Autos oder Rum – Nine Leaves Pure Single Japanese Rum Unsun Karuta Collection Ace of Guru / Two of Pao (VSGB)

Nine Leaves Pure Single Japanese Rum Unsun Karuta Collection Ace of Guru und Two of Pao Titel

Geschlossene Destillerien strahlen immer einen unausweichlichen Reiz auf den Kenner aus. Das Destillat daraus wirkt plötzlich geheimnisvoll, unerreichbar, besonders – die Frage, warum die Brennerei schließen muss, ist letztlich aber natürlich oft auf dieselbe Antwort reduzierbar: es hat sich nicht gelohnt, das Produkt wurde zu wenig nachgefragt. Und da beißt sich dann die Katze in den Schwanz, und der Jäger, der auf der Suche nach dem Besonderen ist, hätte sich einfach früher engagieren müssen, da hätte man sich viel Zeit, Geld und Nerven sparen können.

Auch die japanische Nine Leaves Distillery ist 2023, nach fast perfekten 10 Jahren Betrieb in Ōtsu (Präfektur Shiga, Honshū) nun Geschichte. Hier ist dies im Gegensatz zu vielen anderen Beispielen freiwillig geschehen, der Brenner Yoshiharu Takeuchi hat sich entschieden, statt seiner Leidenschaft zum Rummachen das Familienunternehmen, eine Autoteilefirma, zu übernehmen – doch auch solche Entscheidungen haben immer eine gewisse Druckkomponente in sich. Takeuchi hat sich aber durchaus einen Namen gemacht in den 10 Jahren, und darum hat sich La Maison & Velier entschlossen, die restlichen Fässer zu übernehmen und dem Markt verfügbar zu machen. Daraus entstand die Unsun Karuta Collection, inspiriert durch das antike japanische Kartenspiel gleichen Namens, aus der ich heute die zwei Rums vorstelle, die im VSGB-Projekt Luca Garganos veröffentlicht wurden: den Nine Leaves Pure Single Japanese Rum Unsun Karuta Collection Ace of Guru und den Two of Pao. Muscovado-Zucker von der Insel Tarama/Okinawa wurde dafür mindestens 4 Tage fermentiert und dann in Pot Stills gebrannt. Die Reifungsdetails erwähne ich bei den einzelnen Rums, ebenso die genauen Alkoholgehalte. Beide sind natürlich ohne Zusätze abgefüllt.

Nine Leaves Pure Single Japanese Rum Unsun Karuta Collection Ace of Guru und Two of Pao

Wir beginnen mit dem Nine Leaves Pure Single Japanese Rum Unsun Karuta Collection Ace of Guru. 3 Fässer, die vorher Armagnac beinhalteten, wurden 2018 im subtropischen Klima mit einem Destillat befüllt, und 7 Jahre später auf Flaschen gezogen. Für diese Abfüllung wurde die Spielkarte „Ace of Guru“ als Pate auserwählt, passend dazu findet man die japanischen Schriftzeichen グル (Guru) auf dem Karton und Rücketikett. Der Alkoholgehalt wird mit 59% angegeben, dazu die Bezeichnung „Full Proof“, die synonym zu Cask Strength zu lesen ist, also ohne Verdünnung. 923 Flaschen ergaben die 3 Fässer, plus ein bisschen was für die knapp 1000 VSGB-Einheiten; viel ist das beileibe nicht.

Die Farbe ist hell, strohig, ein bisschen blass, bei direktem Gegenlicht legt der Brand etwas an Färbung zu und wird fast zu leichtem Gold. Ölig und dicht wirkt dagegen die Konsistenz, die man beim vorsichtigen Drehen des Glases sieht, sie wirkt dann vielbeinig und filmig.

Nine Leaves Pure Single Japanese Rum Unsun Karuta Collection Ace of Guru (VSGB)

Die Nase ist besonders und unerwartet. Irgendwie hat man eine Sekunde den Eindruck eines Scotch, im nächsten den eines Zuckerrohrsafts von Guadeloupe; jedenfalls ist da ein starker Getreideaspekt, der sich mit Zuckerrohraromen verbindet und die Fruchtigkeit aus beiden kombiniert. Zu tief kann man nicht schnuppern, der Hauch des Alkohol greift direkt den Riechkolben an, und piekst dann, wirkt aber nicht kratzig; so richtig gut integriert ist der Alkohol nicht. Leichtkörperig und frisch wirkt der Rum, mit leicht maritimen Noten von Algen, Seetang und feuchtem Sand.

