Wir hatten uns bereits auf verschiedenen Reisen kennengelernt, als Juroren für den internationalen Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles, und darum fand ich es sehr schön, Hugues Amesland von der Domaine Rounagle und Vincent Cornu des unabhängigen Abfüllers L’Encantada auf dem 1. German Armagnac Festival, das im Juni 2023 in Stuttgart stattfand, wiederzusehen (ich hatte hier kurz schon darüber erzählt). Ich genieße solche Treffen immer sehr, es ist einfach schön, diese sympathischen Menschen, die man so kennenlernt und die eine gemeinsame Leidenschaft teilen, so unerwartet mal wieder zu sehen und mit ihnen über alte Zeiten und neue Entwicklungen zu tratschen. Auch andere, mit denen ich mich sehr gern unterhalte, waren da, Sebastian Jäger von Kirsch Import zum Beispiel, Jürgen Deibel, und Nicolas Kröger, und natürlich noch die Jungs von Grape of the Art und armagnac.de, die die Veranstaltung ja auf die Beine gestellt hatten. Ich freue mich definitiv auf die zweite Iteration dieses Festivals!
Bei letzteren, armagnac.de, geleitet von Sascha Junkert (noch so einer, den ich schon vor vielen Jahren unter sehr besonderen Umständen kennengelernt hatte!), habe ich dann nach dem L’Encantada-Masterclass-Tasting, das auch an dem Tag stattfand – dazu weiter unten noch ein paar Worte und Bilder – direkt den Armagnac bestellt, der mich darin am meisten beeindruckt hatte: den L’Encantada 10th Anniversary Edition Limitée Domaine Lous Pibous 2002 Bas-Armagnac. Wie der lange Name schon sagt, handelt es sich dabei um eine Sonderabfüllung zur Feier des zehnjährigen Jubiläums der Firma L’Encantada, und da will man sich nicht lumpen lassen, wir haben hier ein aus der Region Bas-Armagnac stammendes Destillat aus der Rebsorte Folle Blanche des Hauses Lous Pibous, in brut de fût, also Fassstärke, mit 57,4% garantiert ohne Wasserbeigabe, Zucker- oder Holzextraktzusatz in nur 726 Flaschen limitiert abgefüllt. Die Zahlen deuten schon auf Spannendes hin, trinken wir gemeinsam einen Schluck zur Feier!
Man sieht es schon in der Flasche, noch besser aber in dem hübschen Verkostungsglas des Armagnac-Festivals, das ich dort habe mitgehen lassen. Hier kommt die Farbe, schwankend zwischen Haselnussbraun und Hennarot, noch besser zur Geltung, und der Armagnac schwappt hier schwer im bauchigen Glas. Dicke, nur teils voneinander abgegrenzte Beine laufen dann sehr gemütlich nach unten.
Ein kleines bisschen Offenstehzeit gönne man dem Lous Pibous, bevor man die Nase ins Glas steckt. Die hohe Typizität erwähne ich nur der Vollständigkeit halber, das hätte ich nicht anders erwartet. Viel vergorene Frucht ist da, matschige Pfirsiche, ein Ticken Banane, überreife Trauben, das alles, ohne dramatisch ins Esterige überzugehen, das wirkt doch deutlich sauberer als manch ein Rum mit ähnlichem Hintergrund. Holz greift ordentlich in die Sensorik ein, in Form von herben Tanninen und kräftigem Lack, der die süßlichen Holztöne dominiert. Vanille und Karamell kommen ganz spät zum Vorschein, müssen sich aber ohne Pause von Würze und Frucht beherrschen lassen. Ja, es zwickt etwas, wenn man zu tief schnuppert, doch das gehört für mich zur rustikalen Grundausstattung eines Brut-de-Fût-Armagnacs.
Initial findet man eine charmante, natürliche Süße, nicht übertrieben oder pappig, sondern sehr angenehm am Gaumen. Das bleibt auch auf Dauer so, auch wenn im Verlauf gewiss eher eine Trockenheit einsetzt, beide Aspekte ergänzen sich hier, ohne dass Klebrigkeit einerseits oder Astringenz andererseits entsteht. Die Textur ist rund und voll, extrem weich, und selbst wenn es in der Nase gepiekst hat, zwickt da im Mund überhaupt nichts. Die Würze, die später aufkommt, ist zwar schon pfeffrig und prickelt ordentlich, das ist aber für die fast 60% Alkoholgehalt äußerst gut eingebettet und gehört auch hier, das wiederhole ich gern, zum Stil eines Fassstärke-Armagnacs. Im Abgang kühlt sich der Mundraum dann erkennbar ab, nicht wie bei einem Eisbonbon, aber doch mit mentholischen Anflügen, etwas Anisfrische und -geschmack begleitet das, das Holz klingt in einem angenehmen Maße durch, und zum Schluss blitzt noch etwas Floralität auf, auch hier, im gemeinsamen Zusammenspiel mit Frucht, Frische, Bittere, Süße und Holz.
