Dunkle Wortsphären – Plantation O.F.T.D. Overproof Artisanal Rum

Plantation O.F.T.D. Overproof Artisanal Rum Titel

Bei manchen Flaschen geht mir, wie man im Saarland so schön sagt, direkt beim Anschauen schon das Messer im Sack auf. Man spürt, dass die Marketing-Abteilung manchmal mehr Budget zugewiesen bekommt als die Brenner oder Blender – und es gibt Firmen, bei denen das im Schnitt mir sehr viel häufiger so geht, als bei anderen. Ich habe persönlich schon immer ein etwas kontroverses Verhältnis zu Rums von Planteray (ehemals Plantation, ein Name, der in einer irgendwie sehr seltsam wirkenden und wenig überzeugenden Aktion abgelöst wurde, um Vorwürfen des Kolonialismus-Whitewashing aus dem Weg zu gehen), das ist nämlich genau so eine Augenwischerabfüllerei mit tollen Flaschen und Etiketten, während im Hintergrund das Basismaterial kein bisschen respektiert wird: man muss es ja in Frankreich erst verfeinern, bevor es genießbar ist, so die Einstellung der Firma. Nun, das ist ein persönliches Problem, das ich habe, ich will das nicht weiter auswalzen.

Mit Marketing-Buzzwörtern spart der Plantation O.F.T.D. Overproof Artisanal Rum definitiv nicht. „Dark“-Rum, „Navy-Style“, „Artisanal“, „Traditional“, „Overproof“, da weiß man gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Die Abkürzung im Namen steht für „Old Fashioned Traditional Dark“, sozusagen die Essenz all dieser Buzzwords, einen richtigen handfesten Definitionscharakter hat aber praktisch kein einziges der Wörter in dieser Tagcloud, ich habe das Gefühl, da schmiert man dem neugierigen Anfänger einfach fett Wortgrütze ums Maul, um ihn zum Kauf zu verleiten. Ein paar Details, die im Gegensatz zum Rest wirklich wichtig sind, gehen darin fast unter: Es handelt sich um einen Blend aus Destillaten aus Guyana, Barbados und Jamaica, er wird mit 69% Alkoholgehalt abgefüllt, und, das ist für den Hersteller selten, er wird nicht gesüßt. Probieren wir ihn aber unvoreingenommen, soweit das geht.

Plantation O.F.T.D. Overproof Artisanal Rum

„Dark“ ist zwar im Namen vorhanden, aber so richtig dunkel ist der Rum eigentlich nicht, da habe ich ganz andere Kaliber, was die Färbung angeht, im Regal. Tatsächlich ist das eine hübsche, leuchtende Terracotta-Farbe, mit orangenen und sogar goldenen Reflexen, dahingehend passt das irgendwie nicht, aber Farbe ist bei Spirituosen in den meisten Fällen eh nichts, worüber man zu lange nachdenken sollte. Die Viskosität ist dagegen nicht zu diskutieren, da schwappt es schwer im Glas, und an der Glaswand bleibt erstmal ein durchgängiger Film, der sich praktisch nicht in Beine aufteilt.

Mit der Geruchsprobe sei man etwas vorsichtig, die 69% Alkoholgehalt pieksen ganz schön in den Schleimhäuten. Und man muss die Nase trotzdem tief ins Glas halten, denn so richtig anspringen tut mich der O.F.T.D. geruchlich nicht. Da sind ein paar typische Jamaika- und Guyana-Noten, aber sonst? Ich rieche hellen Tabak, etwas Kokos, natürlich Trockenfrüchte, etwas reife Banane und eine ganz leichte Nussigkeit. Ein würziges, beinahe erdiges Geruchsbild insgesamt, dabei aber doch arg zurückhaltend. Und dann ist neben dem Stechen des Alkohols auch ein ethanolischer Hauch dabei, der mich nicht begeistert.

