Juniper Jack London Dry Gin Titel

Queen Gin und ihr erster Ritter – Juniper Jack London Dry Gin

2016 stand stark im Trend der Craftisierung der Spirituosen- und Bierwelt. Man bewegte sich etwas weg vom kurz zuvor alles beherrschenden Trend der Premiumisierung – der Unterschied ist größer, als die zwei Beschreibungen es auf den ersten Blick aussagen. Die Premiumisierung litt ganz stark darunter, dass sie sich nicht selten nur durch das Wort „Premium“ auf dem Etikett ausdrückte; der Inhalt der Flasche war meist derselbe, den man auch schon vor 20 Jahren hätte kaufen können. Ich bin sehr positiv davon überrascht, dass die zahlende Kundschaft sich nur in sehr begrenztem Umfang davon einfangen ließ. Das Wort ist nun verbrannt, und für mich persönlich sind Spirituosen, die das Wort „Premium“ auf dem Etikett aufweisen, grundsätzlich eher skeptisch zu betrachten.

Die Craftisierung dagegen zielt auf den Inhalt ab. Bier hat es vorgemacht – der moderne Konsument ist bereit, deutlich mehr Geld für ein Produkt auszugeben, das handwerklich, in kleinen Mengen, ehrlich und mit Leidenschaft hergestellt wird. 5€ für eine Flasche Craftbier sind keine Seltenheit, und es verkauft sich dennoch wie geschnitten Brot. Auch Spirituosen folgen dieser Spur; insbesondere, da es gerade für ungereifte Spirituosen ein Weg ist, sich in eine Nische vorzuarbeiten, die sonst meist nur von langjährig fassgereiften Bränden besetzt wurde. So mancher neuer weißer Rum erreicht diese Nische nun und emanzipiert sich vom Image des Mixers; ehrlicher, echt komplett selbstgebrannter Vodka statt redistilliertem, gezuckertem Industrieneutralalkohol ist ein weiteres Beispiel dafür.

Doch nicht nur die Produkte selbst, auch Onlineshops streben danach, sich zu craftisieren und nicht einfach nur die Standard-Industrieprodukte anzubieten. Startups wie hiddentaste.com spezialisieren sich entsprechend auf ein kleines, individuelles Sortiment und hoffen dadurch, die Klientel an sich zu binden, die sich erst gar nicht durch die Massenprodukte, die es sonst überall gibt, wühlen will um im riesigen Angebot die Perlen zu finden. Eine der Perlen, die man auf diese Weise leichter entdeckt, die sonst vielleicht im Vielklang des inzwischen riesigen und vollkommen unüberblickbaren Gin-Angebots untergehen könnte, ist der Juniper Jack London Dry Gin aus Dresden.

Juniper Jack London Dry Gin Flasche

Was erwartet man von der Farbe eines Gin – nichts, natürlich, und die Flasche versteckt auch nichts davon. Völlig transparent ist er also, dieser London Dry Gin, aber leicht ölig, mit Beinen beim Schwenken im Glas.

Viele moderne Gins lösen sich von der Definition des Gin – einer mit Wacholder aromatisierten Spirituose, und legen andere Geschmäcker in den Vordergrund. Der Juniper Jack dreht den Spieß um, und kehrt zurück zur Wurzel: Hier ist Wacholder die ganz klar dominante Note. Schon beim Eingießen verströmt sich sehr starker Wacholderduft, und zwar nicht nach milden Beerchen, sondern volle Pulle, als hätte man eine Handvoll Wacholderbeeren in der Hand zerdrückt. Im Hintergrund liegen noch Zitrusnoten und milde Kräuteraromen, die allerdings nur die dezenten Backgroundsänger für den Star Wacholder geben.

Der Geschmack ist trocken, kräuterig, darüber hinaus sehr holzig und harzig – sensationell, diese letzterwähnte Komponente liebe ich am Juniper Jack am allermeisten. Wacholder ist natürlich dauerpräsent, auf eine Wacholderbeere zu beißen könnte nicht mehr Aromen abgeben. Kümmel und Orange tauchen deutlich auf. Eine höchstinteressante Eisbonbon-Kühle kippt nach einer Weile um in eine milde Wärme, den 46,5% Alkohol angemessen, und komplettiert damit ein außergewöhnliches Geschmacksbild, das zeigt, dass es nicht immer Dutzende von in Ginsprech „Botanicals“ genannten Kräutern sein müssen – die 10 verwendeten reichen völlig aus.

