Revolte Rum Titel

Obstmezcal aus Rheinland-Pfalz – Revolte Rum

Es gibt Geschäfte, die sind personengetrieben, obwohl es eigentlich gar nicht nötig oder üblich in der Branche ist. Apple war schon immer Steve Jobs, Virgin ist in egal welcher Schattierung des Konzerns nichts ohne Richard Branson, und der FC Bayern München fühlt sich ohne seinen alten Präsidenten so missmutig, dass man ihn, kaum aus dem Knast,  sofort wieder per Akklamation ins Amt hievt. Die tatsächliche operative Arbeit dieser Menschen ist leicht zu delegieren oder weiterzugeben. Was ganz und gar nicht übertragbar ist, ist deren Aura und Persönlichkeit, die am Ende den oft gar nicht so kleinen Unterschied zwischen gutem Erfolg und Weltspitze ausmacht.

Bei Spirituosen denkt man auch zunächst direkt, dass es doch nur darauf ankommt, wie der Brand schmeckt, der aus der Destille läuft – da geht es um gute Basismaterialien, um gute Ausstattung, um vernünftiges Handwerk. Was soll da die Persönlichkeit des Brenners noch groß mit reinspielen? Meiner Meinung eine ganze Menge – es wandert ein Stück des Brenners mit in sein Produkt, wenn die Firma entsprechend aufgebaut ist. Jede Entscheidung, die auf dem langen Weg vom zarten Zuckerrohrpflänzchen bis der Korken auf der Flasche sitzt getroffen wird, entstammt der Persönlichkeit des Master Distillers. Was wir trinken, ist nicht ein schnöde zusammengebrautes Rezept, sondern die flüssige Essenz der Vision eines Menschen.

Selten ist so ein Brenner allerdings bereit, öffentlich Details über seinen Produktionsprozess zu erzählen – das Geheimnisvolle trägt schließlich oft mit zu der Aura bei. Felix Georg Kaltenthaler dagegen plaudert in einem Interview mit der Hamburger Bargröße Jörg Meyer dermaßen offen aus dem Nähkästchen und berichtet allerlei spannende, witzige und erstaunliche Details, dass es eine wahre Freude ist, den beiden zu lauschen. Wen also die Herstellung und Geschichte von Revolte Rum interessiert, sollte sich dringend dieses launige Interview anhören.

 

Ja, der Brenner wirkt sympathisch, keine Frage. Doch wollen wir uns als vollkommen neutrale, objektive und höchstkritische Schnapsblogger (gibt es sowas wirklich?) nicht von derartiger Sozialkompetenz blenden lassen, nein, wir wollen die Brennkompetenz prüfen, und ob der Inhalt der für Rumverhältnisse zumindest schonmal ungewöhnlich gestalteten Flasche, die mit teilvereister Oberfläche, strengem Etikett und so ganz ohne die in dieser Branche sonst üblichen Allüren wie Piraten, Plantagen oder Pseudokaribikflair eine ganz eigene Stimmung ausstrahlt, auch genauso unterhaltsam rüberkommt.  Schauen wir uns also mal den Revolte Rum im Glas an!

Revolte Rum Flasche

Man ahnt es schon durch die dunkle, leicht graue Flasche – die Farbe ist klar, ohne Anflug von Tönung. Kaum ist der interessante Vollkorkenstöpsel aus der Flasche, bewegt sich der Revolte Rum im Glas leicht viskos, mit vielen Beinen. Der Geruch steigt dann dann nach diesem langsamen Start voll in die Eisen: Teer, Erdbeeren und Kirsche. Tolle Kombination, man sollte es kaum glauben, ist aber wahr. Rauchig und auch leicht speckig, nach Schwarzwälder Schinken. Insgesamt aber weich; erinnert mich etwas an Mezcal.

Auch im Mund erleben wir eine kleine Rumrevolution. Sehr süß, weich und zart, cremiges Mundgefühl, und, und das ist der Knüller, mit deutlichem Obstlercharakter – ein buntes Potpourri verschiedener gebrannter Früchte, Aprikose, Pfirsich, Kirsch, Birne. Den leichten Ethanoltouch können wir, da trotz 41,5% sonst kein Brennen auffällt, gern akzeptieren. Leicht buttriger Ansatz. Im Abgang quietscht er nochmal durch die Kurve – der Abgang ist sehr kurz, mildpfeffrig, mit einem Anflug von Lakritz und Butter, die Zunge bleibt noch etwas betäubt. Im Nachklang entsteht ein angenehmer, warmer Alkoholhauch mit etwas rauchigem Hall.

Ein sauberer, klarer Rum, mit einem Twist: Mir gefällt diese geschmackliche Anlehnung an Obstbrand sehr. Viele weiße Rums, die ich kenne, explodieren entweder vor starken Aromen (rhum agricole und jamaikanischer Overproof), oder orientieren sich fast schon an Vodka in ihrer Neutralität und leben nur vom Mundgefühl (Brugal Titanium). Hier ist ein schöner Mittelweg gefunden worden, mit feinen Aromen, ohne dabei überwältigend zu werden – man spürt das Handwerk, das in ihn geflossen ist. Sehr gut pur zu trinken.

