Beim Spirituosenwettbewerb ISW waren vor ein paar Wochen für mich als Juror Gins auf der Karte. Ein Haufen Gins. Ein richtiger Ozean an Gins. Vier Flights zu je mindestens 8 Gins, da hat man irgendwann einen gewissen Überlauf am Gaumen. Wundert mich die Menge? Nein. Weiterhin ist es halt einfach so, dass diese Spirituosenkategorie die mit Abstand beliebteste ist, der Hersteller produziert, der Kunde kauft, es kommen immer noch täglich neue Marken auf den Markt. Gin ist unkompliziert, trinkig und mixabel, und bietet in modernen Interpretationen immer neue Varianten, teilweise so frei gedacht, dass man sich fragt, ob man hier nicht doch einen Brombeerlikör im Glas hat. Nun, wohlfeile Kritik beiseite, wer heute als Brennerei keinen Gin im Portfolio hat, gehört wohl klar zu den Außenseitern und muss sich eher bezüglich dieses Fehlens erklären als einen Grund angeben, warum man auch einen Gin macht.
Auch die in der Steiermark beheimatete Distillery Krauss lässt sich da nicht lumpen, und macht ihren Gin. In zwei Varianten, um den bereits durch all die eben erwähnten Konkurrenzgins dem anspruchsvollen österreichischen Geschmackssinn etwas zu bieten, das auch eine gewisse Zeit erinnerbar bleibt: erstmal den mit exotischem Pfeffer und exklusiver Zitrusfrucht angereicherten Distillery Krauss London Dry Gin Bergamot Pepper, und im Anschluss einen fassgereiften Gin, gerade das ist auch heute noch, trotz des beschriebenen Gintsunamis, etwas besonderes, auf den Distillery Krauss Barrel Aged Dry Gin freue ich mich darum schon vorab besonders. Die Produktion eines solchen Fassgins treibt natürlich die Produktionskosten in die Höhe, etwas, das sich viele Massenginhersteller schlicht nicht zumuten wollen, um so gespannter bin ich, ob da was vernünftiges bei rüberkommt.
Aber erstmal das ganz Klare – der Distillery Krauss London Dry Gin Bergamot Pepper. Kristallklar, ohne Partikel, und mit einer beim Schwenken deutlich sichtbaren Viskosität beginnt die Verkostung. In ganz regelmäßig verteilten Beinchen läuft die Flüssigkeit ölig ab.
Meine Leser kennen mich als strengen Verfechter der wacholderlastigen Gins. Da hier aber schon auf dem Etikett zwei besondere Zutaten herausgehoben werden, ist sicherlich mehr Spielraum da, den Wacholder hinter die namensgebenden Zutaten zurückzustellen, was auch schon im Duft passiert: Hier startet die Nase direkt mit dem exotischen Andaliman- und Urwald-Pfeffer, das erinnert schon an frischen, zestigen, schwarzen Pfeffer mit etwas Piment. Lässt man den Gin etwas atmen, drängt sich die Bergamotte immer deutlicher nach vorne, das riecht sich dann fast wie ein Zitrusgeist. Wacholder, ja, den muss man etwas suchen, er ist im zugrundliegenden Basiskräuter-Bouquet etwas verdeckt durch die zwei sehr prominenten Botanicals.


Am Gaumen zeigt er sich sehr viel deutlicher und spontaner, ich würde sogar sagen, der erste kurze Eindruck ist Wacholder. Herb entwickeln sich dann weitere Kräuter, bauen auf einer sehr weichen Textur auf, die den Mundraum gut ausfüllt und sich breit zeigt. Eine natürliche Süße ist unverkennbar, doch sie drückt den Gin nicht in ein pastorales F-Dur, sondern lässt ihm ein jubilantes D-Dur. Die zwar zitrische, aber nicht freche Frische der Bergamotte passt sich hier nun sehr gut ein, mit viel Volumen, bevor der Pfeffer mit plötzlicher Würze übernimmt, und bis zum Abgang dann dominiert, sowohl von pikanten Effekten her, die die Zunge fast zum Glühen bringen, als auch den exotisch-gewürzigen Aromen. Der Nachklang bleibt sehr warm, mittellang und rund, ganz spät entsteht etwas zestige, ätherische Astringenz, und insbesondere die Zungenspitze braucht dann lange, sich davon wieder zu beruhigen.
Ein kraftvoller Gin, nicht unbedingt grazil und filigran, eher voll und drängend, mit breiter Struktur. Die zwei Hauptbotanicals sind klar definiert, und zeigen sich von ihrer jeweilig besten Seite – und das sage ich als jemand, der Bergamotte nicht unbedingt zu seinen Lieblingsfrüchten zählt; hier funktioniert das einfach. Ja, den Wacholder vermisse ich etwas, doch ich habe bei Dutzenden von Verkostungen bei Spirituosenwettbewerben mit hunderten und aberhunderten von Gins halt auch gelernt, dass im modernen New-Western-Style das nicht stilverfälschend ist.