Der Abgang ist extrem lang, und Eukalyptus, Wacholder, Lavendel, viel Kümmel und etwas Süßholz liegen noch sehr lange im Mund. Man muss allerdings sehr vorsichtig sein, wenn man vor hat, an einem Termin mehrere Spirituosen zu verkosten. Nach diesem Gin hat kaum ein anderer Schnaps noch eine Chance, echt gewürdigt zu werden. Selten kann man das von einem Gin sagen – der Juniper Jack hat soviel Nachhall, dass er alles, was folgt, dominiert, und das locker über eine Stunde und länger. Das Wacholderaroma legt sich selbst über kräftigen Rum; und es ist selbst nach 2 Stunden noch am Gaumen erkennbar. Ich habe gewarnt!

Im Palm Beach zeigt der Juniper Jack, wie schön sich eine so dominante Wacholdernote auch in Cocktails macht. Sie überstrahlt zwar deutlich den Ananassaft und den Wermut, sorgt aber auch für eine hauchig-kräuterige Note in diesem ansonst vielleicht eher süßlichen Cocktail. Eine nahezu ideale Kombination, die lange im Mund hängen bleibt und für den einen oder anderen Aha-Effekt bei Cocktailtrinkern, die sonst mit Gin nicht viel anfangen können, sorgen wird.

Palm Beach


Palm Beach
2½ oz Gin (z.B. Juniper Jack London Dry Gin)
½ oz roter Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)

1 oz Ananassaft
Auf Eis shaken.

[Rezept nach unbekannt]


Das ist nun schon die zweite Flasche, die ich erlebe, die mit einem Glasstöpsel aufwartet. Diese Art von Verschluss hat manchmal das Problem, sich nur schwer öffnen zu lassen; beim Juniper Jack Gin geht der schwarz eingefärbte Glasstopfen aber leicht und ohne Mühe mit einem sanften „Klick“ vom Flaschenhals und ebenso wieder darauf. Auch der Rest des Designs kann sich sehen lassen – eine etwas rundliche, bauchige Flasche mit schwerem, dicken Glasboden und ohne aufgeklebtes Etikett, mit einem leicht jugendstiligen Motiv. Passend zum Motiv ist die Botanicals-Liste in einer Art dramatis personae gehalten: Das gefällt mir als Literaturfreund sehr.

Juniper Jack London Dry Gin Detail

Die Flasche, die mir vorliegt, hat die Identifizierung „Batch L 2, Flasche 1494 von 1736“. Zunächst erfreut es mich außerordentlich, diese Angaben vorzufinden, insbesondere sogar die Flaschennummer. Wer sich über die seltsame Batchgröße von 1736 Flaschen wundert – dies ist nicht willkürlich, sondern passt sich in das umfassende Storykonzept dieses Gins ein, das sich auf einen Protest-Theaterstück-Author bezieht, der 1736 unter dem Pseudonym „Jack Juniper“ gegen den Gin Act 1736 Stimmung machte.

Kommen wir vom durchweg positiven Gesamteindruck zum Zwacken, das als einziger Grund den potenziellen Konsumenten vom Erwerb abhalten könnte – der Preis von rund 50€ für 700ml ist schon eine sehr deftige Hausnummer für eine ungereifte Spirituose. Gin-Aficionados, die das nicht stört, sollten sich den Juniper Jack London Dry Gin unabhängig davon definitiv anschauen, denn er ist schon ungewöhnlich und ganz sicher eine Bereicherung für jede Gin-Heimbar (und auch professionelle Bar); diese Kenner sind wohl auch die Zielgruppe dieses Craft-Schnapses.

Offenlegung: Ich danke hiddentaste.com für die Vermittlung einer kostenlosen Probeflasche dieses Gins, die mir vom Hersteller des Gins, Independent Spirit, zugesandt wurde.

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