Geheimniskrämerei in der Navy – Pusser’s British Navy Rum 40% (Blue Label)

Pusser's British Navy Rum Titel

Navy Rum, das ist ein spannendes geschichtliches Thema. Allein die Tatsache, dass die britische Marine es für lange Teile ihrer Geschichte für notwendig erachtete, ihre Matrosen täglich mit hochprozentigem Schnaps zu versorgen, sagt eigentlich viel über die Bedingungen aus, die auf den Schiffen Ihrer Majestät herrschten. Heute sind Rums, die im Stil dieses Gehaltsbestandteils hergestellt werden, weiterhin beliebt, auch wenn sie für die Matrosen nicht mehr ausgeschenkt werden; diverse Hersteller berufen sich immer noch gern auf die Geschichte und den Stilnamen, selbst wenn die Royal Navy überhaupt nichts mehr damit zu tun hat.

Eine der bekanntesten Marken ist wahrscheinlich Pusser’s. Tatsächlich war der Pusser’s British Navy Rum 40% (Blue Label) einer der ersten Navy Rums, die ich mir selbst zugelegt hatte, und damit wahrscheinlich auch einer, der am längsten auf eine Besprechung auf meinem Blog warten musste. Man muss zunächst ein paar Verwirrungen ansprechen, die mir beim Schreiben hier etwas aufgestoßen sind. Es handelt sich bei diesem Rum um einen Blend aus Guyana-, Trinidad- und Barbados-Rums; so zumindest sagt das Label. Die Website des Herstellers dagegen erzählt ausschließlich von Guyana, und betont den Einfluss der weltbekannten Port-Mourant-Still auf diesen Rum. Irgendwie passt beides nicht zusammen, denn gerade der Blend der Rums von ehemaligen britischen Kolonien ist das, was einen Navy Rum ausmacht; erneut widerspricht sich der Hersteller, wenn er auf seiner Website dann plötzlich doch davon spricht, dass das Blend-Rezept inspiriert wurde von dem letzten der Royal Navy anno 1970. Vielleicht findet sich irgendwann eine Klärung dafür, probieren wir erstmal, ob es sich überhaupt lohnt, sich soviel im Vorfeld den Kopf zu zerbrechen.

Pusser's British Navy Rum Flasche

Die kupferfarbene Flüssigkeit mit orangenen Reflexen bewegt sich halbviskos im Glas, hinterlässt dabei einen langsam ablaufenden Beinchenteppich. Farblich habe ich damit meine Schwierigkeiten, das mit einem weiteren Fakt der Website zusammenzubringen, die schildert, dass der Rum für ein Minimum von 3 Jahren tropisch gereift wird – erneut wird nur von Guyana gesprochen, daher ist unklar, welches Alter wir ungefähr vor uns haben. Wir können sicher sein, dass hier gefärbt wird.

Den Geruch nimmt man schon wahr, wenn die Nase noch weit entfernt von diesem Glas, in dem man langsam schwenkt, entfernt ist. Marzipan, schwarze Bitterschokolade, stark vergorene Früchte, faule Banane. Popcorn, verbranntes Karamell, unterschwellig alkoholisch und erkennbare Lösungsmittelnoten – es wird in gewissen Kreisen belächelt, dennoch passt hier das Wort „funkig“, denn es beschreibt den Eindruck, den ich beim Schnuppern bekomme (ich verwende es auch weiterhin, genauso wie das ähnlich in Ungnade gefallene Wort „weich/smooth“, selbst wenn das den Priestern der reinen Wahrheit missfällt).

