Die Entdeckungsreise durch Armagnac geht weiter. Nach vielen neuen Abenteuern kommen wir heute mal wieder zu einem Bekannten zurück, denn über einen Brand aus dem Hause Castarède hatte ich ja schonmal berichtet. Beim dort beschriebenen XO handelte es sich um einen Blend, mit dem Grape of the Art Castarède 1986 Armagnac stelle ich im Gegensatz dazu einen Single-Cask-Jahrgangsarmagnac vor; dies bildet die beiden Extreme der Herstellung gut ab. In der Region Armagnac Ténarèze wachsen die Trauben der Rebsorten Ugni Blanc und Colombard, die 1986 eingesetzt wurden, um ein Destillat zu brennen, das dann 36 Jahre in Fass #B10 lag, bis es im Februar 2024 in Cask Strength mit 53,4% Alkoholgehalt in 246 Flaschen abgefüllt wurde, und nun als Sample für meine Leser verkostet wird.
Archetypisch ist jedenfalls schonmal die Farbe, das ganz klassische orange-terracotta-bernstein-Gemisch. Im Glas schwenkt sich der Armagnac lebendig und fröhlich, es bleibt ein durchgängiger Film an der Glaswand, der ein breiten Flächen abläuft und sich erst spät in Beinchen aufspaltet.
Sehr angenehm und breit entwickelt sich die Nase des Castarède 1986, auch hier nichts Überraschendes, nicht, dass ich das wollte; manchmal ist es ein größerer Genuss, etwas Bekanntes wiederzufinden, als immer neue Eindrücke verarbeiten zu müssen. Rosinige Fruchtigkeit, süß und schwer, verbunden mit dem milden, eleganten Holz einer zum idealen Zeitpunkt unterbrochenen Fassreifung. Dezente Anflüge von Zimt und Sternanis, ein Hauch Piment. Nicht wahnsinnig komplex, aber effektiv, rund, sauber strukturiert und einfach nur fein schnupperbar.
Und auch im Mund setzt sich diese Reise fort, der Antrunk ist natürlich süß, leicht melassig und rosinig, zu diesem Zeitpunkt noch leichtkörperig, aber bereits hier mit dichter Textur versehen, die sich am Gaumen schnell ausbreitet und ihn fett belegt. Vanille, Karamell, Toffee, ein rundes und klassisches Geschmacksbild, das im Verlauf strukturell immer trockener und feuriger wird und so die Volte aus der Gemütlichkeit macht. Der Abgang ist heiß, sehr würzig, nun deutlicher holzig, mit einem leicht blumigen Nachhall, bei dem sich leichte Astringenz zeigt.
Ich habe das Wort „klassisch“ oft verwendet in diesem Artikel, und das ist der Castarède 1986 einfach. Für mich wäre dieser Brand die Definition eines Armagnacs, ein Beispiel für die Kategorie, etwas, das man als Lehrbeispiel bei einer Spirituosenschulung präsentieren kann.
Offenlegung: Ich danke Wet Drams für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.
