Seltene Beeren – Edelbrennerei Dirker Elsbeerenbrand

Edelbrennerei Dirker Elsbeerenbrand Titel

Die Elsbeere war eine neue Entdeckung für mich. Mein guter Freund Branko machte mich darauf aufmerksam, als wir über besondere Obstdestillate sprachen, und ich meine große Liebe zur Vogelbeere kundtat. Einen Baum dieser Art in meiner Region zu finden ist erstmal gar nicht so einfach, darum konzentriere ich mich direkt auf ein Produkt, das aus der Elsbeere entsteht, einen Edelbrand natürlich, was erwartet man anders als das auf diesem Blog. Soviele Brenner machen ihn gar nicht, und Branko hatte natürlich auch diesbezüglich eine Empfehlung in der Hinterhand – den Edelbrennerei Dirker Elsbeerenbrand, mich wundert das nicht, ich habe eigentlich nur sehr positive Erfahrungen mit Arnos Bränden gemacht, da ist es eigentlich eher seltsam, dass ich nicht von allein auf ihn gekommen bin.

Die Hälfte der Elsbeeren in Deutschland wächst tatsächlich in Franken, das passt natürlich zur Heimat von Arno Dirker – schon seit der Römerzeit werden die Früchte und das Holz der Elsbeere geschätzt, die Früchte haben einen extrem hohen Vitamin-C-Gehalt, und das Holz beanspruchbar, hübsch und besonders für Musikinstrumente geeignet. Dirker macht aus den Elsbeeren bei sich nicht nur ein Destillat, sondern auch eine Konfitüre, der magenheilende und verdauungsfördernde Wirkung nachgesagt wird. Es wundert einen nicht, wenn man etwas nach einem Elsbeerenbrand suchen muss, wenn man erfährt, dass für rund 5 Flaschen mehr als 100kg Beereneinsatz benötigt werden, eine wirklich schmale Ausbeute. Dafür ist der Elsbeerenbrand aus dem Hause Dirker noch wirklich bezahlbar, er will offensichtlich nicht reich werden an diesen ganzen besonderen Spezialitäten, die er in seinem riesigen Portfolio fast dauerhaft anbietet. Eine der kleinen Flaschen mit 44% Alkoholgehalt steht nun bei mir auf dem Tisch, dazu ein Verkostungsglas, und ich freue mich auf diese Probe mehr als auf viele andere, die ich in diesem Jahr gemacht habe.

Edelbrennerei Dirker Elsbeerenbrand

Der Brand ist klar, perfekt kristallen und weist eine schöne Öligkeit auf, die sich beim Schwenken besonders zeigt, in schweren Wellen schwappt er, und geht gemächlich wieder in Ruhelage zurück. Viele Beine bilden sich dabei, und diese laufen zügig ab.

Der Duft des Elsbeerbrands ist natürlich sehr verwandt mit dem eines Vogelbeerbrands, das könnte man blind leicht verwechseln. Es sind die Details, die den Unterschied ausmachen – die marzipanigen Aromen wirken runder und milder, die Frucht selbst etwas grüner und balsamischer, der ganze Brand einen Ticken mehr heuig. Jenes Heu ist versetzt mit Kornblumenblütenduft, ein bisschen kandiert vielleicht, wie ein Bonbon, und es erinnert mich leicht an den Heulikör aus Südtirol, den ich vor einer Weile vorgestellt hatte. Da ist ein bisschen Zitrus drin, eher Zitronengras als Zitrone, und ein winziger Hauch von Anisfrische. Koriander und Kardamom finde ich in der Kopfnote, und Kaffee und Petrichor im Unterbau. Eukalyptus klingt beim tieferen Schnuppern durch, zusammen mit einer angenehmen Alkoholizität, die das ganze aus der Frucht erhebt. Ich liebe diesen Duft in seiner komplexen Gesamtheit.