Plantation O.F.T.D. Overproof Artisanal Rum Glas

Ein Schlückchen pur, das nehme ich auch bei knapp 70%, und es gibt da auch nicht viel zu fürchten; das fühlt sich warm an, aber nicht brennend, würzig, aber nicht beissend. Doch der grundsätzliche Eindruck geht auch im Mund weiter – besonders interessante Aromatik ist das nicht, die Dramatik der Präsentation ist am Gaumen nicht reproduzierbar. Hauptsächlich sind es milde Fruchttöne, Banane, etwas reife Ananas, dazu Marzipan und Kokos, doch all das wird vom schlecht eingebundenen Alkohol überrannt. Darum ist der Rum auch kurz und eher schmal, trotz der vollen Textur verfliegt alles sehr schnell und lässt nur ein mildes Effektbrummen zurück, kaum Aromen. Gegen Ende ist der O.F.T.D. dann, auch wenn nicht gesüßt, eher schwierig süßlich, beinahe pappig, und hinterlässt dann ein durchaus unangenehmes Mundgefühl zurück. Mit etwas Wasser wird das alles noch erkennbarer, hier lässt der Rum dann vollends die Hosen herunter und wird, klar gesprochen, völlig banal. Die auf der Flasche angegebenen, sich überschlagenden Tasting Notes kann ich in der Form überhaupt nicht nachvollziehen.

Ja, was soll ich sagen. Für den Purgenuss ist dieser Rum für mich persönlich viel zu langweilig, eindimensional und schlicht, da ist nichts da, was mein Interesse über mehr als ein paar Minuten aufrecht erhalten könnte. Wahrscheinlich ist das auch einfach nicht der Einsatzzweck dieses Produkts, das eher als Mixrum gestaltet wurde – hier erledigen sich manche der Kritikpunkte natürlich, dennoch verwende ich persönlich gerne in Drinks auch expressivere Rums.


Die meisten Rezeptvorschläge, die man zum O.F.T.D. finden wird, werden Tiki-Cocktails sein oder andere, in denen der Rum als Wummer dient, um Power in den Drink zu bringen, denn das kann er, dazu braucht man keine filigrane Komplexität. Das erkennt man in solchen Drinks wie dem Baby Darling. Mit dem O.F.T.D. wird allerdings kein zartes Baby aus dem Drink, sondern ein Monstertruck. Wer das nicht verkraften kann, reduziert den Rum um eine halbe Unze und fügt diese Menge an eiskaltem Wasser hinzu. Feigling.

Baby Darling Cocktail

Baby Darling
2oz / 60ml gereifter Rum
¾oz / 23ml süßer Wermut
½oz / 15ml Amaro
Auf Eis rühren. Mit Kirsche servieren.

[Rezept nach Gino de Martinis]


Plantation O.F.T.D. Overproof Artisanal Rum Etikettendetail

Im Rückblick muss ich sagen: Das beste an diesem Rum ist die Flasche, aber das ist, wie eingangs gesagt, der Eindruck, den ich bei vielen Planteray/Plantation-Produkten habe, da ist so viel Augenwischerei dabei, dass es schmerzt. Positiv gesprochen: Das Design des O.F.T.D. ist grandios, sowohl von Flaschenform als auch Etikettengestaltung. Diverse alte Bekannte aus der Barwelt, wie David Wondrich, Martin Cate und Jeff Berry, werden auf dem Rücketikett gezeigt und in Form einer Schiffscrew erwähnt; dazu eine (pseudo-)lustige Story darüber, wie sie zusammengearbeitet haben. Von so etwas halte ich persönlich nichts, vor allem, weil der Platz besser mit echten Informationen über die enthaltenen Rums oder wenigstens Blendanteile genutzt werden könnte. Nun, so richtig schlecht will ich den Rum hier jetzt nicht reden, aber eine zweite Flasche wird es bei mir davon nicht geben, da kenne ich Blends, die sehr viel aromatischer sind, und das bei niedrigerem Alkoholgehalt. Fazit für den O.F.T.D.? Ein Blender, der mit großen Zahlen und bekannten Namen über die Mängel hinwegtäuscht.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.