Es ist schon eine Weile her, dass Duty Free an Flughäfen das Versprechen für besondere, exklusive Produkte zu guten Preisen war, darüber habe ich mich ja schon bei anderen Artikeln hier auf meinem Blog etwas ausgelassen. Irgendwie ist es aber dennoch etwas angenehmes, durch so einen Shop zu streifen und zu schauen, was da so rumsteht an Spirituosen. Und bei einem meiner Flüge hatte ich dann tatsächlich etwas gefunden, was damals recht exklusiv war und nicht so selbstverständlich zu bekommen wie heute – Campari Cask Tales stand da und lächelte mich an, in der großen, pompös gestalteten Literflasche und dem in Holzimitat gestaltetem Präsentkarton. Mir als großem Camparifreund war das kein Angebot, sondern ein klarer Kaufbefehl aus dem Herzen, bei dem ich nicht zweimal nachdachte.
Was ist das besondere an Campari Cask Tales im Vergleich zum doch deutlich günstiger erhältlichen Standardprodukt? Man nimmt dafür eben diesen klassischen Campari und reift ihn noch eine gewisse Zeit in Ex-Bourbon-Fässern (es war wohl Wild Turkey, der zuvor in den Fässern lag). Eigentlich eine verständliche Sache, und es gibt diverse Liköre, die schon immer fassgereift werden, wie das Elixir d’Anvers, also ist die Idee nicht so dramatisch ungewöhnlich, wie sie zunächst klingen mag. Der Alkoholgehalt ist gleich geblieben, die 25% sind in Deutschland Standard. Für mich ist die Kombination Bourbon-Campari darüber hinaus auch eine ganz selbstverständliche, der Boulevardier ist einer meiner absoluten Lieblingsdrinks, wer ihn nicht kennt, sollte diese Lücke im Lebenslauf schnellstmöglich füllen. Vielleicht sogar mit einer Unze des Cask Tales? Nun, schauen wir mal, ob sich der ordentliche Aufpreis lohnt.
Das Rot ist natürlich eine der drastischen Eigenschaften dieses Bitterlikörs. Früher wurde es aus Karmin erzeugt, also Schildläusen; doch schon seit mehr als 15 Jahren ist dies durch einen künstlichen Farbstoff ersetzt, womit der nette Nebeneffekt eintritt, dass man auch als Vegetarier einen Negroni trinken kann, was vor 2006 nicht möglich gewesen wäre. Im Glas verhält der Cask Tales sich so, wie man es von einem Likör mit rund 260g/L Zucker erwartet, viskos und mit einer leicht rosafarbenen Einfärbung der Glaswand, wenn die dicken Schlieren sich bilden.
Ich tue mich schwer, hier den Geruch von Campari zu beschreiben, einfach weil er für mich so archetypisch ist – durch die lange Auseinandersetzung mit diesem Likör ist der Geruch für mich selbst zu einer Duftrichtung geworden, mit der ich andere Dinge beschreibe. Die Kräuterkombination, die eingesetzt wird, lässt schon die Nase vor der Süßbittere erzittern, die nachher den Gaumen erwartet; es wirkt in interessanter Weise gleichzeitig grasig, frisch und hat diese gewisse Kante, die ihn von anderen Amaros absetzt. Sehr angenehm dominiert dabei aber natürlich die Bitterorange mit dieser eckigen Zitrusnote. Leichte Fassreifungseffekte sind bereits erkennbar – ich erzähle dazu später, wenn ich den normalen Campari mit dem Cask Tales direkt vergleiche, mehr.
Zunächst spürt man die schwere Süße, wenn man den Cask Tales trinkt, fast schon überwältigend – hart an der Grenze zur Pappigkeit, so ehrlich muss man sein, aber ohne sie dann wirklich zu überschreiten. Schnell kommt dann aber die heftige Bittere dazu, die mit der orangigen Zestigkeit und einem Anflug von ätherischen Ölen dagegen anspielt. Kräuter bilden die Basis, ich meine etwas Wermutkraut herauszuschmecken. Zusammen wirkt das ganze dann aber aus einem Guss, auch wenn man nicht von einem wirklich abgerundeten Bild sprechen kann – das ist aber auch nicht das Ziel eines solchen Bitterlikörs. Süßliche Vanille ist ganz dezent aus der Fassreifung eingeflossen. Der Abgang ist lang, bitter mit Erinnerungen an Radicchio und Espressobohnen, und belegt Mund, Rachen und Lippen für eine ganze Weile.
Egal, ob man sich für den klassischen Campari oder den Cask Tales entscheidet, das Zeug ist einfach geil und eine der zwei Spirituosen, die in meiner Heimbar nie ausgehen dürfen (die andere ist Chartreuse). Und wenn man die beiden dann zusammenbringt, bin ich im Cocktailnirvana. Vom Love and Murder könnte ich viel schwärmen, doch ich muss berücksichtigen, dass hier zwei Aroma- und Strukturbomben aufeinandertreffen, und die daraus folgende Gaumenexplosion ist dann nichts für zarte Gemüter. Balanciert ist dieser Cocktail ganz sicher nicht, aber schmecken tut er wie himmlischer Nektar.
Love and Murder
1oz / 30ml Campari
1oz / 30ml Chartreuse Verte
1oz / 30ml Limettensaft
¾oz / 23ml Zuckersirup
4 Tropfen Salzlösung
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Nick Bennett]
Im Vergleich sieht man, wenn man genau hinschaut, dass der Cask Tales ein bisschen weniger rot ist, einen orangenen Ton angenommen hat, und dieser haftet dann auch etwas dichter an der Glaswand. Die Fassreifung hat etwas von der harten Kante, die der normale Campari hat, abgerieben, und ein paar Vanilletöne dazugefügt; so wird er in der Nase erkennbar weicher und sanfter, und hat sogar fast einen parfümigen Seitenaspekt bekommen. Das spürt man auch am Gaumen, der Cask Tales wirkt abgerundeter, milder, verliert auch hier etwas von der Strenge, die der ungereifte Likör hat. Das spielt sich alles im kleinen Rahmen ab, man erwarte also keine komplette Charakterveränderung – auch der Cask Tales ist und bleibt ein Campari, mit der typischen Bittere und Aromatik.


Persönlich würde ich sagen, dass sich für Campariliebhaber der Versuch ganz sicher lohnt, insbesondere, wenn man den italienischen Bitter gern pur auf Eis trinkt, oder einfach nur mit Sprudel zu einem Americano aufgießt. Hier zeigen sich die Veränderungen, die eine Fassreifung mit sich bringen, am besten. Wer Campari als Cocktailzutat sieht, muss wahrscheinlich nicht unbedingt den Wechsel vollziehen, außer, man verwendet Campari eh schon nur wiederwillig in Drinks: in dem Fall wäre die minimal weichere Art des Cask Tales vielleicht ein Gewinn. Ja, gewiss, ich kenne auch Menschen, die keinen Campari mögen – aber ich begreife sie nicht.


