Ich schaue mich gerade in meinem Spirituosenregal um und versuche zumindest, es ein bisschen auszumisten. Dabei fallen mir immer wieder Flaschen in die Hand, die ich wirklich seit Jahren komplett vergessen hatte – oft sind es Dinge, die ich zu Beginn meiner Faszination für Schnaps gekauft habe, und die dann durch den Nachschub, der eine zeitlang wirklich dramatische Ausmaße angenommen hatte, sowohl im Regal als auch im Kopf verdrängt wurden. Man kann ja auch nicht alles trinken, was man so kauft, das ist wie früher bei Büchern bei mir: die aktuelle Lust und die Disziplin auf Dauer, das sind einfach zwei unterschiedliche Stiefel. Die Bücher, von denen ich eh weiß, dass ich sie nicht mehr lesen werde, habe ich vor langer Zeit schon entsorgt, nur ein paar einzelne aufbewahrt. Jetzt habe ich das Gefühl, dass die Flaschen dran sein könnten.
Und so stelle ich heute einen der Rums vor, die ich vor sehr langer Zeit gekauft und, wie man auf dem Bild sieht, auch schon halb leergetrunken habe: den The Rum Cask Fiji Single Cask Rum Aged 15 Years. Ich erinnere mich dunkel, das war so die Zeit, in der exotische Regionen so auf den Schirm der etwas breiteren Öffentlichkeit traten. Der unabhängige Abfüller The Rum Cask sitzt gar nicht so weit von mir entfernt, in Pirmasens in Rheinland-Pfalz, und hat immer wieder kleine Schmankerln im Portfolio, die oft meinen Nerv treffen. Bei diesem Rum sagt erfreulicherweise Name und Etikett vieles aus, was man vorher wissen sollte: in einer Potstill bei den South Pacific Distilleries auf Fiji gebrannt, mit 59,3% Fassstärke als Single-Cask-Abfüllung in Flaschen gezogen, nachdem das Destillat zwischen 2001 und 2016 fassruhen konnte. Damit ist auch klar, wann ich die Flasche gekauft hatte. Heute will ich sie endlich zu den Besprechungsehren kommen lassen, die sie verdient.

Wenn ich je ein Sonnenblumengelb im Glas gesehen habe, dann ist es das hier. Leuchtend, strahlend, mit orangefarbenen und strohigen Lichtreflexen. Dazu kommt eine schwere Öligkeit beim Schwenken, bei der sich die Flüssigkeit nur zäh bewegt und schnell in den Ruhezustand zurückgeht. Optisch sicher bereits hier ein Gewinner.
Der Rum hält sich auch nicht zurück, wenn man ihm mit der Nase begegnet. Das wirkt fuselig und dreckig, im positiven Sinne, mit einer guten Mischung aus duftendem Asphalt, hefiger Brotigkeit und tropischer Frucht. Klingt verrückt, klappt aber sehr gut. Eine sehr aparte Kombination aus hellen Aprikosen und Pfirsichen und süßen, vanilligen Tönen erzeugt eine für die Provenance sehr typische Aromatik. Ein Hauch Lack, der durchaus in der Nase pieksen kann, wenn man zu tief schnüffelt, gibt noch erwachsene Komplexität dazu. Honig, mildes Karamell, ein bisschen Heidekraut, und streuseliger Kuchen, man sieht, man findet auch nach ein paar Versuchen interessante Assoziationen; für mich das Kennzeichen von Qualität.
So einen Rum kann man auch in Fassstärke ohne Probleme ohne Wasserbeigabe trinken. Hier zeigt er dann noch viel mehr Charakter; initial süß und schwer, klart er im Verlauf auf, entwickelt sehr herbe Trockenheit und ordentlich Bittere, die gegen die die Süße nur mäßig Chancen hat. Ein leichtes elektrisches Prickeln bildet sich, mit ausgeprägt holzig-würzigen Eindrücken ergibt das ein wildes, feuriges und dabei sehr volles Mundgefühl. Die Textur passt mit ihrer Viskosität wunderbar dazu und rundet alles trotz der vielen gewollten Spitzen und Kanten ab. Gewürze, insbesondere Kardamom und Estragon, die Frische liefern, und Vanille und heißer Zimt, die für die Tiefe zuständig sind. Ein Tick Lakritz, ein Tick Sternanis, ein Tick Asphalt, ein Tick Bratapfel – wir finden einen sehr komplexen und aufregenden Rum, der viel zu bieten hat. Im heißen und paradox eukalyptisch kalten Nachhall finden wir Latschenkiefer, Blei- und Wachsmalstifte und helle Tabakblätter. Eine Idee von Echt Kölnisch Wasser klingt am Ende in der milden Astringenz mit, während ganz am Ende richtig ölig geröstete Kaffeebohnen und hochkakaoige Bitterschokolade übrig bleiben.
Ein atemberaubendes Grunddestillat, in Stil gealtert. Ich glaube, ich könnte hier noch eine Weile weiterfabulieren, und ich hätte kein schlechtes Gewissen dabei – wer mir nicht glaubt und mich für einen Laberer hält, muss es selbst probieren und mit offenem Mindset an so einen Rum herangehen. Der The Rum Cask Fiji 15 ist sicher etwas besonderes und extrem spannendes, ein Rum, der hart an der Krone meines Lieblingsrums kratzt. Eins ist sicher – dieser Rum wird nicht nochmal nach hinten rutschen im Regal. Die Flasche wird jetzt leergemacht. Es gibt schlimmere Schicksale.
Sicherlich mag mancher sich auch nach viel Überzeugungsarbeit meinerseits immer noch damit schwer tun, so ein feines Destillat in einem Cocktail einzusetzen. Ich gebe aber nicht auf, mein Credo weiterzugeben: Ein guter Cocktail wird durch gute Materialien hervorragend. Da zögere ich dann auch nicht, viereinhalb Zentiliter aus der Flasche des The Rum Cask Fiji 15 Years Aged in einem Vampire’s Fang einzubringen. Der Genuss eines solchen Drinks macht mir zumindest dann doppelt Spaß, wenn ich weiß, dass hier Qualität drin ist.
Vampire’s Fang
1½oz / 45ml gereifter Rum
¼oz / 7ml Allspice Dram
¾oz / 23ml Grapefruitsaft
½oz / 15ml Limettensaft
½oz / 15ml Grenadine
1 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken. Dirty Dump und mit crushed ice auffüllen.
[Rezept nach Andrew Boimila]
Die Flasche ist bei The Rum Cask standardisiert, für das Etikett hat man auch einen einprägsamen und attraktiven Stil gefunden, der die Daten wie oben erwähnt wiedergibt und trotzdem ein bisschen Fremdwehcharme hat, ohne ins Kitschige überzugehen. Die 50€ pro halbem Liter, die ich damals wohl bezahlt hatte, sind heute wohl kein realistischer Preis mehr, die Abfüllung ist aber eh längst vergriffen und nur noch mit etwas Glück auf dem Zweitmarkt verfügbar. Heute gibt es aber deutlich mehr Angebote aus dieser Weltregion, da ist es vielleicht nicht mehr unbedingt nötig, hinter so einer Flasche herzurennen: es würde sich aber sicher lohnen für den, der einfach guten Rum trinken will. Ansonsten kann ich den grundsätzlichen Stil, der hinter diesem Rum steht, jedem nahelegen.

