Man hört nicht mehr so dramatisch viel von Clairin, wie damals, als Velier die Rumwelt mit seiner Marketingkampagnie für den Brand aus Haiti aufwirbelte. Da war Clairin in aller Munde, jeder wollte es probieren, doch nicht jeder konnte mit dem wilden, unzivilisierten Destillat aus Zuckerrohr wirklich etwas anfangen, dazu war es zu aromatisch und direkt für den Gaumen der breiten Masse. Dennoch setzte sich Clairin fest im Kanon der Weltspirituosen, sicherlich eine gute Sache für das geplagte Haiti, auch mal gute Schlagzeilen zu machen, nicht nur schlimme. Und auch wenn aktuell keine Clairin-Sensationen mehr erfolgen, so tropft immer wieder eine Neuabfüllung bis zu uns nach Deutschland durch, und Stetigkeit ist für die Brenner auf Haiti sicherlich lieber als Flash-and-Burn, wie das bei anderen Dingen zu oft passiert.
Die Destillerie Chelo im Grand Terroir Saint Michel de l’Attalaye, besser bekannt als die Brennerei von Michel Sajous, hat sich hartnäckig gezeigt und sich nicht auf dem initialen Erfolg ausgeruht. Dort hat man schnell begonnen, den nun beliebten Clairin auch in Fässer zu legen und im tropischen Klima Haitis zu reifen. Die ersten Ergebnisse waren vielversprechend, ich hatte hier schon ein paar der Clairin Ansyens, wie sie genannt wurden, besprochen. Doch nun scheint es sich herauszubilden, dass die Fassreifung in ein durchgängiges Schema transiert ist, so dass wir nun vielleicht jährlich einen neuen gereiften Jahrgangsclairin von Michel Sajous bekommen können, mit dem prestigeträchtigeren Titel „Vieux“ ausgezeichnet – aus dieser Reihe stelle ich heute mal drei Jahrgänge vor, die im VSGB-Projekt erschienen sind: Vieux Sajous Aged 5 Years Vintages 1998, 1999 und 2000.
In Erweiterung zu dem schon hier erwähnten „Vieux Sajous“, der 4 Jahre gereift wurde, sind diese Brände aus dem indigenen „Cristalline“-Zuckerrohr alle 5 Jahre im Fass gelegen – ein Zeichen für mich, dass hier durchaus Fassmanagement mit unterschiedlichen Altern und Vorbelegungen Einzug gehalten hat. 2018 wurde ein Clairin in 18 Fässer mit Single-Malt oder Rum-Vorbelegung verpflanzt, und dann mit 57,5% Fassstärke abgefüllt. Ähnlich machte man es 2019, 21 Fässer mit Single-Malt oder Rum-Vorbelegung wurden dafür dann genutzt, die Abfüllstärke ist 58,3%. Und schließlich 2020, das gleiche Vorgehen, 19 Fässer gleicher Art wurden herangezogen, am Ende mit 59,52% in die Flasche gefüllt. Ich bespreche hier alle drei in einem Sammelartikel, um die kleinen, aber feinen Unterschiede, die dabei hoffentlich entstanden sind, herauszuarbeiten.
Farblich sind sie alle sehr ähnlich, der 2018er hat vielleicht einen Hauch mehr Kontrast als die beiden anderen, das ist aber im Minimalstbereich. Ich würde irgendwie auf klares, leuchtendes Bernstein verweisen, mit orangefarbenen Lichtreflexen. Auch in der Viskosität ist kein wirklich nennenswerter Unterschied sichtbar; sie verhalten sich schwer, ölig und lassen fette Tropfen an der Glaswand.
In der Nase finde ich dann aber die Eigenheiten. 2018 ist deutlich esterig, quietschig und hat Töne von Leder, würzigem Tabak und einen Hauch von feuchtem Karton. Hell, klar und fast minzig frisch wirkt er, leicht und dennoch mit Charakter. 2019 hat einen völlig anderen Zuschnitt, hier sticht sofort Banane, reife Ananas und Mango hervor, er ist viel fruchtiger, weniger würzig. Ein Hauch Anis kommt vor, etwas grünes Gras. Ein insgesamt weicherer, voller und sanfterer Duft. Für den 2020 klärt sich das wieder etwas auf, er ähnelt erkennbar mehr dem 2018er als dem 2019er. Auch hier finde ich Leder und Tabak, kombiniert mit etwas Muskatnuss und einem Anflug von Sternanis, er bleibt dabei etwas wärmer im Gefühl als der kühle 2018.
