Spirituosen mit Zutaten zu versehen ist etwas in Verruf gekommen, seit industrielle Hersteller diese hauptsächlich dafür genutzt haben, sehr mäßige aromatisierte Spirit Drinks auf den Markt zu werfen; insbesondere Spiced Rum hat sich damit hervorgetan. Nicht, dass hier wirklich edle Gewürze und Früchte in handwerklich mühseliger Arbeit mazeriert wurden, nein, man nimmt die billigeren und aufwändigeren Extrakte und Aromastoffe, am Ende, so denkt man sich, kann der ahnungslose Konsument das eh nicht wirklich voneinander unterscheiden. Ich habe eine Nachricht für diese Art Produzenten: Doch, der Kunde kann das. Ich persönlich bin, so verrückt das für den klingt, der meine Geschichte bezüglich Zusatzstoffen in Spirituosen kennt, zu einem großen Fan richtig gut gemachten Spiced Rums geworden, und weiß zu schätzen, wenn auch in anderen Kategorien gut gemachte Zusammenstellungen von regionalen Pflanzenbestandteilen eingesetzt werden.
Der Los Muertos Mexican Dry Gin wird mit „botánicos ancestrales“, also Pflanzen, die man schon von den Ahnen her kennt, angesetzt – dabei handelt es sich um so durchaus exotische Dinge wie Avocadoblätter, Cempasúchil-Blumen, Tecomán-Limetten, Poblano-Chilis, Koriandersamen und über Rauch getrocknete Jalapeños. Man hält sich in Tlaquepaque in Jalisco scheinbar an recht regionale Zutaten, das ist etwas, was ich zu schätzen weiß, auch wenn ich ein paar davon noch nie zuvor gehört, geschweige denn je probiert hätte, das ist aber auch nicht erwartbar, denke ich. Die Cempasúchil-Blumen kennt man aber wahrscheinlich vom Sehen, denn sie wird in nachgemachter Form aus Draht und Papier gerne als Deko benutzt; insbesondere für Feiern am Día de los Muertos, was ja zum vorliegenden Gin irgendwie gut passt. Die Destillation jenes erfolgt jedenfalls mit einer Potstill, die Maestro Destilador Bernardo González bedient, der den Brand auch am Ende auf 43% Alkoholgehalt einstellt.
Kristallklar, ohne Fehler, ohne auch den Anflug einer Tönung landet der Gin im Glas. Angenehm zeigt sich die Viskosität, die beim Schwenken erstmal einen durchgängigen Film an der Glaswand hinterlässt, der dann in einzelne, schmale Beinchen aufgeteilt abläuft. Vereinzelt bleiben auch kleine Tropfen hängen und vereinigen sich erst später für den gemeinsamen Abstieg.
Erstmal Entwarnung gibt die Nase – auch wenn Wacholder nicht explizit aufgezählt wird, ist er dennoch die dominierende Komponente der Botanicals, so deutlich, dass er schon beim Schwenken des Glases wahrnehmbar ist, ohne dass man das Näschen ins Gläschen halten muss. Tut man letzteres dann, finden sich die traditionellen Pflanzenbestandteile, zunächst wirklich diese schwerfruchtige, grünrote Seite einer fetten, frisch aufgeschnitten Jalapeño oder Poblano, leichte Zitrustöne der Limette, die leicht seifigen Aspekte des Korianders, und ganz spät auch ein Hauch von Floralität. Man erkennt spätestens nun, dass es sich nicht um einen klassischen Gin handelt, diese Chilifrucht mit einem Touch von Rauch ist schon überhandnehmend, aber gar nicht unangenehm, mir gefällt das sehr, einfach weil ich auch gern Chilis in unterschiedlichen Formen esse.
Die schon vom Auge entdeckte Öligkeit ist auch der erste Eindruck, den der Mund spürt, da ist eine fette Textur und viel Breite, die sich weich an den Gaumen legt und sich verbreitet. Ganz dezent ist da auch gleich etwas Süße, die viel einer eventuellen Bitterattacke auffangen kann. Wacholder und eine schwer zu greifende Fruchtigkeit erscheinen, letztere ist wahrscheinlich aus der Kombination von Limette und Chili zu erklären. Schön kräuterig, ohne wirklich superexotisch zu wirken, die mexikanischen Botanicals integrieren sich gut mit dem Wacholder. Im Verlauf beginnen Alkohol und Chili dann ein leichtes Prickeln auf die Zunge zu bringen, und im Abgang läuft der Los Muertos Mexican Dry Gin dann mit viel feinherbem Feuer spürbar den Rachen hinunter, hinterlässt dabei ein freches Kribbeln, das mit Rauchchili-Aromen versetzt ist, ohne aber scharf zu brennen. Zum Schluss klingt ganz vorsichtig eine Blumennote nach, ohne die grünen pflanzlichen Seiten zu verdrängen.
Mir gefällt, wie klug und mit handwerklich geschickter Hand hier die Aromen der doch starken Zutaten zusammengesetzt und ineinander verwoben sind, ein buntes Bild, das durchaus dem gerecht wird, was man marketingtechnisch hier anpreist – das fühlt sich wirklich wie ein Gin aus Mexiko an, mit ungewöhnlichem Geschmack, sich aber dennoch nicht zu weit von der Vorstellung eines klassischen Gin entfernend.
Der Gin hat jedenfalls sicher die Kraft und den Charakter, sich auch im Zusammenspiel mit Zutaten behaupten zu können, die sonst vielleicht einen zarten Gin überdecken würden. Enzian und Melonenlikör, zum Beispiel, im Electric Circus. Jedenfalls finde ich, dass sich in diesem Drink zusammen mit dem Los Muertos viel ergänzt; da geht definitiv was ab im Mund!
Electric Circus
¾oz / 23ml Dry Gin
¾oz / 23ml grüner Melonenlikör
¾oz / 23ml Zitronensaft
¾oz / 23ml Enzian
1 Spritzer Bitters
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Chall Gray]
Die Flasche ist eine standardisierte, hätte ich mal gesagt, tonnenförmig und ohne große Spielerei. Das hat man sich fürs Etikett aufgehoben, das dem leicht angeschickerten Auge jedenfalls viel zu bieten hat, mit Exotik und in schönen bunten Farben. Es passt zum Inhalt.
Gin ist eine sehr variable Kategorie, das hat sich über die letzten Jahre deutlich gezeigt. Mir gefallen nicht alle Variationen, die da passiert sind, und manche finde ich gelinde gesagt sogar unerträglich. Der Los Muertos Mexican Dry Gin ist sicher keiner, der in letztere Gruppe bei mir fallen würde – hier hat man sich für einen interessanten, spannenden Weg entschieden, der sich trotzdem nicht zum Gimmick entwickelt hat. So soll es sein.
Offenlegung: Ich danke Los Muertos Spirits für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche ihres Gins.


