Bei Tequila muss man sich an eine Besonderheit gewöhnen, die man bei anderen Spirituosen nicht so oft sieht. Die Zuordnung von „Marke“ zu „Brennerei“ ist sehr oft nicht 1:1, es gibt viele Destillerien für Tequila in Mexiko, die im Kundenauftrag diverse Marken herstellen, die nichts miteinander zu tun haben. Ein Beispiel dafür ist die Hacienda de Oro in Amatitán, Jalisco (NOM 1522), eine Brennerei, bei der schon mehrere Dutzend Brands hergestellt wurden und weiterhin werden – die sechste Generation der Familienbesitzer spielt schon auf den Fässern im Fasslager. Entsprechend groß ist das Equipment, das dort vor Ort genutzt werden kann; es gibt unterschiedliche Sets an Extraktions-, Koch- und Destillationsapparaten, die der Kunde kombinieren kann für sein Wunschprofil bei einer Marke.
Mayaciel Tequila wird bei der Hacienda de Oro hergestellt, und man hat sich für folgende Kombination entschieden: Hochdruck-Autoklave zum Kochen der Agavenherzen, eine Rollmühle zur Extraktion des Safts aus den Fibern, offene Edelstahltanks zur Fermentation mit wilden Hefen, sowie zum Schluss eine Edelstahlpotstill zur Destillation. Eine eher moderne Auswahl also, die aber definitiv noch nicht als industrialisiert zu bezeichnen wäre. Daraus entsteht ein Blanco, ich habe Batch LMYC03/4761, abgefüllt am 19.07.2021, zuhause. In Ex-Rum-Fässern reift man den Reposado (unterjährig, wie es sich für einen Reposado gehört). Davon steht bei mir gerade Batch LMYC04/0012, abgefüllt am 12.09.2022, vor mir, beide sind nun bereit für die Verkostung.
Beginnen wir mit dem Mayaciel Tequila Blanco. Klar und transparent, ohne jeden Fehler. Beim Drehen des Glases erkennt man sofort eine ordentliche Schwere, die sich auch als Beinartefakte auf die Glaswand legt. Die Flüssigkeit geht schnell wieder in den Ruhezustand über.
Eine würzige Agavennote initiiert die erste Geruchsprobe, begleitet von deutlich ausgeprägter Vanille. Ein Tick Apfelessig liegt im Untergrund, steuert etwas Frucht bei. Niemals zwickt etwas, sogar bei sehr tiefem Schnuppern, bei jenem findet man noch eine schöne, dezente Floralität. Ein bisschen grün wirkt das Gesamtbild, wie es sein soll, mit einem Hauch Mineralität aus Algen.



Schwer und voll, die Textur weiß schon im Antrunk zu überzeugen. Da ist auch noch eine effektive Süße, die aber sehr schnell im Verlauf durch pikante Würze, viel Mineralität und grüne Herbalität im oberen Register ersetzt wird. Kakaonoten bilden dagegen ein dunkles Tiefenregister, zusammen mit etwas schokolierten Rosinen und Datteln. Der Abgang wird trocken, ein bisschen scharf im Rachen, und hinterlässt ein freches Glühen auf der Zunge und ein erkennbares Kratzen im Hals; aromatisch ist er leider sehr kurz.
Ein sauber gemachter Tequila, ohne Frage, mit viel Kraft; irgendwie fehlt es mir aber an der Eleganz eines Spitzenklasseblancos, und vor allem an Länge, hier ist man ein bisschen schnell fertig, und im Nachgang zeigt er sich dazu etwas kantig.
Nun zum Mayaciel Tequila Reposado. Eine helle Maisfarbe hat die Ruhezeit in Ex-Rum-Fässern erzeugt, die Schwere des Basisdestillats ist dabei erhalten geblieben. Das schwenkt sich hübsch und ansprechend, weiße Lichtreflexe enstehen.
Der Blanco hatte schon von sich aus etwas Vanille, beim Reposado ist das noch viel deutlicher, auf eine immer noch angenehme und natürliche Art und Weise. Zimt kommt dazu, ganz vorsichtige Holztöne, dafür deutlich Erdnuss. Dieser Tequila springt einen immer noch nicht an, man muss schon aktiv schnuppern, aber dafür zeigt er eine feine Art, zurückhaltend und dennoch aromatisch.



Die Erdnuss taucht auch im Mund als erstes auf, zusammen mit einer vanilligen, süßen Seite, vielleicht etwas Toffee, oder Shortbread. Im Verlauf kommt ordentlich Säure auf, die die Süße kontert, und in die pikante, würzige und trockene zweite Halbzeit überleitet. Hier findet man die Agave, gut eingebettet in die holzigen Aspekte, und im Nachhall gewinnt sie sogar noch und lässt eine wirklich schön mineralische, vegetabile und ausgeprägte Agave am Gaumen zurück.
Ich bin normalerweise ein großer Blanco-Fan, bei diesen beiden Tequilas von Mayaciel gebe ich aber ganz klar dem Reposado den Vorzug; er wirkt elegant aber kräftig, aromatisch aber nicht überwältigend, mit wunderbarem Ausklang. Eine sehr gelungene Fassreifung, die das Basisdestillat noch aufwertet, das muss man sagen!
Es ist jetzt ja immer noch Winter, und da darf man weiterhin winterliche Cocktails trinken, wenn man etwas mit Tequila im Glas haben möchte. Der Jack Frost ist aber so unterhaltsam, sowohl in seinem optischen als auch geschmacklichen Eindruck, dass er etwas ist, was man auch im Hochsommer servieren kann. Man muss dann ja kein Schneemann-Glas verwenden, der Drink bringts auch in einem Tiki-Becher, da bin ich mir sicher, und der Blanco von Mayaciel hat die Kraft, sich auch gegen die anderen Zutaten nicht unterbuttern zu lassen.
Jack Frost
1½oz / 45ml Tequila blanco
⅔oz / 20ml Blue Curaçao
⅔oz / 20ml Kokosnusssirup
⅔oz / 20ml Limettensaft
Auf Eis shaken. Auf pebbled ice servieren.
[Rezept nach speakeasieruk]
Die Flaschen sind die gleichen für alle drei Sorten, die Mayaciel im Moment anbietet, und die liegen gut in der Hand. Mir gefällt das Design sehr, es wirkt modern, hat aber Stil, und die ausgewählten Etikettenfarben greifen sehr hübsch die Reifungsart des Inhalts auf.
Drei Sorten? Ja, den dritten im Bunde, den Mayaciel Rosa, hatte ich ja schon vor einiger Zeit besprochen. Für mich persönlich ist dieser Rosa der Gewinner des Terzetts, er spielt die Fassreifung am besten aus, und ist der spannendste; von den beiden hier vorgestellten würde ich dem geneigten Genießer den Reposado ans Herz legen wollen. Das Set zeigt aber insgesamt, wie unterschiedlich sich Tequila in unterschiedlichen Reifungsstufen und -arten entwickeln kann, so etwas ist immer spannend zu beobachten.
Offenlegung: Ich danke Mayaciel für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser Tequilas.