Edelbrennerei Dirker Elsbeerenbrand Glas

Vom Antrunk an ist der Elsbeerenbrand trocken und erkennbar bitter, letzteres verstärkt sich sogar im Verlauf und wird im Abgang knackig und fast schon kantig, bevor es langsam im Nachhall nachlässt, ohne je ganz zu verschwinden. Die viskose Textur verhindert, dass dies je unangenehm wird, zusammen mit einer gewissen Grundsüße fängt sie die Bittere gekonnt auf. Eine deftige, leicht salzige Würze entwickelt sich, pikant und feurig, weißpfeffrig und paradox kühlend auf dem Gaumen. Die Frucht und das Marzipan dominieren den Geschmack, es macht Spaß, das eine und das andere zu verfolgen, und sie auf der Zunge wechseln zu lassen. Jasmin und Geranie, also eher blütige und eher grüne Pflanzenkomponenten, dominieren den Abgang, der auch noch eine gewisse Säure mitbringt. Lang und ausdauernd, voll und breit ist das, aber gleichzeitig mit einer eingebauten, harten Linie, die den Brand definiert.

Ich als Vogelbeerbrandliebhaber genieße diesen Elsbeerenbrand sehr, wegen der Ähnlichkeit, aber gleichzeitig wegen den Unterschieden. Es ist jedenfalls etwas, wofür man sich Zeit nehmen sollte, und ein Brand, der zum Explorieren einlädt, weil er soviel bietet. Als Digestif ist er meines Erachtens herausragend geeignet, mit seinen klärenden Eigenschaften und seiner wunderschönen, elaborierten Bittere.


Es ist für mich manchmal schwer erträglich, wieviel Energie und Pseudokreativität darin verschwendet wird, einen Namen für einen Cocktail zu finden. Es hat sich etabliert, man macht das, seit es Cocktails gibt, doch für mich persönlich ist da die Luft raus. Umso charmanter ist die Benennung des Campari-Vogelbeer-Cocktail, da weiß man, was man bekommt (das Originalrezept findet sich auf meiner Rezepteseite). Und wenn man den benötigten Sirup selbst macht, was gar nicht schwer ist, identifziert man sich mit so einem Drink gleich viel mehr. Leider habe ich keine Els- oder Vogelbeeren in der Nähe, aber Weiß- und Feuerdorn in rauen Mengen, daraus habe ich mir geschwind einen Sirup gekocht, und den Brand tausche ich natürlich auch aus. Und ich nenne ihn dann einfach Campari-Elsbeer-Cocktail.

Campari-Vogelbeer-Cocktail

Campari-Elsbeer-Cocktail
10ml Elsbeerenbrand
10ml Campari
40ml Weißdornsirup
40ml Zitronensaft
Auf Eis shaken.

[Rezept adaptiert nach Difan Xu’s „Campari-Vogelbeer-Cocktail“]


Für die Flasche gilt weiterhin das, was ich bei den vorherigen Besprechungen der Brände der Edelbrennerei Dirker gesagt habe – eine individuelle Form, schön bauchig mit schmalem Hals, ins Glas eingelassene Details, offensichtlich handgestaltete Etiketten.

Als es darum ging, lieben Bekannten in Mexiko im Zuge von México Selection by CMB vor ein paar Tagen eine kleine Aufmerksamkeit aus Deutschland mitzubringen, war es keine große Überlegung – mein Koffer war voll gepackt mit Destillaten aus dem Hause Dirker. Sein Kümmel ging mit Jimmy Sauza nach Guadalajara, die Kugelbirne zu Jannet Ochoa nach Chihuahua, der Blaufichtenzapfengeist mit Carlota Montoya nach Mexico City, und seine Schlehe über Umwege mit Evan Goldstein nach San Francisco. Schnaps nach Mexiko zu bringen ist in etwa so, wie die sprichwörtlichen Eulen nach Athen zu tragen, doch ich bin mir sicher, dass auch die sehr detailverliebten und traditionellen Spirituosenkenner dort die handwerklichen Qualitäten zu schätzen wissen, die Arno Dirker so besonders machen. Und der Elsbeerenbrand ist selbst in dieser hohen Liga nochmal etwas Spezielles.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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