Dass die Farbe einer Spirituose eigentlich nichts über ihre Herstellung und ihre Qualität aussagt, sollte inzwischen bei meinen Lesern eine bekannte Tatsache sein, darüber habe ich schon oft geschrieben. Es ist aber weiterhin schwer, die Begriffe „weiß“ und „braun“ komplett zu ignorieren, vor allem, wenn die Hersteller sie weiterhin auf die Flaschen schreiben, manchmal auch als „gold“ oder „dark“. Ich verstehe das natürlich, in manchen Szenarien ist das Wort „ungereift“ einfach zu holprig, und manchmal ist ein „weißer“ Rum auch gar nicht ungereift, sondern nur gefiltert, man sieht, es ist weiterhin Mitdenken gefordert, wenn man Schnaps kauft. Wie komme ich zu diesem Thema? Im Namen des Saint Aubin 1819 Rhum Blanc Coeur de Chauffe findet man so ein Wort prominent im Namen, natürlich französisch, und auf dem Flaschenhals auch in englischer Form.
Es ist aber ehrlich gesagt noch das am wenigsten erklärungsbedürftige bei der Flasche, aber dazu bin ich ja da. Mit „coeur de chauffe“ bezeichnet man in französischen eigentlich das „Herzstück“ der Destillation, in Abgrenzung zu Vor- und Nachläufen; bei Rum ist es oft so, dass mit diesen eigentlich unerwünschten Destillationsteilen durchaus großzügiger umgegangen wird, hier schränkt man sich diesbezüglich also explizit ein. Die Wortkombination ist ein geläufiger Begriff, der frankophil veranlagte Rumgenießer wird sie auch anderweitig bei Rums aus entsprechenden Weltregionen gelesen haben. Auf dem Rücketikett wird es dann spannend, denn dort liest man, dass es sich hier um einen „rhum agricole“ handelt, diese Bezeichnung ist aber in Anführungszeichen gesetzt, denn Mauritius ist nicht in der kleinen Liste der Gebiete, die diese Bezeichnung für Zuckerrohrsaftrum im Gültigkeitsbereich der EU-Spirituosenverordnung verwenden darf – schließlich ist Mauritius kein französisches Überseedépartement, auch wenn man das aufgrund der Sprache dort vielleicht vermuten mag. Hergestellt wird er jedenfalls trotzdem natürlich ähnlich, der frische Saft wird vergoren und dann in einer Potstill gebrannt und kommt schließlich mit 50% Alkoholgehalt in die Flasche.
Ungereift, ungefärbt, wie er aus der Destille läuft – so ein Rum hat eine besondere optische Qualität, das wirkt irgendwie sogar klarer als Wasser. Dazu kommt aber diese schwere Öligkeit, mit der er im Glas hin- und herschwappt, hohe Wellen wirft und dann schnell aber wieder in den Ruhezustand zurückgeht und die herablaufenden Beinchen aufnimmt.
Eine intensive Nase begrüßt uns, mit wuchtigen Zuckerrohrsaft-Aromen, ungefiltert und ohne Zurückhaltung. Da gibt es nicht viele Nebentöne, hier kriegt man die geballte Dichte des frisch gepressten Safts in seiner konzentrierten Form. Das wirkt natürlich erkennbar pflanzlich, mit Komponenten von grünem Blattschnitt, feuchtem Heu und ein paar Noten von weißen Blüten, hat dazu auch unterschwellige Gewürze in sich gefangen, Kardamom, Süßholz und etwas von Kampot-Pfeffer. Insgesamt bleibt der Duft aber klar und hell, sehr aufs Zuckerrohr fokussiert, frisch und trotzdem mit viel Volumen versehen.
Die Textur spiegelt am Gaumen, was das Auge schon gesehen hat, eine kräftige Viskosität, die sich gemächlich über den ganzen Mundraum ausbreitet, man kann mitfühlen, wie das langsam passiert. Eine natürliche, dichte Süße begleitet das vom Antrunk an, sie ist erkennbar aromatisch noch vom Zuckerrohrsaft beeinflusst mit all seinen bereits erwähnten, grünlich-pflanzlich-gewürzlichen Aspekten. Der Alkoholgehalt von 50% ist in keiner Phase negativ spürbar, im Gegenteil, durch ihn entwickelt der Saint Aubin Coeur de Chauffe viel Kraft und Dichte und trägt damit die Aromen. Im Verlauf wird er leicht pikant, in einer Mischung aus weißem Pfeffer und ganz sanftem Chili, bleibt dabei aber rund und ohne Pieksen. Etwas Aquariumalgen und -kies findet sich, eine durchaus ausgeprägte mineralische Seite entsteht, danach kommen balsamische Noten von Eukalyptus und Sandelholz zum Vorschein, die ein heißkaltes Gefühl am Gaumen entstehen lassen, das lange anhält. Im Nachklang ist der Rum effektvoll, brummend, ausdauernd und lässt ein warmes, würziges Gefühl zurück.
Das funktioniert wirklich gut, der Rum fühlt sich für mich wie eine Kreuzung aus einer frischen Cachaça und einem schweren Agricole an, jedenfalls ist es toll, wie wunderbar der Alkohol hier eingebettet ist und auf ihm die Aromen aufbauen. Purtrinken ohne Frage möglich, im Cocktail natürlich eine Granate.
Das Ding hat Gewicht, und kann sich darum sehr gut in Rezepturen wiederfinden, die eine gewisse Aktivität ihrer Basiszutaten vertragen können. Ein Beispiel dafür ist sicher der Song of the Siren, bei dem sich die Zuckerrohraromen mit Agave und Frucht kombinieren sollen. Man verzeihe mir die Wahl des Trinkgefäßes, aber irgendwie finde ich solche Dinge sehr anziehend, und es macht Spaß, die Gäste zu sehen, wenn man einen Cocktail in so etwas serviert.
Song of the Siren
1oz / 30ml ungereifter Rhum agricole
½oz / 15ml Mezcal
½oz / 15ml Crème de Cacao
½oz / 15ml Ananassaft
½oz / 15ml Limettensaft
Auf Eis shaken. Dirty dump in eine Tiki Mug. Mit pebbled ice toppen, und…
¼oz / 7ml Amaro
floaten. Mit geriebener Muskatnuss servieren.
[Rezept nach Shannon Mustipher]
Die Flasche passt zum Inhalt, da sind keine Schnörkel oder verspielte Details zu finden, ein klare Form, mit einem Plastikkorken und Holzstöpsel darauf, und leicht elegante Etiketten, die dem Auge gefallen.
Ich habe zuhause schon seit ewigen Zeiten eine Flasche des Saint Aubin History Collection stehen, die ich nun vielleicht zeitnah noch öffnen sollte, um eine gereifte Variante des Rumbrenners aus dem indischen Ozean zum Vergleich heranzuziehen. Der „weiße“ ist jedenfalls so charaktervoll, dass eine Fassreifung aus ihm sicherlich etwas spannendes und unterhaltsames erzeugen wird; jedenfalls nichts, was man einfach so nebenbei trinkt, da bin ich mir jetzt schon sicher. Die neue leichte Verfügbarkeit von Rums aus Mauritius ist jedenfalls ein Segen für die deutsche Rumlandschaft, es wird Zeit, dass die kleine Insel hierzulande diesbezüglich bekannter wird, und nicht nur als Urlaubstraumziel.
Offenlegung: Ich danke FFL -RUM Brands- für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Rums.


