Nett hier, aber hatten Sie schonmal Rum aus Baden-Württemberg? Ramero Rum Terra Blanc

Ramero Rum Terra Blanc Titel

Es gibt Momente, in denen man spürt, dass sich etwas verändert. Es ist ein seltsames Gefühl, das sich unangenehm wie auch angenehm äußern kann, in kleinem und großem Maßstab. Ich bin mir im Moment noch nicht sicher über meine Gefühlslage, wenn ich über den Ramero Rum Terra Blanc der Heimat Distillers aus der Nähe von Heilbronn schreibe. Denn hier geht es nicht nur um ein Produkt, das ich verkosten will, sondern darum, an einer sehr besonderen Geschichte teilzuhaben. Der Rum, über den ich heute schreibe, ist der erste seiner Art. Das Basismaterial für ihn ist Zuckerrohrsaft, das aus Zuckerrohr gepresst wurde, das 2025 geerntet wurde. Bei Heilbronn. Also dem Heilbronn in Baden-Württemberg, nicht dem in Südafrika. Und um noch deutlicher zu werden, das Zuckerrohr ist nicht geerntet irgendwo in der Welt und dann gepresst in Baden-Württemberg, sondern dort angebaut. Nein, ich bin mir doch sicher, wie sich das anfühlt – angenehm und großmaßstabig.

Wie geht das? Einerseits ist das natürlich dem Klimawandel zuzuschreiben, in einem Interview vor einer Weile mit Florian Faude, der am Kaiserstuhl sein Obst anbaut, wurde mir schon deutlich, dass heute viel möglich ist, was vor 20 Jahren undenkbar war; Rouven Richter, Marcel Eßlinger und Raphael Heiche, die Köpfe und Hände hinter Heimat Distillers, bringen nun noch den Pioniergeist mit, den es braucht für so einen Versuch, und die Unterstützung der Universität Hohenheim. Das Zuckerrohr wird in zwei Szenarien gezogen – eine Hang-Weinberglage, bei der man natürlich die alte Winzererfahrung und das für Weltniveau-Weine geeignete Terroir nutzen kann. Dazu kommen Gewächshäuser in Tunnelform, die helfen, Temperaturschwankungen zu vermeiden und dem Zuckerrohr eine durchgängig konstant Umgebung zu bieten. Keine Hexerei, wie man sieht – es musste aber halt jemand mal die Energie und Ausdauer aufbringen dafür. Man könnte natürlich noch viel Theoretisches schreiben über so einen Versuch, doch mein unbremsbarer Impuls geht ohne Frage erstmal dahin, mir einen Schluck aus der auf 500 Flaschen limitierten Abfüllung einzugießen und herauszufinden, wie das schmecken mag.

Ramero Rum Terra Blanc

Die Flüssigkeit ist vollkommen transparent und ohne jeden Einschluss, und erkennbar viskos, durchaus schon ölig, bleibt aber lebendig. Beim Drehen des Glases bildet sich eine breite Kante, die einen Film speist. Ultradicke Tropfen bilden sich daraus, die sehr träge ablaufen, hin und wieder fast stehenbleiben zu scheinen.

Ich gehe hier bewusst ohne Erwartungen in die Verkostung und halte die Nase gespannt ans Glas, aber eigentlich hat man die ersten Düfte schon beim Eingießen weit übers Glas hinaus im Riechkolben. Erstmal nehme ich ganz viel Minze wahr, frisch zwischen den Fingern zerdrückt, die Spitzen werden durch ein tieferes Mandelaroma ausgeglichen. Eine anisartige Seite erscheint, aber vorsichtig, vielleicht doch eher Fenchel. Kamille ist sehr präsent, mit einem herberen Beiton von Beifuß, diese Eindrücke bilden einen herbalen, grasigen Aspekt, der sich sehr fein mit einem ausgeprägten Zuckerrohrsaft-Aroma kombiniert. Frucht entsteht auch aus letzterem, unreife Guave, Mango und Aprikose. Ein alkoholischer Hauch schwebt über dem ganzen, aber nie stechend oder auch nur pieksend, mehr etwas erwachsene Komplexität unterstützend.

Ramero Rum Terra Blanc Glas

Mag man in manchen Momenten bei der Geruchsprobe noch denken, ja, das erinnert schon sehr stark an einen rhum agricole aus der französischen Karibik, so ist dieser Eindruck beim Geschmack fast komplett weggewischt. Sofort erkennt man, dass der Terra Blanc etwas komplett eigenständiges, anderes, ist. Erstmal finde ich ausgeprägte Pfefferaromen und Pfefferwürze, eine exotische Varietät, vielleicht Kampotpfeffer. Etwas medizinal erscheint der Rum, Noten von Wachs und Harz gefallen durch ihre Ungewohntheit. Ausgesprochen salzig ist er, dies bildet die Basis für die große Textur, ölig, kauig, fett, das liegt extrem breit und tief im Mund, und erzeugt trotz der fehlenden Fassreifung einen sehr reifen und ausgewogenen Eindruck. Estragon und Minztee greifen Noten aus dem Duft auf, und die Kamille drängt sich ganz stark nach vorne, und bleibt auch im Nachklang lange erhalten. Eine kräftige, aber würzige Süße wie die von weißem Kandis begleitet uns, im Abgang übernimmt dann eine wilde Bittere, zusammen mit weicher, gesüßter Lakritz, wie die von Haribo-Schnecken.

