Über die letzten Jahre haben die Leser meines Blogs sicher miterlebt, dass man nicht unbedingt in ferne Länder schweifen muss, um exotische Spirituosen zu finden; da reicht hin und wieder der Blick um die Ecke. Dennoch ist es eine der schönsten, luxuriösesten Seiten dieses Hobbys, dass man sozusagen als Armchair Explorer die Welt in einem einzelnen Glas umreisen kann, ganz ohne den Stress der tatsächlichen Reise, die exotischen Düfte und Geschmäcker genießend, schwelgend in der geheimnisvollen Kultur des Orients. Ach, ich merke, ich exotisiere und romantisiere, aber es fällt auch leicht, wenn man was Gutes im Glas hat – wie den Suntory Kanáde Matcha, der den ganz unbescheidenen Untertitel „The Japanese Craft Liqueur“ trägt.
Es handelt sich dabei um einen Likör aus der Yamazaki-Destillerie in Osaka, der mit hochwertigem steingemahlenem Matcha hergestellt wird, dazu mit Gyokuro-Teeblättern aus Uji in der Region von Kyoto. Beide werden in Alkohol mazeriert und dadurch die natürlichen Aromen aus dem Tee extrahiert, das ganze dann nochmals destilliert und zu einem Likör mit 25% Alkoholgehalt verarbeitet. Der Name deutet auf das Selbstverständnis hin – keine belanglose Massenware, sondern ein Kunstwerk ist intendiert. 奏でる (kanaderu) ist die Tätigkeit, ein Musikinstrument zu spielen, und wird seit den 70er Jahren auch als Name in Japan verwendet, sowohl für Mädchen als auch für Jungen. Lassen wir mal den Likör erklingen, im Verkostungsglas, und schauen, ob uns die Melodie gefällt.
Farblich sieht er erstmal komplett schwarz und blickdicht aus. Nur an den Rändern sieht man eine kräftige, moosgrüne Farbe aufblitzen, die deutlicher wird, wenn man das Glas ein bisschen dreht. Bei einem Likör erwarte ich eine gewisse Viskosität, und ich finde sie hier auch ohne suchen zu müssen; der entstehende Film färbt die Glaswand für einen Sekundenbruchteil auch grün.
Die Nase des Kanáde Matcha fühlt sich ähnlich dunkel an wie der optische Eindruck. Schnell riecht man den grünen Tee, sehr aromatisch ausgeprägt und dicht, leichte Beinoten von Heu, Kandis und ein bisschen balsamischem, grünem Aromaholz. Sehr frisch, trotz all der Dunkelheit, mit einem Hauch von Bergamotte und Brombeere. Nicht extrem intensiv, aber charaktervoll und besonders, etwas, an dem man gerne schnuppert.


Die Textur ist sehr angenehm, voll und breit, getragen von sehr schwerer, aber nicht klebriger Süße. Das initiale Mundgefühl gefällt mir sehr, es wirkt ausfüllend und dicht, und bleibt am Gaumen haften bis lange nach dem Abgang. Der erste Eindruck ist der von braunem Kandiszucker, langsam entwickelt sich der Tee, süß und grün, und dieser Verlauf geht immer weiter, bis zum Nachhall, in dem die heuige Seite mit klar ausgeprägtem Grüntee voll und prächtig lange dasteht. Eine milde Pikanz kommt dazu, die die Zunge ganz vorsichtig ankribbelt, und die Süße wird gegen Ende immer mehr durch effektive Bittere und einen Hauch von ausgleichender Säure begleitet. Ein wirklich schönes Geschmackserlebnis, bei dem Tee immer mehr aufblüht; die Melodie ist wirklich schön.
Liköre haben oft das Problem, dass die Süße alles plattmacht und Aromen oberflächlich gehalten werden, ohne Tiefe zu entwickeln und schnell wieder abbauen. Beim Kanáde Matcha ist das anders, sogar gegenteilig, der entwickelt sich im Verlauf und wird immer schöner. Ein ausgesprochen eleganter und unterhaltsamer Likör!
Ich hatte mich im Herbst mit meiner Freundin Amy Bartholomeusz aus Australien unterhalten, die dort mit ihrer Firma The Kokoro World japanische Spirituosen importiert und vertreibt, und wir kamen auf das Thema Matcha-Liköre. Sie erzählte mir, dass gerade ein Sturm über Melbourne hinwegfegt, und da packte mich die Inspiration zum Melbourne Thunderstorm. Kein komplexes Rezept, aber so unerwartet schmackhaft, dass ich mich nicht schäme, es hier als Referenzmixtur für den Suntory Kanade Matcha zu offerieren.
Melbourne Thunderstorm
½oz / 15ml Matcha-Likör
1oz / 30ml Dry Gin
2oz / 60ml Tonic Water
Auf Eis bauen.
[Rezept nach Helmut Barro]
Hervorragend gefällt mir natürlich die Produktpräsentation, die in einem unnachahmlich japanischen Stil gleichzeitig dezent und opulent wirkt, mit dem Shippo-Muster mit den sich überlagernden Kreisen und dem Etikett aus Washi-Papier. Man schaut die Flasche einfach gern an, und die Materialien gefallen in Gestaltung und Qualität, bis hin zum Plastikschraubverschluss, der praktisch ist und nicht nach unten ausbricht, was den optischen Eindruck angeht.
Der Bedarf für Matcha-Likör ist gewiss in jeder Hausbar eher übersichtlich, das gebe ich gerne zu – doch sieht man sich den Suntory Kanade einfach unter dem Aspekt der Produktqualität und der Schmackhaftigkeit an, und weniger unter dem Aspekt der Exotik der Basismaterialien und der Präsentation, so passt der eigentlich zu jedem. Wer etwas Besonderes zuhause haben will, das aber nicht nur rumstehen sondern tatsächlich gern getrunken werden wird, ist hier richtig.

