Reh im Schnaps – Flor Del Desierto Carnei Sotol Artesanal

Flor Del Desierto Carnei Sotol Artesanal Titel

Meine Tour de Sotol geht weiter: Nachdem ich neben ein paar Samples vor einer Weile schon den Los Magos Sotol vorgestellt hatte, folgt nun der nächste der Sotols, dazu einer, der mich besonders beeindruckt hat: der Flor Del Desierto. Es passiert mir selten, dass ich von einer spiritistischen Reise kaum eine Flasche mit zurück bringe, doch während México Selection by CMB 2025 in Chihuahua waren die Zeitfenster für Shopping dermaßen knapp bemessen, dass ich es nicht hinbekommen habe, wirklich viel Sotol mitzubringen. Ich war unendlich froh, in einem Shop in Spanien den Flor Del Desierto Carnei Sotol Artesanal zu finden, denn während der normale Flor Del Desierto bereits ein hervorragendes Produkt ist, so hat man mit einem Brand mit Fleischeinsatz bei der Herstellung doch immer noch einen Tick mehr Exotik im Glas! Ich liebe Pechugas aller Arten, und der Carnei mit seinem Wildfleisch reizt mich eben ganz besonders. Ja, richtig gelesen, Wild!

Der Maestro Sotolero, wie man den Brenner in Chihuahua nennt, ist José „Chito“ Fernandez Flores, und er steuert den aufwändigen und in den meisten Schritten noch komplett in manueller Arbeit geführten Prozess. Die wild wachsenden Dasylirion Wheeleri werden im Alter von 18 bis 22 Jahren geerntet, in niedrigen Erdgrubenöfen, befeuert mit Weiden- und Eichenholz, gekocht, und dann manuell zunächst mit Äxten, danach mit Macheten zerkleinert. Die daraus entstehende Maische kommt in unterirdische Fässer mit 1000L Fassungsvermögen aus Pinienholz, wo die Gärung mit wilden Hefen in 7 bis 9 Tagen vonstatten geht. Für die dreifache Destillation kommt eine hybride Holz-Kupfer-Brennblase zum Einsatz, in die für den Carnei bei der dritten Destillation im Pechuga-Stil ein Korb mit Rehfleisch, Walnüssen, Früchten und Sternanis gehängt wird. Rund 200 Flaschen kommen in einem solchen normalen Durchlauf zustande, die auf 52% Alkoholgehalt eingestellt dann abgefüllt werden. Flor Del Desierto ist stolz darauf, diese handwerklichen und biologischen Traditionen fortzuführen, weswegen der Sotol die Klassifizierung „Artesanal“ erhält. Man trinkt so einen Carnei zu festlichen Gelegenheiten wie Hochzeiten, Geburtstagen oder auch Begräbnissen – für mich ist es schon ein besonderes Erlebnis, überhaupt so eine Flasche dann zuhause zu haben, zu öffnen und zusammen mit meinen Lesern zu verkosten.

Flor Del Desierto Carnei Sotol Artesanal

Natürlich ist die Flüssigkeit komplett transparent und glasklar, und darum habe ich keine Schwierigkeiten damit, statt dem sonst üblichen Verkostungsglas einfach mal das kleine Keramik-Caballito zu verwenden, das ich aus Mexiko mitgebracht hatte. Man sieht darin nicht die Viskosität, darum erwähne ich es separat, dass sich in einem Glas eine sehr ansprechende Öligkeit zeigt, der Carnei bewegt sich schwer, und hinterlässt einen adrigen Film an der Glaswand.

Die Nase ist sehr direkt und prägnant, mit einer richtig klaren Linie, die die Pflanzlichkeit in den Vordergrund stellt. Grüne Schnittpflanzen, Geranienblätter und Aloe sind im Vordergrund, dazu kommt eine sich wunderbar in diese grüne Bild einpassende Fruchtigkeit mit unreifer Aprikose, Stachelbeere und etwas Limettenzeste, dazu etwas Honig. Moschus ist in Anflügen da, und eine minimalste Blütigkeit, die zwischen Lavendel und Orchidee wabert. Man findet aber auch einen überraschend starken Aspekt von aromatischem Holz, Zeder- und Sandelholz, ohne dass es wirklich holzig wird, mit einem Touch Sumatra-Tabak, und zu guter letzt sogar noch etwas Krautiges, das an Basilikum erinnert. Hochkomplex, dabei frisch und frech, und sich beständig wandelnd.

Flor Del Desierto Carnei Sotol Artesanal Glas

Am Gaumen setzt sich diese Komplexität und Wandelbarkeit ohne Umschweife fort. Ist der Antrunk noch eher starkgrün, in Ansätzen fast schon gemüsig-dicht mit Anklängen von Avocado, dreht sich der Flor Del Desierto Carnei im Verlauf um fast 180 Grad und zeigt sich dann trocken, frisch und extrem mineralisch, mit vielen Trockenkräutern und pflanzlichen und wurzeligen Bestandteilen. Enzianwurzel ist da, Angelica, Kardamom und Koriandersamen, Oregano, Salbei und Muskatnuss spielen mit, dazu Sternanis. Das Aromaholz erscheint passend dazu stark. Man könnte zwischendurch meinen, man hat Gin im Mund, doch dann kommt im langen, würzig-warmen Nachhall wieder voll das Grüne hervor, diesmal aber klarer und linearer als im Antrunk, hier schlägt voll das Basismaterial zu und die Sotol-Pflanze klingt dann herrlich stringent und eindeutig definiert. Das Mundgefühl ist durchgängig angenehm, trocken und strukturiert, mineralisch und klar, warm und ohne Astringenz. Fleisch sucht man vielleicht anhand der Herstellungsmethode, das ist aber unnötig, es dient mehr der Verbindung und Abrundung der Aromen, und das tut es richtig gut, und geht aromatisch in der Würzigkeit perfekt auf.

