Hohes Weinwachstum – Yokich Singani

Yokich Singani Titel

Wer kennt ihn nicht – die Nationalspirituose Boliviens, den Singani, ein Weinbrand gemacht ausschließlich aus Wein der Rebsorte Moscatel de Alejandría, die im südlichen Bolivien in Höhenlagen angebaut wird. Nun, wahrscheinlich kennt ihn erstmal so keiner hierzulande, ich wäre überrascht, wenn sich ein Leser meldet und sagt, dass er ihn schon seit Jahrzehnten zuhause im Regal stehen hat. Die Globalisierung und das wachsende Interesse an Spezialitäten aus aller Welt macht es aber möglich, dass wir selbst so seltene Produkte inzwischen hierzulande kennenlernen können, inklusive des Erwerbs einer Flasche verschiedener Hersteller. Ich persönlich habe Singani erst durch meine Teilnahme am Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by CMB kennengelernt, als Singani in einem meiner Tischflights auftauchte.

Der Singani, den ich heute vorstelle, steht auch mit diesem Wettbewerb in Verbindung: Yokich Singani hat nämlich eine Großgoldmedaille dort gewonnen, jedes Jahr gibt es nur eine Handvoll dieser Auszeichnungen. Da habe ich natürlich wenig Bedenken, dass da irgendwelche Probleme beim Verkosten auftauchen werden. Ein paar Hinweise erstmal aber zur allgemeinen Herstellung dieses Singanis. Er stammt aus dem Cinti-Valley im Departamento Chuquisaca in Bolivien. Selbst das Tal liegt auf ordentlichen 2450m, eine Höhe, bei der mir beim Wandern in Österreich langsam die Luft ausgeht, und wo man anderswo eher Gipfelkreuze, Steinlandschaften und Eishügel erwartet als Rebstöcke; hier werden die höchsten Weine der Welt gemacht. Traditionell wird dort seit fast 500 Jahren Wein angebaut, und Singani als Folge; die ältesten wurzelechten Weinstöcke Südamerikas sind hier beheimatet, profitieren dabei von der Sonne der Höhenlage und sind durch die Hänge des Tals windgeschützt. Singani ist seit 1992 im Schutzstatus einer Denominación de origen, die Gesetze wurden seitdem immer weiter verfeinert, insbesondere zur Abgrenzung des verwandten Pisco und ungeregelt gebranntem Weinbrand. Singani ist immer single-batch, wird nicht geblendet, darf nicht nachbehandelt werden durch Zusätze, und ist in der Regel ungereift. Öffnen wir die Flasche des Exoten aus Bolivien, und probieren ihn!

Yokich Singani

Singani wird, wie gesagt, meist direkt nach der Destillation auf Flaschen gezogen, eine Reifung in Holzfässern ist nicht vorgesehen, und wenn es passiert, darf sich das Ergebnis nicht Singani nennen. Darum ist der Brand im Glas auch völlig glasklar, glitzernd und rein. Beim Drehen des Glases sieht man mittlere Viskosität; sie sorgt auch für einen adrigen Film an der Glaswand.

Der Duft, der dem Glas entströmt, ist direkt vollfloral und fruchtlastig. Man erahnt sofort die fermentierten süßen Trauben, dazu eine klare Muskat-Typizität, die hier fast in Moschus übergeht, ist präsent und definiert den Brand. Kopfnoten von Bergamotte und Grapefruit sind erkennbar, und ein Hauch Menthol unterstützt diese Frische. Ich rieche aber auch eine grüne Komponente, Geranie und Blattstengel, fast ein Hauch von Agave. Lässt man den Brand atmen, entsteht auch eine dunkle, aromatische Würze, die an Süßholz und Sandelholz erinnert, dazu Muskatnuss. All das zeigt, dass der Yokich mit einer ansprechenden Komplexität ausgestattet ist, die sich aber nicht auffächert, sondern die Rebsortenbesonderheiten in unterschiedlichen Aspekten präsentiert. Sehr elegant, sehr leicht, parfümiert.

Yokich Singani Glas

Die Textur ist sehr mild, sehr weich, fast schon zart, mit einem luftigen und eleganten Körper, 34% Alkoholgehalt machen dies möglich, fallen aber nicht durch Mangeleffekte auf: Durch die intensive, natürliche Fruchtsüße erscheint der Yokich eben nicht flüchtig und wässrig, sondern sogar durchaus dicht und wenn auch nicht voluminös, so zumindest breit. Die Trauben- und Muskataromen präsentieren sich noch intensiver als in der Nase, im Verlauf kommt vorsichtige Würze auf, ein Hauch von schwarzem Pfeffer lässt die Zunge kribbeln, der Brand bleibt aber eckenlos und samtig bis zum Schluss. Ein herrliches Mundgefühl, das den Alkohol perfekt einbindet, führt langsam zum Finish, in dem noch einmal die Muskatnuss aufblitzt, dazu eine ganz dezent herbe Bittere als Unterlage für die langblühende Floralität entsteht. Der Nachhall ist ebenso lang, sehr floral und dabei mit einer schlanken Agavengrüne versehen.

Wenn es je ein Destillat gab, das den Bezeichner „elegant“ verdient, dann ist das der Yokich Singani. Ein schlanker Brand, edel mit leichten aber effektiven Aromen ausgestattet, handwerklich makellos gemacht und dazu mit genau dem Ausmaß an Exotik versehen, um ihn über viele Konkurrenten hinauszuheben. Die Auszeichnung als „Entdeckung“ bei Spirits Selection by CMB 2025 und die gewonnene Großgoldmedaille kann ich voll nachvollziehen.


Eine Ähnlichkeit zu Pisco ist natürlich nicht zu verneinen, da muss man nichts rumdeuteln. Darum habe ich auch ein Rezept für einen Cocktail ausgewählt, das eigentlich gerne Pisco hätte. Vielleicht kommt einem Jamaica-Rum als Mitspieler sehr hart vor, doch tatsächlich spielen der zarte Singani und der wilde Rum richtig gut miteinander im Eternal Mystery Blossom. Ein süffiger Cocktail, der das Beste aus beiden herausholt.

Eternal Mystery Blossom Cocktail

Eternal Mystery Blossom
1oz / 30ml Pisco/Singani
1oz / 30ml ungereifter Jamaica-Overproof-Rum
¼oz / 7ml Yuzu-Likör
½oz / 15ml Mangopüree
½oz / 15ml Limettensaft
Auf Eis blenden. Mit frisch geriebener Limettenzeste überstreuen.

[Rezept nach Shannon Mustipher]


Yokich Singani Papierumwicklung

Man hält sich in der Produktpräsentation sehr zurück – die Flasche ist standardisiert, das Etikett zeigt eine Karikatur eines Lamas vor Berghintergrund, die mir gefällt, weil sie einen leisen Humor miteinbringt, ohne ins Flache zu verfallen. Es ist für den deutschen Markt sogar mit deutschen Texten versehen, etwas, das man nicht oft bei derartig seltenen Produkten antrifft, der Importeur macht sich offensichtlich Gedanken und investiert mit. Bei der Lieferung war meine Flasche dazu noch mit einer Seidenpapier-Hülle umwickelt.

Bolivien ist eines meiner (zugegebenermaßen vielen) Bucket-List-Reiseziele. Den Winzer kann man besuchen, vielleicht ergibt es sich irgendwann mal, dass ich dorthin komme und probieren kann, wie sich Singani so auf zweieinhalbtausend Metern trinkt. In Österreich habe ich oft erlebt, dass Brände in ihrer Heimat anders schmecken als hier im flachen Deutschland – es wäre ein tolles Experiment.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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