Für den Brand, den ich heute vorstellen will, gibt es zwei voneinander unabhängige, aber trotzdem interessante, kleine Details zu berichten. Beginnen wir mit der Deklaration des Pisco Control Gran Pisco. „Gran Pisco“ ist eine geregelte Kategorie innerhalb des chilenischen Piscos – für die man allerdings keine seitenlangen AOCs oder ggAs durchwälzen muss, im Gegensatz zu vielen überregelten, mit Sonderbehandlungen gespickten Spirituosenkategorien, für die man studiert haben muss, um sie zu verstehen. „Gran Pisco“ bedeutet einfach, dass der Brand mit mindestens 43% Alkoholgehalt (und höchstens 50%) abgefüllt ist. Punkt. Ach, manchmal kann die Welt doch auch einfach sein. „Überwiegend Muskateller“ wird als Rebsorte auf diversen Seiten angegeben, ich würde sogar behaupten, dass hier, wie bei den allermeisten Piscos aus Chile, ausschließlich Trauben der Muscat-Rebsorten verwendet werden, auch wenn noch wenige andere erlaubt sind.
Der Control stammt, und damit kommen wir zum zweiten Detail, aus der Compañía Pisquera de Chile S.A., La Serena – wie viele Produktionsstätten in Chile ist dies eine Kooperative, in der viele Weinbauern ihre Trauben anliefern und damit sozusagen einen Gemeinschaftsbrand erzeugen. So eine Genossenschaft ist eigentlich eine wunderbare Einrichtung, insbesondere, wenn das Volumen der eigenen Produktion für einen Bauern sich nicht für Marktreife eignet, oder die finanziellen oder anderen Mittel dafür fehlen. Diese spezielle Kooperative ist darüber hinaus die größte in Chile, mit über 700 Lieferanten für Weintrauben, von denen 90% Kleinbauern sind und eine Fläche von über 2000 Hektar bearbeiten. Also, über die Region verliere ich am Ende des Artikels noch ein paar Worte, ich kann aber jetzt schon sagen, dass ich vielleicht eine gewisse Schwäche für Pisco (und Chile) habe.

Im Gegensatz zum peruanischen Pisco darf chilenischer Pisco fassgereift werden, darum erwähne ich, dass der Control klar und farblos ist. In dem Pisco-Verkostungsglas, das ich von ProChile als Geschenk erhalten hatte und mit etwas Glück unzerbrochen nach Deutschland transportieren konnte, zeigt sich auch ordentlich Viskosität und ein beim Schwenken entstehender, dickadriger Film an der Glaswand.
Bei Pisco spreche ich gern vom Duft anstatt vom Geruch – der südamerikanische Weinbrand, egal ob aus Chile oder Peru, ist grundsätzlich sehr floral angelegt und je nach eingesetzter Rebsorte auch recht fruchtig. Beim Control finden wir Veilchen, Nelken (die Blumen, nicht das Gewürz) und Rosenblüten, dazu ein Anflug von Jasmin. Diese frische, fast parfümige Kopfnote wird unterfüttert durch leichtes Steinobst, wie Kirschen oder Aprikosen, beide gerade so reif, und vielleicht etwas Mirabelle; man könnte das durchaus auch für einen klassischen deutschen Obstler halten, der ein bisschen ins Blumige geht. Die erkennbare Ethanolnote, die man beim tieferen Schnuppern findet, will ich allerdings nicht verschweigen – sie trübt das Gesamtbild etwas.

Das Mundgefühl ist initial sehr weich, leicht, dabei rund und breit, ohne große Tiefe zu entwickeln, was eigentlich gut zum Geruchseindruck passt. Hell, frisch, dabei dennoch mit feiner Süße ausgestattet, zeigen sich die Muskatellertrauben von ihrer besten Seite, mit edler Aromatik, keinerlei Plumpheit oder Schwere ist spürbar, selbst wenn die Frucht etwas dunklere Komponenten dazubringt, die Struktur funktioniert wunderbar. Im Verlauf bildet sich erkennbar wärmende Würze heraus, die sich schwarzpfeffrig zum Abgang hin entwickelt, und dann Zunge wie Gaumen leicht zum prickeln bringt – die 43% Alkoholgehalt, die ein Gran Pisco zu haben hat, sind dabei sehr gut eingebunden und scheinen, im Gegensatz zur Nase, hier nie negativ durch. Der Abgang selbst ist lang, weiterhin klar vom Jasminblumigen getrieben, mit wirksamer Mirabelle und Aprikose im Nachhall, die lange verweilen.
Ich mag Pisco einfach, für mich ist das ein herrlicher Brand, und der Pisco Control verortet sich vielleicht nicht in der Spitzengruppe, aber sicher am oberen Band dessen, worüber ich mich freue, es im Glas zu finden. Besonders der Nachklang weiß sehr zu gefallen, mit erkennbarer, aber nicht überwältigender Komplexität – und wenn man das Preisleistungsverhältnis mit berücksichtigt, ist es geradezu ein Träumchen, was man da für kleines Geld sowohl als Purgetränk als auch als Cocktailzutat bekommen kann.
Ich gebe es zu, ich habe genau wegen letzterem die Flasche in einem Rewe-Markt gekauft. Selbst ich, der ich gerne auch extremst rare und teure Zutaten in einem Drink vermische, habe manchmal ein gewisses Zögern, die höchstwertigen Piscos, die ich sonst noch zuhause habe, in einen Cocktail zu kippen. Für einen Mixed Drink ist der Pisco Control nahezu ideal, mit seiner starken und dennoch filigranen Aromatik und dem gleichzeitig kräftigen Alkoholgehalt. Im 1931 zeigt sich dies aufs Beste.
1931
1½oz / 45ml Pisco
½oz / 15ml Mezcal
¾oz / 23ml Orgeat
¾oz / 23ml Limettensaft
2 Spritzer Xocolatl Mole Bitters
1 Spritzer Angostura Bitters
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Sterling Field]
Die sprachliche Verwirrung auf dem Etikett finde ich fast lustig, da findet sich Spanisch, Englisch und Deutsch bunt gemischt; ansonsten ist die Präsentation eher unspektakulär, eine einfache Flasche mit Blechdrehverschluss und ein hauptsächlich neutral gehaltenes Etikett machen diesen Pisco sicher nicht oft zu einem Spontankauf im Supermarkt, was schade ist, da kann man für die rund 15€ auch sehr viel schlechtere Warenkorbinhalte haben.
Wie in der Einleitung angesprochen, stammt dieser Pisco aus der Stadt La Serena in Chile und dem naheliegenden Valle del Elqui. Ich habe eine besondere Beziehung zu dieser Stadt, denn 2017 war ich im Zuge meiner ersten Jurortätigkeit für Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles dort, und habe die südamerikanische Gastfreundschaft sehr genossen. Ein spektakuläres Land, voller Gegensätze, das ich nie vergessen werde – ich hoffe, irgendwann nochmal dorthin zu kommen. Hier erstmal ein paar Eindrücke von La Serena und der direkten Umgebung; ich wünschte, ich hätte damals eine bessere Kamera gehabt und Bilder geschossen, die dem grandiosen Pazifik mehr gerecht werden als meine.









Ich war damals wirklich schwer stolz und überrascht, als eine lokale Zeitung darüber hinaus mich als Bild für einen Artikel über den Wettbewerb auswählte; sowas ist ja schon was Feines. Ach, wenn ich darüber schreibe und die Bilder sehe, fühle ich mich direkt wieder nach Chile versetzt. Ich muss dieses außergewöhnliche Land nochmal besuchen, das steht fest.