Revolte Rum Batches

Die strenge, kühle Aufmachung der Halbliterflasche hatte ich ja bereits oben angesprochen; ein interessantes kleines Detail fällt einem erst auf, wenn man die Flasche zur Seite dreht. Dort ist die Batch-Nummer (also die Nummer der Produktionscharge) handschriftlich eingetragen, und dazu die Flaschennummer. Meine Flaschen sind also die 416. von den 500, die im ersten Produktionsdurchlauf abgefüllt wurden, und die 170. aus dem 12. Durchlauf. Wir erfahren daraus die Batchgröße (250 Liter, vielen großen Hersteller, die sich gern auf „small batch“ berufen, wäre das wahrscheinlich nicht mal das Anfahren der Abfüllanlage wert), und dass sich hier noch jemand wirklich die Mühe macht, jede Flasche einzeln anzufassen um sie zu nummerieren.

Schmecken die Batches unterschiedlich? Da zwischen diesen meinen Abfüllungen rund ein Jahr lag, und sich der Brenner in dieser Zeit ja auch weiterentwickelt hat (erinnert man sich noch an die Einleitung?), sollte man mit Geschmacksunterschieden rechnen. Ein Selbstversuch ergab: Im Vergleich zu Batch 1 ist bei Batch 12 dieser geruchliche Anklang an rauchig-teerigen Mezcal fast komplett weg, statt dessen ist der Obstbrandcharakter extrem verstärkt. Auch geschmacklich könnte man Batch 12 fast für einen Birnenbrand halten, hier ist die Butter verschwunden und durch eine reinere Klarheit ersetzt worden. Tatsächlich wirkt Batch 12 etwas erwachsener und reifer, aber dafür etwas weniger funky und frech. Man erkennt noch die grundsätzliche Verwandschaft der beiden Abfüllungen; im Blindtest, da bin ich sicher, würden viele selbst diese nicht mehr anerkennen. Grundsätzlich ist das, das muss man klar sagen, eigentlich eine tolle Sache, so ein lebendiges Produkt – wir als echte Craft-Spirit-Interessierte können damit gut leben, dass die Sensorik sich von Abfüllung zu Abfüllung durchaus ändert. Wer immer genau dasselbe will, muss sich halt an mindestens halbindustrialisierte Hersteller wenden.

„Vodka cocktails will never teach you anything“, diese von mir bereits vielzitierte Meinung Ted Haighs teile ich voll. Auch wenn es inzwischen eine Fahrt aufnehmende Bewegung gibt, Vodka weg vom neutralen Effekttrinkerstoff hin zu einer höherwertigen Spirituose zu bringen, meide ich die Verwendung von Vodka in Cocktails aktuell noch, solange ich nicht wirklich eines besseren belehrt werde. Wenn es dann doch mal ein reizendes Rezept gibt, ersetze ich darin gern den Vodka durch einen aromatisch interessanteren Brand, und der Revolte Rum ist nahezu ideal dafür. Der Beweis ist der Basil Watermelon Cooler, der durch die zusätzliche Obstaromatik des Revolte Rums deutlich an Tiefe und Komplexität gewinnt im Vergleich zur Vodkavariante.

Basil Watermelon Cooler


Basil Watermelon Cooler
3 große Blätter Basilikum
1 Stück geschälter Ingwer
1 Stück Wassermelone
½ oz Zuckersirup
…diese Zutaten muddeln, dann…
2 oz weißer Rum (z.B. Revolte Rum)
½ oz Limettensaft
…dazugeben und shaken und schließlich toppen mit…
Ginger Ale
[Originalrezept nach Nick Mautone, der allerdings Vodka benutzt]


So ein milder, aromatisch feiner Rum ist aber dann doch nicht unbedingt für alle Zwecke geeignet. Aus der Kaltenthaler-Schnapsschmiede folgt entsprechend aktuell eine Abhilfe für all die, die gern etwas mehr Wucht im Drink hätten – der Revolte Overproof. Eine Flasche steht schon im Regal bei mir bereit, eine Besprechung dieses Revolutionsgenossen folgt auf diesem Kanal in naher Zukunft. Wenn wir schon bei Varianten sind, muss ich einen vorweihnachtlichen Wunsch an den Brenner äußern – gern würde ich diesen Rum auch mal fassgereift erleben, ich könnte mir vorstellen, dass dabei recht Spannendes herauskäme, wenn er ein paar Jahre in einem Holzfass statt den aktuellen 6 Monaten in einem Steingutkrug liegen dürfte (der Rum, nicht der Brenner).

Today, the flag for European rum is flown by Ron Montero, based in Motril, Andalucía.

Der Spirituosenautor Dave Broom schrieb das in seinem Buch Rum: The Manual. In einer eventuellen Neuauflage seines Buchs sollte Broom das ändern. Denn rein von der Spannung her weht die europäische Rumfahne heute eigentlich über Westhofen, Rheinland-Pfalz.

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