Am Gaumen kommt die gesehene Öligkeit in der Textur direkt zum Tragen, das wirkt breit und voluminös, viel mehr jedenfalls, als man von der Nase her erwartet hat. Süß und würzig ist der Antrunk, gerade letzteres verstärkt sich im Verlauf extrem, da fängt der Rum richtig an zu brummen und sich aktiv auf die Schleimhäute zu legen, der immer noch eher mäßig eingebunden wirkende Alkohol macht dabei gerne mit. Der Armagnac scheint erkennbar durch, mit Weinbrandtypizität wird der Getreideaspekt, der auch hier noch da ist, aufgebohrt. Der Abgang ist lang, trocken ohne Astringenz, sehr würzig und leicht salzig.

Die Nase hatte mich nicht viel erwarten lassen, der Geschmack ist aber toll, dicht und exotisch, ungewöhnlich und spannend. Sicherlich ist das ein Rum, auf den man sich einlassen muss, und ihm etwas Vorschuss gewähren; der fünfte und sechste Schluck sind definitiv die, die man berücksichtigen sollte, nicht der erste und zweite.


Wenden wir uns dem Nine Leaves Pure Single Japanese Rum Unsun Karuta Collection Two of Pao zu. Hier wurden 2 Ex-PX-Sherry-Fässer ausgewählt, die mit einem 2020er-Destillat belegt wurden, und das 5 Jahre darin bleiben konnte. Die Spielkarte ist „Two of Pao“, das Pao (パオ) ist das japanische Wort für „Jurte“, also eine Art Zelt. Auch hier hat man nur knapp unter 1000 Flaschen aus den Fässern bekommen, die dann genauso wie beim Beispiel zuvor mit Full Proof auch mit 59% Alkoholgehalt abgefüllt wurden.

5 Jahre weniger, andere Fässer, komplett andere Farbe – das geht bereits ins Kastanienbraun über, die PX-Sherry-Fässer haben auch bestimmt noch genug gespeichert gehabt. Optisch ist das attraktiv, weil auch die Konsistenz dazu passt, mit schöner Viskosität und hübschen Beinen in meinem Neat-Verkostungsglas.

Nine Leaves Pure Single Japanese Rum Unsun Karuta Collection Two of Pao (VSGB)

Ähnlich wie zuvor hält sich der Rum geruchlich etwas zurück, dennoch finde ich auch hier eine Komponente, die mich an Sake, Reis und Getreide erinnert; ich hoffe, das klingt nicht seltsam, aber dieser Rum riecht „asiatisch“. Und auch hier ist dieser zweite Duft von Zuckerrohr da, ich denke, da habe ich für mich die Charakteristik der Brennerei gefunden. Leicht parfümig wirkt der Two of Pao, mit einer floralen und fruchtigen Note, die ich der Mischung mit dem PX zuschreibe. Wirklich sehr angenehm, komplex und unterhaltsam, da riecht man sehr gerne dran, insbesondere, weil der Alkohol hier sehr, sehr viel besser integriert ist und nie piekst, sondern eher noch leichte Lacknoten dazuliefert.

Für ein paar Millisekunden hat man einen süßen, weichen Eindruck beim Antrunk, das verfliegt aber sofort und zeigt dann direkt die trockene, herbe Struktur des Two of Pao. Mittlerer Körper, wilde Würze, deutliche Salzigkeit, ein Tick Umami, da ist wirklich Kraft und Feuer drin, der Rum hält sich nicht zurück und bietet Dichte und Explosivität. Das betäubt Zunge und Gaumen etwas, kühlt diese dann runter auf mentholische Ebenen, mit einem ähnlichen Hauch, der nun viel klassische Rumtypizität ausstrahlt; die Exotik der Nase blitzt nochmal kurz im langen, floralen Nachhall auf.

Auch hier gilt – das ist ungewöhnlich und besonders, ein Rum, wie man ihn nicht täglich im Glas hat, mit klarer Brennereicharakteristik und gut gemachtem Ausbau; der Sherry ergänzt dieses Destillat um genau das, was es braucht, um so ein wirklich tolles Geschmackserlebnis zu erzeugen.


Nine Leaves auf Burg Scharfenstein

Natürlich würde ich hier einen Cocktail vorstellen; doch Ace of Guru und Two of Pao sind so unterschiedlich, dass ich einen auswählen müsste, und das würde dem anderen nicht gerecht, denn wo der eine gut geht, wäre der andere Fehl am Platze, und umgekehrt. Da eh nicht so viel drin ist in den zwei VSGB-Fläschchen, habe ich mich stattdessen entschieden, die beiden mit nach Burg Scharfenstein zum German Whisky Award zu nehmen, und die nach der Verkostung übrigen Schlucke mit den geschätzten Kollegen zu teilen, so dass die Whiskynerds endlich auch mal lernen, dass Rum eine enorme Spannbreite haben kann, die der von Whisky weit voraus ist.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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