Rum am Freitag – Engenhos do Norte Rum Agricola da Madeira 970 Single Cask Edition 6 / 62

Engenhos do Norte Rum Agricola da Madeira 970 Single Cask Edition 6-62 Titel

Das Madeira Rum Festival kommt gefühlt viel zu langsam näher, das Gefühl, das ich hier habe, kennt wahrscheinlich jeder, der auch die sich wie Gummi ziehenden Tage vor einem besonderen Ereignis zählt. Was tut man in der Wartezeit bis zum 14. April, wenn es in Funchal endlich losgeht? Man holt Samples aus dem Keller, um sich weiter an den Rum aus Madeira heranzutasten. Vor wenigen Tagen hatte ich schon über ein paar Rums von dort berichtet, heute kommen nochmal zwei Single Casks von der Insel aufs Tablett. Die Brennerei Engenhos do Norte hat eine ganze Reihe von Einzelfassabfüllungen im Angebot, unter dem Namen Rum Agricola da Madeira 970 Single Cask Edition, und daraus präsentiere ich heute die No. 6 und die No. 62. Erneut, wie schon in dem oben verlinkten Artikel, handelt es sich dabei um eine Flaschenteilung, von der ich mir je 10cl schnappen konnte.


Den Anfang macht der Engenhos do Norte Rum Agricola da Madeira 970 Single Cask Edition Cask No. 6. Gebrannt wurde der Rum 2006, und lag dann bis 2017 in Fässern aus französischer Eiche. Nur 159 Liter waren das, die nach der Abfüllung dann 227 Flaschen ergaben, ohne Verdünnung in Fassstärke von 53,3% Alkoholgehalt.

Engenhos do Norte Rum Agricola da Madeira 970 Single Cask Edition 6

Farblich dunkelbraun, mit Tendenz zu Pariser Rot. Sehr dunkel für einen natürlich gereiften Rum dieses Alters. Im Glas ist etwas Schwere beim Schwenken erkennbar, aber nicht wirklich ölig. Die Beine laufen schnell ab. Geruchlich sehr interessant – erinnert mich eigentlich mehr an einen Brandy, als an einen Rum. Da ist etwas feuchter Keller, Kardamom, viel Vanille, etwas dunkle Fruchtigkeit nach Pflaumen und getrockneten Goji-Beeren, Banane und Aprikose. Der Rum wirkt sehr komplex in der Nase, man entdeckt ständig etwas neues. Richtig süß im Antrunk, fast schon unnatürlich süß – das verändert sich aber sehr schnell. Der Rum wird im Verlauf immer trockener, bis zum Abgang, wo er fast staubt – daher gehe ich von keiner Süßung aus. Sehr breit, mit gleichzeitig schöner Tiefe, etwas Rancio, viel Schwefel, sehr viel Holz und Vanille und einer milden holzigen Bitterkeit, die ich mag. Da kommt ein gewisses Feuer gegen Ende auf, eine dunkle Würzigkeit, etwas Salz und eine interessante Säure. Der Abgang ist sehr brombeerig, das Merkmal, das ich völlig mit Rum von Madeira verbinde – in allen Produkten von dieser Insel habe ich das bisher sehr deutlich gefunden. Aromatisch lang, sehr angenehm warm, immer beerig bleibend, angenehm am Gaumen haftend, wieder zur Süße hin tendierend, immer noch leicht schwefelig. Ganz zum Schluss kommt der feuchte Keller noch mal hoch.

Wirklich, das gefällt mir sehr. Die Beerigkeit dominiert das Geschmackserlebnis etwas zu extrem für meinen Geschmack, aber außerhalb davon ist in diesem Rum sehr viel zu entdecken, er ist charaktervoll, aromatisch und interessant. Mehr kann man nicht wollen.


Was mag der Unterschied sein zum zweiten Sample, das wir heute probieren, dem Engenhos do Norte Rum Agricola da Madeira 970 Single Cask Edition Cask No. 62? Die Produktion ist vergleichbar, gebrannt 2007 und abgefüllt 2016, also zwei Jahre weniger Lagerung. 221 Flaschen kommen aus dem Fass, ebenso in Fassstärke, diesmal sind dies 59,2% Alkoholgehalt.

Engenhos do Norte Rum Agricola da Madeira 970 Single Cask Edition 62

Farblich sehe ich kaum einen Unterschied, auch hier ist die dunkle, rotbraune Farbe, die ich nicht mit einem 9-jährigen Rum assoziiere. Etwas Schweres hat er an sich, bewegt sich zwar mühelos, aber mit einer Eleganz im Glas. Der Geruch ist fruchtiger, milder, mehr nach Birne, Kirsche und prägnant nach Eukalyptus. Holzleim und Holzspäne, wie in einer Schreinerei riecht es. Überraschend und dadurch allein schon angenehm – aber auch die Aromen wissen zu gefallen. Auch hier im Antrunk die Süße, sie kippt nicht ganz so stark ins Ultratrockene, aber auch hier ist dieser Effekt da. Menthol, Eukalyptus, der Alkohol ist deutlicher spür- und schmeckbar. Erinnert mich sehr viel mehr an karibischen Rum (Barbados vielleicht?) als der Cask 6. Starke Säure, starke Süße, Tiefe und Breite – hier ist von allem sehr viel da, da muss man schon schlucken ob dieser Gewalt. Sehr hauchig im Abgang, fruchtig, dabei aber nicht ganz so beerig wie der Vorgänger. Extrem lang, also so richtig richtig richtig lang, sehr kräftig, sehr voluminös. Ein Rum wie eine Granate, stark, explosiv, vielleicht für den einen oder anderen schon zu wuchtig.

Wer das Beerige an Madeira-Rum nicht mag, sollte hier mal probieren – dieser Rum ist deutlich unterschiedlich zum anderen, viel konventioneller, dafür aber auch kräftiger, wuchtiger und noch aromatischer. Was man vorzieht – das ist wahrscheinlich persönlicher Geschmack. Ich für meinen Teil mag den Cask 62 vielleicht einen Ticken mehr.


Ich hätte nicht gedacht, dass ich hier zwei so unterschiedliche Rums im Glas haben würde. Umso erfreuter bin ich – das zeigt, dass hier keine Dauerwurst ohne Abwechslung gekocht wird, sondern ein Produkt, das sich mit jedem Fass wandelt, und das nicht zu knapp. Ausgesprochen tolle Rums, ich will sie wirklich jedem ans Herz legen; ungewöhnlich, ohne spinnert zu sein, toll ausgearbeitet, zum richtigen Zeitpunkt abgefüllt: das sind Rums, an die man sich erinnert.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.