Schiffbruch in Südafrika – Leonista Reposado

Leonista Reposado Titel

Die blaue Weber-Agave kam, so sagt es die Legende, im Zuge Kolonisierung und Eroberung der Neuen Welt durch die europäischen Großmächte mehr zufällig nach Südafrika – sie wurde als Ballast für Segelschiffe genutzt, und als das eine oder andere ungewollt strandete, verbreitete sich die Pflanze dort schnell, das Klima ist ja nicht völlig unähnlich. In der ariden Region Karoo hat sich die Agave festgesetzt, und wurde dort schnell zu einer Nutzpflanze, die als unpassierbarer, natürlicher Grundstücksabgrenzer, Tierfutter und für diverse andere Zwecke bis heute wertvolle Dienste leistet.

Und nun ist die Pflanze auch im Auftrag des Genusses unterwegs, die Welt hat großen Durst auf Agavenbrände, und da war es ja auch nur eine Frage der Zeit, dass dieses Potenzial gehoben wird. In der Nähe von Graaff-Reinet wachsen die Agaven für 12 Jahre, werden dort geerntet und zur Verarbeitung in die Nähe von Johannesburg transportiert. 48 Stunden dauert der Kochprozess in einem holzbefeuerten Ofen. Biohefen fermentieren die Maische in Stahltanks, und eine einfache Destillation folgt. Für den hier vorgestellten Leonista Reposado kommt das Destillat dann noch für 3 bis 6 Monate in Eichenholzfässer. Für mich als großen Freund der Überführung von schnöder physischer Form von Materie jeder Art in eine höhere, spirituellere Daseinsform ist das natürlich ein Muss – lange habe ich darauf gewartet, dass die Spirituose in Deutschland erhältlich ist. Nun ist sie da, und ich freue mich auf die Verkostung.

Leonista Reposado

Die Löwin auf dem Etikett schaut mich so eindringlich an, da muss man sich etwas konzentrieren, um den optischen Eindruck der Flüssigkeit hinter ihr zu beschreiben. Farblich passt hier jedenfalls alles zusammen, sowohl vom Vergleich zwischen Design und Farbe, als auch von dem von Alter und Farbe. Das blasse Messing sitzt genau richtig, die Schlierenbildung beim langsamen Schwenken tut ihr Übriges.

In der Nase finde ich als allerersten Eindruck den Geruch von Kaffeepulver, leicht oxidiert, als wenn es schon eine Weile offensteht. Insgesamt sehr vegetal und pflanzlich-erdig; feuchte Erde, Agavenfleisch, feuchtes Holz, nasses Laub. Irgendwie nicht so recht zum Wüstenklima passend, mit all den feuchten Eindrücken, aber jedenfalls spannend und ungewöhnlich, und sich bereits hier deutlich vom mexikanischen Vorbild emanzipierend. Das könnte man blind aber dennoch durchaus für einen Tequila halten, da will ich nicht drumherumreden. Ich mag diese holzig-harzige Art jedenfalls, und den Unterschied, den die Weberagave in Südafrika scheinbar doch etwas eigen macht im Vergleich zu der in Mexiko.

Leonista Reposado Glas

Im Mund geht es ähnlich weiter, man schmeckt deutlich die Agave, da gibt es kein Herumdeuten, mit schöner unterschwelliger Fruchtsüße und einer gewissen Mineralität, die an Steine und salziges Brackwasser erinnert, weniger an die Algen, die ich sonst oft damit assoziiere. Milde Aprikosen kommen dazu, etwas Zwetschgen. Im Verlauf kommt dann deutliche Würze auf, schwarzer Pfeffer, etwas Chili, das auch den Gaumen kitzelt und langanhaltend reizt; der Alkoholgehalt von 43% ist es jedenfalls nicht, der wirkt sauber eingebunden. Deutliche Bittere entsteht dann, die ganz besonders im langen Abgang im Rachen und an den Mandeln spürbar wird, und in einer nicht unerheblichen Astringenz, ohne wirklich trocken zu wirken. Sehr holzig, harzig und erdig klingt der Leonista Reposado dann aus, mit Erinnerungen an Kümmel – ein wirklich spannender Geschmacksbogen, der viele Eindrücke aufsammelt und subtil anbietet.