Im Antrunk zeigt sich der 2018er initial süß und weich, das ändert sich aber sehr zeitig, pochende Wärme bildet sich aus der sich ausbreitenden Würze, die sich in dem wunderbar eingebundenen Alkoholgehalt tragen lässt. Die Mischung aus Trockenheit und Frucht ist typisch für gereifte Clairins, Anis und Süßholz geben den exotischen Touch, zusammen mit feiner Salzigkeit. Der Abgang ist sehr lang und hält die Aromatik aufrecht, Tabak und Ananas klingen lange nach, und der Gaumen und Rachen bleiben gewärmt. Beim 2019er schießen die Ester dagegen sofort beim ersten Kontakt voll nach vorne, mit einer erkennbar zur Säure tendierenden Balance. Ananas und Mango bilden die Frucht ab, darunter ist Lakritz und im späten Verlauf eiskalte Minze, die sich frisch und frech am hinteren Gaumen festsetzt und von dort aus alles runterkühlt. Der Abgang ist nicht ganz so lang wie beim 2018er, aber in der kürzeren Zeit effektvoller. Für den 2020er verstärkt sich das alles nocheinmal, zwar deutlich weniger ausgeprägte Frucht, aber esterig wirkt er dennoch am meisten. Auch sind die Minz- und Aniseffekte hier am klarsten vorhanden. Gegen Ende wird er auch wirklich staubtrocken, saugt etwas Spucke aus den Backentaschen, und glüht in der Speiseröhre. Bei ihm entdecke ich erstmals nun auch im Nachhall Eindrücke von Single Malt, nur in winzigen Dosen, aber doch spürbar.
Ja, sie ähneln sich definitiv, die drei Jahrgänge, aber haben dennoch klare eigene Eigenschaften, so dass man nicht befürchten muss, einfach dreimal den sensorisch gleichen Rum verkauft zu bekommen. Es ist auch mehr die generelle Typizität eines gereiften Clairins, die sie ähnlich machen, bleibt man gedanklich rein in dieser Kategorie, muss man die Unterschiede doch deutlicher betonen. Für alle gilt – es sind großartig ausgebaute Rums, die die Eckigkeit und Wildheit des ungereiften Clairins abbauen, ohne sie zu zerstören. Der Alkohol ist in allen großartig verbaut, die Holznoten bleiben elegant und nicht übertanninig, das Mundgefühl ist breit und voll. Weiterhin sind es aber Clairins, das heißt, das hier nichts gemütlich oder wirklich weich wird, sondern immer noch grasige, freche, maritime, salzige und würzige Eindrücke dominieren. Und das mag ich sehr an den Vieux Sajous 2018, 2019 und 2020, mit den Besonderheiten, die jeder für sich aufweist.
Für solche Brände darf man gern klotzen, was die anderen Zutaten angeht, ein Clairin geht schlicht nicht unter, egal, was man sonst verwendet. Der Wordsmith ist eine Variation auf den Last Word, und zeigt genau das. Aber vorsicht, so ein Drink haut rein, das ist kein leichter Aperitif, sondern ein Late Night Absacker, der den Abend beendet. Hier habe ich die Chance genutzt, und gleiche Teile von allen drei Jahrgängen verwendet, das macht den Cocktail direkt noch ein bisschen besonderer.
Wordsmith
25ml gereifter Clairin
25ml Chartreuse Verte
25ml Maraschino-Likör
25ml Limettensaft
Auf Eis shaken. Mit Limettenzeste dekorieren.
[Rezept nach Chuck Taggart]
Ich finde es fast ein bisschen schade, dass man mit dem 2020er aus der Reihe der Gestaltung ein bisschen ausgebrochen ist und statt dem Schwarzweiß- ein Farbbild genutzt hat fürs Etikett und den Karton. Tatsächlich stört mich aber, dass für den Karton Text und Bild nach unten versetzt wurden, das bricht den Eindruck, wenn alle drei nebeneinander im Regal stehen. Na, mal schauen, was 2021 diesbezüglich bringt, ich gehe fest davon aus, dass weitere Einträge in dieser sehr gelungenen Reihe folgen werden.




Bei der letzten Bestellung über Spirit Academy habe ich neben dem 2020er Vieux Sajous auch gleich noch ein Hemd aus der B-tik-Kollektion von Velier mitbestellt. Das ist von der Gestaltung eher an die Clairins der Destillerie von Faubert Casimir angelehnt, aber letztlich ist das auch egal – schöne Hemden, wirklich hübsch gestaltet, angenehm zu tragen, und durchaus auffällig in dem knalligen Rot. Ich hatte es während des Madeira Rum Festivals an, und habe gemerkt, dass Leute interessiert darauf geschaut haben – wer auffallen will, ist mit dieser Kollektion gut bedient, das ist eher nichts für den, der in der Öffentlichkeit unter dem Radar fliegen will. Rum schmeckt jedenfalls noch besser, wenn man es trägt.


