Für die Fizzz #7/2023 habe ich einen Blick auf aktuelle Trends und Entwicklungen im Tequila geworfen. Den Onlinefokus mit ein paar kleineren Randthemen wie ein Interview mit Michael Steiger von Aromas of Mexico, einem launigen Rundgang durch mexikanisch inspirierte Lokalitäten in Saarbrücken, Frankfurt und Berlin und ein paar Ideen, was sich trendig so entwickelt gerade, kann man auf den verlinkten Seiten direkt nachlesen, der Rest ist in der Printausgabe. Für den letzten Block des Onlinefokus, wie auch für den Printartikel, habe ich ein längeres Gespräch mit Tobias Bur, dem Markenbotschafter von Los Muertos Spirits, geführt, die gerade einen mexikanischen Gin und den Los Muertos Cristalino Tequila Reposado nach Deutschland gebracht haben. Ich habe viele interessante Anregungen erhalten, und im Nachgang sogar freundlicherweise eine Flasche dieses neuartigen Tequilastils, und will diesen darum nun hier noch als Ergänzung zu den Beiträgen bei Fizzz vorstellen.
Die Herstellung eines Cristalino beginnt wie bei jedem Tequila. Bei der Casa Tequilera de Arandas, S.A. de C.V. (NOM1499) in Jalisco wird aus 100% Agavenzucker ein Tequila gemacht, der dann durch die Lagerung in Fässern aus amerikanischer Eiche zu einem Reposado wird. Soweit, so bekannt; der für den Cristalino definierende, spannende Schritt ist, diesem Reposado durch ein spezielles Verfahren (letztlich eine Form der Filtrierung) die Farbe, die er bei der Fassreifung angenommen hatte, wieder zu entziehen, ohne dabei den Geschmack mit wegzufiltern. Gar nicht trivial, wenn man klarfiltrierte Spirituosen aus anderen Kategorien kennt: bei Rum beispielsweise bekommt man dann oft aromatisch recht unspannende Endprodukte, ich bin vorab schon extrem gespannt, wie das bei diesem Tequila geklappt hat. Abgefüllt wird der Los Muertos Cristalino dann mit 35% Alkoholgehalt, die Untergrenze dessen, was für Tequila erlaubt ist. Es ist der erste Tequila dieses Stils, den ich probiere – ich lasse mich jetzt einfach mal überraschen, was ich da im Glas vorfinde.
Die Filtrierung hat ganze Arbeit geleistet – da ist kein bisschen Farbe mehr vorhanden, nichtmal der Ansatz. Kristallklar macht der Los Muertos Cristalino diesbezüglich seinem Namen schon mal alle Ehre, beim Schwenken allerdings ist er sehr lebendig und gar nicht tot. Die Beinchen, die sich dabei bilden, laufen schnell in Stufen ab und hinterlassen mit den Tropfen, die ebenfalls haften bleiben, ein schönes Gittermuster.
Hält man den Cristalino mit der Erwartung eines Blanco an die Nase, wird man schwer überrascht, da findet sich kaum etwas von der Mineralität und Herbalität, die man von einem Agavenbrand erwartet. Nein, das riecht wie ein Toffeelikör, mit mehr als nur Anklängen an Werther’s-Echte-Karamellbonbons, etwas Türkischem Honig und einem Ticken Milchkaffee. Diese süßschokoladigen Eindrücke dominieren alles, erst, wenn man etwas tiefer schnuppert, kommt ganz dezent die Agave zum Vorschein, und mit ihr die etwas kiesig-krautige Note, die ich mit Tequila verbinde. Es wird inzwischen schon sehr klar, dass man sich hier bei einem neuen Stil befindet, der sich deutlich von allen anderen Expressionen des Tequilas löst.
