Teilung von Madeira – Engenhos do Norte Aguardente de Cana 970

Engenhos do Norte Rum Agricola da Madeira 970 Titel

Früher habe ich ausgiebig an Flaschenteilungen mitgemacht. Das Konzept ist eigentlich super – irgendjemand kauft eine Flasche, oft seltene und/oder hochpreisige Produkte, die man sich einzeln nicht wirklich leisten würde oder könnte, und finanziert den Kaufpreis durchs Aufsplitten des Inhalts in Samples, die dann zum Selbstkostenpreis an Interessierte verkauft werden. So kommt man in den Genuss besonderer Dinge, zu einem vernünftigen Preis. Ich weiß leider nicht mehr, wer es war, der vor ein paar Jahren Rumflaschen aus seinem Madeira-Urlaub mitgebracht hatte und diese in einer Facebook-Gruppe dann genauso flaschenteilte, jedenfalls habe ich zugeschlagen und je 10cl des Engenhos do Norte Rum Aguardente de Cana 970 Reserva 6 Años, des Engenhos do Norte Aguardente de Cana 970 Reserva Especial und des Engenhos do Norte Rum Agrícola da Madeira 970 Produção 1990 bekommen, die ich nun heute besprechen will.

Diese Rums stammen alle aus derselben Brennerei, Engenhos do Norte, verortet in Porto da Cruz im Nordosten der Insel. Es handelt sich dabei um Rum aus Zuckerrohrsaft, und wie meine aufmerksamen Leser wissen, ist Madeira eines der wenigen Gebiete, die offiziell dafür auch den Begriff „agricole“ verwenden dürfen. In dampfbeheizten Kupferapparaten wird dort gebrannt, und das Destillat dann in Fässern aus französischer Eiche gereift. Schon seit den 70er Jahren gibt es die Marke, man hat also durchaus ein Traditionsprodukt vor sich, wenn man sich ein paar Gläschen des madeiranischen Rums eingießt. Man vergebe mir die Bildqualität in diesem Artikel, sie wurden vor langer Zeit gemacht.


Wir beginnen, wie meistens, mit dem jüngsten des Sets und arbeiten uns hoch. Also kommt nun der Engenhos do Norte Rum Aguardente de Cana 970 Reserva 6 Años in den Fokus, wie im Namen schon erwähnt ist er 6 Jahre alt, und wird mit 40% Alkoholgehalt abgefüllt.

Engenhos do Norte Aguardente de Cana 970 Reserva

Zur Farbe: Gebrannte Siena mit orangenen Reflexen, das wirkt natürlich, 6 Jahre können das gewiss erreichen. Leicht viskos zeigt er sich beim Schwenken. In der Nase finde ich Teig, feuchten Karton, Rancio, Haselnuss. Eine alkoholische Hauchigkeit, aber nicht stechend, dazu kommt ein leichter Anflug von Schwefel.

Sehr weich und cremig ist der Rum dann im Antrunk, ein Mundgefühl, das sich über den gesamten Verkostungszeitraum erstreckt. Im Gegensatz zum Geruch ist hier die ganz klare Verwandschaft zum karibischen rhum agricole erkennbar, grasig und zitronig, dazu kontrastierend malzig und nussig. Brombeeren sind klar erkennbar. Mit vielen hellen Tönen ist der Körper leicht, trotz der starken Süße. Der Abgang erscheint feinherb, mildbitter, dabei immer noch süß, und auch weiterhin sehr fruchtig, vor allem beerig – Stachelbeeren, und Brombeeren en masse. Mittellang und mild.

Eine sehr interessante Variation auf rhum agricole, wie man ihn kennt. Vor allem diese herrliche Beerigkeit macht viel Spaß.


Gehen wir zum nächsten Fläschchen, das den Engenhos do Norte Aguardente de Cana 970 Reserva Especial enthält. Für ihn ist als Altersangabe vermerkt, dass er Destillate aus den Jahren 1977 bis 2003 enthält, eine erstaunliche Spannbreite. 5000 Flaschen gibt es davon, ebenso auf 40% Alkoholgehalt eingestellt.

