erworben hatte, erhältlich – sehe ich sie heute irgendwo, werde ich zumindest das Porter und das Steam Beer gewiss ohne viel zu überlegen wieder in den Einkaufswagen legen.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.