Am Gaumen ist die Agave dann deutlicher erkennbar, einem Reposado angemessen; hier ist sie dann sogar zunächst der Haupteindruck. Schnell kommen dann aber die schokoladigen Noten und holen das auf, nicht mehr so kakaolikörig wie in der Nase allerdings, doch weiterhin mit klarer Erinnerung an Toffee und Sahnekaramell. Dazu kommt eine sehr weiche Textur, sehr voll und mundausfüllend, die erst im späten Verlauf eine mineralische Würze aufbaut, in der sich die Agave wieder zeigt; hier wird der Los Muertos Cristalino mildpfeffrig und prickelt im gesamten Mundraum, ohne dramatisch feurig zu sein, durch diese Würze fallen auch die eher niedrig angesetzten 35% Alkoholgehalt nicht negativ auf. Leichte Holztöne aus der Fassreifung sind hier erkennbar, dazu etwas Zimt; ein angenehmer, leichter Nachklang bleibt eine ganze Weile am Gaumen mit einem kühlenden Effekt.
Ich bin ja ein Skeptiker, der sich gern überzeugen lässt, darum finde ich, dass man hier ein sehr rundes, angenehmes Trinkerlebnis präsentiert bekommt; die Agave vermählt sich hier mit Kakao und zeigt, dass es durchaus berechtigt ist, dieser Art von Tequila einen neuen Ausbaunamen zu gönnen: das schmeckt deutlich anders als ein Blanco, hat aber auch irgendwie Unterschiede zum klassischen Reposado, abgesehen von der Farbe. Spannend, was da durch die Filtrierung passiert! Über Abocantes, also laut NOM zugelassene Zusatzstoffe, wird hier zwar nichts ausgesagt, ich vermute aber den Einsatz davon, einfach, weil die Aromatik sich doch von dem löst, was Tequila sonst so an Sensorik bietet.
Die Idee ist, eine klare Spirituose für die anzubieten, die einer braunen Spirituose skeptisch gegenüber stehen – laut Tobias Bur von Los Muertos sind das insbesondere Frauen in Mexiko. Die trinken das dann wahrscheinlich pur, doch auch im Mixed Drink kann so etwas gut funktionieren. Der Mayan nutzt die ausgeprägte Schokoladigkeit des Los Muertos Cristalino, verbindet sie mit Kaffeearomen und Ananasfruchtigkeit zu einem sehr, sehr, sehr süffigen Cocktail.
Mayan
1½ oz / 45ml Tequila cristalino
½ oz / 15ml Kaffeelikör
1½ oz / 45ml Ananassaft
Auf Eis shaken. Auf frischem Eis servieren mit Kaffeebohnen.
[Rezept nach unbekannt]
Sehr elegant wirkt aber auch schon die Flasche, mit dem Facettenschliff und der sehr schwungvollen Form, die trotzdem gut in der Hand liegt beim Ausgießen. Das Etikett ist ganz sicherlich auf die moderne Zielgruppe hin gestaltet, mit einer Mexikanerin mit Rose hinterm Ohr, für den Dia de los Muertos geschminkt, ein bisschen Emo wirkt das, passt aber zum Gesamtdesign mit dem nachtschwarzen Kunststoffkorken und dem ebenso gefärbten Holzaufsatz darauf.
Ich habe ja in der Einleitung bereits zugegeben, dass meine Erfahrung mit Cristalinos nicht so groß ist, dass ich den Los Muertos in eine Skala einordnen könnte. Insgesamt gibt es in Deutschland aber eh noch gar nicht so dramatisch viele Marken, die diesen Stil anbieten; ich gehe auch nicht davon aus, dass das sich in naher Zukunft großartig ändern wird, die Importeure, mit denen ich rede, sehen das auch eher als Nebeneffekt. Um so schöner, dass eine saarländische Firma sich dem Thema annimmt, für mich als Lokalpatriot eine schöne Sache, die ich gerne unterstütze.
Offenlegung: Ich danke Los Muertos Spirits für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche ihres Tequilas.



Ein Kommentar zu “Weg mit der Farbe – Los Muertos Cristalino Tequila Reposado”