1000 mal Schlimmerdurst – Fies Momentum Kirschbrand 1726 10 Jahre

Fies Momentum Kirschbrand 1726 10 Jahre Titel

10 Jahre sind eine lange Zeit. Vor rund 10 Jahren habe ich diesen Blog hier gestartet, ohne Ambitionen zu haben, ihn so lange zu betreiben; darum ist auch der Name, „schlimmerdurst.net“, so hemdsärmelig, rein in deutscher Sprache und wenig auf große Reichweite getrimmt, komplett anders halt, wie man das heute machen würde. Dies hier ist – Trommelwirbel – der 1000. Artikel auf meinem Blog, eine Zahl, die mich stolz macht, die mir aber auch etwas Sorgen macht, denn nach 1000 Buchbesprechungen auf goodreads.com habe ich dort den Stift fallen lassen und mich anderen Themen als Büchern zugewendet, dem Schnaps eben. Ich habe tatsächlich vor, ab demnächst etwas kürzer zu treten, was die Frequenz an Erscheinungen hier betrifft, dieser Artikel ist damit schon eine gewisse Zäsur – aber nur, was die Quantität angeht, bei der Qualität will ich dabei bleiben und gewissenhaft verfasste Tasting Notes für die Freunde des guten Genusses veröffentlichen. Weitere 200 Spirituosen- und Bierartikel sind in rudimentärstem Planungszustand noch vorhanden, ich habe aber die Vorstellung aufgegeben, alle mal zu veröffentlichen, es kommen ja weiterhin neue Produkte dazu.

Zum Jubiläum habe ich mir aus diesem großen Backlog einen Brand ausgesucht, der ebenfalls 10 Jahre auf dem Buckel hat. Der Fies Momentum Kirschbrand 1726 10 Jahre war einer der inzwischen selten gewordenen Spontankäufe in einem Getränkemarkt, 2023 war das, denke ich. Natürlich hat erstmal die Präsentation (dazu am Ende mehr) dafür gesorgt, dass man zugreifen will, aber auch die Erläuterung des Inhalts. Im Schwarzwald gebrannt, zehn Jahre erst in Steingut gelagert und dann in Kastanienholzfässern gefinisht, wohl weitere zwei Jahre, die aber seltsamerweise dann nicht in der Altersangabe auftauchen. Ach, diese Details, die mich dann immer quälen, obwohl ich doch lieber einfach den Brand trinken sollte – ich versuche, das in Zukunft ein bisschen entspannter anzugehen. Jetzt aber erstmal den Kirschbrand ins Glas!

Fies Momentum Kirschbrand 1726 10 Jahre

Kräftig, brilliant, und mit einer durchgehenden Kupferfarbe versehen gießt sich der Fies Kirschbrand ein, tolle orangefarbene Lichtreflexe in zwei Abstufungen sind im Glas zu sehen. Schwenkt man ihn darin, sieht man eine richtig ölige Struktur, schwer schwappt es, dicke Beine bilden sich, die noch zur optischen, ansprechenden Art beitragen.

Ähnlich wuchtig kommt auch die Nase an, ein volles Kirscharoma springt aus dem Glas. Ich imaginiere dazu so richtig dicke, pralle, eher schon schwarze als rote Kirschen, die beim Reinbeißen knacken. Ein Touch von dem Sirup, in dem Amarena-Kirschen eingelegt sind, kommt dazu, und eine assoziativ völlig losgelöste, aber perfekt integrierte Fleischigkeit, die schwer zu greifen oder beschreiben ist. Ein Hauch Lack, nur wirklich ein Hauch, der Alkoholgehalt von 50% ist nie wirklich spürbar, fügt die Komplexität dazu, zusammen mit einer tiefdunklen, bitterschokoladig-reinkakaoigen Erdigkeit. Ja, noch ein Anflug von Holz rundet das ganze ab, ein Brand, an dem ich wirklich gerne schnuppere.

Fies Momentum Kirschbrand 1726 10 Jahre Glas

Diese wunderbare gesichtete Öligkeit definiert auch erstmal den Antrunk, das fließt wie geschmolzene Butter über die Zunge, rund, breit, tief, in jeder Dimension ist da Volumen da. Süße und Bittere sind aufs edelste abgestimmt, die konkurrieren nicht, sondern ergänzen einander. Im Verlauf bilden sich die Kirscharomen heraus, nun doch eher kräftig und würzig, mit immer noch vorhandenem schwerem Fruchtfleisch und Sirup. Ein paar Momente zwischendurch wird es feurig, nur kurz aber, alles wird von der grandiosen Textur aufgesogen und rund gemacht. Gegen Ende kommen Zimt, Piment und Chili hervor, mit ein paar ganz milden Holznoten, all das bringt den Gaumen und die Zunge zum Brummen, bevor der Fies Momentum dann erst mit Kaffeearomen ganz hinten im Rachen und blumigen, leicht grünen sogar, im Zentrum ausklingt und ein wunderbares Mundgefühl und ein zartes Aromenklingen hinterlässt.

