Haiti kommt aus den schlechten Nachrichten selten heraus. Naturkatastrophen wechseln sich mit politischen Hiobsbotschaften ab, die Kriminalität ist hoch, die Lebensstandards niedrig, da muss man als mitfühlender Mensch immer die Zähne zusammenbeißen, um nicht in das allgegenwärtige Lamento einzustimmen. Denn so komplett möchte ich das Land nicht abschreiben, es gehört zu meinen Sehnsuchtsreisezielen, das ich unbedingt sehen und erleben will – die Wahrscheinlichkeit dafür ist niedriger als bei vielen anderen derartigen Wünschen, aber, wie gesagt, ich werde Haiti nicht aufgeben und wünsche dem Land nur das Beste. Woher kommt dieser Wunsch? Zum Großteil ist dafür natürlich Luca Gargano verantwortlich, der mir mit seinen Reiseerzählungen den Floh ins Ohr gesetzt hat. Und natürlich der überraschende, unerwartete und so positive Aufstieg, den die haitianische Nationalspirituose, der Clairin, gemacht hat.
Ich habe schon viel über Clairin berichtet, heute geht es zumindest indirekt weiter, denn mit dem Vieux Sajous Aged 4 Years VSGB erzähle ich etwas über einen Rum, der aus einer traditionellen Clairin-Brennerei kommt. Die Entscheidung, diesen Brand als Rum zu deklarieren und nicht als Clairin, kommt vielleicht daher, dass Clairin in seiner Essenz ungereift (oder zumindest nur ansatzweise gereift) ist, und durch eine lange Fassreifung eher der Rumcharakter betont wird. Jedenfalls wird er aus der alten, indigenen Zuckerrohrsort Cristalline hergestellt, die Brenner Michel Sajous auf einem Feld in der Nähe seiner Brennerei nördlich von Port-au-Prince anbaut. Für den Vieux Sajous wird dieser dann mit wilden Hefen fermentiert, und die hier vorliegende „zweite Auflage“ wurde 2017 gebrannt, lagerte dann komplett im tropischen Klima Haitis und wurde 2021 abgefüllt, natürlich in Fassstärke mit 56,3% Alkoholgehalt. Es handelt sich um einen Blend aus 12 Fässern, die vorher Rum und Single Malt Whisky enthielten.
Zwischen Bernstein und Sonnenblumengelb würde ich die Farbe des Vieux Sajous verorten, sehr hübsch anzuschauen und eine ehrliche Farbe für 4 Jahre in gebrauchten Fässern. Sehr deutlich sieht man die Viskosität beim Schwenken, an der Glaswand bilden sich dabei fette Beinchen, die ausdauernd dort haften.
Ich hatte in den letzten Monaten viele Brände, die eine laktische Seite aufweisen, und gewöhne mich so ein bisschen daran – der Vieux Sajous hat jedenfalls eine, ohne Frage. Leicht milchig, nicht unbedingt käsig. Schnell aufgefangen wird sie durch eine schwere, dunkle Fruchtsüße, ganz ausgeprägt reifer Pfirsich und matschige Feige, vielleicht ein paar gelbe Rosinen dazu. Die Holzreifung glättet die Aromen, nimmt die für die Herkunftsregion oft übliche esterige Spitzigkeit aus dem Destillat und ersetzt sie durch weiche aber nicht kantige Holzeindrücke, ein Tick Vanille dazu. Die Typizität bleibt dennoch erhalten, die reinen, frischen Zuckerrohrsaftaromen sind weiterhin klar erriechbar und dominieren trotz allen anderen Aspekten den Brand.
Auch im Mund spürt man sofort diese Typizität für Haiti, da hat die Holzreifung deutlich weniger Einfluss gehabt als in der Nase. Für ein paar Sekunden hat man im Antrunk das runde Mundgefühl mit der Süße, das man nach der Geruchsprobe erwartet hat, schnell aber dreht sich das ins Trockene, Herbe, Bittere, alles auf eine sehr angenehme Weise natürlich. Eine frische Säure hellt das Destillat auf, die pikante aber nicht scharfe Würze lässt den Mundraum und später den Rachen brummen. Im Zwischenspiel ist das Zuckerrohr voll da, sehr spürbar aber doch weniger esterig als erwartet, eine sehr gelungene Balance wird da gefunden. Holz übernimmt dann im späten Verlauf, nur leicht getoastet, mit dem Whisky-Einfluss nur in Ansätzen schmeckbar. Der Abgang ist lang, würzig, aromatisch voll und effektvoll, mit einem Hauch von Jasmin im Nachhall, das sich mit grünem Holz verbindet.
Der Vieux Sajous ist wirklich gut gelungen, ich finde, die Holzreifung holt hier das Beste aus dem Zuckerrohrsaftbrand heraus, ohne die wichtigen Eigenschaften zu überdecken oder wegzukapseln. Handwerklich hervorragend gemacht, vorsichtig komplex, dabei unterhaltsam und immer noch ein bisschen frech. Supersüffig zu trinken, ohne dabei willkürlich zu werden!
Das Rezept für den New York Chocolate Rum Sour habe ich in der Weihnachtsausgabe des Magazins Fizzz gefunden und minimalst adaptiert, weil ich den schokoladenaromatisierten Süßwein nicht zuhause habe, der statt Rotwein und Schokoladendestillat eingesetzt wurde. Es funktioniert auch so sehr gut, und der herbsüße, kräftige Rum aus Haiti passt hier bestens in das Ensemble. Auch wenn Weihnachten nun vorbei ist, im kalten Januar macht so ein Drink weiterhin viel Spaß.
New York Chocolate Rum Sour
1⅔oz / 50ml gereifter Rum
1oz / 30ml Zitronensaft
⅔oz / 20ml Zuckersirup
½oz / 15ml Rotwein
¼oz / 5ml Schokoladendestillat
1 Eiweiß
Auf Eis shaken. Auf frisches Eis abseihen.
Mit geriebener Schokolade und Zitronenzeste dekorieren.
[Rezept nach unbekannt]
Was gibt es über die VSGB-Reihe noch zu sagen, was ich nicht schon ein Dutzendmal erzählt habe? Die Liebe, die in diese Reihe geht, ist einfach einmalig, ein wirklich besonderes Projekt von Rumliebhabern für Rumliebhaber. Da passt halt einfach alles, und ich freue mich auf jedes neue Fläschchen.


Ich habe nun diverse gereifte Clairins probiert, und muss sagen, für mich persönlich funktioniert das ausgesprochen gut. Die Fassreifung des Vieux Sajous macht aus einem, seien wir mal ehrlich, nicht unkomplizierten und durchaus kantigen Rohstoff ein wirklich süffiges Teil, das Kompliziertheit mit Komplexität tauscht, und dabei weiterhin seine Wurzeln bewahrt und das Terroir erhält. Und so bin ich gespannt, was noch stärker gereifte Clairins und Rums aus Haiti uns in Zukunft bringen mögen!


