Neues aus Mexiko, wieder mal – Tres Pilares Lechuguilla con Sotol Ensamble

Tres Pilares Lechuguilla con Sotol Ensamble Titel

Egal, wie tief man drinsteckt in der Spirituosenwelt, man findet immer wieder etwas, von dem man nie zuvor gehört hatte. Mir passiert das ständig, und ich zähle mich eigentlich schon zu der Gruppe von Kennern, die sich breit aufstellen. Das letzte Erlebnis dieser Art hatte ich im November 2025, als ich als Juror für México Selection by CMB in Chihuahua war. Dort gibt es nämlich eine traditionelle Spirituosenkategorie, die man Lechuguilla nennt, übersetzt „kleiner Salat“. Wie so oft in Mexiko handelt es sich dabei um einen Brand aus Agaven, zum Beispiel, aber nicht ausschließlich, der Agave lechuguilla. Es gibt keine offiziellen Regelungen für diese Kategorie aus dem Norden Mexikos, und sie hat auch noch keinen Schutzstatus wie andere alkoholische Getränke von dort, wie Sotol, Raicilla oder Bacanora. Man orientiert sich aber natürlich an den grundsätzlichen Herstellungstraditionen des Mezcal. Mitgebracht habe ich von dort eine Flasche des Tres Pilares Lechuguilla con Sotol Ensamble, etwas besonderes, denn es handelt sich hier um einen Brand aus einer Zusammenstellung aus klassischen Lechuguilla-Agaven und einer Zugabe von Sotol-Pflanzen (die ja, wie jeder Leser meines Blogs inzwischen selbstverständlich weiß, keine Agaven sind). Die Herstellung erfolgt nur in minimalen Abfüllungsgrößen, nicht mehr als 500 Liter pro Jahr, und nicht auf breite Verteilung ausgerichtet, darum war für diese spezielle Abfüllung kein eigenes Etikett vorhanden, es wurde dafür das des „normalen“ Tres Pilares weiterverwendet.

Die Details haben sich allerdings nicht geändert. Ein Brenner dort wird maestro vinatero genannt, und für den Tres Pilares ist Guadalupe Horacío López Quinteros verantwortlich, der gleichzeitig auch erfahrener Sotolero ist. Er kontrolliert in Madera, Chihuahua, die Zerkleinerung der Pflanzen mittels Handbeil und Mühle; das Kochen in einem unterirdischen Loch, das mit Flusssteinen ausgelegt und mit Steineichenholz befeuert wird; die wilde Gärung in ebenso unterirdischen Holzbottichen für 5 bis 6 Tage; und schließlich auch das Brennen in einer Hybridanlage aus Kupfer und Holz. Eingestellt wird der Tres Pilares dann auf 48%. Die Erwartungshaltung ist bei jedem mexikanischen Brand hoch, die Neugier, wie sowas schmeckt, noch höher – da will ich meine Leser jetzt nicht länger warten lassen.

Tres Pilares Lechuguilla con Sotol Ensamble

Farblich ist er kristallklar und transparent, mit einer sichtbaren, schweren, fast schon sirupartigen Öligkeit und einer weichen Kante, die viele Glaswandartefakte hinterlässt, aus denen sich Beinchen bilden und dick ablaufen.

Die Nase des Tres Pilares ist extrem vegetabil und grün, man riecht frisch geschlagene Agave, dazu Blattschnitt von Grünpflanzen, das Fleisch von Aloe, und Geranienblätter. Fast gleichzeitig findet man eine ausgeprägte Mineralität, die an Aquariumkies, feuchten Beton, Feuerstein und Flor de Sel erinnert. Und schließlich kommt deutlich Harz und ein Hauch Latschenkiefer dazu, mit etwas herber Orangenzeste kombiniert. Als Kopfnoten finden sich noch leicht florale und im Ansatz zitrische Töne, auch hier eher Gardenie als Jasmin, und vielleicht Wachsblume. Es ist, in toto, ein wirklich besonderer und sehr grünkiesiger Duft, wer mal daran geschnuppert hat, wird sofort verstehen, was ich damit meine. Frisch, aber mit Volumen, sehr spannend strukturiert, und sehr nah an dem Basismaterial, das dafür eingesetzt wurde.

