Der aufwändige, gerundete, mit einem Aufklappmechanismus versehene Karton des Appleton Joy, den ich damals, als er erschien, zu Hause als Dekorationsobjekt aufgestellt hatte, ist weiterhin ein kleiner Blickfang in meiner Wohnung. Ich habe nur noch einen kleinen Schluck in der Flasche, die darin enthalten ist, das hebe ich mir immer für besondere Anlässe auf. Der Mark, der hauptsächlich im Joy aufgegangen ist, wurde von Joy Spence, der Master Blenderin von Appleton Estate und natürlich auch Namensgeberin des Rums, persönlich als eine ihrer ersten Amtshandlungen ausgewählt, als sie die Arbeit dort aufnahm – daher liegt er ihr wohl, nach eigener Aussage, besonders am Herzen.
Er erlebt nun einen zweiten Frühling, denn ein Rum, der just diesen Mark eng nachbildet, hat seinen Weg in den Appleton Estate 1998 Hearts Collection gefunden. 19 Fässer mit den Nummern #417649 sowie #422371 bis #422388 sind hier in einem Blend vereint, nach 25 Jahren tropischer Lagerung. 995 gr/hlpa wird als Gesamt-Congener-Zahl auf dem Etikett angegeben, das ist natürlich etwas, womit nur der Rumnerd etwas anfangen kann; für den Laien kann man grob sagen, dass es sich laut dieser Zahl um einen im gehobenen Mittelfeld liegenden Jamaica-Rum handelt, was diesen Wert angeht (die Esterzahl, die heutzutage oft beschworen wird, ist eine Teilmenge der Congener-Zahl, der Esterwert liegt also darunter, wahrscheinlich an der Grenze dessen, was man als „Continental Flavor“ bezeichnet). Ich schreibe hier aber jetzt für den Genießer, der sich tatsächlich sowas eingießt ohne Tag und Nacht damit verschwendet, solche Zahlen zu vergleichen und organische Chemie zu verstehen, und der bekommt, da nehme ich das Fazit schon vorweg, eine echte Aromabombe ins Glas.
Farblich liegt der Rum zwischen Haselnuss und Hennarot, eine leuchtende Farbe, mit orangenen Lichtreflexen. Viskosität ist erkennbar, eine Filmfläche bildet sich an der Glaswand, die adrig abläuft.
Der Geruch ist vergleichbar kräftig, eine runde Mischung aus tropischer Frucht, nussigen Eindrücken, marzipanigen Tönen und ein bisschen Karotte. Datteln, Melasse, Holz, ein Hauch grüner Blattschnitt und krass dazu kontrastierend krümelige Erdigkeit, ein bisschen Lack, wirklich wunderbar integriert alles, das Basisdestillat und die Fässer passen nahezu perfekt zusammen. Ein Hauch Rotwein, mit minimalstem Schwefel, ein Anflug von Rauchigkeit, beides nur ganz unterschwellig, fügen Komplexität hinzu. Trotz der Stärke und Wucht des Appleton Estate 1998 Hearts Collection hat er damit eine gewisse Subtilität, eine Kombination, die man selten so perfektioniert findet. Alkohol spürt man in der Nase, aber er piekst nicht einmal.
Im Mund zeigt er sich deutlicher, von Antrunk bis Abgang merkt man, dass man ein ordentliches Pfund vor sich hat; 63% Fassstärke gehen nicht spurlos an einem vorüber. Doch es wirkt passend, die volle Textur fängt die Kanten wunderbar auf, die natürliche Süße die Spitzen. Schwer ist auch die Aromatik, dunkle, reife Früchte, Banane und ein bisschen Vanille passen wie Zahnräder ineinander, die regelrecht aufblühende Floralität im Abgang bleibt sehr lange hängen und klingt kräftig nach. Der Abgang ist lackig und frech, trocken, leicht astringierend, heiß und feurig, mit ein bisschen Weißpfefferschärfe, doch auch hier gilt, dass das alles irgendwie zueinander passt.
Es gehört Handwerk und Kunst dazu, einen Rum zu kreieren, der so gegensätzliche Eigenschaften so perfekt zusammenführt: Wucht und Eleganz. Man schwankt in der Verkostung des Appleton Estate 1998 Hearts Collection immer wieder zwischen diesen Polen hin und her, und genießt diese Vielschichtigkeit. Natürlich muss man die Fassstärke aushalten können, doch hier geht es besser als bei vielen anderen Produkten dieser Kategorie. Ein perfekter Rum für mich, der hat alles, was ich suche, und bietet sogar Dinge, die mich überraschen. Ein Schluck reicht für viele, viele Minuten, ein Glas für den ganzen Abend.
Bei einem Rum wie diesem muss man entsprechend eigentlich kein Cocktailrezept angeben, er ist komplex genug, um alleinstehend all die Facetten auszustrahlen, die man sonst von einem guten Cocktail erwartet. Im Bikini Atol ist der Rum der klare Hauptdarsteller, er wird nur von kleinen Mengen ergänzender Aromen aus Ananasschalen und Bittern weiter veredelt; das fühlt sich sehr unterhaltsam an, mehr würde ich persönlich aber auch nicht zusetzen.
Bikini Atol
2½oz / 75ml gereifter Rum
1 Teelöffel Ananasschalensirup
2 Spritzer Angostura
Im Glas anrühren. Auf einem großen Eiswürfel servieren.
[Rezept nach Food52]
Natürlich kennen meine Leser inzwischen die VSGB-Initiative und die damit verbundenen, liebevoll gestalteten Kleinflaschen. Diese hier hat mich rund 60€ gekostet, man kann sich also denken, wie eine Großflasche davon zum Ausgabezeitpunkt bepreist war, gar nicht zu reden vom Sekundärmarkt, auf dem dieser Rum nun wahrscheinlich nur noch verfügbar ist. Ja, das ist für mich die absolute Obergrenze, die ich gerade noch bereit bin, für diese Menge zu bezahlen, aber tatsächlich bekommt man eine Gegenleistung, die dem gerecht wird.
Zusätzlich zum Rum bekommt man bei VSGB auch hin und wieder die Möglichkeit, an Online-Tastings teilzunehmen, bei denen dann auch echte Größen mitspielen, wie hier Dr. Joy Spence und Luca Gargano persönlich. Ich finde solche Events toll, weil man die Menschen hinter den Flaschen auch mal kennenlernen kann. Mit solchen Erinnerungen kann man den Rum auch lange danach noch mehr genießen, das vergisst man nicht.




Eine wunderbare Besprechung, die Deine Begeisterung für diesen Rum (den ich selbst nicht kenne) sehr schön nachvollziehbar macht! Ganz allgemein ist Dein Blog eine echte Perle in der Online-Welt für Drinks und Spirituosen. Ich hoffe, es wird ihn noch lange, lange geben.
Vielen Dank für die netten Worte! Das bedeutet mir viel.