Engenhos do Norte Aguardente de Cana 970 Reserva Especial

Die Farbe ist Kaffeebraun, fast schon schwarz und kaum zu durchschauen – ah, ich habe so meine Probleme damit, derartig dunklen Spirituosen zu trauen, selbst wenn sie 26 Jahre alt sind – da wurde nachgeholfen, da bin ich mir eigentlich recht sicher. Ölig und schwer im Glas. Hier rieche ich eigentlich keinen Rum, sondern Sherry. Bei einer Blindverkostung würde ich sagen, klar, das ist ein alter Oloroso, oder sogar PX. Eine leichte Fruchtigkeit nach Orange und Banane ist das einzige, was mich an Rum erinnern könnte, im Verlauf taucht die Basis, die man vom 6 Jahre alten kleinen Bruder nun kennt, auf.

Im Mund ist nun aber die Analogie zum Sherry vorbei. Trocken schon im Antrunk, sehr bitter, dabei aber mit einer starken Basissüße. Sehr viel Holz, fast schon übertrieben. Nein, sicher übertrieben, das Holz verdrängt alles andere. Trockenobst, Nussmischung – flüssiges Studentenfutter. Etwas Tabak. Rancio. Schwefel. Der Abgang ist staubtrocken wie ich es noch nicht bei einer Spirituose erlebt habe, leicht bitter, fruchtig und warm, leicht alkoholhauchig. Sehr lang und einnehmend. Eine gewisse Grasigkeit und die Beerigkeit des 6-Jährigen taucht nun endlich auf, und zeigt, was für eine Spirituose wir hier eigentlich vor uns haben.

Der Reserva Especial ist ein besonderes Biest. Ich finde spannend, zu sehen, was 26 Jahre Lagerung aus einem Rhum Agricole machen können – das ist durchaus attraktiv, wenn auch in dieser speziellen Ausführung für meinen Geschmack übertrieben, und das, obwohl ich holzige Aromen mag. Etwas wirklich besonderes, das ein ambitionierter Rumfreund dringendst probieren sollte.

Ich muss allerdings darauf hinweisen – dieser Rum ist gesüßt, mit lokalem Zuckerrohrsaftsirup. Aufgrund der geringen Menge, die ich habe, kann ich keine Messung vornehmen; allerdings ist die Süßung zumindest deklariert, durch den Zusatz „beneficiada“ auf dem Etikett. Rein aromatisch vermute ich keinen großen Zusatz.


Die dritte Probe für heute kommt aus dem Engenhos do Norte Rum Agrícola da Madeira 970 Produção 1990, einem Jahrgangsrum von 1990, von dem es nur 218 Flaschen gab, mit leicht erhöhter Trinkstärke von 41,6%.

Farblich dunkler als der 6jährige, aber sehr viel heller als der Reserva Especial. Hübsch anzusehen, hübsch, wie er tanzt, wenn man ihn im Glas schwenkt. Die Tränen am Glasrand sind lang und dünn. Der erste Geruchseindruck ist Portwein, schnell ergänzt durch eine feine Agricole-Grasigkeit, Vanille und etwas Wintergrünöl.

Engenhos do Norte Rum Agrícola da Madeira 970 Produção 1990

Sehr weich, cremig, aber auch sich schal anfühlend im Antrunk. Milde Nüsse, Datteln, grüne Banane als Kontrapunkt. Wick-Wildkirsch-Bonbons. Fühlt sich dickflüssig und schwer im Mund an, die Aromatik ist aber eher hell. Auch hier treffen wir die Beerenkomponente – es scheint ein Merkmal der Destillerie zu sein. Nicht, dass es mich stören würde.

Der Abgang ist richtig trocken, nussig, warm, aber auch gewöhnungsbedürftig holzig-bitter. Lang, und im Nachhall dann plötzlich eukalyptisch kühl, die Wildkirsch-Bonbons treten nach vorne, das gefällt mir gut.

Attraktiv zu trinken, wirkt durch die Mischung aus Frucht und Trockenheit sehr edel und fein, ohne dabei verkopft zu werden. Man muss aber die Bittere und Trockenheit mögen.


Insgesamt erkennt man die Verwandschaft dieser 3 Rums sehr deutlich, und das ist etwas, was ich schätze. Ebenso, dass sich diese Zuckerrohrsaftrums ganz klar von den Zuckerrohrsaftrums der Karibik unterscheiden, Madeira hat ganz offensichtlich einen hohen Wiedererkennungswert. Mir gefällt letztlich alles an ihnen – das sind Samples, die ich bei Gelegenheit wirklich ohne nachzudenken durch Großflaschen ersetzen werde.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.