In der Fizzz #5/2023 kann man wieder einen Artikel von mir lesen – ich freue mich ehrlich sehr, wenn es scheinbar auch bei Printmagazinlesern ankommt, was ich schreibe. Dieses mal geht es um Eindrücke, die ich gesammelt habe, als ich mit verschiedenen Leuten gesprochen hatte, denen Obstbrand wichtig ist, von Brennern bis Mixologen. Während der Recherche für diesen Artikel habe ich ein längeres Gespräch mit Johannes Kolonko geführt, in dem er mir viel mehr nahegebracht hat als einfache Informationen oder Fakten – wenn man mit ihm redet, spürt man regelrecht, dass er völlig aufgeht in dem, was er tut. Als Einmannbetrieb macht er alles selbst, von Ernte über Vorbereitung der Frucht und dem Maischen und Brennen bis hin zum Abfüllen, Etikettieren und Vermarkten. Was am Ende herauskommen soll sind Obstbrände auch höchstem Niveau, die Kolonkos eigenem Anspruch gerecht werden können, und der ist, das hört man in der Diskussion mit ihm sofort heraus, hoch. Ein Obstbrand ist ein „harmonisches Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur“, wie Kolonko selbst betont.
Und nun steht sie vor mir, die Flasche des Destillerie Kolonko Mirabelle Brand, und fordert mich dazu heraus, zu überprüfen, was Johannes Kolonko mir berichtet hat. Es handelt sich dabei, leiten wir mal ganz offensichtlich ein, natürlich um einen Edelbrand aus Mirabellen, die 2019 von Kolonko eigenhändig in Südbaden von Streuobstwiesen geerntet wurden. Es wird darauf geachtet, dass dort keine Pestizide oder auch nur Dünger eingesetzt wurden. Fermentiert wird über natürliche wilde Hefen, in einer Kupferbrennblase wird dann gebrannt und das Destillat schließlich, nach einer Ruhephase in Glasballons, mit Quellwasser auf Trinkstärke herabgesetzt; wie gesagt, jeder einzelne Schritt vom Brenner selbst eigenhändig und ohne Pumpen, Filter oder andere verzichtbare Technik ausgeführt. Kann man schmecken, wieviel Arbeit in eine Spirituose geht? Riecht man, wie gut das Basismaterial behandelt wurde? Fühlt man im Brand, welche emotionale Energie hineingesteckt wird? Ich bin sehr gespannt.
Der Brand ist erwartungsgemäß kristallklar, ohne Fehler oder Einschlüsse oder Tönung. Deutliche Öligkeit sieht man beim leichten Drehen und Kippen des Verkostungsglases, das schwappt träge hin und her, nach einer Weile bilden sich gemächlich Beine heraus, die sich richtig viel Zeit lassen, nach unten wieder abzulaufen.
Auf Empfehlung des Brenners selbst habe ich das Glas etwas offen stehen lassen, bevor ich mich ihm mit der Nase genähert habe. Dann konnte ich es doch nicht mehr erwarten – und finde dort erstmal eine schwere, tiefe Steinfruchtsüße vor, ganz klar reife Mirabelle und Zwetschge, vielleicht etwas mandelige Aprikose als Unterlage. Es wirkt sehr klar und sauber, was man da riecht, außer der Frucht finden sich kaum Seitenaromen, die von der Mirabelle ablenken würden. Auch andere Störfaktoren, die man manchmal in Obstbränden findet, wie pieksendes Ethanol, eckige Spitzen oder gar stumpfe Flachheit, sind diesem Destillat völlig fremd, das riecht sich frisch, lebendig und aromatisch, ohne die runde Weichheit aufzugeben, oder dabei langweilig zu werden – 44% Alkoholgehalt sind angenehm gewählt. Es drängt sich aber auch nicht auf, überwältigt nicht, sondern bleibt vornehm zurückhaltend.
