Meine Leser sind es ja inzwischen gewohnt, dass ich ein paar kleine Anekdoten zur Einleitung erzähle, oder Details zur Geschichte oder Herstellung der vorgestellten Spirituose. Beim J. Bally Rhum Vieux Agricole 12 Ans d’Âge habe ich versucht, etwas über die Brennerei, in der er hergestellt wird, herauszufinden, und das Ergebnis ist, zugegebenermaßen, etwas verwirrend. Die Marke hat eine wirklich bewegte Geschichte, wie man sie in dieser Form aber öfters bei karibischen Destillerien findet – gerade im späteren 20. Jahrhundert hat sich viel getan, was Besitzerwechsel, Schließungen, Herumbewegen von Destillierapparaten oder Austauschen des Brennorts angeht. Alle Jahreszahlen, die ich hier berichte, sind darüber hinaus mit etwas Vorsicht zu genießen, je nach Seite, auf der man recherchiert, landet man bei unterschiedlichen Zeitstrahlen. Ursprünglich wurde der Rum der Marke J. Bally in der Habitation Lajus in Le Carbet auf der Westseite der Insel gebrannt. 1976 endete das, man transportierte den Säulenbrennapparat hinüber zu Saint James, und setzte die Produktion dort fort. 1987/1989 wechselte man mit der Produktion (und der Säule) zur Destillerie Simon, und 1996/1997 (als der Konzern Remy Cointreau die Zügel übernahm) dann wieder zurück zu Saint James, dort gab man die Originalsäule auf und stellt nun seitdem die Marke dort her, zwar mit den Saint-James-Apparaten, aber dennoch weiterhin nach den Vorgaben des Gründers Jacques Bally. 250000 Liter werden nun pro Jahr vermarktet.
Man sieht, das ist kompliziert, und ich lege für keines der erwähnten Details meine Hand ins Feuer, da alles zu einer Zeit geschah, in der Rum noch eher wenig Dokumentationsinteresse erzeugte. Ist es relevant für unseren Geschmackstest? Glaubt man dem Terroir-Gedanken, ja, ein derartiger Wandel von Produktionsstätten, Personen und Brennapparaten verändert natürlich den Brand, und wenn wir ein Vergleichstasting von Bally-Rum aus, sagen wir, 1970, 1980, 1990 und 2000 machen würden, wäre das sicherlich spannend, um all die erzählten Wechsel sensorisch nachzuvollziehen. Das tun wir aber nicht, wir konzentrieren uns hier allein auf den J. Bally Rhum Vieux Agricole 12 Ans d’Âge in der markanten Pyramidenflasche, abgefüllt mit 45% Alkoholgehalt.

Die Farbe würde ich als Kupfer bezeichnen, mit einem leichten Rotstich. Im Verkostungsglas schwenkt sich der Rum sehr ölig, da ist ordentlich Schwere drin, und es bilden sich dementsprechend dicke Artefakte an der Glaswand, die teils in Flächen, teils in Beinen ablaufen, beides aber gemächlich.
Rhum Agricole hat, wenn er typisch ist, einen sehr hohen Wiedererkennungswert, und das ist beim Bally 12 nicht anders. Ich würde den Duft, der dem Glas entströmt, sogar als archetypisch für Rum von Martinique bezeichnen. Diese Mischung aus Gras, Heu, frischem Zuckerrohrsaft und einmalig, hier sogar noch verbunden mit etwas Süßholz, Aprikose und Wassermelone. Mit Oxidationsdauer nimmt die Fruchtkomponente sogar weiter zu, geht dann fast ein bisschen ins Weinbrandartige über, erinnert an Armagnac. Dabei bleibt der Duft herb und frisch, mit Anklängen von Menthol und Eukalyptus.
Eine sehr weiche, runde Textur ist das erste, was einem dann begegnet, wenn man einen Schluck des Rums nimmt. Voller Körper, getragen von einer tiefen Süße und wunderbar eingebundenen 45% Alkoholgehalt. Im Verlauf kommt Wärme auf, nicht kratzend, sondern nur ganz leicht am Gaumen und der Zunge prickelnd, im Abgang wird das für einen Moment sogar heiß und fast scharf, ein sehr schöner, ansteigender Bogen, der dann mit einem eukalyptisch kühlen Hauch ebenso langsam wieder verklingt. Neben diesen Effekten sind die Aromen für mich fast zweitrangig, aber dennoch vorhanden – leichte Heuigkeit, schwere Kandiszuckersüße, frisch gepresster Zuckerrohrsaft, ein Ticken Lakritz, Aprikosen und Pfirsiche, wunderbar ist darüber hinaus das Holz eingesetzt, gibt Würze, nur Anflüge von Vanille, übernimmt den Rum überhaupt nie.
Ein richtig erwachsener Brand, charaktervoll, rund, vollmundig und handwerklich herausragend gemacht. Da gibt es nichts, was ich auch nur im entfernten anmeckern würde, es passt alles, von der Aromatik über die Struktur bis hin zur Typizität. Was soll ich da noch sagen, jeder, der Zuckerrohrsaftrums mag, muss hier zugreifen, ebenso der, der ein höchstklassiges Exemplar zum Einstieg sucht.
Wie immer antworte ich dem, der mich ungläubig fragt, warum ich so einen teuren und hochwertigen Rum in einem Cocktail „vermixe“, mit der alten Adage: gute Zutaten machen einen guten Cocktail. Es gibt Ausnahmen, doch im Allgemeinen ist der Drink am Ende schlicht viel besser, wenn man nicht spart. Gerade, wenn eine Zutat das Rezept klar dominiert, wie beim Tahitian Gold. Hier darf man schlicht nicht sparen oder geizig sein mit dem guten Stoff. Und das Erlebnis belohnt einen dann dafür am Ende.

Tahitian Gold
1oz / 30ml gereifter Zuckerrohrsaftrum
½oz / 15ml Limettensaft
1 Teelöffel Puderzucker
1 Spritzer Maraschino
Auf Eis shaken. Auf frischem crushed ice servieren.
Mit einem Spritzer Pernod toppen.
[Rezept nach Trader Vic]
Natürlich muss man über die Flasche sprechen. Für viele ist sie ein Kaufanreiz, die Pyramidenform ist einzigartig und besonders. Nachdem man sich aber daran sattgesehen hat, merkt man schnell, dass dies auch seine Nachteile hat – sie nimmt in der Bar durch die große Grundfläche sehr viel Platz weg, ist auch unpraktisch in der Handhabung. Nun, nicht jeder hat so wenig Stellfläche wie ich und überlädt diese dann auch noch, so dass dies für den Rumfreund mit kleiner, aber feiner Bar wahrscheinlich kein echtes Problem darstellt. Jedenfalls ist in Zusammenspiel mit dem Geschenkkarton und dem sehr schön und dabei immer noch stilvoll gestalteten Etikett neben der unzweifelhaften Qualität des Brands selbst damit auch ein weiteres Kaufkriterium gegeben: Die Schenk- und Sammelbarkeit. Wobei es wirklich schade wäre, müsste man diesen herrlichen Rum in einem Regal versauern lassen, oder ihn irgendeinem Heiopei, der eh nicht zu schätzen weiß, was man ihm da überlässt, zu schenken. Ich für meinen Teil mache die Flasche auf, trinke immer wieder was für mich allein davon, und bin damit zufrieden, so ein herausragendes Exemplar der von mir eh schon so geliebten Kategorie der Rhums Agricoles Schlückchen für Schlückchen genießen zu dürfen.
