Heute haben wir wieder einmal ein Trio im Angebot, und weil ich darüber hinaus schon viel über das Set Verticale Velier Rhum Vieux A.O.C. Martinique Millésimes Saint-James erzählt hatte, halte ich mich ausnahmsweise mal zurück, mir einen elaborierten Spannungsbogen aus den Fingern zu saugen, kommen wir einfach mal direkt zur Sache (man gewöhne sich nicht daran, ich werde meine Leser in Zukunft weiter mit mehr oder weniger unterhaltsamen Anekdoten aufs Thema lenken, keine Sorge!). Saint-James Très Vieux Rhum Agricole Millésimes 2000, 2002 und 2006 sind drei weitere der Jahrgänge, die man im wunderbaren Verticale-Set finden konnte. Saint James gehört durchaus zu den von mir öfter besprochenen Brennern, man kann hier auf meinem Blog ein paar Eindrücke anderer Sorten des Herstellers sammeln, über dieses Set hinaus. Diese Lektüre lege ich natürlich jedem ans Herz, der sich nach diesen Jahrgangsrums, die nun folgen, weiter für die Destillerie auf Martinique interessiert.
Beginnen wir mit dem jüngsten des Trios, dem Saint-James Très Vieux Rhum Agricole Millésime 2006, der nach der elften Zuckerrohrernte seit Einführung der AOC 2006 und dem gleichjährigen Brennen dann im Oktober 2021 abgefüllt wurde. Farblich gefällt mir das schonmal sehr, 15 Jahre tropische Reifung haben einen wunderschönen Palisanderton erzeugt, der strahlt und leuchtet, wenn man das Glas dreht. Dass sich die Flüssigkeit dabei sehr ölig bewegt, tut sein übriges dazu. Initial ist die Nase von Klebstoff beherrscht, das erinnert mich an meine vergangenen Modellbautage. Lässt man dem Rum etwas Zeit, bilden sich schwere Karotten- und Vanilletöne heraus, die mich stark an Bourbon erinnern. Erst darunter findet man leicht grasige Noten, und auch eher ganz vorsichtig – das ist sensorisch ein Rum, bei dem das Holz wirklich voll zugeschlagen hat und den Zuckerrohrsaft beinahe komplett verdrängt.
Man ahnt noch den Fehler, den ich für die 2015-2008er Jahrgänge bei dieser Abfüllung ausgemacht habe, diesen parfümigen Lavendel-Weichspüler, das die genannten Brände für mich praktisch untrinkbar gemacht hatten; doch es ist nur noch eine Idee davon da, darum ist das hier eher ein Teil des Bilds denn ein Fehler. Das Mundgefühl ist staubtrocken, stark astringierend, bitter und mit ordentlich Säure versehen: definitiv kein Rum, der schmeichelt, eher ein Brett aus Holzspänen, grünem Gras, Estragon und Süßholz. Charaktervoll, ja, wuchtig, ja, und auch vollmundig – aber hart an der Grenze zum Kantigen. Der Abgang ist lang und entschädigt dann aber voll, hier klingt leichte Minzefrische auf, das Holz geht in Karotte über, die Spucke fließt nach und verbindet sich dann mit den Rumresten zu einem wirklich attraktiven, algig-kiesigen Finish. Also eher was zum bedächtigen Explorieren denn zum gemütlichen Genießen!
Zurück, vier Jahre in die Vergangenheit vom eben probierten Rum, zum Saint-James Très Vieux Rhum Agricole Millésime 2002, der damit aus der siebten Ernte nach Einführung der AOC stammt und ebenfalls Oktober 2021 abgefüllt wurde. Der optische Eindruck ist sehr imponierend, ein strahlkräftiges Pariser Rot, mit orangenen und fuchsiafarbenen Lichtreflexen. Sehr stattlich ist auch das Schwenkverhalten, mit satter Öligkeit und einem Beinchengitter zum Träumen. Und ohne Pause geht dieser Rum weiter, in der Nase ist ultraviel Frucht, dunkle Trauben, Feigen, Aprikosen, aber auch Weinbergpfirsich und süße Aromen von Toffee, Haselnusscreme und Vanille. Etwas Karottiges erinnert erneut an Bourbon, aber in einer trockeneren, herberen Art. Voluminös, kraftvoll, stark – ein Duft, in den man sich aufs erste Schnuppern verlieben kann.
