Bellman Porto Titel

Süßbombenalarm bei Aldi – Bellman Tawny Port

Ich beneide manche Schnapsblogger. Sie haben immer höchstexklusive Spirituosen zum Ausprobieren und Rezensieren, 25 Jahre alte Enmore-Rums, Pappy Van Winkles, Spezialabfüllungen aus den 80er Jahren oder 50-Jahre-Sherrys. Das ist ein tolles Leben, wenn man sowas probieren darf. Der Sinn, solche Raritäten dann aber ausführlich zu rezensieren, geht allerdings streng gegen Null. Die Zielgruppe für derartige Artikel ist winzig, da es meist nur ein rein akademisches Interesse befriedigt – wer kann oder will sich schon derartige High-End-Spirituosen leisten? Viele der Käufer öffnen die teuer erstandene Flasche darüberhinaus sowieso nie, da sie sie als Spekulationsobjekt oder als Schatz für einen besonderen Anlass, der dann nie kommt, aufbewahren. Da bleiben nur die Hardcore-Fans übrig, die wissen, dass eine Spirituose nicht fürs Handeln auf Ebay und Begaffen in einer Vitrine gemacht wurde, sondern fürs Trinken – diese kennen sich aber dann oft genug eh schon soweit aus, dass sie nur wenig Hilfestellung benötigen.

Daher schreibe ich auch gern Rezensionen über Produkte, die weit gestreut erhältlich sind, und, ja, sogar im Discounter. Denn interessanterweise ist die Anzahl von Reviews über Discounterprodukte stellenweise genauso niedrig wie die der Besprechungen der „Einhörner“, also superseltenen Abfüllungen, der Spirituosenwelt – entweder denken die Blogger, dass es sich nicht lohne, sich mit so niedrigwertigen Produkten abzugeben, oder sie tauchen gar nicht erst auf deren Radar auf. Dabei gibt es genug Verbraucher, die jeden Cent umdrehen müssen (oder wollen), und trotzdem nicht auf Qualität verzichten sollten. Und wenn es dann noch um eine in Deutschland eh stiefmütterlich behandelte Spirituosenkategorie wie Portwein geht, ist mein Interesse doppelt geweckt. Daher schauen wir uns heute mal ein Saisonprodukt des Discounters Aldi an, das meist im Herbst oder in der Vorweihnachtszeit als Aktion erhältlich ist: Den Bellman Tawny Port.

Bellman Porto Flasche

Direkt zu Beginn wird man erstmal überrascht. Hat man den Echtkorken gelöst und sich ein Glas eingegossen, glitzert einem der Port rubinrot an. Das könnte man für einen Ruby halten – eigentlich geht ein Tawny oft eher ins Braune.

Gibt es weitere unerwartete Ereignisse, wenn man die Nase ins Glas hält? Eher nicht. Säuerlich und holzig ist der erste Eindruck, nach trockenem Rotwein. Eine leichte Kakaonote, dazu Vanille gleichen das etwas aus. Man meint, vorausahnen zu können, wie dieser Portwein schmecken wird…

…und wird eines anderen belehrt. Der Geschmack ist überhaupt nicht weinig und sauer, sondern extrem süß, fast schon pappig, zuckrig. Das Mundgefühl ist sehr dicht und vollmundig, dabei weist der Bellman aber nur enttäuschend wenig Komplexität auf. Die Süße erschlägt alles andere. Nur Rosinen, Piment und Kardamom können im Hintergrund noch etwas beitragen.

Ein mittellanger Abgang, nun doch weinig und adstringierend, mit schokoladigen Noten am Gaumen, dazu ein leichter Eisenton. Der Port hinterlässt einen Belag im gesamten Mundraum, und ein Hauch Alkohol entströmt dem Rachen nach dem Genuss – 19 Volumenprozent sind halt schon eine Marke, die man vertragen können muss, vor allem, wenn sie so durch Süße verdeckt werden.

