Simon's Feinbrennerei Titel

Walkürenrum aus Deutschland – Simon’s Feinbrennerei

Es ist immer so eine Sache mit theoretisch erworbenem Wissen, das praktische Vorgänge betrifft. Da kann man sich viel anlesen, sich was von selbsternannten Profis erzählen lassen, oder sich im schlimmsten Fall selbst was aus den Fingern saugen. Gerade im Rumbereich sind viele Scharlatane unterwegs, die einem ihr Schlangenöl verkaufen wollen, und dazu Legenden und Lügen miteinander in ein verführerisches Gebilde vermischen. Marcus Stock, der Inhaber von 4finespirits, Rumkenner und Mitbegründer des Rum-Clubs, und ich wollten diesen Zustand ändern, und Rumproduktion aus erster Hand betrachten. Am 08. Juli 2017 trafen wir uns mit Severin Simon, dem Inhaber und Meisterbrenner des seit 1879 bestehenden Familienbetriebs Simon’s Feinbrennerei in Alzenau im nordwestlichsten Eckchen von Bayern, nicht weit entfernt von Frankfurt, und schauten ihm beim Herstellen seines deutschen Rums etwas über die Schulter. Ich nehme nicht zuviel vorweg, wenn ich sage, dass dies ein höchstspannender Tag war, an dem viel, was uns bisher nur als Theorie bekannt war, auf eindrucksvolle Weise in Praxis umgewandelt wurde.

Schon direkt beim Ankommen auf dem Hofgelände merkt man, dass auf dem malerischen Dörsthof ein bisschen Humor mit im Spiel ist: Das Gebäude, das die Brennanlage beherbergt, trägt ein Straßenschild mit der Aufschrift „Platz des Rums“. Weitere Örtlichkeiten sind ähnlich nach den hier hergestellten Spirituosen benannt.

Simon's Feinbrennerei Platz des Rums

Wir hielten uns gar nicht groß mit viel Smalltalk auf, nach der Vorstellung mit festem Händedruck ging es direkt ans Eingemachte – und das ist in diesem Fall keine Redewendung, denn der erste Blick galt dem im Plastikfass eingemachten Rohstoff des Rums, der Melasse. Severin Simon bezieht diese aus der Dominikanischen Republik, sie wird ihm über den Tres-Hombres-Segler geliefert, eine spannende Geschichte für sich. Für den Rumfreund ist es natürlich ein Erlebnis, den Finger in die klebrige, dunkle Masse zu stecken, die stark nach Dörrpflaumen und Lakritz schmeckt.

Simon's Feinbrennerei Melasse

Die tatsächliche Rumherstellung beginnt beim wichtigsten Schritt des gesamten Prozesses: Der Fermentierung. Hier entstehen die Aromen, die später durch die Destillation extrahiert werden. Man verdünnt die Melasse mit Wasser und gibt Hefen dazu (die genauen Details hierzu sind natürlich Geschäftsgeheimnis, sie machen schließlich einen Großteil der späteren Produktaromatik aus). 2012 hatte Severin Simon seine ersten Versuche der Rumproduktion gestartet, mit Mischverhältnissen und Hefen experimentiert, bis er ein Verfahren fand, das ihm sowohl von der geschmacklichen als auch von der rein operativen Ebene zusagte – die schönste Idee taugt halt nicht, wenn sie nicht reproduzierbar und in einem gewissen Maßstab umsetzbar ist. Die so entstandene Maische darf nun in einem Stahltank (oder, für spezielle Projekte, in einem großen Holzbottich) ruhen, während die Hefen beginnen, den Restzucker in der Melasse zu fressen und dafür Ethanol und CO2 auszuscheiden.

Simon's Feinbrennerei Holzbottich

Grob 2 Wochen später haben die Hefen ihre Arbeit getan, die entstandene Wash hat nun einen Alkoholgehalt von ungefähr 10%, und das CO2 entfleucht ihr noch hin und wieder, wenn man die Oberfläche der Maische betrachtet. Es wird Zeit, dass der Rum in seine zweite Entstehungsphase übergeht – die vergorene Maische wird destilliert. Dazu heizt Severin Simon den Kessel seines Kupfer-Destillierapparats mit Holz an, und füllt die Maische ein. Über ein Wasserbad und eine Rühranlage wird eine gleichmäßige Temperatur der Maische sichergestellt.

Simon's Feinbrennerei Holz im Kessel

Ab hier greifen die thermodynamischen Gesetze – sobald die Maische im massiven Kupferkessel eine gewisse Schwelltemperatur erreicht hat, beginnen sich die flüchtigen Stoffe zu lösen und aufzusteigen. Über den Schwanenhals gelangen die Dämpfe in eine Besonderheit des Destillierapparats der Feinbrennerei: Eine angeschlossene kleine Kolonne mit 5 Böden. Diese Besonderheit sieht man oft bei deutschen Destillen, die eigentlich zum Obstbrennen entworfen wurden.