Leider ist schon im Antrunk wieder der Weichspüler da, sehr stark sogar, mehr, als beim 2006er. Das ist wirklich zum Heulen. Es ist einfach mehr als eine florale, blumige Note, das ist wie Softlan in der lila Plastikflasche. Alles andere leidet darunter, ich muss die Verkostung hier schlicht abbrechen, erst im Abgang kommt ein eiskalter Minzhauch auf, der mit der trockenen Textur und dem holzigen Charakter wieder etwas Freude aufkommen lässt. Aber was soll ich sagen. Ein Jammer. Ein Jammer. Ich weiß nicht, was da passiert ist – wenn es beabsichtigt ist, dass der Rum so schmeckt, dann ist er schlicht gruslig und so überhaupt nicht typisch für Rhum Agricole; wenn es ein Fehler ist, muss jemand zur Rechenschaft gezogen werden, der für diesen Schaden verantwortlich ist. Ich weiß nicht wer, aber das ist wirklich ein Verbrechen. Da ich dies in unterschiedlichen Abfüllungen so schmecke, und in manchen nicht, auch bei wiederholten Versuchen, schließe ich eine Kontamination auf meiner Seite aus.
Nach dem Schreck zurück in den Sattel, und nochmal zwei Jahre weiter zurück. Lassen wir uns nun den Saint-James Très Vieux Rhum Agricole Millésime 2000 hoffentlich besser schmecken. Die fünfte Zuckerrohrernte seit Einführung der AOC brachte den Saft für ihn hervor. Wir sind optisch noch einen Ticken dunkler inzwischen, das ist starkes Mahagoniholz, vielleicht gebrannte Siena. Trotz des Alters von 21 Jahren (er ist damit der älteste Rum des Vertikalsets, denn der 1998er war ein paar Jahre zwischengereift, und die zählen dann nicht) wirkt er lebendig und frisch im Glas. Die Nase ist direkt edel und elegant, dabei aber vergleichsweise zurückhaltend – man findet einiges an dunklem, getrockneten Obst, aber auch frische Orange und Kirsche. Gestärkt, aber niemals überlagert, wird das vom Holz, mit Vanille und ledrigen Tönen, etwas Estragon und Süßholz, minimalst Gras, insgesamt fein und rund.
Am Gaumen wirkt der 2000er auch ähnlich zurückhaltend wie in der Nase, da zeigt sich erstmal weiche, leichte Textur, ein wirklich sauberes, klares Mundgefühl, ohne den Gaumen zu belegen. Frisch, hell, fruchtig – sehr unerwartet, da ist das Holz wirklich sauber eingesetzt, es zeigt sich zwar, lässt aber der Orange, der Mango, der Kirsche viel Spielraum, sich auszuleben. Trocken, ohne zu astringieren, herb, ohne bitter zu werden, rund, ohne sich wirklich auszudehnen – das ist ein sehr eleganter Rum, toll strukturiert und konstruiert, vielschichtig, ohne dass sich ein Aspekt nach vorne drängt und andere überdeckt. Der Nachhall ist lang, fruchtig und holzig, hier kommt das Zuckerrohr klar hervor und dominiert dann doch, aber natürlich mag ich es, wenn das Basismaterial erkennbar ist. Minimalst floral (und überhaupt nicht weichspülerig!) und mit deutlichen, mineralischen Algentönen klingt die Verkostung aus. Ein hervorragender Rum, archetypisch für Martinique, ohne jeden Fehler oder Kritikpunkt. Ich liebe ihn.
Ohne das VSGB-Projekt, über das ich nun schon sehr oft berichtet habe, wäre diese Verkostung wieder einmal nur sehr schwer möglich gewesen, vor allem wäre für mich persönlich der haptisch-taktile Eindruck ein ganz anderer gewesen, wenn ich neutrale Sampleflaschen statt der wunderbaren, liebevollen Kleinflaschen mit hochwertigen, dickmaterialigen Etiketten und Kartons zuhause gehabt hätte.






Mit dieser zweiten Runde der Saint-James-Rums aus dem Vertikalset beschließe ich auch die Besprechungen für dieses Set; die schon probierten aber noch unreviewten Jahrgänge 2014, 2012 und 2008 halte ich zusammen mit dem hier vorgestellten 2002 persönlich (wie auch schon 2015 und 2010, die ich im vorherigen Artikel diskutiert hatte) für schlicht nicht trinkbar, weil fehlerhaft abgefüllt, und sehe keinen Sinn, sie zu besprechen. Aber vielleicht stehe ich da allein mit meiner Meinung. Das trübt aber insgesamt den Gesamteindruck dieses Sets doch extrem, da die Hälfte der Fläschchen für mich ungenießbar sind. Dennoch: Ich habe es sehr genossen, zum kleinen Kreis derer zu gehören, die so eine ambitionierte Reihe probieren durften. Und vielleicht ist es halt einfach eine Geschmacksrichtung, die mir widerstrebt. Ich wäre gespannt, von Leuten zu hören, die das Set auch kennen!



