Fifty Grades of White – Rhum Bologne und Montebello 50°

Rhum Bologne und Montebello 50° Titel

Wir sind in Europa lange Zeit auf eine Standard-Trinkstärke von 40% getrimmt worden. Das war für viele Whiskies, Rums, Wodkas und andere Spirituosen völlig normal, alles drüber wurde schon mit Argwohn betrachtet und mit einem „huihuihui, der ist aber stark“ kommentiert. Heute ändert sich das selbst für Massenmarktprodukte, da sieht man immer häufiger 42%, und im Kennermarkt hat aktuell alles unter 46% einen schweren Stand, da ist die Alkoholstärke das erste, was angemeckert wird, oft noch bevor das Produkt selbst probiert wird, der eine oder andere nimmt inzwischen zu oft einfach an, dass etwas mit 40% ganz selbstverständlich nichts taugen kann. Was nicht wirklich stimmt.

Für ungereiften Rhum agricole gibt es zwar auch Abfüllungen mit einer Trinkstärke von 40% (das Minimum, das zum Beispiel auf Martinique und Guadeloupe erlaubt ist), doch der Standard ist eigentlich 50%. Man sieht das deutlich in französischen Supermärkten, die meistens eine erkleckliche Auswahl des Zuckerrohrsaftrums aus den eigenen DOM/TOMs aufweisen – die Literflasche mit Rum mit 50% gibt es überall, meist von verschiedenen Herstellern, alles schwächere und stärkere ist eher die Ausnahme. Ich habe mir in so einem Supermarkt zwei Standardabfüllungen guadeloupischer Brenner ausgesucht: Rhum Bologne 50% und Montebello Rhum Agricole 50°. Die beiden sollen mir als erste Baseline dienen, um meinen Gaumen langsam für die Reise nach Guadeloupe, die Ende Juni 2022 für mich mit dem Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles ansteht, vorzubereiten – ich finde es immer gut, eine gute Grundlage mit Basisprodukten aus der Region zu haben, einfach um aufwändigere und seltenere Bottlings besser einordnen und wertschätzen zu können. Und gerade bei Rhum agricole sind Basisprodukte meist bereits von erstaunlicher Qualität. Lassen wir die beiden Destillierien, die ich dann auch besuchen werde, mal durch ihre Destillate sprechen.

Rhum Bologne und Montebello 50°

Fangen wir mit dem Rhum Bologne 50% an. Die Distillerie Bologne befindet sich im Südwesten Basse-Terres, der Hauptinsel Guadeloupes – noch, sie ziehen demnächst, nach 300 Jahren am Ursprungsort, um. So zumindest die Meldung, die die Destillerie vor kurzem auf Facebook veröffentlichte. Ja, es war der 1. April, und ich bin drauf reingefallen. Auf den Schreck hin betrachte ich den Brand besonders genau, doch da gibt es nichts zu mäkeln: glasklar, mittlere Viskosität beim Schwenken, eine dünne Linie bleibt dauerhaft an der Glaswand stehen, selbst nachdem die entstandenen Beine nach unten abgelaufen sind.

Rhum Bologne 50% Glas

Die Nase ist sehr attraktiv, fruchtig und frisch, expressiv und kraftvoll, ohne dabei zu stechen oder zwicken. Tropische Früchte, reife Ananas, etwas grüne Banane, Guaven und Mango rieche ich da, in angenehmem Maß – da wird man nicht von Fruchtestern erschlagen, sondern mit einem runden, weichen, sauberen Duft beglückt. Volle Zuckerrohrpower, trotz der Fruchtigkeit klar und pointiert, ohne schmutzige Destillationsartefakte, gemacht von einem Brennmeister, der die Tails klar abschneidet.

Die wunderbare Tropenaromatik geht auch im Mund direkt weiter, ein bunter Obstsalat aus Ananas, Mango, Banane und anderen Früchten, mit einer sehr ausgeprägten, aber dazu passenden, natürlichen Süße. Dass die Textur schön weich und voll ist, trägt zusätzlich zu einem initialen Mundgefühl bei, bei dem man den Sprit eigentlich gar nicht mehr aus dem Mund lassen will – 50% Alkoholgehalt sind zu keiner Sekunde auch nur erahnbar. Im Verlauf kommt ganz milde Würze auf, die sich gegen Ende zu einem leise wallenden Feuer steigert, aber auch hier ohne jede Kratzigkeit. Der Abgang ist mittellang, sehr sauber, mit einem Anflug von einem floralen Abstecher in den Tropengarten, mit Jasmin, Frangipani und Orangenblüte. Ganz dezente Bittere zusammen mit der Blumigkeit liegt noch lange auf der Zunge. Ein Rum, der wirklich richtig viel Spaß macht, komplett unkompliziert, unterhaltsam, mit aromatischer Wucht und ohne Ecken und Kanten. Wirklich richtig gut gemacht, muss ich sagen.