Ich will eine Spirituose eigentlich eigenständig beschreiben, und nicht nur dauernd im Vergleich zu einer anderen – hier muss man aber irgendwie auf Tequila verweisen, nicht ganz so mild und klar wie die meisten, die ich kenne, sondern eher herb, bitter und fast schon rauchig, mit viel Holzcharakter. Ein Tequila mit Twist, so könnte man das sagen; ich muss jedenfalls anerkennen, das das sich sehr interessant trinkt und auch genug aromatisch eigenständig ist, dass man den Vergleich zu Mexiko gar nicht unbedingt immer ziehen müsste.


Als Cocktailempfehlung habe ich dennoch nach Referenzen für andere Agavenbrände gesucht, der Markt für Rezepte ist bezüglich Agavendestillaten einfach schon sehr auf ein Land konzentriert. Der Squeaky Wheel würde eigentlich gern Mezcal in sich sehen, doch mir dem Leonista Reposado hat man diese schöne, holzige Bittere, die gerade in Kombination mit Campari einen wirklich herben Drink erzeugt – und dabei dennoch süßsüffig bleibt.

Squeaky Wheel Cocktail

Squeaky Wheel
5/6oz / 25ml Mezcal
1oz / 30ml Campari
¾oz / 23ml Kaffeelikör
¼oz / 7ml Amaretto
2 Spritzer Angostura Bitters
Auf Eis rühren. Mit Orangenzeste absprühen.

[Rezept nach Nicolas Bennett]


Einen ersten Eindruck des Designs hatte ich ja schon bei der Beschreibung der Optik mitgegeben, da macht man alles richtig, finde ich – breitschultrige, gedrungene Flasche in Apothekerform, geschickt platzierte Etiketten in hochwertiger Gestaltung, dazu ein toller Kontrast mit dem schwarzen Geschenkkarton.


Es gibt, wie in der Einleitung angedeutet, eine gewisse historische Verbindung zwischen den Agaven Mexikos und Südafrikas, daher bin ich etwas entspannter, wenn für einen eigentlich afrikanisches Destillat so viele spanische Begriffe verwendet werden, die dort normalerweise keine Grundlage hätten – der Vorwurf des Mitreitens auf einem Erfolgsmodell der Mezcaleros und Tequilabrenner und der Unterwanderung einer geschützten geografischen Angabe hätte aber meiner Meinung nach durchaus vermieden werden können, wenn die Hersteller konsequent das afrikanische Element betont hätten, statt sich so sehr mit den ureigenen Ideen der mittelamerikanischen Konkurrenten zu schmücken, oder sich auf sozialen Medien arg in die Tequila-spezifischen Feste und Ereignisse einzuklinken. Ich hoffe auf ein Umdenken diesbezüglich; der Brand selbst kann was und sollte gerade darum seine eigene Natur und geografische Umgebung als Vermarktungskriterium stärker in den Fokus rücken.

Die Hersteller versuchen jedenfalls immerhin, ein nachhaltiges Geschäftsmodell aufzuziehen, und pflanzen für jede geerntete Agave drei neue an. Blätter und Fasern der Agaven werden als Dünger und Tierfutter „upcycled“, und ein Teil des Gewinns wird für regionale Naturerhaltungsmaßnahmen gespendet. Eine Biozertifizierung ist auch vorhanden. Ein grundsätzliches Verständnis für die Spirituosenethik ist daher definitiv schon da, was mich positiv stimmt.

Ich bin also leicht zwiespältig gespannt, wie sich das Projekt weiterentwickelt. Den ungereiften Leonista habe ich auf meiner Wunschliste, und ich blicke neugierig auch auf den noch ein paar Monate länger gereiften Leonista Reposado Black. Man hat noch was auf der Pfanne in Südafrika, und es ist kein gegrilltes Löwenfleisch.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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