Im Mund breitet sich der Brand dann sehr viel weniger zurückhaltend aus als in der Nase, da ist direkt der ganze Gaumen mit einer weichen, warmen, fetten Schicht belegt. Aus dieser speist sich dann erst langsam, aber schnell Fahrt aufnehmend, die höchstdichte Aromatik von zuvorderst Mirabelle und folgend verwandtem Steinobst, schön balanciert zwischen mildherber Bittere und fast schon zitrusfrischer Fruchtsüße. Im Verlauf entsteht dann pikante Würze, Gaumen und Zunge kitzelnd und deutlich erhitzend, ohne sie zu verbrennen oder anästhesieren. Die Textur ist fett und voll, sowohl tief als auch breit, man kann die Flüssigkeit im Mund fast kauen oder lutschen. Der Nachhall ist extrem lang, voller anhaltender Frucht und einer dazukommenden Veilchen- und Rosenfloralität, die als Kopfnote den gesamten Eindruck komplettiert. Kein Witz – 2 Stunden später, nach einer Quiche Lorraine mit Krautsalat und einer Tasse Kaffee, habe ich die Mirabelle immer noch retronasal vorhanden. So eine Ausdauer ist extremst beeindruckend.
Bei all der Spannung, die dieser Brand aufbaut, ist er gleichzeitig nicht kompliziert – er liefert schnurgerade ab, woraus und wie er gebrannt wurde, da sind keine Umleitungen, Tunnels, Überführungen oder Kreisverkehre im Weg. Auch wenn ich es sehr mag, die vielen verschiedenen Aromen eines alten Rums zu explorieren, so wertschätze ich mindestens ebenso die lineare Art, mit der Johannes Kolonko es schafft, die Mirabelle zu verflüssigen und damit auf eine neue Stufe zu heben.
Dementsprechend braucht es auch gar nicht viel eines solchen Destillats, um in einem Cocktail sofort eine Duftspur zu hinterlassen. Im Crillon ist weißer Wermut (hier empfehle ich einen aromatischen, spannenden, zum Beispiel den Dry Riesling Vermouth oder den Saar White Vermouth von Ferdinand’s) die Hauptzutat, und die Kolonko Mirabelle sorgt sowohl für Volumen als auch diese so herrlich beharrende Assiduität, die mir so außerordentlich gefällt an ihr. Ein klarer, leichter, feiner Drink, trocken und herb, ein Aperitif für Genießer.
Crillon
1⅓oz / 40ml weißer Wermut
½oz / 15ml Mirabellenbrand
½oz / 15ml Campari
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]
Ich erinnere mich noch gut an die ersten Exemplare dieser Glasstöpsel, die auf den Markt kamen – da waren sie noch schwer handzuhaben, das Öffnen erforderte eine gewisse Technik und auch Kraft. Heute hat sich das eingespielt, und der Glasstöpsel, der mit der Flasche hier mitgeliefert wird, funktioniert wunderbar. Es ist ja schon eine tolle Sache, dass man eine Alternative für den Echtkorken, mit dem die Flasche im Auslieferzustand verschlossen ist, an die Hand bekommt, eine schöne Geste. Das Etikett ist mit einer fast expressionistischen Darstellung der Frucht gestaltet, enthält kleine Informationen, ohne sich damit zu überladen. Die kleinen Auflagen, die Johannes Kolonko macht, zeigen sich in den wenigen 128 Flaschen aus der Mirabellenernte 2018, ich habe Nummer 71 davon.


Den rosa Elefanten im Raum muss man natürlich erwähnen – bei einem Literpreis von 700€ ist das eine sehr exklusive Spirituose. Liest man aber den Abschnitt über die Destillerie Kolonko in dem in der Einleitung angesprochenen Artikel über Obstbrände, wird einem schon klar, warum das kaum anders bepreisbar ist. Die Art, wie Johannes Kolonko Material aussucht und verarbeitet, ist monetär grundsätzlich nur schwer einzufangen, das Herzblut und die Philosophie dahinter gar nicht. Rein vom Geschmack her ist es das Geld jedenfalls wert, darüber müssen wir gar nicht erst zu diskutieren anfangen. Statt über schnöde Penunzen rede ich mit Johannes viel lieber über die Haptik reifer Pflaumen und den Geruch frischer Mirabellen.
Offenlegung: Ich danke Johannes Kolonko für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche seines Mirabellenbrands.