Gehen wir über zum zweiten Kandidaten des Tages, dem Montebello Rhum Agricole 50°. Es findet sich hier auch die Alkoholgehaltangabe in Prozent auf dem Etikett, doch die frankophonen Guadelouper bezeichnen ihren Sprit normalerweise mit der in Frankreich üblichen „°“-Notation („degrés“). Rein optisch unterscheiden sich die Brände hier nicht, dieselbe dezente Schwere beim Schwenken, das leuchtende Kristall, höchstens das Beinlaufen ist minimal anders, aber nicht weniger hübsch zu betrachten.

Montebello Rhum Agricole 50° Glas

Geruchlich kann man aber beim Montebello etwas ganz anderes wahrnehmen, er wirkt sehr viel weniger fruchtig, hat dafür eine leicht kräuterige Note, mit einem Touch von getrockneten Gewürzen. Wassermelonenschale, oxidiertes Kaffeepulver, ein Anflug von Ethanol – insgesamt wirkt dieser Rum sehr viel zurückhaltender und stiller, im direkten Vergleich klar aromatisch ärmer, ohne ins Neutrale zu gehen dabei.

Im Mund ist das dann anders, hier kommen Zitrus- und andere helle Fruchtnoten zum Vorschein, direkt mit kräftiger Würze, die fast schon salzig wirkt, mit einer meiner Ansicht nach deutlich höheren Komplexität als der Bologne, und mehr Feuer und Charakter. Zimt und Leder, Vanille und Mandeln, alles nur in höchst subtilen Anflügen, mit starker Papaya- und Guavenfrucht. Der Abgang ist wieder leicht blumig, mit Nachklängen von getrockneten Gewürzen und einer aparten Mischung aus Bittere und Trockenheit. Ganz anders, aber in keiner Form schlechter – spannend!


Ungereifter Rum ist eigentlich die Cocktailzutat schlechthin, der Archetyp aller Mixspirituosen. Meist ist Melasserum das Mittel der Wahl, doch diese kräftigen Zuckerrohrsaftrums von Guadeloupe können in einem Drink so richtig „Alarm machen“, wie man heutzutage scheinbar sagt. Im Tropic of Cancer gibt der Montebello 50° beispielsweise richtig Feuer und Würze, da muss sogar der sonst so dominante Campari sich warm anziehen, dass der Rum ihm noch Chancen lässt, durchzukommen.

Tropic of Cancer Cocktail

Tropic of Cancer
1½ oz / 45ml ungereifter Rhum Agricole
1 oz / 30ml Campari
½ oz / 15ml Passionsfruchtlikör
1 Prise Salz
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Chad Austin]


Da wir schon beim Mixen sind – rhum arrangé ist eine sehr beliebte Spezialität vieler französischsprachiger Gebiete. Dazu legt man einfach Obst und/oder Gewürze in ungereiften rhum agricole ein und lässt das ganze eine ordentliche Weile ziehen. Ich habe das mit Guaven gemacht, Rhum Bologne wegen der Fruchtigkeit des Destillats hergenommen, und das ganze für 6 Wochen stehen lassen. Keine Angst, da wird nichts schlecht, im Gegenteil, der Rum nimmt diese supertropischen Aromen und den rosa Farbton der Guave an, kombiniert mit der eh schon tollen Struktur ergibt das einen herrlichen Drink für den Sommer. Nur darauf achten, dass die Guaven reif sind (die Schale ist dann gelb und riecht sehr stark nach einer Mischung aus Teer und Frucht).

Die Flaschenformen an sich sind völlig unspektakulär, bei diesem Preisgefüge (ich habe ungefähr grob 18€ pro Literflasche bezahlt) auch voll verständlich, dass da kein überflüssiger Cent reinfließt – Blechschraubverschluss inklusive. Ich finde es unterhaltsam, dass beide Brennereien ein Segelschiff als Logo auf die Etiketten drucken, das ist schon etwas klischeehaft, aber gut, es ist so ein feel-good-Bild, das bei Kunden wahrscheinlich einfach gut ankommt.

Es ist einfach interessant zu sehen, dass diese zwei Rums, die auf derselben Insel und unter derselben ggA hergestellt werden, doch so unterschiedlich sind, aber beide auf ihre jeweilige Art und Weise sehr gut hergestellte, aromatische und dabei süffige Rums sind, die viel Spaß machen, insbesondere wenn man dazu in Betracht zieht, was sie kosten. Ich für meinen Teil habe nun eine gute Basis für die kommende Reise nach Guadeloupe, und werde natürlich nach der Rückkehr über die Destillerien und Menschen berichten, die ich dort getroffen haben werde!

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

Ein Kommentar zu “Fifty Grades of White – Rhum Bologne und Montebello 50°

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