Wer das Vorurteil hatte, dass so eine üppige Verpackung nur dazu dienen könne, Mängel zu überschreiben, liegt falsch – das ist wirklich ein extrem schmackhafter, handwerklich toll gemachter gereifter Kirschbrand, bei dem jedes Detail einfach stimmt und sich herrlich zusammenfügt. Ich hätte mir keinen besseren Brand für mein 10jähriges aussuchen können.


Wenn man schon in nostalgischer Stimmung ist aus gegebenem Anlass, kann man sich auch eine alte Rezeptur zusammenmischen. Der Eider Duck wurde 1937 erstmals in einem Cocktailbuch erwähnt, das ist für mich Historie genug; mit einem gereiften Kirschbrand, wie dem von Fies, ensteht noch etwas mehr Tiefe als mit einem ungereiften. Er ist jedenfalls, mit seinen gleichwertig eingesetzten Zutaten, leicht zuhause zu machen, etwas, was ich mehr und mehr schätzen gelernt habe über die Zeit – aus dem Alter, in dem ich an einem Cocktail eine halbe Stunde gerührt und gemixt habe, bin ich nun doch raus.

Eider Duck Cocktail

Eider Duck
¾oz / 25ml Kirsch Eau-de-Vie
¾oz / 25ml Cognac
¾oz / 25ml Grand Marnier
¾oz / 25ml Zitronensaft
Auf Eis shaken.

[Rezept nach C.A. Gadina via William James Tarling]


Wie es bei Spontankäufen halt so ist, war die Präsentation natürlich ein sehr gewichtiger Faktor, bei diesem Produkt mehr noch als bei den meisten anderen. Die Flasche ist schwer, sehr aufwändig gemacht mit vielen Facetten im Glas. Dazu kommt ein schwerer Stöpsel aus mehreren Materialien und beeindruckender Kupfermedaille oben drauf. Der Geschenkkarton ist offen und präsentiert die Flasche, ist selbst aber auch hübsch gemacht mit hochwertigen Materialien und goldfarbenem Druck. Und zu guter letzt findet man noch ein schönes Zertifikat, das ein paar handeingetragene Details zur Abfüllung enthält. Toll, und dem Inhalt der Flasche auch angemessen.

Alles in allem ein Ding, das rund in allem ist und sein Geld locker wert. Natürlich war die Flasche bereits im Familienkreis bei der üblichen Verkostung, und kam gut an, man muss also kein Profi sein, um den Fies Momentum 1726 genießen zu können. Die Flasche wird sicher nicht bis zum nächsten Jubiläum meines Blogs halten, ich denke, ich mache die jetzt zeitnah leer, um mein großes Ziel, die Anzahl der Flaschen in meiner Heimbar zu halbieren, auch irgendwie erreichen zu können. Klein aber fein, das ist meine Ambition, und nach 10 Jahren kann ich, glaube ich, inzwischen besser einschätzen, was bleiben darf und was schnell weg muss, als damals, 2015. Ein Weg, der sich gelohnt hat, zu gehen, auch wenn er steinig war zwischendurch; dieser Blog hat mein Leben bereichert, in vielerlei Hinsicht. Mal schauen, was die Zukunft bringt.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

2 Kommentare zu „1000 mal Schlimmerdurst – Fies Momentum Kirschbrand 1726 10 Jahre

  1. Als ein treuer Leser der fast ersten Stunde, garnicht so weit weg in der idyllischen Eifel, gratuliere ich nicht nur aus vollem Herzen, sondern sage auch stellvertretend für die stummen Mitleser von Herzen Danke für zehn Jahre Genuss (sowohl sprachlich, optisch – vor allem aber für den durch Dein Gesamtprodukt stets erzielten, lebhaften Eindruck), gewecktes Interesse für selbst dem geneigten Laien eher unbekannte Spirituosen wie Baijiu, Mezqual, Aguardiente… sowie unzählige Fernreisen im Geiste in die durch Dich greifbar gewordenen Regionalitäten, die mindestens ebenso sehr wie der pure Geschmack das Faszinosum Spirituose ausmachen!

    Á la vôtre santée!

    1. Vielen Dank für diese schmeichelhaften Worte! Ich nehme das als Ansporn, weiter zu schreiben, und freue mich sehr, dass ich Leser wie Dich habe.
      Grüße aus Saarbrücken in die Eifel!

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