Mein Erstkontakt mit dem heute vorgestellten Produkt ist wieder einmal sehr anekdotenbehaftet, etwas, was mir eine Spirituose ja immer nahe ans Herz legt. Wir waren als Juroren eingeladen, bei Spirits Selection by CMB 2022, das auf der Karibikinsel Guadeloupe stattfand, an einem lauen Abend im Freien den ersten Tag der Verkostungen hinter uns zu lassen. Dazu war geplant, ein bisschen Fingerfood zu servieren – aber irgendwie war den Organisatoren an dem Abend nicht klar gewesen, dass da eine Meute von 120 hungrigen, leicht angeheiterten Spirituosenfreunden auf das kleine Buffet zustürmen und es innerhalb von Minuten leerräumen würden. Keine guten Anzeichen, mag man denken, doch einer der Organisatoren war sehr pragmatisch und lief los, um uns von der lokalen Niederlassung der Fastfoodkette KFC ein paar Buckets voll mit fritierten Hühnchenteilen zu bringen. Zack, der Abend war gerettet, und zum folgenden fettigen Hühnermassaker passte der ebenso großzügig ausgeschenkte Rum der Insel natürlich bestens.
Einer dieser Rums, die ich dort zum erstenmal serviert bekam, war dann eben der Darboussier Rhum Vieux 6 Ans. Er ist dahingehend etwas ungewöhnliches, da es sich nicht um den sonst auf der Insel produzierten Rhum Agricole aus Zuckerrohrsaft handelt, sondern um einen Rhum Traditionnel, der aus Melasse hergestellt wird. Ja, das gibt es auf den französischen Antillen natürlich weiterhin, auch wenn ihr Saftrum natürlich gefühlt (nur gefühlt!) den Löwenanteil in der Herstellung einnimmt. Man nennt diese Art Rum manchmal auch Rhum Industriel, nicht etwa, weil er industrieller hergestellt wird als der „landwirtschaftliche“ Rum, sondern weil er mit Nebenprodukten der Zuckerindustrie, Melasse eben, entsteht – wie rund 95% der Weltrumproduktion. Ein bisschen verrückt, dass diese Art Rum auf den Inseln heutzutage die Ausnahme ist, das kehrt das Verhältnis einfach um. Auch sensorisch muss man sich darauf vorbereiten, dass so ein Rhum Traditionnel von Guadeloupe sehr anders schmeckt als die meisten anderen Rums, die man von dort kennt – um so spannender ist es natürlich, so eine Flasche zu öffnen.
Die Farbe ist herbstbraun, mit einem leichten Touch ins Orange, insbesondere im Gegenlicht. Dabei kann man dann auch die schönen, fetten Beine betrachten, wie sich nach dem Schwenken bilden und dann langsam ablaufen. Insgesamt wirkt die Spirituose dick und schwer.
Der Geruch ist typisch für diesen Stil – schwer, dunkelfruchtig mit viel Anklang an Erdbeere, Kirsche und Pflaume. Man erkennt weiterhin das Zuckerrohr heraus, bei Rhum Traditionnel für mich jedenfalls immer mehr als bei den meisten anderen Melasserums, und der Darboussier macht da keine Ausnahme. Die expressive, fast schon marmeladige Frucht wird unterstützt von einem Hauch von Grasigkeit, die weiterhin an Saftrum erinnert, ganz gibt man seine Provenance dann doch nicht auf. Eine gewisse Frische, nicht ganz minzig, aber zumindest vielleicht mentholig, klärt die Schwere der Aromatik etwas auf.
Die Textur ist, wie schon vom optischen Betrachten her erwartet, durchaus viskos, wenn auch hier dann nicht wirklich fett. Sie legt sich dennoch schön breit auf den Gaumen, man kann das Ausbreiten nachfühlen. Eine initiale, sehr angenehme und vollkommen natürlich wirkende Süße startet den Antrunk, direkt hat man Assoziationen von Waldhonig, Ahornsirup und mildem Karamell. Vanille zeigt sich im Verbund mit der reifen Pflaume, Zimt zusammen mit reifen Feigen, und Datteln und vielleicht sogar Rosinen bilden den Untergrund, auf dem der Rest aufbaut. Im Verlauf kommt ordentlich Würze zustande, schwarzpfeffrig kribbelt das am Gaumen und auf der Zunge, und ein warmes Brummen entsteht im Rachen, das dann bis zu den Zähnen vorwärtsglüht, ohne dabei unangenehm zu brennen. Der Abgang ist sehr süß und fruchtig, erinnert mich hier nun eher schon an einen Likör, doch leichte Astringenz entsteht an der Innenseite der Backen. Der Nachhall ist lang und herb, deutlich klingt das Zuckerrohr nach.
Ich mag diese Art Rum einfach, das trinkt sich angenehm, mit viel Charakter und dabei schmeichelnden Aromen. Rhum Traditionnel fühlt sich für mich wie ein Grenzgänger an, er unterscheidet sich sowohl vom klassischen Melasserum, wie aber auch vom Saftrum, bietet aber interessante Aspekte aus beiden Kategorien, ohne einen wirklichen Mangel aufzunehmen. Der Darboussier Vieux hat dazu deutlich mehr Persönlichkeit und Erfahrung als zum Beispiel der Negrita, den ich vor einiger Zeit hier besprochen hatte.
Natürlich muss man für diese Art Rum eine andere Cocktailrichtung einschlagen als für einen Saftrum, das ist klar. Aber auch der klassische Melasserumcocktail ist vielleicht nicht der perfekte Einsatzzweck, außer, man will seinem wohlbekannten Lieblingsrumdrink einen neuen Twist geben. Im Kaiteur Swizzle jedenfalls schmeckt mir der Darboussier Vieux ganz hervorragend, mit seinem eigenen Charakter macht er außerdem den Drink noch besonderer, als er eh schon ist.
Kaiteur Swizzle
2oz / 60ml gereifter Rum
½oz / 15ml Falernum
¾oz / 23ml Limettensaft
½oz / 15ml Ahornsirup
2 Spritzer Angostura
Auf crushed ice swizzeln.
[Rezept nach Martin Cate]
Die Flasche selbst ist unauffällig, eine einfache Form, mit silberschwarzen Etiketten, die sowohl auf Kitsch als auch auf Charme verzichten. Man muss ja nicht immer exotisch an das Thema herangehen.
Die Flasche hatte ich bei diesem in der Einleitung geschilderten besonderen Abend mitgenommen, ebenso wie den kleinen Schwenker mit dem Markenlogo darauf. Ich bedanke mich im Nachhinein dafür, aber nachdem ich einen Schluck des Darboussier probiert hatte, wusste ich sofort, dass ich das mitnehmen und einen Artikel hier auf meinem Blog darüber schreiben will. Was hiermit geschehen ist. Ich hoffe, ich kann den einen oder anderen Rumfreund davon überzeugen, dass es sich durchaus lohnt, so eine ungewöhnliche Spirituose zu probieren – damit wäre meine Schuld für die kostenlose Flasche beglichen, denke ich, also ran an Buddel!