Der Pusser’s ist zunächst süß, schokoladig, und erinnert mich sehr deutlich an irischen Whisky. Im Verlauf kommt aber schnell eine mildpfeffrige Schärfe dazu, Weihnachtsgewürze bilden eine schwere, würzige Basis für den vergorenen Fruchtcocktail aus Pfirsichen, Kirschen und Bananen. Insgesamt merkt man, dass die eingesetzten 40% Alkoholgehalt zu schwachbrüstig sind, für richtig viel Volumen und Ausdauer zu sorgen (und weiter geht die Verwirrung, diesmal bezüglich des Alkoholgehalts – in den USA wird er mit 42%, im Rest der Welt mit 40% abgefüllt). Gegen Ende entsteht dann wieder eine Kandiszuckersüße mit leichten Kaffee- und nussigen Kakaoaromen.

Pusser's British Navy Rum 40% Glas

Nachsüßung ist bei praktisch allen Pusser’s Rums vorhanden, der hier vorliegende Blue Label ist dabei der am wenigsten davon betroffene; er schwebt so an der Grenze zu dem, was man gerade noch so als ungesüßt bezeichnen könnte. Sensorisch ist dies jedenfalls kaum schmeckbar. Zu guter letzt hinterlässt der Pusser’s seinen charakteristischen Geschmack lange als Nachhall im Mundraum, der Abgang selbst ist aber eher kurz und knackig. Eine gewisse Trockenheit verbleibt am hinteren Gaumen.

Ein bisschen zu schmal für den wirklichen Purgenuss für mich; dennoch ein attraktiver Rum für Tiki-Cocktails, die nicht explizit nach Jamaicawucht schreien. Die Aromatik ist perfekt dafür geeignet, mit genug Würze und Charakter, um sich gegen die Säfte und Liköre, die oft Teil eines Tiki-Getränks sind, durchsetzen zu können. Der Beweis dafür: Der sehrvielzutatige Zelma’s Punch. Und nein, ich weiß nicht, wer die namensgebende Zelma ist.

Zelma's Punch


Zelma’s Punch
2 oz Orangensaft
2 oz Ananassaft
1 oz Heller Rum
1 oz Dunkler Rum (z.B. Pusser’s British Navy Rum 40%)
½ oz Limettensaft
½ oz Süßer Wermut
¼ oz Crème de Cacao
¼ oz Orangenlikör
1 Spritzer Angostura
1 Spritzer Grenadine
Auf Eis shaken.

1 TL dunklem Rum floaten und mit geriebener Muskatnuss servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Unauffällig ist die bauchige Flasche mit Plastikkorken, die für viele Sorten des Herstellers als Behältnis dient; das Etikett ist dabei das Unterscheidungskriterium, wie man schon sieht, wenn man diesen Rum hier als „Blue Label“ bezeichnet. Es gibt ihn in unterschiedlichen Ausprägungen, mit schwarzem Etikett als „Gunpowder Proof“ mit 54,5%, als 75%ige Overproof-Variante mit grünem Label, als „Red Label“ und als Spiced-Rum-Variante. Darüberhinaus, dann aber in moderner, wuchtiger Dekanter-Flasche, als 15 Jahre gereifte Ausprägung. Man achte also darauf, was man kaufen will.

Ich habe mir diesen Rum, wie gesagt, vor langer Zeit gekauft, die Flasche ist seit geraumer Zeit auch leer. Den Blue Label würde ich mir persönlich zunächst mal nicht nochmal holen, es gibt inzwischen spannendere Navy-Rum-Blends, die dann auch ohne Süßung und ohne Etikettenverwirrspiel auskommen. Ich habe meine Schwierigkeiten, diesen Rum weiterzuempfehlen, denn die mageren 40% machen dem Kenner gerade bei diesem Rumstil doch zu schaffen. Andererseits sind die höherprozentigen Varianten von Pusser’s dann halt wiederum auch stärker gesüßt, was ich noch weniger mittragen will. Eine Marke, die sich überdenken sollte – wenn das geschieht, bin ich vielleicht dann auch wieder an Bord.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

Ein Kommentar zu “Geheimniskrämerei in der Navy – Pusser’s British Navy Rum 40% (Blue Label)

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