Wen wundert es, dass mich dieser Brand auf dem Armagnac-Festival sofort in seinen Bann gezogen hatte. Da passt alles zusammen, Kraft und Rundheit sind in wunderbarer Balance, die Typizität ist groß und der eigenständige Charakter dennoch vorhanden. Der L’Encantada 10th Anniversary Edition Limitée Domaine Lous Pibous 2002 macht mir ohne Einschränkung viel Spaß, die Kategorie „Armagnac“ im Allgemeinen sowieso, insbesondere nach dem, was ich im letzten Jahr (auch durchaus dank der hervorragenden Arbeit von Grape of the Art!) über den französischen Weinbrand lernen konnte.
Natürlich kann man so einen Armagnac perfekt dort einsetzen, wo es nur nach kleinen Portionen verlangt; doch mir war nach etwas, worin der Lous Pibous so richtig leuchten kann. Der Fiac 74 ist einer der eher seltenen nur zweizutatigen Cocktails, und hier muss die Basisspirituose zeigen, was sie kann. Unterstützt wird sie von dem französischen Partner Bénédictine, und damit sind zwei meiner Lieblinge hier in einem Granatendrink miteinander vereint.
Fiac 74
1½oz / 45ml Armagnac
1½oz / 45ml Bénédictine
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Thomas Girard]
Die Flasche selbst fällt kaum auf, die Form ist standardisiert und ohne große Mätzchen gemacht (bis auf das unsägliche Wachs, das ich grundsätzlich bei allen Abfüllungen aus tiefstem Herzen ablehne und nicht verstehe, wozu das gut sein soll), das Etikett in Farbzusammenstellung und Druckqualität ein bisschen suboptimal, da muss man teilweise schon die Augen etwas zusammenkneifen, um lesen zu können, was da steht. Der Karton dagegen weiß sehr zu gefallen, mit der Strukturprägung und edlem Design.






Hier nun noch ein paar kleine Eindrücke vom Masterclass-Tasting, das Vincent Cornu für 5 verschiedene L’Encantada-Abfüllungen abhielt. Sehr spannend, was er erzählte, wie der Herstellungsprozess abläuft, wie die Fassauswahl funktioniert, und ein paar Einblicke in in die Hintergründe, wie seine Firma diesbezüglich tickt. Übersetzt wurde der auf französisch gehaltene Vortrag simultan von Nicolas Kröger, und wer ihn kennt, weiß, dass er es nicht dabei belassen kann, einfach nur zu übersetzen – launig und lustig war das, mit viel Interaktion sowohl mit dem Vortragenden als auch dem Publikum, ich glaube, das ist ein tolles Team gewesen! Und wer nun Lust bekommen und das erste Event verpasst hat: Das zweite ist schon geplant, für den 13. April 2024. Gar nicht so lange hin!
Und, als ob dies alles nicht schon genug wäre, habe ich kurz nach dem Festival noch das Sample der Festivalabfüllung bekommen: da der Grape of the Art & L’Encantada Lous Pibous 1995 mit dem hier vorgestellten Brand natürlich eng verwandt ist, dachte ich mir, hänge ich ein paar Eindrücke dazu gleich mit an. Auch dieser ist in Fassstärke abgefüllt, hier sind es 54,7%. 352 Flaschen hat das ergeben, nach den 27 Jahren im Fass. Die Rebsorte ist 100% Folle Blanche.
Farblich ist der Unterschied erstmal kaum erkennbar, vielleicht einen Ticken dunkler, das kann ich mir aber auch einbilden. Sanftes Schwenken versetzt die Flüssigkeit in träge Bewegung, die Glaswandartefakte sind stark und ausdauernd. Die Nase ist markant, sowohl in ihrer vollfruchtigen Art als auch in der guten Einbindung von Holzaromen. Gerne schnuppert man dran, da piekst nichts, im Vergleich zum jüngeren Bruder macht sich die zusätzliche Reifungszeit diesbezüglich bezahlt. Heller Tabak, ganz mildes Leder, so richtig gemütlich macht es sich dieser Lous Pibous 1995 aber trotzdem nicht. Schöne Würze belegt vom Antrunk an den Gaumen, die tiefliegende Süßbittere, die sich überhaupt nicht aufdrängt, gefällt mir, weil sie eine saubere Balance zur herben Trockenheit hält, ganz ohne Astringenz. Getrocknete Feigen, gebratener Apfel, ein bisschen Kirschkompott, ein sehr rundes Geschmacksbild mit vielen Estern. Gegen Ende kommt ein kühler Minzhauch auf, der sich dann aber nur im Effekt äußert, geschmacklich klingt lange ein ausgeprägter Jasminhauch nach. Ja, man erkennt die Verwandschaft, dennoch sind das zwei unterschiedliche Brände – es lohnt sich, beide für sich zu entdecken, finde ich. Lohnt sich auch das preisliche Upgrade? Ja, für den, der es etwas runder und edler mag ganz sicher, doch es ist keine Pflicht. Ich bin glücklich, beide kennen zu dürfen.
Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung des Samples des Lous Pibous 1995.




Ein Kommentar zu “Anfänge und Jubiläen – L’Encantada 10th Anniversary Edition Limitée Domaine Lous Pibous 2002 Bas-Armagnac”