Wer sollte sich den Flor Del Desierto Carnei Sotol anschauen? Jeder, der ein Faible für typische mexikanische Spirituosen und deren Typizität hat, aber auch jeder, der einfach grandios komplexe und trotzdem hochgradig trinkige Brände mag. Hier sieht man perfektionierte Handwerkskunst, eingebettet in eine alte Tradition und dadurch erhaltene Bodenständigkeit. Ein herausragender Brand innerhalb der Sotol-Kategorie, aber auch innerhalb des mexikanischen Umfelds, und für mich persönlich dann auch global gesehen.


Sicherlich gehört der Barbacoa mit zum Abenteuerlichsten, was ich bisher in einem Cocktailglas hatte. Vom Rezept her klingt das irre, doch was bei diesem Drink am Gaumen abgeht, ist schon beeindruckend. Rauchige Noten von der Chipotle, würzige von der Adobo-Sauce, knackige Frische von der Paprika, zestige Säure von der Limette, Schärfe vom Ingwer, Süße vom Agavendicksaft; und dann die klare Kante und die herrliche Struktur vom Flor Del Desierto Carnei. Das muss man erlebt haben. Das Trockenfleisch hier ist ein Stück Carne Seca aus Chihuahua, das weniger gewürzt und herber ist als zum Beispiel ein Beef Jerky (dazu weiter unten mehr).

Barbacoa Cocktail

Barbacoa
3 Limettenecken
3 Stücke grüne Paprika
1 ganze Chipotle in Adobo-Sauce
Alles im Shaker muddeln.
2oz / 60ml Pechuga Mezcal/Sotol
¾oz / 23ml Agavendicksaft
½oz / 15ml Zitronensaft
½oz / 15ml Ingwersirup
Auf Eis shaken. Dirty dump in ein Glas.

Mit einem Stück Trockenfleisch dekorieren.
[Rezept nach Julian Cox]


Die Flasche des Flor Del Desierto selbst ist hoch und schlank, das passt irgendwie zum Inhalt. Das Etikett ist aufwändig gestaltet, mit dieser hochikonischen Schlange, die den Kopf aus einem Pflanzenbusch streckt, mit darunterliegenden indigenen abstrakten Dekorationen. Das Vorder- und das Rücketikett enthalten soviele Informationen, wie es andere Spirituosen nichtmal auf 100 Hochglanz-PDF-Seiten zu vermitteln vermögen, das rechne ich den Herstellern sehr hoch an, vor allem, weil es wirklich viel zu wissen gibt. Für die unterschiedlichen Sorten gibt es unterschiedliche Etikettengrundfarben; braun für den Carnei, weiß für den Standard, schwarz für den Cascabel und so weiter.

Apropos Hersteller – ich habe sowohl Sergio Gonzáles in Jalisco als auch Yaremi Navar in Chihuahua kennenlernen dürfen, beide sind sehr rührige Botschafter für ihren Brand, und haben immer mindestens eine Flasche davon im Gepäck und gute Gespräche dazu. Was nicht schwer fällt, wenn man irgendwann dann anfängt, Sotol aus dem Weinglas zu trinken.

Wie versprochen nun noch ein Wort zu Carne Seca, ich denke, das passt bei einem Artikel über eine Spirituose mit Fleischeinlage ganz gut. Es ist eine Art Trockenfleisch vom Rind, grundsätzlich ähnlich wie das hierzulande recht bekannte Beef Jerky. Der Unterschied ist aber, dass das mexikanische Carne Seca in hauchdünne Scheiben geschnitten wird, durch die man in manchen Varianten fast durchschauen kann. Es ist auch nicht so weich und gummiartig wie viele Beef Jerkys, sondern hart und knusprig, man muss ordentlich drauf rumkauen, um es genießen zu können. Dazu ist es anders gewürzt – gefühl eigentlich nur mit Salz, der reine Rindfleischgeschmack kommt dadurch wirklich schön zur Geltung. Ich habe vier unterschiedliche Sorten aus Chihuahua kennengelernt, und da das Zeug ewig haltbar ist (das war auch der ursprüngliche Gedanke hinter dieser Art Zubereitung), hat man auch lange daran.

Zurück nochmal zum Sotol. Es gibt unterschiedliche Sorten, wie schon angesprochen, und das „Standardprodukt“ mit weißem Etikett ist in Deutschland gut erhältlich, der wird irgendwie seinen Weg zu mir auch noch finden und ich werde darüber schreiben. Ich werde darüber hinaus alles daran setzen, den Flor Del Desierto Cascabel (der mit Klapperschlangengift hergestellt wird) oder auch den Veneno, der Schlangengift und Fassreifung kombiniert, zu mir zu bekommen; diese sind schwerer erhältlich, da der Export dieser Sorten grundsätzlich sehr viel schwieriger ist, aus nachvollziehbaren Gründen. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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