Bellman Tawny Port Glas

Nun, wer auf süße Sachen steht, wird hier glücklich werden: das ist von Körper und Süße her eine Bombe. Wer seine Ports aber eher trocken und komplex mag, sollte einen Bogen um Aldi in der Zeit machen, wo es diesen Porto in der Sonderfläche zu kaufen gibt. Tatsächlich mag der Bellman aber dennoch als Dessertbegleiter in jedem Haushalt gute Dienste leisten. Bei 6€ pro 750ml-Flasche kann man mit diesem Portugiesen diesbezüglich ein Schnäppchen machen.

Ein dermaßen süßer und dabei dichter Portwein ist natürlich eine exzellente Wahl als Cocktailzutat – laut manchem Kenner ist es verpönt, für Cocktails hochwertige Vintage-Ports heranzuziehen (den Grund dafür konnte man mir nicht wirklich erklären, ich vermute, es ist das übliche wie-kann-man-es-wagen-Gejammere), dann muss eben der billige Stoff dafür her. Und der Bellman macht sich entsprechend auch ganz hervorragend als Helfer in Mixturen, in denen Portwein eine Nebenrolle spielt. Dass er auch die Hauptrolle gut ausfüllen kann, zeigt der Port Cobbler. Ein ganz typisches DeGroff-Rezept – gemuddelte Fruchtstücke sind seine Signatur, das mag ich nicht immer, hier kombinieren sie sich aber herrlich mit dem Port.

Port Cobbler


Port Cobbler
½ Orange (gestückelt)
½ Zitrone (gestückelt)
2 Stücke Ananas
¾ oz Curaçao (z.B. Grand Marnier)
1 oz Wasser
Diese Zutaten muddeln.
4 oz Portwein (z.B. Bellman Tawny Port)
Auf Eis shaken. In ein Glas mit Crushed Ice geben.
Mit Orangen-, Zitronen- und Ananasstücken dekorieren.
[Rezept nach Dale DeGroff]


Der Bellman Tawny Port kann als Einstiegsprodukt vielleicht den einen oder anderen dazu bringen, sich diese in Deutschland oft zur Kochzutat degradierten Spirituosenkategorie etwas genauer anzuschauen. Er weist dazu ein Niveau auf, das im Gegensatz zu manch anderer Discounterspirituose durchaus als akzeptabel bezeichnet werden kann. Natürlich ist es ein Basisprodukt, das den Kenner nicht befriedigen kann – logische weitere Schritte für den Einsteiger, die sich nur unwesentlich preislich äußern, wären dann beispielsweise der Porto Cruz Reserve, oder, wenn man sich farblich verändern will, der Niepoort White.

Ich für meinen Teil habe mir jedenfalls 3 Flaschen dieses portugiesischen Süßmonsters gesichert. Für die trockene Zeit zwischen den Aktionsangeboten bei Aldi, wenn man Lust auf was Schmeichlerisches hat, oder für den milden Port-Cocktail am Abend.

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2 Gedanken zu “Süßbombenalarm bei Aldi – Bellman Tawny Port

  1. Es gibt keine trockenen Ports. Wohl mit sherry verwechselt. Der Gärungsprozess wird frühzeitig unterbrochen um den zuckergehalt zu hoch zu halten und mit weinspirit ergänzt zu im Durchschnitt 20% Alkohol. Der Autor hat augenscheinlich schwach angelesenes Halbwissen und sollte vielleicht eine professionelle Portwein Verkostung besuchen

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    1. Man darf mir zutrauen, Sherry und Port unterscheiden zu können. Die Verwendung des Wortes „trocken“ kann natürlich auch willentlich falsch interpretiert werden (der gesamt unterschwellig herablassende Ton des Kommentars deutet darauf hin), doch wer mir ernsthaft ins Gesicht sagen will, dass es nicht unterschiedliche Ausbauvarianten gibt, bei denen die Süße höchst wechselnde Grade annimmt, der sollte wohl lieber selbst erstmal ein paar Ports verkosten, statt einfach mal „schwach angelesenes Halbwissen“ zu attestieren.

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