Also, klassischen New-Western-Gin können die Brenner aus der Steiermark schonmal, ganz offensichtlich. Mit dem Distillery Krauss Barrel Aged Dry Gin probiert man dann noch etwas ungewöhnlicheres. Ein speziell auf Fassreifung ausgelegtes Gin-Rezept hat man da sich bei Krauss ausgedacht, eine sehr gute Idee, denn manche Kräuter gehen nach Holzkontakt entweder völlig unter, oder beissen sich mit den vanilligen Tanninen, die damit ins Destillat übergehen. Das Jahr, das der Gin dann im gebrauchten Holzfass verbrachte, ist in der Farbe erkennbar – helles, leicht blasses Gelbgold, ohne Farbstoffe, und auch ohne Rückstände, und das ohne Kältefiltrierung. Lebendig präsentiert sich die Flüssigkeit, mit einer für den Alkoholgehalt typischen Schlierenbildung.


Mandarine, Orangenzeste, vielleicht noch roter Apfel – das sind die ersten Eindrücke, die der Riechkolben aufsammelt, sehr fruchtig, zitruslastig, aber ohne die Spitzen der Limette oder Zitrone. Sehr angenehm passt dazu eine kräftige Zimtnote, und ausgeprägter Kardamom, das riecht irgendwie wie Advent, selbst im inzwischen aufkeimenden Frühling. Außer dem Zimt und einem minimalsten Anflug von Vanille halten sich die Holzaromen zurück, lassen der Mandarine freie Bahn, ich hätte das blind vielleicht für einen fassgereiften Mandarinengeist gehalten.
Auch am Gaumen präsentiert sich zunächst die Zitrusfrucht, mit der Süße des Safts und der leichten Bissigkeit der ätherischen Öle der Schale in Kombination. Kardamom kommt schön heraus, nimmt eine starke Position ein, die er auch nicht mehr aufgibt bis zum Schluss, und dabei mit herbem Wacholder konkurriert. Die Textur ist initial weich und voll, im Verlauf dreht sich das aber, mit ordentlicher Pikanz und geht dabei fast ins Mildtrockene über. Der Alkoholgehalt, immerhin 50%, zeigt sich in Wucht und Würze, ist aber richtig sauber eingebunden und tut seinen Dienst ohne Murren. Insgesamt wirkt das Bild rund und gelungen, im Abgang kribbelt das dann noch etwas kalt, wenn die freche Zestigkeit das Gefühl wiedergibt, als beiße man in eine ungeschälte Mandarine oder Saftorange, und dann sogar doch noch der Wacholder zurückschlägt.
Das ist ein Grenzgänger für mich, mit klassischem Gin hat das für mich nur bedingt noch etwas zu tun, doch es ist als Produkt für sich einfach großartig gemacht und schmeckt mir als Obstgeistliebhaber ausgesprochen gut, weil es ein komplexes, aber dennoch frisches Aromabouquet liefert, das sowohl Nase als auch Gaumen wirklich erfreut. Kurz: Klare Kaufempfehlung!
Ja, es gibt sie, gar nicht so wenige sogar – die Tiki-Drinks mit Gin als Hauptspirituose. Der Opaka Raka ist einer davon. Viele Quellen geben als zweite Zutat „Donn’s Spices #2“ an, wie das auch in Beachbum Berry’s Buch angeführt wird, doch bei Kindred Cocktail hat man beim Erfinder Brian Miller nachgefragt, und unten findet sich das originale, korrigierte Rezept mit Don’s Mix. Der fruchtigschwere Gin der Distillery Krauss zeigt sich in solchen Drinks natürlich besonders gut, und man erkennt sogar weiterhin die exotische Pfeffernote durch all die anderen Zutaten.
Opaka Raka
1½oz / 45ml Dry Gin
1½oz / 45ml Don’s Mix (2:1 Grapefruitsaft und Zimtsirup)
¾oz / 23ml Limettensaft
¼oz / 7ml Zuckersirup
1 Spritzer Bitters
Auf Eis shaken. Mit Eis in einem Highball-Glas servieren.
[Rezept nach Brian Miller]
Auch die Gins der Distillery Krauss sind im selben Format gestaltet wie schon die Rums, die ich neulich besprochen hatte; schöne Flaschenform, zurückhaltend und trotzdem elegant wirkende Etiketten im durchgängigen Design ohne Spielereien.
Für den Barrel Aged Dry Gin hatte ich, im Überschwang, oben ja schon die Kaufempfehlung ausgesprochen, das wiederhole ich einfach hier nochmal mit etwas Abstand – eine durch und durch tolle Spirituose für die, die etwas Ungewöhnliches im erweiterten Ginbereich suchen, wie auch für die, die Mandarine mögen. Den Bergamottenpfeffergin genieße ich ebenso, mit denselben Caveats für die Hardcore-Wacholderpuristen unter uns, denen ich aber auch sage, dass es nicht immer ausschließlich Wacholder sein muss, solange er erkennbar bleibt, bin ich zufrieden. Letztlich bin ich aber eh der Überzeugung, dass handwerkliche Qualität über mehr oder weniger willkürliche Regelung immer triumphiert, und hier schmeckt man ersteres einfach zu deutlich, als dass ich da das Haar in der Suppe suchen wollen würde.
Offenlegung: Ich danke der Distillery Krauss für die bedingungslose Zusendung je einer Flasche dieser Gins, und True Spirits für die Vermittlung.