Es ist beim Ramero Rum Terra Blanc wirklich nicht nur eine Marketing-Idee oder ein Gimmick – dieser Rum hat ein eigenständiges Profil, das ihn echt klar von allen anderen Zuckerrohrsaft-Rums, die ich kenne, abgrenzt. Und gleichzeitig ist eine Qualität in ihm spürbar, die ihn über manche Konkurrenz hinaushebt. Ein ganz besonderes Erlebnis, und zwar nicht nur aus der Besonderheit der Herstellung heraus, sondern intrinsisch. Davon können sich manche Brenner in traditionellen Gebieten was abschauen.


Es ist bestimmt spannend, den Terra Blanc in einem Rezept einzusetzen, das nach rhum agricole verlangt; rein um zu sehen, wie sich das veränderte Profil darstellt. Ich wähle den The Isle of Pure Imagination, weil ich mir vorstellen kann, dass der Rum gerade in Tiki-Drinks besonders zum Leuchten kommt. Und ich habe mich nicht getäuscht, selbst in einem so vielzutatigen Rezept zeigt er seine Identität. Deutsches Tiki? Vielleicht eine Marktlücke.

The Isle of Pure Imagination Cocktail

The Isle of Pure Imagination
1oz / 30ml ungereifter Rhum agricole
1oz / 30ml Kokosnusslikör
½oz / 15ml gereifter Jamaica-Rum
¾oz / 23ml Orgeat
¾oz / 23ml Limettensaft
¾oz / 23ml Ananassaft
5 Spritzer Chocolate Bitters
Auf crushed ice shaken, mit crushed ice auffüllen.
Mit ein paar Spritzern Peychaud’s Bitters toppen.

[Rezept nach Brian Maxwell]


Eine flache, aber schwungvoll gestaltete, individuelle Flasche passt zur Idee des Rums, ein Kunststoffkorken verschließt sie. Das Etikett zeigt, seltsamerweise, eben nicht die Heimat, aus der der Rum stammt, sondern Palmen und eine Plantage mit Hochnebel und einem roten Riesenmond; das sieht eher nach der klassischen Rumumgebung aus, vielleicht überlegt man sich für einen zweiten Batch eine Illustration, die süddeutscher wirkt.

Ramero Rum Sample 2025

Zusätzlich zu der Flasche hatten mir Heimat Distillers lange davor ein Sample eines Vorabbatches aus dem Februar 2025 geschickt, das einen anderen Alkoholgehalt aufweist, aber auch schon mit dem deutschen Zuckerrohr gebrannt ist.

Die Nase ist dort etwas anders, noch etwas erdiger, mit einer leicht blumigen Beinote, dafür erkennbar weniger aromatisch. Auch geschmacklich ist ein Unterschied spürbar, das Februar-Sample ist ebenso erdiger, hat dazu eine gewisse Seifigkeit bei sich; der Alkohol wirkt härter und schärfer, der Nachklang kürzer. Im Direktvergleich spürt man sofort, dass man sich bei Heimat Distillers diesbezüglich zum Endprodukt noch wirklich weiterentwickelt hat, der fertige Terra Blanc ist ein viel runderes, effektiveres, in toto einfach besseres Produkt. Es ist trotzdem spannend, die Wurzeln dieses Rums nachzuverfolgen, und wie hier eine wirkliche Evolution stattgefunden hat, der Terra Blanc ist ganz offensichtlich nicht einfach so perfekt aus der Distille gelaufen, man hat daran gewerkelt.


Ich weiß nicht, warum die Veröffentlichung dieses Rums nicht riesige Wellen weltweit geschlagen hat; für mich läutet er eine Zeitenwende ein. Wir reden hier nicht mehr nur über das Handwerk des Rumbrennens, dass auch hierzulande aus importiertem Material qualitativ gute Rums gemacht werden können. Nein, hier ist eine Veränderung schon viel früher und tiefgreifender erfolgt – nicht einfach nur ein neuer Brand ist nun hierzulande verfügbar, sondern ein komplett neues Basismaterial. Man könnte auch sagen: mit dem Rum Ramero Terra Blanc ist Rum zum ersten Mal tatsächlich und vollständig in Deutschland angekommen. Die Tragweite sollte man nicht unterschätzen.

P.S. Wer die aktuelle Ernte 2025 verpasst hat, kann die 2026er-Ausgabe schonmal vorbestellen!

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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