Tres Pilares Lechuguilla con Sotol Ensamble Glas

Im Antrunk erkennt auch der Gaumen die ölige Textur, die das Auge schon wahrgenommen hatte; breit und tief, mit viel Kraft aus dem Alkohol, legt sich der Tres Pilares in den Mund und breitet sich schnell und effektiv aus. Ein warmes, dennoch leicht mentholisches Mundgefühl bleibt sehr lange erhalten. Die Aromen sind schwerer zu beschreiben als bei vielen anderen Spirituosen; am auffälligsten ist eine gewisse Parfümigkeit, bittertrocken, die aus schweren Blüten und erdigen Gewürznoten entsteht, eine Mischung aus Sandelholz, Lilie und Agave. Dazu ist die Mineralität stark ausgeprägt mit viel Kieselstein und Alge, letztere insbesondere im Nachhall, der wirklich fast maritim wirkt, wie der Steinstrand bei Ebbe, und hyperlang ist – selbst eine Stunde und eine Tasse Kaffee später schmeckt man den noch stark nach. Eine natürliche Süße ist durchgängig da, dazu im späteren Verlauf auch eine knackige Säure, die zu einer gewissen milden Astringenz führt. Sehr spannend, ungewöhnlich, exotisch, faszinierend!

Man könnte denken, nachdem man nun so viele mexikanische Traditionsspirituosen probiert hat, dass sich der Aromenfundus langsam erschöpft, doch der Tres Pilares Lechuguilla beweist, dass man immer wieder etwas Neues finden kann. Er ist wirklich eigenständig und besonders, dabei aber, wenn man eine Verwandschaft suchen will, definitiv näher am Sotol als am typischen Mezcal. Ein Brand für Entdecker, für Genießer, die offen für neue Eindrücke sind, und die gern experimentieren.


Im Sotol Pepino wird eigentlich, wie der Name schon andeutet, Sotol als Hauptspirituose verlangt; der Tres Pilares passt grundsätzlich gut als besondere Ausprägung. Der zweite Namensteil, „pepino“, weist auf die andere Hauptzutat hin, nämlich Gurken. Gurken und Agavenbrand passen sehr gut zusammen, und der Drink ist erfrischend, grün und aromatisch, dabei klar und ein herrlicher Aperitif mit Charakter.

Sotol Pepino Cocktail

Sotol Pepino
Ein paar Stücke Gurke
1 großer Minzzweig
1 Prise Meersalz
Im Shaker gut muddeln.
1½oz / 45ml Sotol
¾oz / 23ml weißer, süßer Wermut
¾oz / 23ml Limettensaft
¼oz / 7ml Agavendicksaft
Auf Eis shaken. Auf frisches Eis abseihen und mit Minze dekorieren.

[Rezept nach Rebekah Peppler]


Die Flasche ist generisch, ein Kunststoffstöpsel schließt sie, ein ganz einfaches Etikett befindet sich auf ihr, und im Zweifelsfall klebt man halt, statt aufwändig ein neues zu machen, das von einem Vorgängerbatch dran – man sieht, hier ist man ganz bodenständig und ohne große Erwartungen unterwegs, dass sich ein deutscher Schnapstourist die Flasche mit nach Hause nimmt und am Ende sogar noch analysiert.

Flor del Desierto Yaremi Navar 3

Ich habe 600 Pesos für die Flasche vor Ort bezahlt, rund 30€, ein Schnäppchen für einen so außergewöhnlichen Brand, finde ich, und besonders danke ich Yaremi Navar, die während meines Aufenthalts in Chihuahua so schnell während einer Kaffeepause der Jurortätigkeit organisieren konnte, dass mir jemand den Tres Pilares zu unserem Tasting Room bringt, obwohl es eigentlich ein Konkurrenzprodukt zu ihrem Sotol Flor del Desierto (über den ich vor ganz kurzem natürlich auch schon berichtet hatte) ist. Das ist Kollegialität und Kurzwegigkeit, wie ich sie liebe.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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