Gegen das Reinheitsgebot – Wolfberger Amer Bière Orange

Wieder eine dieser Zutaten, die man hin und wieder in Cocktailrezepten findet, und mit denen man oft erstmal nichts anfangen an. Amer, Amer Picon, Amer Nouvelle, Amer Bière – letztlich ist das alles grob dasselbe: Ein französischer, leichter Bitterapéritif, erinnernd an italienische Amaros, mit Fruchtaromen (hier: Orangen) versehen. Picon ist der vielleicht noch bekannteste Hersteller von Amers in Deutschland.

amer-biere-1Wolfberger ist eine im Saarland sehr bekannte elsässische Kellerei, ansässig in Colmar, die einen recht guten Crémant und ähnliche Schaumweine herstellt – und eben diesen Amer Bière Orange. So genannt, weil ein Haupteinsatzgebiet dieses Bitters aus Orangen, Chinarinde und Enzian die Vermischung mit Bier ist: Ein Aromazusatz, sehr beliebt im Elsass, wo es auch noch weitere Geschmacksrichtungen gibt, zum Beispiel mit Zitrone.

Pur kann man sich diesen französischen Leichtbitter so vorstellen: Nehmen Sie einen Amaro wie Ramazotti, Cynar oder Fernet Branca, und verdünnen Sie ihn 1:1 mit Wasser, geben vielleicht einen Spritzer Orangenbitter dazu. Das kommt ganz gut hin. Eine wirklich leichte, angenehme, auch sehr gut pur trinkbare Spirituose, mit 15% Alkohol auch nicht zu kräftig – mit einem Eiswürfel, oder etwas Sprudel, vielleicht sogar Sekt oder Crémant: hmmm, lecker.

Als Cocktailzutat vergleiche ich ihn auch mit Amaros. Sie kommen gerade nicht an diese Spirituose ran, brauchen einen Ersatz dafür für einen Cocktail? Nehmen Sie meine oben vorgeschlagene Verdünnungsvariante, das gibt einen sehr passablen Ersatz. Doch das Original ist halt immer besser als ein Ersatz, wie man im sehr leckeren Sanctuary sieht.

sanctuary-cocktail


Sanctuary
2 oz Dubonnet Rouge
1 oz Wolfberger Amer Bière Orange
1 oz Triple Sec (z.B. Le Favori)


Nun aber zum Bier-Vermischungstest. Zwei recht unterschiedliche Biere habe ich mir ausgesucht, die mit dem Amer aus dem Hause Wolfberger aromatisiert und dann verkostet werden sollen: Ein bayerisches Hefeweizen und ein saarländisches Pils.

Ein Paulaner Hefeweizen, wie man es aus dem Biergarten kennt, soll der erste Kandidat für den Bierzusatz sein. Schönes ocker, herrliche Schaumkrone, leichter Geschmack – ein Sommergetränk. Ein kräftiger Schuss Amer Bière Orange hinzugegossen, und die Farbe wird einige Stufen dunkler. Der Geruch ändert sich, wird fruchtiger, und man erkennt den Bitterton darin. Der Geschmack schließlich wird doch deutlich verändert – die orangige Fruchtigkeit übernimmt alles, der Biergeschmack ist zwar noch fühlbar, aber klar im Hintergrund und erst im Nachgeschmack kommt er wieder zum Vorschein. Eine leichte Bitternote ganz hinten am Zäpfchen gibt dem sonst eher süßlichen Hefeweizen einen interessanten Touch und fügt etwas Komplexität hinzu.

amer-biere-2Nach diesem ersten Experiment glaube ich allerdings, dass Hefeweizen nicht der ideale Partner für Amer Bière ist – das Weizen ist an sich schon leicht fruchtig und süß, durch den Amer wird das nur noch stärker betont, ist also relativ unspannend. Es gibt einige Fertigmischungen, z.B. von Schöfferhofer, die ein sehr ähnliches Geschmackserlebnis direkt aus der Flasche anbieten. Der nächste Versuch findet daher mit einem Pils statt. Das bevorzugte Pils meiner Region ist Karlsberg Urpils.

amer-karlsberg-1Hier zeigt sich der Charakter der Geschmackswandlung meiner Meinung nach deutlich besser: Die hopfige Bitterkeit des Pils wird gemildert und durch eine weichere Bitterkeit ersetzt. Die Orange kommt sehr schön zum tragen, wird nicht so sehr durch den Eigengeschmack wie beim Hefeweizen überdeckt. Eine Trockenheit am Ende gleicht die süße Fruchtigkeit schön aus. Eine wirklich angenehme Kombination, auch farblich in einem Pariser Rot sehr ansprechend.

amer-karlsberg-2Der klare Gewinner. Das ist was, womit ich meine Kollegen beim nächsten „Bier um Vier“ bei uns überraschen werde – ich bin gespannt auf die Reaktionen der „harten Kerle“, wenns um so einen Zusatz geht.

Als Bierzusatz stellt sich in Zeiten, in denen es Dutzende von vorgemischten aromatisierten Bieren bereits leicht erhältlich gibt, die Frage nach dem Sinn. Für mich ist das leicht zu beantworten – das vorgemischte, standardisierte Zeug ist geschmacklich zwar ähnlich, aber es geht doch irgendwie nichts über das Gefühl des Selbermachens; und man halt statt künstlichen Aromen doch mit dem Wolfberger Amer Bière Orange etwas qualitativ sehr viel hochwertigeres und darüber hinaus traditionelles in der Hand hat – und man seine Lieblingssorte Bier verwenden kann.

Ein Nachtrag – auch wenn diese Sorte Bitter in Deutschland in Vergessenheit geraten ist, im Nachbarland Frankreich sind sie noch sehr beliebt, erkennbar an diesen Schnappschüssen aus einem französischen Supermarkt.

amers-regalamers-regal-2Den Wolfberger dagegen bekommt man auch im saarländischen Globus für 9€ den Liter.

Und noch ein Nachtrag, nach einem Ausflug in die saarländische Kneipenwelt im beliebt-berüchtigten alternativen Nauwieser Viertel. Dort gibt es Amerbier in Kneipen auch auf der Karte, und laut einem diesbezüglich sehr erfahrenen Kollegen ist Amerbier schon immer im Saarland ein beliebtes Mischgetränk gewesen, das sich aufgrund des geschmacklich sehr gut verborgenen Alkoholgehalts hin und wieder als gefährlich erwies…

amerbier-border

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Ein Gedanke zu “Gegen das Reinheitsgebot – Wolfberger Amer Bière Orange

  1. Sehr schöner Beitrag! Egal ob Picon Orange oder Citron oder der Wolfberger Fleur de Bière, etwas herbes paßt meiner Meinung nach auch am besten. Z.B. ein Pils vom Krug aus Breitenlesau oder vom Keiler aus Lohr…

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