Simon's Feinbrennerei Kochende Maische

Der eine oder andere Rumkenner, der schon einmal von der Gargano-Klassifikation von Rum gehört hat, mag sich nun fragen – in welche Kategorie gehört Severins Rum? Es kann ja eigentlich nicht die oberste Kategorie des „Pure Single Rums“ sein, schließlich ist eine Kolonne involviert. Eine Nachfrage beim Master Distiller von Foursquare (Barbados), Richard Seale, der bei der Entwicklung dieser Klassifikation mitwirkte, ergibt – das Hauptkriterium für „Pure Single Rum“ ist nicht der Brennapparat, sondern das diskontinuierliche Verfahren. Somit ist der hier entstandene Rum also ein Pure Single Rum. Wenn man Severin Simon bei seiner täglichen Arbeit zuschaut, sieht man, wieviel Mühe ein derartiger Herstellungsprozess macht, und es wundert einen auch nicht mehr, wenn nicht jeder Batch völlig identisch zum Vorgänger ist.

Simon's Feinbrennerei Kolonnenteil

Das Wasser-Alkohol-Gemisch hat nun also den Pot-Still-Teil der Destille verlassen und den Kolonnenteil betreten. Nicht alle der 5 Böden werden immer eingesetzt, Severin Simon kann dies je nach Bedarf steuern. Durch die Blickfenster in der Kolonne sieht man das wild zischende und spritzende Gemisch, das durch die Kolonnenstruktur nun leicht rektifiziert wird, so dass der Alkoholgehalt steigt. Ist der Zielgehalt erreicht, bei Severins Rum ist das in etwa 80%, fließt das Ergebnis der ganzen Mühe in einem klaren, stetigen Strahl im Spirit Safe in den Messtank, der, vom Zollamt geprüft, sich dann in einzelnen Schwallen in ein bereitgestelltes Gefäß ergießt.

Simon's Feinbrennerei Spirit Safe

Wir konnten den Brand, den Severin herstellt, in unterschiedlichen Phasen des Brennverlaufs probieren. Direkt zu Beginn des Brennvorgangs lässt Severin den Vorlauf ablaufen, er wird nicht verwendet und wird unter Verschluss in einem Sammeltank zur späteren Vernichtung durch den Zoll aufbewahrt. Marcus und ich verkosteten zunächst eine Probe des gebrannten Rums direkt vom Anfang des Herzstücks, und später noch eine gegen Ende desselben – hochspannend, wie sich in der kurzen Zeit des Brennverlaufs (ca. 2 Stunden dauerte dieser) die Aromatik verändert. Zu Beginn meinten wir, noch klar die Melasse herauszuschmecken, mit ein paar brotig-heuigen Aromen; später entwickelten sich sehr deutlich unterschiedliche Fruchtaromen, der Brand hatte mehr Volumen und Körper. Nach dem Herzstück kommt der Nachlauf – diesen führt Severin gar nicht mehr aus, weder von der Aromatik noch von der Wirtschaftlichkeit her wäre er wünschenswert.

Simon's Feinbrennerei New MakeDer Kahlgründer Rum ist nun eigentlich fertig, und könnte auf Trinkstärke herabgesetzt als weißer, ungereifter Rum in den Handel gehen. Für die kleine Simon’s Feinbrennerei mit ihren limitierten Resourcen ist dies aktuell nicht interessant, weißer Rum ist in Deutschland nur schwer vermarktbar, selbst wenn er so craftig hergestellt wird wie in Alzenau. Daher geht die gesamte Produktion in die Fassreifung, der letzten Phase des Rumherstellungs-Lebenszyklus. Severin füllt seinen Rum mit einer Stärke von 63,5% in unterschiedlichste Sorten von Holzfässern. Einerseits ist dafür ein verschlossenes Fasslager auf dem Hof, das man aus gesetzlichen Gründen leider nicht besichtigen kann, und andererseits ein kleines Speziallager, das Severin für besondere Holzexperimente und Kundenprojekte nutzt. So findet sich hier ein Sherry- und ein Laphroaig-Fass, Fässer aus Kastanienholz, aus Eschenholz, aus Spessarteiche und ähnliche spannende Behältnisse, die zeigen, dass hier kein Standardprogramm mit der hundertsten Bourbonfassreifung abgespult wird.

Simon's Feinbrennerei Fasslager

Ich für meinen Teil, und ich glaube, Marcus Stock ging es genauso, bin begeistert von der Motivation, der Energie und der Leidenschaft, die Severin Simon für seinen Rum aufbringt. Im Hofladen konnte ich natürlich der Versuchung dann nicht widerstehen, mir zwei seiner Bavarian Nordic Rums zuzulegen, einer davon gereift in schwedischen Whisky-Fässern („Valkyrie Thorslund“), der andere in Kastanienholz („Valkyrie Castanea“). Für alle, die nicht mal spontan nach Alzenau fahren können, sind diese hochinteressanten und wirklich empfehlenswerten Rums nun auch bei 4finespirits erhältlich, wo Marcus auch etwas über diese besonderen Rums erzählt.

Simon's Feinbrennerei SelfieGanz nebenbei ist der Dörsthof noch ein schönes Ausflugsziel für die ganze Familie; nach einer freien Brennereiführung, die jeden ersten Samstag im Monat ohne Anmeldungszwang stattfindet, kann man dort in der wunderbaren grünen Natur wandern oder Radfahren, den direkt angrenzenden Weinberg bewundern, oder nebenan im angeschlossenen Restaurant bei ausgesprochen leckerem Essen die Eindrücke verdauen. Wer dort war, in der Brennerei gestanden und ein paar Worte mit dem Meisterbrenner gewechselt hat, wird mir zustimmen: Man sieht, riecht, und spürt die Kreativität und Leidenschaft dahinter – eine echte Bereicherung für die aufkeimende deutsche Rumlandschaft.

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